Sezession
28. November 2018

Die Gelben Westen und das periphere Frankreich

Martin Lichtmesz / 40 Kommentare

Was geschieht in Frankreich seit dem 17. November?

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wo ist die Empörung unserer preisdemokratischen Presse, daß im Frankreich Macrons hunderte Demonstranten von der Polizei verprügelt und verletzt wurden?  Wie würden die Schlagzeilen lauten, wenn sich Szenen wie diese nicht auf der Champs Élysées, sondern am Roten Platz abgespielt hätten? Wo ist der Jubel, mit dem der Euromaidan bedacht wurde, der rasch in einen blutigen Bürgerkrieg abgestürzt ist?

Kein Zweifel: Der hiesigen schreibenden Klasse ist der Aufstand der mit Straßenblockaden kämpfenden "Gelben Westen", dem sich hundertausende Menschen in ganz Frankreich angeschlossen haben, nicht ganz geheuer. Denn offensichtlich revoltieren hier die falschen Leute aus den falschen Gründen, unter ihnen Linke ebenso wie Rechte, gegen den Retortenkandidaten des europäischen Establishments, Emmanuel Macron.

Direkter Anlaß der Proteste ist die ab 2019 gültige Erhöhung der Treibstoffsteuer für Diesel und Benzin, und dies, obwohl die Preise allein in diesem Jahr um 18% angestiegen sind. Vor allem die Dieselpreise sind damit enorm erhöht worden. Diese Maßnahme wurde unter anderem "ökologisch", mit der Notwendigkeit einer "Energiewende" begründet. Man will die Autofahrer von den Dieselmotoren wegdrängen, was blöderweise 68 Prozent aller in Frankreich zugelassenen Privatautos betrifft.

Frankreichs Innenminister Christophe Castaner äußerte am 23. September:

Wir verwirklichen das ehrgeizige Projekt eines ökologischen und solidarischen Übergangs, um Frankreich zu einem Pionierland zu machen: schrittweiser Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, Schluß mit Glyphosat, Erhöhung der Kohlenstoffsteuer, Angleichung der Dieselbesteuerung.

Dieser Tweet war gefolgt von der Bemerkung:

Lassen Sie uns auf die Koalition populistischer, rückschrittlicher und demagogischer Kräfte mit einem offenen Bündnis all jener antworten, die an das Europa der Demokratie und des Rechts, der Freiheit und der Solidarität glauben. Wir werden nicht zulassen, daß sie 60 Jahre gemeinsamen Aufbaus zerschlagen.

Zu den "Gelben Westen" ist ihm bisher nur eingefallen, daß er ihren "Aufruf zu Haß und Gewalt" verurteilt.

Selbstverständlich war die Dieselsteuer nur der berüchtigte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Man konnte die soziale Explosion schon lange ahnen. Kaum zurückgekehrt von einer Karibikreise, auf der er buchstäblich mit ein paar halbnackten schwarzen Kriminellen geschmust hatte, belehrte Macron ein paar Seniorinnen, sich gefälligst nicht über Rentenkürzungen zu beschweren.

Die Welt berichtete:

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat erneut viele Bürger mit Äußerungen zu seiner Reformpolitik verprellt. Am Rande eines Besuchs am Grab von Ex-Staatschef Charles de Gaulle in dem Ort Colombey les Deux Églises sagte Macron zu einer Gruppe von Seniorinnen, sie dürften sich über Rentenkürzungen nicht beschweren. Jeder im Land müsse „sich anstrengen“.

Die Frauen beklagten sich bei dem Präsidenten über „schmerzhafte“ Einschnitte durch die Anhebung der Sozialsteuer durch seine Regierung und die damit verbundene Rentenkürzung. Macron wies die Frauen daraufhin zurecht: „Das Einzige, was man nicht machen darf, ist, sich zu beschweren.“

Das habe ihm der Enkel de Gaulles gesagt, und das sei auch das Motto des 1970 verstorbenen Generals gewesen. „Das Land wäre dann besser dran“, betonte Macron. Im Übrigen werde er darum kämpfen, dass die Renten auch für künftige Generationen sicher seien.

In den sozialen Netzwerken sorgte das Video von dem Gespräch für Empörung. „Der Prinz weiß, wie man zum Volk spricht“, spottete ein Nutzer. Kürzlich hatte Macron bereits mit seinem Rat an einen Arbeitslosen einen wahren Shitstorm erzeugt. Er sagte, dieser müsse „nur über die Straße gehen“, um einen Job zu finden.

Das ist "neoliberale" Arroganz, eingewickelt in eine heuchlerische patriotische Rhetorik. Anläßlich der Feiern zum Gedenken des Waffenstillstands von 1918, richtete Macron eine Spitze gegen den selbsterklärten "Nationalisten" Donald Trump:

Patriotismus ist das genaue Gegenteil von Nationalismus. Nationalismus ist ein Verrat am Patriotismus. Indem wir unsere eigenen Interessen voranstellen, ohne Rücksicht auf andere, löschen wir genau das aus, was einer Nation am wertvollsten ist, die Sache, die sie am Leben hält: ihre moralischen Werte.

Was er unter "moralischen Werten" versteht, hat Macron wohl gezeigt, als er sich im Juni des Jahres Élysée-Palast mit einer schwulen schwarzen Tanztruppe (man erkennt ein gewisses Muster) ablichten ließ wie ein spätrömischer Kaiser.

Kombiniert mit den Bildern von den Pariser Straßenschlachten vom letzten Wochenende, die an ganz andere revolutionäre Zeiten Frankreichs erinnern, kann man ihn sich gut vorstellen, wie er dem unbotmäßig aufmüpfigen Volk zuruft: "Ihr habt kein Geld für Benzin? Dann fahrt doch mit dem Taxi!"

Man sieht bereits mit dem bloßen Auge, daß diesmal eine ganz andere Bevölkerungsgruppe auf den Straßen ist, als jene Klientel, die ansonsten die Banlieues von Paris in Stücke zerlegt. In einer Fernsehrunde formulierte Jean Messiha, ein Politiker des Front National (nun umbenannt im Rassemblement National) mit koptischem Migrationshintergrund:

Als ich auf den Sammelplätzen der Gelben Westen in den verschiedenen Banlieues war, konnte ich keinerlei 'Diversity' sehen. Weder eine soziale - alle sind Mittelschichtler -, noch eine rassische. Fast 100% der Leute waren weiß.

Das dies zutrifft, zeigen die Videoaufnahmen der Proteste (ein zweieinhalbstündiger Stream etwa hier). Das ist in einem zumindest in den Metropolen stark "umgevolkten" Land wie Frankreich auffällig und bemerkenswert.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (40)

quarz
28. November 2018 09:27

Habe gerade getagträumt, wie Georg Restle bei der ARD als Kommentator von Lichtmesz abgelöst wird.

Fritz
28. November 2018 09:36

Sehr interessanter hoch analytischer Text.

Irgendwie sind die Franzosen wohl immer noch das "Vorvolk" Europas, wie Ludwig Börne sagte.

Der_Juergen
28. November 2018 10:14

Vor zwei Jahrzehnten sagte mir der mittlerweile verstorbene Ahmad (eigentlich Albert) Huber, Journalist und als Islam-Konvertit ein bizarrer Paradiesvogel im kleinen nationalen Lager der Schweiz, die europäische Erhebung werde im "verfaultesten Land des Kontinents", nämlich in Frankreich, beginnen. Es macht ganz den Anschein, als solle Huber recht behalten.

De Gaulle, Pompidou, Giscard d'Estaing, Mitterrand, Chirac, Sarkozy, Hollande und nun der lächerliche Schwuli Macron - bedrückender als mit der Aufzählung ihrer letzten acht Präsidenten liesse sich die Talfahrt der Grande Nation nicht veranschaulichen. Aber es gibt Hoffnung. Ihr Träger ist nicht der FN, den Marine Le Pen, die ewige Kompromisslerin, in RN umbenannt hat, sondern die weisse Unterschicht, die von einem verbrecherischen System um ihre Zukunft betrogen wird. Wahlen bringen in Frankreich nichts mehr; der Wandel lässt sich nur durch eine Revolution bewerkstelligen. Das gilt auch für Deutschland.

