Die Gelbwesten und das periphere Frankreich

Was geschieht in Frankreich seit dem 17. November?

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wo ist die Empö­rung unse­rer preis­de­mo­kra­ti­schen Pres­se, daß im Frank­reich Macrons hun­der­te Demons­tran­ten von der Poli­zei ver­prü­gelt und ver­letzt wur­den?  Wie wür­den die Schlag­zei­len lau­ten, wenn sich Sze­nen wie die­se nicht auf der Champs Ély­sées, son­dern am Roten Platz abge­spielt hät­ten? Wo ist der Jubel, mit dem der Euro­mai­dan bedacht wur­de, der rasch in einen blu­ti­gen Bür­ger­krieg abge­stürzt ist?

Kein Zwei­fel: Der hie­si­gen schrei­ben­den Klas­se ist der Auf­stand der mit Stra­ßen­blo­cka­den kämp­fen­den “Gelb­wes­ten”, dem sich hun­der­tau­sen­de Men­schen in ganz Frank­reich ange­schlos­sen haben, nicht ganz geheu­er. Denn offen­sicht­lich revol­tie­ren hier die fal­schen Leu­te aus den fal­schen Grün­den, unter ihnen Lin­ke eben­so wie Rech­te, gegen den Retor­ten­kan­di­da­ten des euro­päi­schen Estab­lish­ments, Emma­nu­el Macron.

Direk­ter Anlaß der Pro­tes­te ist die ab 2019 gül­ti­ge Erhö­hung der Treib­stoff­steu­er für Die­sel und Ben­zin, und dies, obwohl die Prei­se allein in die­sem Jahr um 18% ange­stie­gen sind. Vor allem die Die­sel­prei­se sind damit enorm erhöht wor­den. Die­se Maß­nah­me wur­de unter ande­rem “öko­lo­gisch”, mit der Not­wen­dig­keit einer “Ener­gie­wen­de” begrün­det. Man will die Auto­fah­rer von den Die­sel­mo­to­ren weg­drän­gen, was blö­der­wei­se 68 Pro­zent aller in Frank­reich zuge­las­se­nen Pri­vat­au­tos betrifft.

Frank­reichs Innen­mi­nis­ter Chris­to­phe Cas­ta­ner äußer­te am 23. September:

Wir ver­wirk­li­chen das ehr­gei­zi­ge Pro­jekt eines öko­lo­gi­schen und soli­da­ri­schen Über­gangs, um Frank­reich zu einem Pio­nier­land zu machen: schritt­wei­ser Aus­stieg aus fos­si­len Brenn­stof­fen, Schluß mit Gly­pho­sat, Erhö­hung der Koh­len­stoff­steu­er, Anglei­chung der Dieselbesteuerung.

Die­ser Tweet war gefolgt von der Bemerkung:

Las­sen Sie uns auf die Koali­ti­on popu­lis­ti­scher, rück­schritt­li­cher und dem­ago­gi­scher Kräf­te mit einem offe­nen Bünd­nis all jener ant­wor­ten, die an das Euro­pa der Demo­kra­tie und des Rechts, der Frei­heit und der Soli­da­ri­tät glau­ben. Wir wer­den nicht zulas­sen, daß sie 60 Jah­re gemein­sa­men Auf­baus zerschlagen.

Zu den “Gelb­wes­ten” ist ihm bis­her nur ein­ge­fal­len, daß er ihren “Auf­ruf zu Haß und Gewalt” verurteilt.

Selbst­ver­ständ­lich war die Die­sel­steu­er nur der berüch­tig­te Trop­fen, der das Faß zum Über­lau­fen brach­te. Man konn­te die sozia­le Explo­si­on schon lan­ge ahnen. Kaum zurück­ge­kehrt von einer Kari­bik­rei­se, auf der er buch­stäb­lich mit ein paar halb­nack­ten schwar­zen Kri­mi­nel­len geschmust hat­te, belehr­te Macron ein paar Senio­rin­nen, sich gefäl­ligst nicht über Ren­ten­kür­zun­gen zu beschweren.

