Sezession
3. Oktober 2014

Alain de Benoists „Mein Leben“ erschienen – Ein ideengeschichtliches Kurzportrait

Benedikt Kaiser

benoistMeist wird Alain de Benoist als „Vordenker der Nouvelle Droite“ oder der „Neuen Rechten“ vorgestellt. Das mißfällt dem französischen Denker, denn er plaziert seit einiger Zeit seine philosophischen Reflexionen jenseits der Einordnungen in „rechts“ und „links“. Dennoch: Benoist hat die "Neue Rechte" auch in Deutschland maßgeblich inspiriert, wie der soeben in seiner deutschen Fassung erschienene autobiographische Gesprächsband Mein Leben. Wege eines Denkens verdeutlicht. Benoist, der im vergangenen Jahr seinen 70. Geburtstag feierte, zieht in diesem 2012 als Mémoire vive publizierten Buch Bilanz. Grund genug, sich auf einen kursorischen tour d'horizon durch Benoists Ideenentwicklung zu begeben.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Hinter Benoist liegt heute bereits ein halbes Jahrhundert politischer und metapolitischer Arbeit. Seinen Eintritt in die Politik vollzog Benoist, als er sich 1960, ein Jahr vor seiner Immatrikulation an der Sorbonne, zugunsten des französischen Algeriens aussprach. Er geriet vorübergehend ins Umfeld der „Action Française“ und stieß mit 16 Jahren auf die anti-universalistischen wie anti-egalitären Ideologeme des Maître der alten Rechten, Charles Maurras. Der junge Benoist zählte damit von Beginn an zu den Außenseitern seiner Generation. Doch merkte er rasch, daß die besten Tage der royalistischen AF vorbei waren (das waren sie wohl schon vor 1934) und daß deren antiquierter Gestus seinem revolutionär-antibürgerlichen Lebensgefühl entgegenstand; eine wichtigere Rolle für die biographische Entwicklung Benoists nahm der Bund um die Zeitschrift Europe-Action ein.

In ihm trafen sich junge, teils militante Aktivisten jenseits der „klassischen“ rechten Strömungen. Unter ihnen zu finden waren faschistische Intellektuelle wie Lucien Rebatet, vormalige Waffen-SS-Freiwillige wie Marc Augier de Saint-Loup, neuheidnische National-Sozialisten wie der normannische Autor Jean Mabire; vor allem aber jüngere Ehemalige der Algerien-Truppe „Organisation Armée Secrète“ (OAS), der Studentenvereinigung „Fédération des étudiants nationalistes“ (FEN), bei der Benoist seit 1961 Mitglied war, und vormalige Mitglieder der „Jungen Nation“ und der „Nationalistischen Partei“. Führender Kader der Bewegung war Benoists Freund Dominique Venner. Dieser wurde 1962 aus der Haft entlassen und vertrat einen aktivistischen, „soldatisch“ verstandenen Nationalismus, bevor er sich aus der Politik zurückziehen und den historischen Arbeiten zuwenden sollte. Aber auch ein Fabrice Laroche mischte bei den „europäistischen“ Rechten mit. Dieser Laroche war u. a. Redakteur der Wochenschrift Europe-Action-Hebdomadaire – und ein Pseudonym von Benoist.

Benoist verachtete – wie das Gros der Aktivisten – Massenkultur und Materialismen, erblickte im Egalitarismus ein Verhängnis, lehnte die als dekadent empfundene Spießbürgerlichkeit ab und pflegte den Kult einer dynamischen Elite. Aber auch andere Prägungen sorgten für eine anti-parlamentarische und anti-demokratische Weltanschauung: Gegen die neue Zeit, die mit der Preisgabe Algeriens ihr schwaches wahres Gesicht gezeigt habe, stellten die europäischen Nationalisten heroische Prinzipien des Kampfes. Benoist und seine Mitstreiter lasen Henry de Montherlant, Pierre Drieu la Rochelle, Maurice Barrès, sie diskutierten über Venners Nationalismus-Schrift Für eine positive Kritik. Sie bewunderten die militante Romantik der deutschen Freikorps sowie der OAS, der Benoist sein erstes Buch überhaupt widmete.

Benoist folgte folgte zwar in vielen Punkten der damals szeneüblichen Verquickung von Nationalismus, rassischen Gedanken und Europa-Ideal, setzte aber immer wieder eigene Akzente. Ein Beispiel hierfür ist die 1966 publizierte Schrift „Was ist Nationalismus?“, in der er, neben einigen rassetheoretischen Elementen, eine europäische Psychologie skizzierte, die auf dem Tragischen, dem Willen, der Realität und auf Verantwortung basierte. Er blieb im Ganzen mit dieser Schrift zwar im Rahmen des biologisch fundierten Nationalismus Venners und Mabires, zeigte aber schon, daß er sich auch für Werte und Normen, ja für philosophische Betrachtungen überhaupt interessierte.

Unter anderem wurde er bereits in diesem Zeitraum aufmerksam auf Louis Rougier, einen Vertreter des logischen Empirismus und Liebhaber der hellenisch-römischen Antike. Von Rougier, der später Förderer der wissenschaftlichen Prestigezeitschrift Nouvelle Ecole wird, übernahm Benoist anti-universalistische Impulse für seine christentums- und demokratiekritische Sicht sowie Begeisterung für die seiner Ansicht nach organisch gewachsenen, hierarchischen Ordnungen des antiken Europas.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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