MARCEL
28. November 2018 10:20

Der "Bürgerkönig" des Jahres 2018 hat fertig...
Auch Christophe Guilluy (ein Linker) hat dazu gestern im noch unentschiedenen Magazin Cicero Interessantes gesagt (u.a. Migrationsstopp, gefährliche Abkoppelung der Schichten voneinander...).
Ob der Funke wie weiland 1848 auch nach Deutschland überfliegt, kann kaum vorhergesagt werden. Hier ballt man zu sehr die Faust in der Tasche.
Auch ist in Frankreich, wie Armin Mohler einmal feststellte, in Existenzfragen immerhin noch ein größerer Zusammenhalt herzustellen als in Deutschland.
Ernst Niekisch, der ewig Enttäuschte, hat für Deutschland festgestellt, dass es hier seit den Tagen der Reformation immer nur "von oben" geht. (Wichtige Ausnahmen: 17. Juni 1953 und DDR 1989, beides im Osten) Selbst 1848 brach zusammen, als der preußische König nicht mehr mitmachen wollte.
Mann müsste zuerst die psychologischen "Philister" und "Pharisäer" im eigenen Inneren entmachten, um im Außen die Angst vor der eigenen Courage zu verlieren. Leicht gesagt...
Übigens: Ein Friedrich Merz könnte unser Macron werden

RMH
28. November 2018 11:48

Danke für das Aufgreifen des Themas und für die fundierte Analyse dazu! Die Bewegung der gelben Westen sollte auch in Deutschland Fuß fassen.

Als Berufspendler und damit Teil des peripheren Deutschlands, habe ich mich in dem Text und seinen Zitaten sehr oft wiederfinden können (alleine diese tiefe Wahrheit in der Formulierung: "Diesel - die Essenz der Armen") und ich hoffe, eine ähnliche Bewegung bildet sich auch bald bei uns - ich wäre mit auf der Straße dabei.

Dass dieses Thema in unseren Haupt- bzw. selbsternannten "Leit"-Medien verschwiegen oder wenn, dann nur auf Sparflamme gehalten wird, kann eigentlich keinen mehr verwundern. Allerspätestens seit dem beredtem Schweigen zur Aufklärung um das vermeintliche Hetzjagd-Video von Chemnitz dürfte doch wohl auch dem Letzten klar sein, was hier in unserem Lande gespielt wird.

Monika
28. November 2018 12:12

zuerst mal wieder Danke für die klare Analyse. Es ist immer wieder eine Freude, so übersichtlich informiert zu werden anstatt ideologisch zugeschwurbelt.
Zur Ergänzung :
1. Zeitgleich mit den Gelben Westen fand in Paris eine der größten Frauendemos mit 5O OOO Teilnehmern statt unter dem Slogam NousToutes und dies im noblen Pariser Opera Viertel. Hier versammelten sich alle feministischen Organisationen und auch hier waren die Teilnehmerinnen eher weiß und gut bürgerlich. Diese Demo ging allerdings unter neben den "Gelben Westen".
Das kann man durchaus programmatisch verstehen. Der Emma Artikel bezeicht die gilets jaunes als " populistische Basisproteste"
https://www.emma.de/artikel/paris-50000-frauen-auf-der-strasse-336279
Diese "Bobo" Frauenproteste gehen schon lange nicht mehr an die Wurzel des Problems ( d.i. vor allem die Gewalt gegen Frauen,die von gewissen Gruppen ausgeht und nicht vom bösen weißen Mann. ) Die normale Pariser Familie am Stadtrand lässt ihre Kinder schon lange nicht mehr mit der Metro in die Innenstadt fahren. Auch hier wird mit dem elterlichen Fahrdienst die Problematik "Männergruppen" umgangen.
Vor diesem Hintergrund ist die schicke feministische Frauendemo nicht zu verstehen und geht im wahrsten Sinne des Wortes unter.

2. Alain de Benoist bemerkt zurecht die Spontanität der Protestbewegung ( Populismus in seiner reinsten Form) und die Kraft einer solchen Bewegung, die die Herrschenden irritiert und zu Gewalt herausfordert. Diese Spontanität und Kraft war etwa auch auf der zweiten Pegidademo in Dresden spürbar und auch auf der ersten großen Demo in Kandel. Hier konnte man tatsächlich das Gefühl haben, die da Oben in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Ich vermute aber, dass diese Spontanität auch in Frankreich verloren gehen wird durch entsprechende Vereinnahmungen von Rechts oder von Links und dass die Bewegung dadurch an Schlagkraft verliert. Mag die Parole "Macron Démission" im Moment noch flotter klingen als "Merkel muß weg", so kann sie sich schnell abnutzen,mwenn inhaltlich nicht mehr kommt.
3. Ich denke, dass erst die Befreiung aus traditionellen politischen Kategorien , seien sie rechts oder links, eine "revolutionäre" Stimmung schafft, die zu politischen Veränderungen führen kann.
Möglicherweise, wenn die Frauenproteste sich mit populitischen Basisprotesten verbinden lassen...wer weiß...

Ein gebuertiger Hesse
28. November 2018 12:18

Leider hat das beneidenswerte französische Selbstverständnis, für die eigenen Forderungen auf die Straße zu gehen, in letzten Jahren zu praktisch nichts geführt. Anfang 2013 sammelten sich über eine Million Leute auf den Pariser Straßen, um ein lautes Signal gegen die Einführung der Homo-Ehe auszusenden (Dominique Venner erschoß sich nicht zuletzt aus dem gleichen Grund bald darauf in Notre Dame), aber es hat rein gar nichts gebracht, die "Eheöffnung" - auch dies eine Grenzöffnung - kam dennoch und gilt seither. Daher dürfen wir, was unsere Hoffnungen auf die Widerstandskraft der Gelbwesten angeht, vielleicht eher skeptisch sein.

Fritz
28. November 2018 12:39

Zum Thema:

https://www.newstatesman.com/world/europe/2018/11/yellow-jackets-are-reminder-emmanuel-macron-rules-only-one-version-france

"The yellow vests know the ecological transition is necessary – they just don’t want to feel like they’re the only ones paying dearly for it."

deutscheridentitaerer
28. November 2018 13:02

Schön und gut, aber ich kann nicht begreifen, wieso man wegen gestiegener Spritpreise das Land lahmlegt, aber die Masseneinwanderung und ihre Folgen widerstandslos hinnimmt.

Ein gebuertiger Hesse
28. November 2018 13:17

Was uns die Gelben Westen allerdings lehren: sie sind, was ihre physische Präsenz angeht, ein Widerstands-Symbol erster Güte. Ein solches wird nicht "gemacht", nicht ausgeklügelt, es entsteht vielmehr aus akuter kollektiver Notwendigkeit. Ein einfachster Gegenstand, leicht zu beschaffen, wirkt dann als positives Stigma, als Erkennungszeichen eines BUNDES. Martin Sellner sprach hierüber vor einigen Jahren in Schnellroda und nannte als Beispiel das Herumtragen einer Apfelsine, das in einem, soweit ich mich erinnern kann, südamerikanischen Land, als gemeinschaftliche Widerstandsgeste zum Einsatz gekommen ist. An dieser Stelle lohnt es sich, einmal wieder bei C. G. Jung nachzuschlagen und zu schauen, was für ein archetypisches Symbol auszeichnet: nämlich, dass es das menschliche Bewusstsein in Kontakt mit dem kollektiven Unbewussten bringt, wenn es in den Menschen aktuell lebendig ist. In den Gelben Westen drückt sich, das darf man vielleicht bereits sagen, genau dies aus. Sie sind die rechte Geste zur rechten Zeit.

Johannes Poensgen
28. November 2018 13:48

Das periphere Frankreich rebelliert gegen die eine Regierung, die sich nur um die Interessen der globalen Klasse kümmert? Das mögen die selbst so sehen, doch die Sache ist komplizierter und beinhaltet für uns eine wichtige Lektion:

Wenn Sie einem digitalen Startup-Unternehmer sagen, daß Frankreich die neue globale Klasse auf Kosten der alten Mittelschicht verhätschelt, dann lacht er Sie aus!

Die französische Wirtschafts- und Steuerpolitik hat die globale Digitalelite systematisch vergrault. Viele sind entweder in die Schweiz, oder gleich nach Silicon Valley abgewandert.

Und das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Frankreich wirtschaftlich abrutscht. Die miserable ökonomische Lage des peripheren Frankreichs ist nicht durch kosmopolitische Eliten verursacht worden, sondern, durch deren Abwesenheit. Wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein. Dagegen zu protestieren ist wie eine Demo gegen die Schwerkraft.

Für jeden, der die Identität Europas erhalten will, liegt darin ein gesellschaftliches Problem, daß vielleicht dramatischer ist, der Bevölkerungsüberschuss der dritten Welt: Jedes Land, das heute mithalten will, braucht diese kosmopolitische Digitalelite. Trotz ihrer destruktiven politischen Einstellung sind diese Leute unverzichtbar.

Bis jetzt sieht es so aus: Die können uns ersetzen, aber wir nicht sie!

Es gibt kein rechtes Silicon Valley, keine rechte Technologieelite. Wir sind froh, wenn wir eine Internetseite zum laufen bringen. Das ist unsere größte, vielleicht tödliche Schwäche.