Die Welt berichtete:

Frank­reichs Prä­si­dent Emma­nu­el Macron hat erneut vie­le Bür­ger mit Äuße­run­gen zu sei­ner Reform­po­li­tik ver­prellt. Am Ran­de eines Besuchs am Grab von Ex-Staats­chef Charles de Gaul­le in dem Ort Colom­bey les Deux Égli­ses sag­te Macron zu einer Grup­pe von Senio­rin­nen, sie dürf­ten sich über Ren­ten­kür­zun­gen nicht beschwe­ren. Jeder im Land müs­se „sich anstrengen“.

Die Frau­en beklag­ten sich bei dem Prä­si­den­ten über „schmerz­haf­te“ Ein­schnit­te durch die Anhe­bung der Sozi­al­steu­er durch sei­ne Regie­rung und die damit ver­bun­de­ne Ren­ten­kür­zung. Macron wies die Frau­en dar­auf­hin zurecht: „Das Ein­zi­ge, was man nicht machen darf, ist, sich zu beschweren.“

Das habe ihm der Enkel de Gaulles gesagt, und das sei auch das Mot­to des 1970 ver­stor­be­nen Gene­rals gewe­sen. „Das Land wäre dann bes­ser dran“, beton­te Macron. Im Übri­gen wer­de er dar­um kämp­fen, dass die Ren­ten auch für künf­ti­ge Genera­tio­nen sicher seien.

In den sozia­len Netz­wer­ken sorg­te das Video von dem Gespräch für Empö­rung. „Der Prinz weiß, wie man zum Volk spricht“, spot­te­te ein Nut­zer. Kürz­lich hat­te Macron bereits mit sei­nem Rat an einen Arbeits­lo­sen einen wah­ren Shit­s­torm erzeugt. Er sag­te, die­ser müs­se „nur über die Stra­ße gehen“, um einen Job zu finden.

Das ist “neo­li­be­ra­le” Arro­ganz, ein­ge­wi­ckelt in eine heuch­le­ri­sche patrio­ti­sche Rhe­to­rik. Anläß­lich der Fei­ern zum Geden­ken des Waf­fen­still­stands von 1918, rich­te­te Macron eine Spit­ze gegen den selbst­er­klär­ten “Natio­na­lis­ten” Donald Trump:

Patrio­tis­mus ist das genaue Gegen­teil von Natio­na­lis­mus. Natio­na­lis­mus ist ein Ver­rat am Patrio­tis­mus. Indem wir unse­re eige­nen Inter­es­sen vor­an­stel­len, ohne Rück­sicht auf ande­re, löschen wir genau das aus, was einer Nati­on am wert­volls­ten ist, die Sache, die sie am Leben hält: ihre mora­li­schen Werte.

Was er unter “mora­li­schen Wer­ten” ver­steht, hat Macron wohl gezeigt, als er sich im Juni des Jah­res Ély­sée-Palast mit einer schwu­len schwar­zen Tanz­trup­pe (man erkennt ein gewis­ses Mus­ter) ablich­ten ließ wie ein spät­rö­mi­scher Kaiser.

Kom­bi­niert mit den Bil­dern von den Pari­ser Stra­ßen­schlach­ten vom letz­ten Wochen­en­de, die an ganz ande­re revo­lu­tio­nä­re Zei­ten Frank­reichs erin­nern, kann man ihn sich gut vor­stel­len, wie er dem unbot­mä­ßig auf­müp­fi­gen Volk zuruft: “Ihr habt kein Geld für Ben­zin? Dann fahrt doch mit dem Taxi!”

Man sieht bereits mit dem blo­ßen Auge, daß dies­mal eine ganz ande­re Bevöl­ke­rungs­grup­pe auf den Stra­ßen ist, als jene Kli­en­tel, die ansons­ten die Ban­lieues von Paris in Stü­cke zer­legt. In einer Fern­sehrun­de for­mu­lier­te Jean Mes­siha, ein Poli­ti­ker des Front Natio­nal (nun umbe­nannt im Ras­sem­ble­ment Natio­nal) mit kop­ti­schem Migrationshintergrund:

Als ich auf den Sam­mel­plät­zen der Gel­ben Wes­ten in den ver­schie­de­nen Ban­lieues war, konn­te ich kei­ner­lei ‘Diver­si­ty’ sehen. Weder eine sozia­le – alle sind Mit­tel­schicht­ler -, noch eine ras­si­sche. Fast 100% der Leu­te waren weiß.