Gerald Hörhan hat über dieses Thema ein leicht verständliches und jedem zu empfehlendes Buch geschrieben: "Der Stille Raub. Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen."

nom de guerre
28. November 2018 13:57

@ deutscheridentitärer
"Schön und gut, aber ich kann nicht begreifen, wieso man wegen gestiegener Spritpreise das Land lahmlegt, aber die Masseneinwanderung und ihre Folgen widerstandslos hinnimmt."
Weil man meint, diesen Folgen aus dem Weg gehen zu können, indem man an bestimmten Orten wohnt bzw. eben nicht wohnt und auch sonst bei der eigenen Lebensgestaltung bestimmte Orte frequentiert und andere meidet. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das ja auch. Die mittel- bis langfristigen Folgen hingegen, denen niemand entkommen wird, blenden vermutlich auch in Frankreich die meisten Leute aus. Mit den Spritpreisen ist es anders: Als Pendler betrifft einen das ohne Ausweichmöglichkeit unmittelbar und sofort.

eike
28. November 2018 14:51

Unsere Nachbarn sind hoffnungslos in der Falle von 1789, die sie jeden 14.Juli begeistert feiern.

Sie nenen es "droit du sol" und meinen, daß jede Schwangere, die rechtzeitig den Urwald nach Französisch Guyana überquert, einen Franzosen zur Welt bringt.

Karl
28. November 2018 16:13

@Poensgen:
Steile Thesen vom Studenten:
Das Vergraulen der „globalen Digitalelite“ als Ursache für das wirtschaftliche Abrutschen. Die Anwesenheit „Kosmopolitischer Eliten“ verhindert eine miserable ökonomische Lage. „Wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein. Dagegen zu protestieren ist wie eine Demo gegen die Schwerkraft. … Jedes Land, das heute mithalten will, braucht diese kosmopolitische Digitalelite.“
Es als Naturgesetz zu betrachten wirtschaftliche Prosperität nur durch „digitale Eliten“ (wer oder was immer das sein mag???) erreichen zu können, kann nur aus einer BoBo-Perspektive heraus indoktriniert werden. Für einen Hammer ist alles ein Nagel. Solche Denkweise ist ahistorisch und haftet im Zeitgeist. Bits kann man nicht essen. Sie sind nicht notwendig. Neue Spiele folgen anderen Regeln.

H. M. Richter
28. November 2018 16:44

Eingangssätze wie Hammerschläge, - chapeau, Lichtmesz, chapeau !

Und auch ansonsten: Die Beschreibung des "peripheren Frankreichs" führt ins Zentrum der gegenwärtigen Lage. Dank dafür !
___________________________________

@ deutscheridentitaerer

"Schön und gut, aber ich kann nicht begreifen, wieso man wegen gestiegener Spritpreise das Land lahmlegt, aber die Masseneinwanderung und ihre Folgen widerstandslos hinnimmt."

Die gestiegenen Spritpreise sind der Tropfen, der in Frankreich das Faß zum Überlaufen brachte. Masseneinwanderung, Homoehe, Verdrängung an die Peripherie, Entfremdung und Entwurzelung sind dagegen Teil des Fasses.

Wenn es ebenso spürbar wie schmerzhaft an die Geldbörse geht, wird das Volk ungemütlich. In Frankreich ohnehin, aber auch in Deutschland wird dies möglicherweise schon demnächst zu beabachten sein. Kommt man mit Leuten beispielsweise in Mitteldeutschland ins Gespräch - Arbeiter, Handwerker und Angestellte u.v.a.m. - hört man wieder und wieder Sätze wie "Irgendwann knallt's", "Demnächst knallt's", "Nicht mehr lange, dann brennt die Luft", "Das kann so nicht mehr weitergehen" usw. usf.

Auch hier scheint längst das Faß randvoll zu sein. Die Lage ist nicht mehr mit jener zu vergleichen, als die CDU vor Jahrzehnten mit dem Slogan "Das Boot ist voll!" Wahlkampf zu machen versuchte, denn heutzutage ist es das Faß der eigenen Existenz, das bis zum Überlaufen voll ist. Gut möglich, daß dies die Stichwortgeber der "schreibenden Klasse" sehr wohl wissen und Berichte über die "Gelb-Westen" deshalb so klein wie möglich zu halten versuchen. Es wird ihnen nichts nützen.

Boricua
28. November 2018 16:49

@deutscheridentitaerer

Ich geh mal davon aus, dass die Leute durchaus bereit sind, sich durch ein anderes Volk austauschen zu lassen, aber sie wollen nicht, dass sie dabei wie Penner behandelt werden - also irgendwie ein Abtritt mit Würde oder so. Wer bei den Verteilungskämpfen unter seinesgleichen das Eigene zu genüge kennenlernen durfte, hat wahrscheinlich auch keine große Lust mehr darauf das Eigen zu verteidigen.

Weltversteher
28. November 2018 16:58

Poensgen,

"jedes Land das heute mithalten will" - das hört sich an wie miefige BRD-Philister und "Junge, warum hast Du nichts gelernt?" Man muß doch mit der Zeit gehen...

Es ist vielleicht zunächst die Frage, wohin man denn will. Vielleicht schickt sich eines nicht für alle? Es könnte sein, daß wir - und noch das eine oder andere Volk - eine bestimmte Aufgabe haben, die wir aus unserer Anlage heraus leisten können. Und damit einen Wandel, auch für andere mit, befördern.

Cacatum non est pictum
28. November 2018 18:55

Vorab: Die Beiträge von Lichtmesz sind in letzter Zeit durchweg von allerhöchstem Niveau - strukturiert, inhaltlich punktgenau und mit der gebotenen Distanz zum Geschehen verfaßt. Wie viele Journalisten im heutigen Medienbetrieb beherrschen ihr Handwerk noch derart gut? Ich fürchte, man muß sie mit der Lupe suchen.

Erfrischend finde ich die klarsichtigen Analysen der im Artikel zitierten Linken. Welch Unterschied zum pathetisch-moralistisch-kenntnislosen Geschwafel der linksliberalen Wortführer in Deutschland!

"...

Guilluy ist außerdem der Ansicht, daß die demographische Entwicklung nicht nur die 'kleinen Weißen' kulturell verunsichert. Niemand hat Lust, zur Minderheit zu werden, denn jede Minderheit weiß, daß sie vom Wohlwollen der Mehrheit abhängig ist. So gebe es auch soetwas wie einen 'Maghreb Flight' (meine Formulierung), eine Flucht der Maghrebiner aus Stadtvierteln, in denen Schwarzafrikaner die Mehrheit werden ..."

Eine wesentliche Triebfeder für den Bosnienkrieg in den neunziger Jahren war die starke ethnische Durchmischung innerhalb der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina. Es standen sich drei große Volksgruppen gegenüber, die sich geographisch wie ein Flickenteppich über das Territorium verteilten. Als der Staat Jugoslawien zu zerfallen begann und eine territoriale Neuaufteilung anstand, lautete die Gretchenfrage: "Warum soll ich eine Minderheit in Deinem Staat sein, wenn Du eine Minderheit in meinem Staat sein kannst?"

Die nachgerade zwingende Konsequenz aus diesem Dilemma waren die brutalen Vertreibungen, die man seinerzeit "ethnische Säuberungen" taufte. Solche Szenarien werden immer wieder dort in Kraft treten, wo es keine signifikante Bevölkerungsmehrheit (in ethnischer Hinsicht) mehr gibt. Weltoffenheit und Toleranz im Sinne unserer heutigen Terminologie sind also erstklassige Bürgerkriegsbeschleuniger. Die Bobos werden das aber nie kapieren.

Cacatum non est pictum
28. November 2018 19:26

@Karl

"Steile Thesen vom Studenten: ..."

Ich fürchte, Herr Poensgen könnte recht behalten. Bis vor kurzem habe ich auch immer auf die Alltagsfloskeln in Sachen Digitalisierung geschimpft ("Der digitale Wandel ist unaufhaltsam!" etc.). Für mich war und ist die Digitalisierung vor allem ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm monströsen Ausmaßes. In den Industrieländern wird schon bald das große Heulen und Zähneklappern losgehen, wenn immer mehr Arbeiter und Angestellte von den Segnungen der Robotik verdrängt werden.

Ich war deshalb der Ansicht, daß es dieser unsozialen Entwicklung mit aller Kraft entgegenzuwirken gelte. Inzwischen - auch nach der Lektüre von Sieferles tiefschürfendem Werk "Epochenwechsel" - habe ich eingesehen, daß der Digitalisierung (wie auch der Globalisierung) eine Art historische Dynamik innewohnt, der wir uns nicht einfach so entziehen können. Wer dieses Phänomen - und sei es aus guten Gründen - stur ignoriert, der könnte tatsächlich irgendwann den Anschluß verpassen und in Folge dessen auch seine politische Handlungsfähigkeit verlieren.

Globalisierung und Digitalisierung werden sich dereinst von allein erledigen, spätestens mit der endgültigen Vernutzung der fossilen Ressourcen. Einstweilen müssen wir uns aber nach der Decke strecken und dem Phänomen der Digitalisierung auf Augenhöhe begegnen, um es mal mit einer phrasenschweinverdächtigen Formulierung zusammenzufassen.

quarz
28. November 2018 20:52

@cacatum
"Für mich war und ist die Digitalisierung vor allem ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm monströsen Ausmaßes"

Dieser Umstand ist vor allem im Zusammenhang mit den folgenden beiden Tatsachen zu sehen:

1) Es wird aufgrund der höheren intellektuellen Anforderungen der Arbeitswelt bereits in naher Zukunft kaum noch Arbeitsplätze für Leute mit IQ unter 87 geben. Die US-Armee, die mehr Erfahrung mit Intelligentests hat als jede andere Institution auf der Welt und die aus verschiedenen Gründen wenig anspruchsvoll ist bei der Rekrutierung von Personal, nimmt bereits jetzt niemanden mit IQ unter 83, weil sie selbst in ihren einfachsten Arbeitsfeldern keine Verwendung für solche Leute hat.

2) Die große Masse der aktuellen Immigranten ins Merkelland stammt aus Ländern, in denen der Durchschnitts(!)-IQ auf dem Niveau des kritischen Wertes oder darunter liegt.

Aus all dem folgt, dass sich der soziale Kontrast zwischen den "unterschiedlich lange hier Lebenden" noch viel dramatischer zeigen wird, als er es bereits jetzt aus Gründen der kulturellen und religiösen Inkompatibilität tut. Das Sozialsystem, das die aktuell Regierenden ja jedem Eindringling zur Verfügung stellen (und dies per UN-Migrationspakt auch für die Zukunft sicherstellen wollen), wird so starke migrationsspezifische Schlagseite bekommen, dass auch der verblendetste Bobo den rauheren Seegang zu spüren bekommt und die übliche Problemtarnrhetorik versagt. Die Lage wird sich zuspitzen.

Waldgaenger aus Schwaben
28. November 2018 21:35

Das verlinkte youtube Video wurde anscheindend von einer trotzkistischen Splittergruppe erstellt.
Ganz normal, dass linke Sektierer an Massendemonstrationen anzudocken versuchen. Aber dass der Autor kein anderes Video gefunden hat, scheint auf organisatorisches Verbesserungspotential der französischen Rechten binzuweisen.

ML: Ich habe doch mehrere Videos verlinkt.

Bedenklicher scheint mit etwas anderes:
Es braucht nicht viel Phantasie vorher zu sagen, was geschieht, wenn die Proteste noch etwas andauern oder sich ausweiten. Die Bewohner der banlieues werden sich gelbe Westen überstreifen, Geschäfte und Banken plündern und nebenbei nur zum Spaß Autos und Häuser anzünden.

Die Polizei muss dann den Mob nur gut eingehegt etwas toben lassen und das besagte weiße Prekariat und die weiße Mittelschicht wird die gelben Westen abstreifen und heim gehen, damit die Polizei den Mob bekämpft, bevor er vor der eigenen Haustür steht.

Die Zeit der Revolution von der Straße aus ist in multiethnischen Gesellschaften wohl vorbei.

Was aber nicht heißt, dass jeder Protest außer der an der Wahlurne vergebens ist. Die weiße Mittelschicht kann und wird neue Protestformen finden. Zum Beispiel das eigene Konto bis zum Überziehungslimit in bar abräumen, und dann keine Rechnung mehr bezahlen. Abbuchungen und Daueraufträge werden sowieos nicht mehr ausgeführt. Alles legal und großes Risiko.
Ganz schnell werden die Regierenden über die Forderungen verhandeln.

Noch was zu Digitalisierung:
Ich bin Diplom-Informatiker und seit 35 Jahren Software - Entwickler. Wir sind weder Superhirne noch eine Kaste von Hohenpriesern. Software-Entwickler müssen mit Spezialisten der jeweiligen Anwendungsgebiete (Betriebswirte, Mediziner, Ingenieure) zusammen arbeiten.
Man kann den allgemeinen brain-drain thematisieren, aber nicht das Thema auf eine "digitale Elite" eingrenzen.

Das kommende schnelle Internet (5G) wird dezentrales Arbeiten vereinfachen. Wer lieber in einer beschaulichen Provinzstadt wohnt, kann das dann auch ohne den Arbeitsplatz aufgeben zu müssen.
Vielleicht wird das schnelle Internet eine soziale und ethnische Entmischung bewirken. Ich empfehle mal den Gang über den Campus einer technischen Universität, zum Beispiel in der TU München: Mitteleuropäer, Osteuropäer, einige Asiaten ( Inder, Chinesen und Vietnamesen) und damit hat es sich dann fast schon. Dazwischen vielleicht noch vereinzelt ein paar Studentinnen mit Kopftuch.

Karl
28. November 2018 22:12

@gekackt ist nicht gemalt

Gerade das "Arbeitsplatzvernichtungsprogramm" Digitalisierung kann ja wohl kaum dazu führen, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Mittelschicht zu verbessern. Digitalisierung ist auch kein "Phänomen", das schicksalhaft über uns gekommen ist. Die verschränkten Entwicklungen der Digitalisierung und der Globalisierung bedingen einander und sind letztlich ökonomischer Natur. Das Primat der Ökonomie treibt sowohl den Kommunismus/Sozialismus wie auch den Kapitalismus/die Marktwirtschaft. Muss dieser ökonomische Wahn immer so weitergehen? Das menschliche Maß hat diese Aufwärts- (bzw. recht betrachtet Abwärts-) Spirale schon längst verlassen. Also die Hände in den Schoß zu legen und die Geschichte als gott- oder schicksalsergeben demütig geschehen zu lassen wäre nicht die einzige Möglichkeit.

Nemesis
28. November 2018 22:19

@Cacatum non est pictum
"daß der Digitalisierung (wie auch der Globalisierung) eine Art historische Dynamik innewohnt, der wir uns nicht einfach so entziehen können."

Mich würde interessieren, was Sie unter der historischen Dynamik genau verstehen, die der Globalisierung Ihrer Meinung nach innewohnt. Für mich hört sich das nach einer Art naturgesetzlichen oder historischen Gesetzmäßigkeit an, von der ich nicht denke, daß sie vorliegt. Vielleicht verstehe ich Sie da aber auch falsch.

Nemesis
28. November 2018 22:58

@Johannes Poensgen
"Und das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Frankreich wirtschaftlich abrutscht. Die miserable ökonomische Lage des peripheren Frankreichs ist nicht durch kosmopolitische Eliten verursacht worden, sondern, durch deren Abwesenheit. Wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein."

Unterteilen wir die wesentlichen Geschäftsbereiche der digitalen Elite (Software):
1. Industrie und Handel
2. Finanzdienstleistungen
3. Behörden und Verwaltungen
Daraus folgt:
1. Industrien und Handel: sind definitiv auf Verbraucher angewiesen.
2. Finanzdienstleister: sind zum Teil auf Industrien, Handel, Verbraucher angewiesen, der Rest der Branche verdient sein Geld mit Wetten. (Aufhebung Trennbankensystem, selbstzerstörendes Modell)
3. Behörden und Verwaltungen: sind auf Verbraucher angewiesen.

Daraus folgt, daß auch eine digitale Elite offensichtlich für Ihre Produkte und Produktideen im Wesentlichen auf Verbraucher angewiesen sind. Würden keine Güter verkauft, kein Handel betrieben, wäre ein großteil der Programmiererei sehr schnell vorbei.
Big Data ist ja nur deshalb so ein Thema, weil Daten verkauft werden. Weil die Daten der Verbraucher benötigt werden.
Trickle Down funktioniert auch hier nicht.
Ein kurzer Überblick zeigt:
List of largest European companies by revenue:
Gesamt 160, davon:
119 Industrie und Handel
41 Finanzsektor und Consulting
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_largest_European_companies_by_revenue

List of largest companies by revenue by industry sector:
Gesamt: 50, davon
37 Industrie, Handel
13 Finanzsektor
https://en.wikipedia.org/wiki/Forbes_Global_2000

Schlußfolgerung:
Nicht wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein, sondern wo Industrie, Handel, Handwerk, Finanzdienstleistungen abwandern, zieht Armut ein. Von wo aus die digitale Elite programmiert ist letztlich unerheblich. Die Verarmung kommt durch die absichtliche Herstellung völlig ungleicher Produktionsbedingungen, die dann in Konkurrenz gesetzt werden (z.B. Produktion in China bei denen keinerlei Umweltauflagen im Gegensatz zu Europa gemacht werden etc.)

Cacatum non est pictum
29. November 2018 01:20

@Karl

"... Die verschränkten Entwicklungen der Digitalisierung und der Globalisierung bedingen einander und sind letztlich ökonomischer Natur. Das Primat der Ökonomie treibt sowohl den Kommunismus/Sozialismus wie auch den Kapitalismus/die Marktwirtschaft. Muss dieser ökonomische Wahn immer so weitergehen? Das menschliche Maß hat diese Aufwärts- (bzw. recht betrachtet Abwärts-) Spirale schon längst verlassen ..."