Das dies zutrifft, zei­gen die Video­auf­nah­men der Pro­tes­te (ein zwei­ein­halb­stün­di­ger Stream etwa hier). Das ist in einem zumin­dest in den Metro­po­len stark “umge­volk­ten” Land wie Frank­reich auf­fäl­lig und bemerkenswert.

Eben­so wie Mes­siha sieht es Jean-Yves Gal­l­ou (eben­falls Ras­sem­ble­ment Natio­nal):

Die Gelb­wes­ten? Las­sen Sie mich Klar­text reden: Das ist das wei­ße Frank­reich, das sind haupt­säch­lich Fran­zo­sen euro­päi­scher Her­kunft, die an der Peri­phe­rie der Städ­te leben, die von Stadt­zen­tren ver­trie­ben wur­den, weil sie zu teu­er gewor­den sind; und von den nahe­ge­le­ge­nen Vor­städ­ten, weil sie sich in Ein­wan­de­rer­vier­tel ver­wan­delt haben. Also brau­chen die Gelb­wes­ten ihr Auto, um zur Arbeit zu fah­ren, um Ein­käu­fe zu machen, um ihre Kin­der in die Schu­le zu brin­gen.  Und sie lei­den unter den Preis­er­hö­hun­gen für Treib­stoff, beschlos­sen von einer Regie­rung, die sich mit der Kli­en­tel der Stadt­zen­tren iden­ti­fi­ziert, wo Macron bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl mit nord­ko­rea-arti­gen Wahl­er­geb­nis­sen von bis zu 90% abschnitt.

Ähn­lich beschrieb es der links­po­pu­lis­ti­sche, anti­li­be­ra­le Phi­lo­soph Jean-Clau­de Michéa:

Was die Argu­men­te der “Öko­lo­gen” angeht – der­je­ni­gen, die eine “Ener­gie­wen­de” vor­be­rei­ten, die vor allem die Ver­schmut­zung des Wes­tens in die Län­der des Südens ver­la­gern wird -, daß die­se spon­ta­ne Bewe­gung nur von “einer Ideo­lo­gie der Kar­re” und von „Ker­len, die Kip­pen rau­chen und mit Die­sel fah­ren” getra­gen wer­de, so sind sie eben­so absurd wie widerwärtig:

In Wahr­heit soll­te klar sein, daß die meis­ten Gel­ben Wes­ten nicht den gerings­ten Spaß dar­an haben, ihr Auto jeden Tag zum 50 km ent­fern­ten Arbeits­platz fah­ren zu müs­sen oder auf das ein­zi­ge Ein­kaufs­zen­trum ihrer Gegend ange­wie­sen zu sein, das nor­ma­ler­wei­se 20 km ent­fernt in der frei­en Natur steht; ganz zu schwei­gen von dem ein­zi­gen Arzt, der noch nicht im Ruhe­stand ist und des­sen Büro 10 km von ihrem Wohn­ort ent­fernt ist.

(All die­se Bei­spie­le sind mei­ner Erfah­rung im Dépar­te­ment Lan­des ent­nom­men! Ich habe sogar einen Nach­barn, der von 600 € im Monat lebt und den Tag des Monats berech­nen muß, an dem er noch genug Die­sel – die­se Essenz der Armen –  hat, um ohne Pan­ne nach Mont-de-Mar­san ein­kau­fen fah­ren zu können!)