Da bin ich voll bei Ihnen. Wenn es nach mir ginge, würde der Welt ein politisches Gesamtpaket verordnet, das mindestens die Kategorien Deindustrialisierung, Entglobalisierung und Entmassung bedient. Natürlich nicht als radikale Sofortkur nach Vorbild einer Kulturrevolution, sondern als kontinuierlich ablaufendes Langzeitprogramm, das uns Schritt für Schritt wieder an einen Zustand des Zusammenlebens heranführt, den man gesund und würdig nennen darf. Auf diese Weise ließe sich zum Beispiel der am Horizont aufscheinende Kollaps der zahlenmäßig völlig hypertrophierten Weltbevölkerung vielleicht verhindern, sicher aber abmildern.

Leider jedoch geht es nicht nach mir - und nach Ihnen auch nicht. Globalisierung und Digitalisierung sind zwei übermächtige Kenngrößen der Jetztzeit. Jede politische Strategie - welcher Art auch immer - muß sie zwangsläufig ins Kalkül ziehen. Eine einseitige Mißachtung kann sich kein Staat und kein Gemeinwesen leisten, weil man sich andernfalls im internationalen politischen Geflecht rettunglos verheddern würde. Eine Gegenbewegung muß daher auf viel breiterer Basis stehen.

@Nemesis

"Mich würde interessieren, was Sie unter der historischen Dynamik genau verstehen, die der Globalisierung Ihrer Meinung nach innewohnt. Für mich hört sich das nach einer Art naturgesetzlichen oder historischen Gesetzmäßigkeit an, von der ich nicht denke, daß sie vorliegt. Vielleicht verstehe ich Sie da aber auch falsch."

Vielleicht habe ich mit meiner Wortwahl etwas zu dick aufgetragen. Die Globalisierung im engeren Sinne ist ein Prozeß, der sich nun über Jahrzehnte hinzieht und inzwischen einen solchen Einfluß ausübt - nämlich auf jede bedeutsame politische Entscheidung weltweit -, daß man ihn ruhigen Gewissens eine historische Größe nennen kann. Von einer Gesetzmäßigkeit möchte ich nicht sprechen, wohl aber von einem autonomen System, das sich aus unzähligen dezentralen Quellen speist und an dem sich eine unüberschaubare Vielzahl von Profiteuren nährt. Kurz gesagt: Man kann die Globalisierung nicht einfach auf Knopfdruck abschaffen. Daß sich derzeit auch auf großer politischer Bühne Widerstand regt (Trump!, Brexit!), ist zwar ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber mehr noch nicht. Ich vermute eher, daß die Globalisierung eines Tages an systemimmanenten Schwächen zugrunde gehen wird.

RMH
29. November 2018 08:16

"Nicht wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein, sondern wo Industrie, Handel, Handwerk, Finanzdienstleistungen abwandern, zieht Armut ein. Von wo aus die digitale Elite programmiert ist letztlich unerheblich."

Das ist meiner Meinung nach in dieser Einfachheit nicht richtig. Digitalisierung hat doch gerade die am Ende totale Erfassung, Verwebung der IT mit der Realwelt, mit Industrie, Handel, Dienstleistung bzw. der Dinge und Leistungen untereinander und zueinander zu tun. Die Mode-Schlagworte dazu sind "Internet of Things", "Blockchain", "Daten sind das Erdöl des 21 Jhdts." etc. etc. Bereits jetzt können zwar viele Länder Autos dem Grunde nach bauen, aber Autos, die sich selbst überwachen und steuern und die eingebunden sind in eine Datenaustauschnetz, was recht bald auch Teil der Anforderung zur Erlangung einer Betriebserlaubnis werden kann, das können dann wiederum nur wenige.

In einer Lieferkette der Zukunft wird am Ende selbst ein Bauer seine Mohrrüben nicht mehr los, wenn er nicht Teil der vernetzten und damit eben digitalisierten Lieferkette ist (übrigens auch ein Anwendungsfeld für Blockchains).

Leute, da ist etwas im Entstehen bzw. bereits vorhanden, wo man als Laie nur verwundert und raunend daneben steht und da ist es dann vollkommen Wurst, wenn ein paar Softwarebestandteile nach den Vorgaben des Bestellers in Indien, Pakistan oder gar Nordkorea ausprogrammiert werden.

Am Beispiel des Bauern: Wird er nicht Teil des Ganzen, kann er versuchen, evtl. an irgendeinem örtlichen Wochenmarkt, falls der nicht auch schon bereits "digitalisiert" ist (Gewerbeschein und Tageskarte gibt es nur noch "online" etc.), sein Zeug bei Leuten, die Ware nur wie gemalt haben wollen, oder via Hofverkauf los zu werden, aber auch dafür wird er in Zukunft dann digitale Bezahlsysteme, bspw. eine elektronische Kasse, benötigen, die jederzeit einem elektronischem "Kassensturz" durch die Finanzbehörden standhält (wird irgendwann mal automatisiert im Hintergrund einfach so mitlaufen). Evtl. wird er zukünftig jedes einzelne Samenkorn erfassen, validieren, auditieren, zertifizieren etc. müssen, bevor er es in den genau digitalisierten, GPS-Satelliten überwachten Acker am genau vorgesehenen Aussaatloch einbringen darf.

Digitalisierung bedeutet nichts abgetrenntes, abgehobenes irgendwo in Silicon Valley Stattfindendes, sondern totale IT und Vernetzung, gerade der realen Welt, der Dinge und der "old economy". Schon heute werden die lokalen Server und Datenspeicher mehr und mehr verdrängt durch "Cloud"-Lösungen, Autos loggen sich "ein" bevor sie los fahren etc. Wer hier die richtigen Dinge, Informationen, Codes etc. kontrolliert und innehält, kann theoretisch am Ende die Welt beherrschen. Dystopisch hat das bspw. schon vor Jahrzehnten Ted Kaczyinsky gesehen, der aber leider durch die von ihm daraus gezogenen kriminellen Konsequenzen sein eigenes intellektuelles Werk desavouiert hat. Auf der anderen Seite: Ein zurück in die Hütte im Wald wird es so schnell auch nicht geben und nicht jeder wird das wollen.

Zum Thema: Wo und wann findet die erste Gelbwesten-Demo in Deutschland statt? Ein Deplorabel und Peripherer hat Bock auf ein bisschen Bambule … :)

Maiordomus
29. November 2018 10:20

@Nemesis/Cacatum: Das mit der "naturgesetzlichen oder historischen Gesetzmässigkeit" ist natürlich Unsinn, welche widerlegende Analyse, wie sie etwa ein Karl Popper und ein Hermann Lübbe geleistet haben, mit zu den besten kritischen Leistungen der neueren Philosophie gehört, auch gegen die Hegelsche Linke, den historischen Materialismus und nicht zuletzt gegen Jürgen Habermas und die Frankfurter Schule gewandt. Natürlich muss man sich ebenfalls gegen eine "raunende Philosophie" oder Pseudophilosophie von rechts wenden.

@Poensgen. Sie mussten in letzter Zeit einiges einstecken, so für Ihren nicht undurchdachten Hinweis, dass Siege manchmal geistig und in den Folgen verfänglicher wirken als Niederlagen, wiewohl man sich über letztere im Prinzip ja in der Regel nicht freuen kann. Aber gerade die krachende Niederlage der schweizerischen Rechten bei der Selbstbestimmungsinitative vom letzten Sonntag war mit Nebenfolge der Euphorie nach gewissen Siegen, etwa bei der Masseneinwanderungsinitiative, dem Minarettverbot und nicht zu vergessen bei der von kapitalismuskritischen Rechten begeistert gefeierten Abzockerinitiative. Diese Siege an der Urne blieben, mit nur vorläufiger Einschränkung beim Minarettverbot, ohne durchgesetzte Folgen, lösten am Wahlabend Euphorie aus, endeten aber vielfach im Katzenjammer der völlig ungenügenden Umsetzung. Interessanterweise wurde 1970 nach der knapp verworfenenen Ausländerinitiative von James Schwarzenbach mehr umgesetzt als bei der angenommenen Initiative von 2014 gegen die Masseneinwanderung. Der grosse Zusammenhang ist das Internationale Recht, gegen das man angesichts auch der Machtverhältnisse in der Judikative, im Parlament, in den Medien, an den Hochschulen, generell im Geistesleben und im allgemeinen Mainstream nicht ankommt. Angenommene Initiativen von rechts bewirkten bei den Abstimmenden eine Art seelische Entlastung, führten aber nicht effektivem Handeln. Von daher sollte man bei politischen Siegen in der Demokratie nie zu laut jubeln.