Wet­ten, daß sie die Ers­ten sind, die ver­stan­den haben, daß das eigent­li­che Pro­blem die seit 40 Jah­ren andau­ern­de sys­te­ma­ti­sche Umset­zung des libe­ra­len Pro­gramms durch die auf­ein­an­der­fol­gen­den Regie­run­gen von links und rechts ist, die ihr Dorf oder ihren Bezirk schritt­wei­se in eine medi­zi­ni­sche Wüs­te ohne die gerings­te Grund­ver­sor­gung ver­wan­delt hat, wäh­rend das ein­zi­ge Unter­neh­men, das immer noch in der Lage ist, ihnen einen unsi­che­ren, schlecht bezahl­ten Job anzu­bie­ten, nun meh­re­re Dut­zend Kilo­me­ter ent­fernt ist (wenn es “Vor­ort­plä­ne” gibt – was gut wäre -, dann offen­sicht­lich nicht für die­se Dör­fer und Gemein­den, in denen die Mehr­heit der fran­zö­si­schen Bevöl­ke­rung lebt und die offi­zi­ell dazu aus­er­ko­ren wur­den, sich für den “Sinn der Geschich­te” und die “euro­päi­sche Inte­gra­ti­on” aus­lö­schen zu lassen!).

Es ist offen­sicht­lich nicht das Auto als sol­ches – als “Zei­chen” ihrer angeb­li­chen Inte­gra­ti­on in die Welt des Kon­sums (sie sind ja kei­ne Lyo­ner oder Pari­ser!) -, das die Gelb­wes­ten heu­te ver­tei­di­gen. Es ist ein­fach so, daß ihr gebrauch­ter Die­sel­wa­gen (den ihnen die EU-Kom­mis­si­on abknöp­fen will, weil er nicht mehr ihren stän­dig revi­dier­ten Nor­men zur “Über­wa­chung der Ver­kehrstüch­tig­keit” ent­spricht) ihre ulti­ma­ti­ve Über­le­bens­chan­ce bedeu­tet, also ein Dach über dem Kopf, einen Job und etwas, womit sie sich selbst und ihre Fami­li­en ernäh­ren kön­nen, inner­halb des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems, wie es sich ent­wi­ckelt hat, und wie es die Gewin­ner der Glo­ba­li­sie­rung begünstigt.

Gal­l­ou nennt als Kron­zeu­gen den Geo­gra­phen Chris­to­phe Guil­luy, einen ein­fluß­rei­chen aka­de­mi­schen Außen­sei­ter, der den Begriff des “peri­phe­ren Frank­reich” geprägt hat, der zum viel­zi­tier­ten Schlag­wort in den poli­ti­schen Debat­ten Frank­reichs gewor­den ist.

Guil­luy kon­sta­tiert eine wach­sen­de Kluft zwi­schen dem urba­nen Frank­reich der Bal­lungs­ge­bie­te und dem abseits gele­ge­nen “peri­phe­ren” Frank­reich, die zu einem regel­rech­ten Klas­sen­kampf eska­liert sei. Das “peri­phe­re Frank­reich” umfaßt etwa 60% der Bevöl­ke­rung, die in klei­nen und mit­tel­gro­ßen Städ­ten lebt, über­wie­gend “stamm­fran­zö­sisch” (also “weiß”) ist, und der Arbei­ter­klas­se und der unte­ren Mit­tel­schicht ent­stammt (man spricht von den “clas­ses popu­lai­res”, ein Begriff, in dem das “Volk” und der “Popu­lis­mus” schon drinnenstecken).

Abge­schnit­ten vom urba­nen, glo­ba­len Arbeits- und Inves­ti­ti­ons­markt ist die­se Schicht ein öko­no­mi­scher “Ver­lie­rer” der Glo­ba­li­sie­rung. Laut Guil­luy – ich ent­neh­me das Fol­gen­de einem Inter­view in éle­ments 165/2017 – befin­den sich vie­le Bewoh­ner des “periphä­ren Frank­reich” in einer viel pre­kä­re­ren Lage als die Bewoh­ner der von Ein­wan­de­rern domi­nier­ten Ban­lieues, die näher an den öko­no­mi­schen Zen­tren leben. Die “Peri­phe­ren” sind die­je­ni­ge Schicht, die am stärks­ten von Arbeits­lo­sig­keit betrof­fen ist.