Noch zu @Poensgen, siehe meine Bemerkung betr. die "naturgesetzliche bzw. die historische Gesetzmässigkeit", von Popper Historizismus genannt. Für dieses mechanistische Denken, wirklich ein fundamentaler Denkfehler, kann indes ein Oswald Spengler nicht mitverantwortlich gemacht werden. Seine Geschichtsanalyse ist in der Tat eine andere, insofern warfen Sie mir zurecht mangelndes Textverständnis vor, als Sie mich im Zusammenhang mit der Einordnung Spenglers in diese Schule in schülersatirischer Weise "Absitzen" hiessen. Wie Sie aber selber ausführten, soll diese Geschichtsanalyse nicht wissenschaftlich genommen werden. Was dann? Sicher ist, dass seit Spengler über die Phänomologie des Historischen bzw. die Fragestellung "Was heisst, das kann man nur historisch erklären", sehr tief weiter geforscht und weiter analysiert wurde, so etwa vom Ostfriesen Wilhelm Schapp in seiner fundamentalen Studie "Philosophie der Geschichten". Der grösste Unterschied von Schapp im Vergleich zu Spengler liegt u.a. auch darin, dass Schapp als einer der absolut besten Kenner der ostfriesischen Lokalgeschichte im Vergleich zu Spenglers visionärer Darstellung ganzer Kulturkreise ähnlich etwa wie der Forschungsansatz bei den Brüdern Grimm und der Historischen Rechtsschule von maximal genauer Detailkenntnis beim Erzählen von Geschichten ausgeht, gerade auch im Hinblick auf Geschichte als Identitätsrepräsentation. Geschichte löst sich insofern in ganz kleine Geschichten auf, was z.B. bei der "Holocaust"-Forschung genau so zu beachten wäre wie bei Familien- und Lokalgeschichten. Wichtiger als ein monumentales zivilreligiöses Denkmal wäre es zum Beispiel zu ergründen, welches ganz genau die Todesursache etwa der Eltern von Paul Antschel bzw. Paul Celan war usw. So wie es auch in der ostfriesischen Lokalgeschichte auf die kleinsten Kleinigkeiten ankommt. Ein Beispiel ist, um endlich wieder auf den ausgezeichneten Artikel von Lichtmesz zurückzukommen, der Vergleich zwischen den in diesem Artikel dokumentierten "Menschenjagden" im Vergleich zu denjenigen in Chemnitz anhand zweier Videos, die jedoch nur für eine je ganz konkrete Episode repräsentativ sind. Warum äusserte sich Merkel auf der Grundlage des einen Videos, hingegen nicht Macron auf der Grundlage des anderen? Warum wurde im einen Falle einer der höchsten deutschen Beamten entlassen, warum hat bis auf weiteres das Video, auf welches Lichtmesz oben verweist, bei entsprechenden Kadern in Frankreich bis auf weiteres wohl keine Folgen?

Geschichte kann nur erzählt werden in Geschichten, deren Details möglichst vollständig bekannt sind oder über die man sich wenigstens genügend Rechenschaft ablegt, was man nicht weiss. Was bleibt, sind Einzelgeschichten, über die zwar Habermas geraunt hat: "Den Kollektivsingular Geschichte beseitigt man nicht durch Pluralbildung". Kennt man jedoch die Geschichten nicht, so kann man auch die Geschichte nicht schreiben. Im Zusammenhang etwa mit der Verurteilung Jesu müsste man z.B. viel mehr lokalhistorische Kenntnisse von Jerusalem haben, wie es allerdings z.B. Carsten Peter Thiede in einem ganz anderen Ausmass als die sog. historisch-kritische Bibelkritik geschafft hat. Allein schon der Befund, dass Judas Iskariot offenbar in Jerusalem der einzige Einheimische unter den Anhängern Jesu war, zwingt uns, diese Geschichte in einigem anders zu erzählen als wir es uns gewohnt sind. Geistige Macht bedeutet vor allem die Hoheit über die Narrative. Dies erklärt, wie heute offiziell über Trump, Chemnitz, Frankreich, die Krim und die Ukraine berichtet wird. Abschliessend kann ich noch sagen, dass unter denjenigen, die in letzter Zeit bei "Sezession" Artikel schrieben, @Lichtmesz im positiven Sinn Massstäbe zu setzen wusste. Es scheint mir dies ein Gesichtspunkt, bei dem trotz Meinungsverschiedenheiten bei den Bloggern Einigkeit herrscht.

Weltversteher
29. November 2018 10:33

Wie RMH hier am deutlichsten herausstellte, ist besonders die Digitalisierung (neben der Globalisierung) nicht allein "ökonomischer Natur", sondern weitaus mehr ein Weg des Herrschens. Man sollte sich aufmerksam die Inhalte der Digitalisierung beschauen, um zu verstehen, wie diese Herrschaft gemeint ist. Gewiß nicht sehr traditionell.

Insofern scheint auch Poensgens Ansicht wunderlich, daß wir (Staat?, Volk?, wer?) darin aufholen sollten (technisch-verstehend oder durchschauend?), um unsere Aussichten zu verbessern. Falls diese Erscheinungen nicht schon selbst wenigstens Nationen außer Kraft setzen, so wirken sie immerhin durch sie durch und darüber hinweg. Es sind verschiedene Ebenen, um die es dabei geht. Ein herkommliches "Wir" gibt es in jener Ebene nicht mehr, es läßt sich dort auch nicht wiederherstellen.

t.gygax
29. November 2018 10:34

RMH
Danke, dass Sie Ted Kaczinsky erwähnen. Ich habe vor einigen Jahren sein Manifest ( gibt es als download im Netz ohne Probleme, deutsch und englisch) gelesen - das war ein absolut visionärer Kopf, und ob die Briefbomben wirklich von ihm kamen, das sei doch noch einmal dahingestellt. In Lutz Dambecks ausgezeichnetem Film " Das Netz " ( ebenfalls im Netz frei verfügbar---youtube....) hört sich das alles ein bißchen anders an, als die offizielle Geschichtsschreibung es darstellt.
Ich gebe diesen Text als Anregung an junge Leute, die Ingenieurswissenschaften studieren und mit Industrie 4.0. ganz praktisch befasst sind, zur anregenden und kritischen Lektüre- vergesse allerdings nicht, darauf hinzuweisen, dass sein Ausweg frei nach Thoreau ("Walden")auch nur eine Flucht war, die ins Abseits führt.
Und dies gründlich. Aber das ändert nichts daran, dass -wenn man manche polemischen und fragwürdigen Zuspitzungen des Textes ausblendet- hier schon vor 40 jahren eine präzise Beschreibung "kommender Dinge " ( ein Zitat von Walter Rathenau aus dem Jahre 1917) vorgelegt wurde.
Der Text wäre es wert, von den Großschreibern der Druckausgabe einmal auch kritisch gewürdigt zu werden.
Nebenbei: die frechen französischen Frauen von "les brigandes" haben unter dem Titel "Unabomber" ( unglückliche Formulierung...)ein heftiges Lied dazu komponiert, das ist wirklich radikal alternativ und erfreut durch seine geradezu wütende, aber ehrliche Polemik. Das haben die drauf, absolut, und deshalb genieße ich jedes Lied von denen, auch wenn deren Anti-Jesuiten -Tic arg übertrieben wird. Keine Rose ohne Dornen.

Michael B.
29. November 2018 10:41

@RMH - Digitalisierung

Die Frage ist halt auch, wie substantiell und tragfaehig das alles ist. Klonovsky - sehe gerade bei Lengsfeld - hat kuerzlich folgenden Text zu den Folgen eines blackout verlinkt:

https://vera-lengsfeld.de/2018/11/27/wird-unser-stromnetz-zum-hochgefaehrlichen-spielzeug-fuer-ignorantinnen/#more-3749

Ich kannte das prinzipiell schon, aber eine solche destillierte Darstellung mit ihren kurzen aber sehr treffend skizzierten Folgenabschatzungen sollte man eigentlich immer einmal wiederholen.

Es ist eine Frage der Ebene. Ich arbeite ja in der Erstellung von Software, hauptsaechlich mit industriellem Hintergrund, auch international. Ich sehe sicher, wie tief die Verzahnung reicht und wo es hingeht, in Deutschland wie gewohnt in seiner speziell angstbetonten, ungemein buerokratischen und auch technologie- menschen- und auch geschaeftsfeindlichen Form. Und Leute ohne Bezug unterschaetzen das oder bewerten es gern aus irrationalen Perspektiven heraus, ja.

Es graebt sich also zum einen in jeden Lebensbereich ein, zum anderen ist es ungemein empfindlich gegenueber den Fundamenten wie z.B. Strom, s. Artikel oben. Wenn es knallt, haben diese Systeme so wie heute aufgezogen kaum Robustheit. Und die m.E. groessere Gefahr ist das Herumspielen an diesen Grundlagen durch ideologisch bestimmte und von Sachverstand freien (notwendige Bedingung) Kraeften, die man da politisch und zeitgeistig nach oben gespuelt hat und weiter spuelt.