Jean-Clau­de Michéa

Sie füh­len sich von den eta­blier­ten Par­tei­en nicht mehr reprä­sen­tiert, ja ver­ges­sen, negiert, allein­ge­las­sen, sogar ver­ach­tet und aus­ge­beu­tet. Die glit­zern­den glo­ba­lis­tisch-welthu­ma­ni­tä­ren “Wer­te” Macrons mit­samt Homo­se­xu­el­len­kult und Lob­preis der “Diver­si­ty” sind für sie nichts­sa­gen­de, klas­sen­spe­zi­fi­sche Accessoires.

In einem ande­ren Inter­view aus dem Jahr 2014, noch zu Zei­ten Hol­lan­des, äußer­te Guilluy:

Das Pro­blem ist: Wie redet die Lin­ke mit der Arbei­ter­klas­se? Wenn ich mit Men­schen im peri­phe­ren Frank­reich über ihre Pro­ble­me spre­che, dann spre­chen sie über Beschäf­ti­gungs­pro­ble­me, Euro­pa, Brüs­sel, Glo­ba­li­sie­rung, Ein­wan­de­rung. Aber die Tor­hü­ter der Lin­ken wol­len nicht über Ein­wan­de­rung reden…Wenn sie kei­ne Mög­lich­keit fin­den, dar­über zu spre­chen, wird die Sozia­lis­ti­sche Par­tei implo­die­ren, wahr­schein­lich an der Basis begin­nend. Sie müs­sen sich beei­len, denn schon bezeich­net sich der Front Natio­nal als Frank­reichs Par­tei Num­mer 1.

Wie man auch in Didier Eri­bons Rück­kehr nach Reims nach­le­sen kann, ist dies in der Tat ein Grund, war­um der Front Natio­nal gera­de in tra­di­tio­nel­len Arbei­ter­vier­teln erheb­li­chen Erfolg hat. In die­ser sozia­len Fra­ge liegt ein wich­ti­ger Schlüs­sel, um den Auf­stieg des Popu­lis­mus zu ver­ste­hen (Dazu sie­he auch die Aus­füh­run­gen von Bene­dikt Kai­ser hier, hier und hier).

Die “Peri­phe­ren” sind mit den “Deplor­ables” des “Fly­o­ver Ame­ri­ca” ver­gleich­bar, denen Donald Trump sei­nen Wahl­sieg und sei­ne Anhän­ger­ba­sis ver­dankt. Und ein sys­te­ma­ti­scher Ver­gleich wür­de wohl ähn­li­che Mus­ter in “Dun­kel­deutsch­land”, beson­ders im gefürch­te­ten Sach­sen, aus­fin­dig machen.

Als “Sie­ger” der Glo­ba­li­sie­rung iden­ti­fi­ziert Guil­luy vor allem die neue Klas­se der “Bobos”, der “Bohè­me-Bour­geois”, die der obe­ren Mit­tel­schicht ent­stam­men und seit den 80er Jah­ren die Gen­tri­fi­zie­rung der “quar­tiers popu­lai­res” vor­an­ge­trie­ben hät­ten. Die “Bobos” bil­den eine neue Bour­geoi­sie, ver­netzt mit der Welt­wirt­schaft, boden­un­ab­hän­gig, tätig im Dienst­leis­tungs­sek­tor, in intel­lek­tu­el­len Beru­fen und auf qua­li­fi­zier­ten Arbeitsplätzen.

Von der alten Bour­geoi­sie unter­schei­det sie, daß sie weder deren öko­no­mi­sches Kapi­tal noch deren Ver­mö­gens­wer­te besitzt. Sie ist gene­rell links­ge­rich­tet und tritt nicht als herr­schen­de Klas­se auf. Das ist aller­dings mehr oder weni­ger ein Trick, eine Selbst- und Fremd­täu­schung, um ihre sozia­le Herr­schaft zu fes­ti­gen. In der Tat gehört es zum Inven­tar und Selbst­bild der Bobos, sich selbst als gro­ße lin­ke Wider­ständ­ler, ja als Opfer des Sys­tems der “1%” und der Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on zu sehen. Damit tun sie letzt­lich so, als gäbe es kei­nen sozia­len Klas­sen­un­ter­schied zwi­schen einem Ein­wan­de­rer und einem Universitätsprofessor.

Nur gele­gent­lich sind die Ver­tre­ter die­ser Klas­se so ehr­lich wie Micha­el See­mann in jenem Arti­kel, den Alex­an­der Gau­land zum Leid­we­sen des Ver­fas­sers offen­bar sehr auf­merk­sam gele­sen hat:

Die glo­ba­le Klas­se hat zwar sehr rei­che Indi­vi­du­en her­vor­ge­bracht, vor allem im Sili­con Val­ley, aber inter­es­san­ter Wei­se nut­zen sie die­sen Reich­tum vor allem wie­der, um es in dis­kur­si­ves Kapi­tal zurück­zu­ver­wan­deln; in ande­re Star­tUps oder in ambi­tio­nier­te Welt­ret­tungs­pro­gram­me. Denn ins­ge­heim weiß sie längst, was die eigent­li­che Quel­le ihrer Macht ist: Sie kon­trol­liert den Dis­kurs, sie kon­trol­liert die Moral.

Die­se “neue Bour­geoi­sie” ori­en­tie­re sich, so Guil­luy wei­ter, nach den gro­ßen Chefs von Sili­con Val­ley, leger, ohne Kra­wat­te, mit “coo­lem” Habi­tus. Dabei hat die­se Klas­se eine Men­ge neu­er kul­tu­rel­ler Codes und Sta­tus­sym­bo­le ent­wi­ckelt. Man stel­le sich Zolas Rou­gon-Mac­quart-Fami­lie in der Mas­ke von Hip­stern vor, die das Modell der “offe­nen Gesell­schaft” pro­pa­gie­ren (bei uns wür­de man wohl “Welt­of­fen­heit” sagen).

Guil­luy:

Das ist ein unan­greif­ba­rer Dis­kurs. Was hat man wohl­wol­len­den Men­schen ent­ge­gen­zu­set­zen, die pre­di­gen, man sol­le sich “dem Ande­ren öff­nen”? Die Offen­heit für den Ande­ren ist zugleich Aus­weis ihrer mora­li­schen Über­le­gen­heit und ein äuße­res Zei­chen für Wohl­stand. Die­ses grund­sätz­li­che “Wohl­wol­len” und die­se fal­sche Offen­heit ver­bie­ten es im vorn­her­ein, sich inner­halb eines Klas­sen­kon­flikts zu ver­or­ten. Schlim­mer noch: Die Klas­sen­be­zie­hun­gen ver­wan­deln sich auf der Stel­le in kul­tu­rel­le Bezie­hun­gen. Der Arbei­ter ver­schwin­det; was bleibt, ist das Sicht­ba­re: die sicht­ba­ren Min­der­hei­ten und die Eth­ni­sie­rung des Sozialen.

Wenn es nun den Bobos lan­ge Zeit gelun­gen ist, ihre Klas­sen­stel­lung zu ver­leug­nen und zu ver­ber­gen, so wur­de sie dank ihrer unver­hoh­le­nen und aggres­si­ven Ver­ach­tung für die Anhän­ger Trumps, des Bre­x­it oder des Front Natio­nal umso deut­li­cher sicht­bar. Die­sel­ben Leu­te, die stän­dig den Slo­gan des “Viv­re ensem­ble” (“zusam­men leben”, ver­gleich­bar der hie­si­gen “Viel­falt” und “Bunt­heit”) im Mund füh­ren, haben im Lau­fe der Jah­re Gra­ben um Gra­ben errich­tet, Front­li­nie um Front­li­nie gezogen.