KlausD.
29. November 2018 12:04

@RMH
"Wo und wann findet die erste Gelbwesten-Demo in Deutschland statt?"
Hier sind zumindest schonmal welche öffentlich aufgetaucht:
https://www.focus.de/regional/sachsen-anhalt/dessau-rosslau-protestbewegung-in-region-angekommen-gelbe-westen-haengen-an-autobahnbruecken-der-a-9_id_9987403.html

Maiordomus
29. November 2018 18:16

Nachtrag: Meine These, dass in der Schweiz angenommene Initiativen (Volksbegehren) von rechts zwar zu einer Art seelischen Entlastung der diesbezüglich abstimmenden Mehrheit führten, aber fast nie z u effektivem Handeln, darf als Einwand gegen die Forderung von Volksbefragungen auch in anderen Ländern genommen werden, wiewohl Druck in dieser Richtung nicht schlecht wäre und das Anliegen in Parteiprogramme sogenannt populistischer Parteien passen würde. Selbstverständlich ist die sinngemässe Aussage des Schweizer Bundespräsidenten, eine angenommene Initiative bedeute, dass sich die Regierung mit einem Problem befassen müsse und entsprechend nach Lösungen suchen, keine korrekte Auslegung des im 19. Jahrhundert zwischen 1848 und 1891 entwickelten Verfassungssystems mit direkter Demokratie. Es stimmt jedoch, dass Umsetzungen ohne Mehrheiten in beiden Parlamentskammern weitgehend blockiert werden können. Kommt dazu, dass das Schweizer Volk 1999 eine angebliche Formalrevision der Verfassung, also eine vollständige Neuformulierung bei angeblicher Beibehaltung der alten Inhalte, angenommen hat, welche über diese Neuformulierungen sehr stark in Richtung Justizstaat und Primat des sogenannten Völkerrechtes ausgeht, worunter man aber nicht mehr, wie ursprünglich versprochen, das sog. zwingende Völkerrecht, etwa dass die Schweiz Österreich nicht angreift, versteht, sondern mehr und mehr alles, was mit internationalem Recht zu tun hat. Deswegen wurde, zumal in der Westschweiz vor der Abstimmung behauptet, ein Ja zur Selbstbestimmung der Schweiz stelle 600 internationale Verträge in Frage, was offensichtlich verlogener Unsinn war. Ich ergänze diese Ausführungen, weil der soeben durchgewinkte UNO-Migrationspakt genau den Charakter hat, dass er vordergründig noch angeblich zu nichts direkt verpflichtet, hinterher aber die Begründungen von gerichtlichen Entscheidungen gegen die Souveränität eines Landes in dieser Frage liefern wird. Man nennt das die Weiterentwicklung des Rechts, auch nach dem Motto, dass, wie es im deutschen Grundgesetz steht und unterdessen auch in einigen Schweizer Kantonsverfassungen, "die Menschenwürde unantastbar" sei. Nach diesem Grundsatz gerichtlicher Auslegungen richtet sich dann die nur noch theoretische Möglichkeit der Ausschaffung illegaler Einwanderer, nachweisbar auch bei Drogenhandel, Sexualdelikten und sogar Tötungsdelikten, schon mittelfristig nach der Zumutbarkeit einer solchen Ausschaffung, beispielsweise auch für Familienangehörige oder sog. Lebenspartner, wobei etwa bereits die Ausschaffung in ein Land, wo Homosexualität strafbar ist oder gar wie in Eritrea die Zwangseinziehung zum Militärdienst droht, wegen des Menschenrechts auf Dienstverweigerung, nicht mehr als zumutbar gilt. Diese bereits jetzt in vielen Fällen feststellbare Rechtsentwicklung kann und wird durch den UN-Migrationspakt entgegen der Behauptung einiger bürgerlicher Opportunisten, die genau wissen, dass sie das Volk betrügen, nicht gebremst, sondern langfristig gefördert werden. In der Schweiz soll eine Bundesrätin gesagt haben, mit einem Nichteingehen auf den UN-Migrationspakt stelle man sich in eine Linie mit Orban und Trump, wobei man freilich in diesem Zusammenhang Israel nicht gerne nennt, weil doch die Flüchtlingspolitik der Schweiz im 2. Weltkrieg mit als Argument zur Annahme des Migrationspaktes herhalten muss. Das Thema dieser Kolonne sind vordergründig aber die "Gelbwesten". Dieselben gehören versuchsweise zur Praxis des Widerstandes in einem europäischen Land. Sollte dieser Widerstand sich jedoch noch auf anderes richten als auf die Frage des Spritpreises, muss man sich auf eine massive Kriminalisierung der Widerstand Leistenden gefasst machen. Ganz klar steht aber der derzeitige Widerstand der Gelbwesten als Symptom für soziale Unterdrückung der sogenannten Modernisierungsverlierer der Unterschicht und der unteren Mittelschichten, die schon rein beruflich auf ein entsprechendes Fahrzeug angewiesen wären. Es sind zum Teil dieselben, die aufgrund offener Grenzen auch innerhalb der Europäischen Union sich durch Billigarbeiter aus anderen Ländern potentiell oder aktuell bedroht fühlen. In diesem Zusammenhang sollte man nicht immer nur die Islamisierung vorschützen.

Der_Juergen
29. November 2018 22:13

@Maiordomus

Ihre beiden Wortmeldungen sind sehr durchdacht und enthalten viele Geistesblitze, etwa die schöne Formulierung, geistige Macht sei "die Hoheit über die Narrative".

Zu der Volksabstimmung über die "Selbstbestimmungsinitiative" in der Schweiz kann ich nur in tiefer Trauer sagen, dass sich das Schweizer Volk zum zweiten Mal in seiner Geschichte selbst entmündigt hat. 1994 sprachen sich 54% der Stimmberechtigten für das "Antirassismusgesetz" aus und entzogen sich dadurch selbst die Meinungsäusserungsfreiheit. Am letzten Wochenende wurde die "Selbstbestimmungsinitiative", die dem Schweizer Recht prinzipiell den Vorrang vor den Entscheidungen ausländischer Richter einräumen wollte, fast mit Zweidrittelmehrheit verworfen; nach ihrem freiwilligen Verzicht auf ihre Meinungsfreiheit begaben sich die Schweizer Stimmbürger in ihrer Mehrheit also auch noch ihrer Souveränität.

Man könnte da leicht in Resignation verfallen und erklären, die Schweizer seien selber daran schuld, wenn sie zur Minderheit im eigenen Land würden und schliesslich ausstürben. Vor diesem harten Urteilsspruch bewahrt einen aber die Erkenntnis, dass der Mensch fast unbegrenzt manipulierbar ist und dass die Feinde der europäischen Völker, um Maiordomus zu paraphrasieren, die "Hoheit über die Narrative" innehaben und so lange innehaben werden, bis man sie ihnen gewaltsam entzieht.

Erst wenn die Kluft zwischen der herben Realität und den rund um die Uhr verbreiteten Lügen der herrschenden "Elite" allzu tief wird, setzt ein massives Umdenken ein. In Frankreich hat dieser Prozess anscheinend bereits begonnen, und mit der unvermeidlichen Verschlechterung der Lage wird die Schweiz irgendwann nachziehen.

"Ewig werden sich die Menschen nicht von Ungeziefer und Skorpionen regieren lassen", meinte der dänische Schriftsteller Hans Scherfig (ein Kommunist, aber das tut hier nichts zur Sache) in seinem Roman "Skorpionen". Die Entwicklung in Westeuropa wird ihm recht geben.

Gustav
30. November 2018 09:24

"Terror ohne Tugend ist blutig; Tugend ohne Terror ist machtlos."
Robespierre

Maiordomus
30. November 2018 10:27

@Gustav. Die grösste Schande einer mit inkompetent vermittelten Geistesgeschichte finde ich, dass man Robespierre je mit Rousseau hat verwechseln können; auch Marx hat das Werk des Genfers über die Produktion einiger Schlagworte hinaus nie wirklich studiert.

Roxedl
30. November 2018 13:22

Danke für diese Analyse.

Was mir dabei ein wenig abgeht, ist der Verweis auf die "anarchische" Tradition der Franzosen. Militanz, Straßenblockaden, Rathäuser zumüllen? Gab es aus den verschiedensten Gründen schon vor 20, 30, 40 Jahren. Als Zehnjähriger habe ich schon große Augen gemacht, wenn Rathäuser mit Milch oder Artischocken geflutet wurden. Ebenso gab es aber die Tradition, die Bewegungen totlaufen zu lassen oder mit minimalen Konzessionen abzuspeisen (auch auf der radikal linken Seite, z. B. die KP mit den 68ern). Während das Totlaufen fast schon abzusehen ist, wird Macron trotz aller Härte den Armen vielleicht noch ein paar Brotkrumen vorwerfen und als große Wohltat verkaufen. Je weniger Konzessionen er macht, desto mehr Potenzial wird sich dem RN eröffnen – wenn es diese Wut richtig nutzt.