Indem sie die Wäh­ler des Front Natio­nal ver­teu­felt haben, sind sie auch der Dia­gno­se aus­ge­wi­chen, war­um die­se den Popu­lis­mus gewählt haben. Und dadurch konn­ten sie die Augen vor der “neo­feu­da­len Logik” der gro­ßen Metro­po­len ver­schlie­ßen: Das Gesetz des Mark­tes, gespie­gelt im Preis der Immo­bi­li­en. So sei die “offe­ne Gesell­schaft” immer mehr zur einer geschlos­se­nen gewor­den, wobei sie im Grun­de nie etwas ande­res gewe­sen sei als ein Syn­onym für das Gesetz des Marktes.

Die Ein­wan­de­rung erlau­be es dem Bobo, die sozia­le Fra­ge durch eine kul­tu­rel­le zu erset­zen. Für den Pari­ser Bobo ist der “klei­ne Wei­ße” schwer zu ver­ste­hen, weil er ihm in einer Klas­sen­be­zie­hung gegen­über­tritt. Er kann ihn als “Ras­sis­ten” brand­mar­ken, um den sozia­len Vor­wurf nicht sehen zu müs­sen, mit dem ihn die­ser konfrontiert.

Guil­luy betont, daß nicht nur die Gen­tri­fi­zie­rung, son­dern auch die Immi­gra­ti­on zu den Pro­fi­teu­ren der Glo­ba­li­sie­rung gehört. Dies ist der Block der rest­li­chen 30–40%. Die Bobos, die inte­grier­ten obe­ren Mit­tel­schich­ten der Metro­po­len bedür­fen der Migran­ten, um ihren Lebens­stil auf­recht zu erhal­ten. Die Löh­ne die­ser Sub­al­ter­nen sei­en lächer­lich, vom afri­ka­ni­schen Kin­der­mäd­chen bis zum mali­schen Koch.

Guil­luy ist außer­dem der Ansicht, daß die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung nicht nur die “klei­nen Wei­ßen” kul­tu­rell ver­un­si­chert. Nie­mand hat Lust, zur Min­der­heit zu wer­den, denn jede Min­der­heit weiß, daß sie vom Wohl­wol­len der Mehr­heit abhän­gig ist. So gebe es auch soet­was wie einen “Maghreb Flight” (mei­ne For­mu­lie­rung), eine Flucht der Maghre­bi­ner aus Stadt­vier­teln, in denen Schwarz­afri­ka­ner die Mehr­heit werden.


Ähn­lich wie Ren­aud Camus spricht Guil­luy von einem “Krieg der Augen”. Der Bobo ver­schließt ohne gro­ße Kom­ple­xe die Augen, weil ihm genü­gend sym­bo­li­sche Kom­pen­sa­tio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen – “Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus für zehn­tau­send Euro im Monat ist nicht das­sel­be wie für tau­send.” Einem jun­gen Mann aus unte­ren Schich­ten fehlt die­se Kom­pen­sa­ti­on. Er ist “zum Objekt des größ­ten sozia­len Pla­nes der Geschich­te” gewor­den (nichts ande­res als das “his­to­risch ein­zig­ar­ti­ge Expe­ri­ment” Yascha Mounks).

Guil­luy erin­nert an einen wei­te­ren wich­ti­gen Punkt:

Die sozia­le Mobi­li­tät ist die Mobi­li­tät der gro­ßen Metro­po­len, die obe­re Mobi­li­tät der Füh­rungs­kräf­te, die unte­re Mobi­li­tät der Migran­ten. Dem ste­hen 53% der Fran­zo­sen gegen­über, die in den Lan­des­tei­len leben, in denen sie gebo­ren sind. In den “popu­lä­ren” Klas­sen des peri­phe­ren Frank­reichs sind es sogar über 60%. Pre­ka­ri­sie­rung und Seß­haft­ma­chung. Eben­so wie es de fac­to eine Mul­ti­kul­tu­ra­li­sie­rung gibt, gibt es par­al­lel eine de fac­to Wie­der­ein­wur­ze­lung. Daher wird die iden­ti­tä­re Fra­ge fundamental.