In D würden die Gelben Westen ohnehin nicht funktionieren.

heinrichbrueck
30. November 2018 18:52

Momentan gibt es wohl kein anderes Modell im Vergleich, außer das chinesische, deshalb die Parteiendemokratie Instrument der Herrschenden ist. Ein Volk in verschiedene Parteien aufzuspalten, es vor die abgekartete Wahl zu stellen, ist einfach nicht normal. Aus Schaden klug werden, in der Realität durchaus möglich, aber nicht, wie in diesem Fall, in der Politik. Mehrere unterschiedliche Parteien mögen zu einer Demokratie gehören, sie arbeiten aber nicht im Dienste ihrer Nation. Welches Menschenbild transportiert die Globaldemokratie, bzw. wie funktioniert die Realität? Die völkische Verbundenheit wird demokratisch aufgelöst, sogenannte Aufklärung und Streit sich zu einem Dauerzustand verfestigen, und das Volk jederzeit die Schuld besitzt. Politische Verantwortung geht so nicht, ist doch das Volk der Masse stets manipuliert, in seinem Entscheidungsernst, also in seiner politischen Pflichterfüllung, nicht entscheidungsfrei.

Gustav
1. Dezember 2018 09:45

@ Maiordomus

"....dass man Robespierre je mit Rousseau hat verwechseln können..."

Kein Fluss fließt ohne Quelle, und ist diese bereits trüb, wird der ganze Fluss faulig.

"Rousseau liebte sich selbst und hasste die anderen. (...) Moralisch war er keineswegs über jeden Zweifel erhaben, kritisierte aber alle bezüglich ihrer Moral. Er gab fünf seiner Kinder in staatliche Obhut, schrieb aber den 600 Seiten starken Emil oder über die Erziehung, worin er anderen erklärte, wie sie ihre Kinder zu erziehen hätten. (...) Er machte das Theater lächerlich, schrieb aber Stücke. Er kritisierte die Technik des Buchdrucks, nutzte sie jedoch selbst. Er geißelte die Mächtigen, bemühte sich aber gleichzeitig um deren Gunst und lebte von deren Großzügigkeit. (...) Er hielt Lobreden auf das Landleben, wohnte aber in der Hauptstadt, dem Hort allen Übels. Er idealisierte das bäuerliche Leben, besuchte jedoch selbst Salons in gehobenen Stadtvierteln, um über diese Kontakte bekannt zu werden. Er idealisierte Arbeiter und Handwerker, speiste aber mit Grafen, Herzögen und Fürsten und war in deren Schlössern zu Gast. Er sang das Hohelied körperlicher Arbeit, schlug aber nie auch nur einen Nagel selbst ein. (...) Die Philosophie mochte er nicht, war jedoch selbst Philosoph und riet auch den Königen, sich mit Philosophen zu umgeben. In seiner Abhandlung über die Wissenschaften und Künste erklärte er, es sei nicht zielführend, über sich selbst zu sprechen – und doch schrieb er eine über tausendseitige Autobiographie, die er als das ernsthafteste Buch aller Zeiten ankündigte (...) Rousseau war beides zugleich: eine botanische Heulsuse und ein Verfechter der Todesstrafe, der jeden zur Freiheit zwingen wollte, der sich seiner Logik widersetzte.
(...)
Die verblüffende Methode, mit der Rousseau vorging, findet sich bereits am Anfang seiner Abhandlung Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen: 'Beginnen wir also damit, die Tatsachen beiseite zu lassen.'
(...)
Der Rousseauismus ist eine seltsame Ideologie. Sie arbeitet mit Hypothesen statt Fakten, unterstellt die Gleichheit der Menschen im Naturzustand, obwohl die Schwachen von den Starken unterjocht wurden, und hält die Menschen von Natur aus für gut, obwohl sie schon immer andere unterworfen haben. Sie predigt, die Gesellschaft mache die Menschen böse, weshalb es genügte, die Gesellschaft zu ändern, um die Menschen wieder gut zu machen."
(...)
Rousseaus schrecklicher Paralogismus bestand in dem Glauben, der Mensch könne einen gegen die eigenen Interessen gerichteten Willen ausbilden. Dieser Glaube negiert alles, was die Anthropologie – und mit ihr die französische Moralistik – uns seit jeher lehrt. Die Unfähigkeit der Menschen zum Gemeinwillen ruiniert Rousseaus Gedankengebäude. Die Menschen sind nur fähig, den Willen aller abzubilden, also die Summe der Partikularinteressen, nicht aber einen Gemeinwillen."
(Michael Onfray, "Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis bin Laden", Paris 2017, S. 439-446)

Hier haben Sie alles beisammen: die Geburt des Linksintellektuellen aus dem Geist des Ressentiments, die Doppelmoral und den Herrschaftsanspruch des Linken, der als Nutznießer fremder Wertschöpfung zu einer parasitären Existenz verdammt ist (was seinen Hass und Groll auf die Gesellschaft erst so richtig entfacht), seinen theorieverliebten Kampf gegen die Conditio humana, die Anthropologie als – und die französischen Moralisten als erste – Gegenspieler des linken Illusionismus, und nebenbei noch die Erklärung, warum die Kommunikationstheologie des Jürgen Habermas zwangsläufig ebenso auf der Theoriemüllhalde der Gattung enden wird wie die gesammelten Ressentiments seines frühen Milchbruders aus Genf.
(M. Klonovsky, Acta diurna)

quarz
2. Dezember 2018 12:21

Das Erfreulichste im Zusammenhang mit den aktuellen Pariser Ereignissen ist der Umstand, dass der Selbstbehauptungswille der ethnischen Franzosen offenbar noch nicht erloschen ist. Sie sträuben sich gegen die Eloi-isierung. Es sind noch Reste an "Thymos-Spannung" da. Ob's reicht, wird man sehen.

Maiordomus
3. Dezember 2018 20:37

@Gustav. Von ernst zu nehmenden Rousseaukenntnissen kann man bei Onfray wie bei anderen oberflächlichen Tendenz-Generalisten wohl kaum sprechen; er ist eindeutig kein ausgewiesener Rousseau-Forscher. Sie kommen mir insofern vor einer, der sagt, das "habe ich doch bei Wikipedia gelesen"; besser wäre es, die 24bändige Ausgabe von Prof. Eigeldinger zu konsultieren, dazu die in einem dicken Band dokumentierte Rekonstruktion des Lebens von Rousseau von Tag zu Tag; ferner seine 56 Briefbände; ein Beispiel ist auch, dass er über die Hintergründe der damaligen Kinderheime, der Geburten von Rousseaus Kindern und der Verhältnisse bei deren Geburt so wenig recherchiert hat wie um Rousseaus Bemühungen, Spuren dieser Kinder wieder zu finden. Onfray gehört sicher nicht zu den besten 100 Rousseau-Kennern, sondern er plappert lächerliches überholtes Schulbuchwissen nach. Es steht mir aber nicht zu, hier an dieser Stelle den entsprechenden Unsinn zu widerlegen, empfehle Ihnen aber den 1000seitigen Dictionnaire Jean-Jacques Rousseau (Paris 2006), ebenfalls von Eigeldinger. Als noch auf den besten Rousseau-Kenner in Deutschland verweise ich gerne auf Heinrich Meier, einer der bedeutendsten deutschen Gelehrten mit enormer Kenntnis der Geschichte der politischen Philosophie, Rousseau-Herausgeber und Verfasser einer 2012 erschienenen bedeutenden Studie über Rousseaus Glücks-Begrifft; ein Gelehrter notabene sogar mit "rechter" Biographie. Mit Rousseau beschäftige ich mich übrigens seit etwas mehr als 50 Jahren, wobei ich jedoch vor der gründlichen Aufarbeitung seiner Hintergründe in den Bibliotheken und Archiven von Genf, Neuchâtel, Chambéry, Paris und Montmorency teilweise den Quatsch, den Sie oben vermitteln, aufgrund der polemischen Darstellung etwa bei Egon Friedell, der das Thema ebenfalls nur sehr oberflächlich angegangen ist, noch für wahr hielt. Zu Rousseaus Verfahren als Autor gehören übrigens regelmässig überspitzte Formulierungen, die er aber dann in der Regel sogar in dem Werk, wo sie sich befinden, oft im Anfangsteil eines Buches, wieder weitgehend in die Proportionen bringt. Über Rousseau kann man sich aber hier nicht angemessen auslassen, das müsste wohl auf Seminar-Ebene mal geschehen. Für das Verständnis von Rousseau ist die Geschichte der Demokratie in Genf im 17. und 18. Jahrhundert ebenso grundlegend wie die damalige Schule des Naturrechts von Burlamaqui, Barbeyrac, de Vattel, Pufendorf, Micheli du Crest, letzterer Rousseaus politischer Erwecker als demokratischer Revolutionär. Ohne diese Voraussetzungen weiss man von Rousseau etwa so viel oder so wenig wie über Schnellroda, wenn man sich von "Rechtsextremisusexperten", möglich solchen, die sich nie direkt mit diesen Leuten auseinandergesetzt haben, "orientieren" lassen will.

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