Ich fah­re mit Jean-Yves Gal­l­ou fort:

Zu Beginn woll­te nie­mand die­se Ent­wick­lung, die­se Mar­gi­na­li­sie­rung der soge­nann­ten “Fran­zo­sen des Stam­mes” (Fran­çais dits de sou­che) in ihrem eige­nen Land sehen. Sie war nicht kon­form mit der poli­ti­schen Kor­rekt­heit. Und plötz­lich wur­de sie zum Bei­spiel in Saint-Denis deut­lich sicht­bar, wo der Front Natio­nal vor drei­ßig Jah­ren sei­ne größ­ten Sie­ge ein­fuhr. Heu­te hat die­se Bevöl­ke­rung Saint-Denis ver­las­sen. Es war einer der Bezir­ke, wo es die wenigs­ten Blo­cka­den gab.

Trotz etli­cher Tri­ko­lo­re-Fah­nen, die auf den Pro­tes­ten geschwenkt wur­den, haben die­se bis­lang nur in Ansät­zen eine natio­na­le Fär­bung ange­nom­men. Wie Gal­l­ou und Guil­luy andeu­ten, spielt das Pro­blem des “Gro­ßen Aus­tauschs” jedoch auch hier eine impli­zi­te Rolle.

Der für die­sen Blick­win­kel zustän­di­ge Ren­aud Camus bemerk­te auf Twitter:

Wor­über geben sich die Gelb­wes­ten Rechen­schaft? Daß nicht mehr sie das Volk sind. Für die Regie­rung ist das Volk der Ande­re, der Neue. Die Regie­rung betrach­tet sie als Relik­te, die – es muß gesagt wer­den – bis zum Tod die Kos­ten ihres eige­nen Aus­tau­sches bezah­len sollen.

Und:

Gel­be Wes­ten, ihr revol­tiert gegen den exor­bi­tan­ten Preis, den ihr für euren eige­nen Geno­zid, den Gro­ßen Aus­tausch, bezah­len sollt; Wäre es nicht logi­scher, ihr wür­det gegen die­sen Geno­zid, die eth­ni­sche Sub­sti­tu­ti­on, die Zer­stö­rung des natür­li­chen Vol­kes revoltieren?

Das ist aller­dings eine tie­fe­re Pro­blem­schicht, für die inge­samt wohl noch wenig Bewußt­sein vor­han­den ist. Am dring­lichs­ten sind für Gelb­wes­ten immer noch ihre kon­kre­ten Lebensumstände.

Zum Abschluß: Wie zu erwar­ten, betrach­tet auch Alain de Benoist, der Guil­luy und Michéa geis­tig sehr nahe steht, die Revol­te der Gelb­wes­ten als posi­ti­ve, not­wen­di­ge Entwicklung.

Das “peri­phe­re Frank­reich”, das heu­te ohne Zwei­fel das am meis­ten fran­zö­si­sche Frank­reich ist, das man jedoch sich selbst über­las­sen hat, der Arbeits­lo­sig­keit, den sin­ken­den Löh­nen, der Pre­ka­ri­sie­rung, der Ent­or­tung, der Ein­wan­de­rung, hat nach Jah­ren der Geduld und der Lei­den end­lich gesagt: “Es reicht!” Das ist die Bewe­gung der Gelb­wes­ten. Ehre sei ihr, Ehre sei ihnen! 

Dabei nennt er zwei Din­ge beson­ders frap­pie­rend – da wäre ers­tens der spon­ta­ne Cha­rak­ter der Bewegung:

Die Gelb­wes­ten sind ein gelun­ge­nes Bei­spiel der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on des Vol­kes. Kei­ne gro­ßen und klei­nen Chefs, kei­ne Cäsa­ren und Tri­bu­nen, son­dern allein das Volk. Das ist Popu­lis­mus in sei­ner reins­ten Form. Nicht der Popu­lis­mus der Par­tei­en und der Bewe­gun­gen, die die­sen Titel für sich bean­spru­chen, son­dern, was Vin­cent Cous­se­diè­re den “Popu­lis­mus des Vol­kes” (popu­lisme du peu­p­le) genannt hat.

Da wäre zweitens:

… der unglaub­li­che Haß, der den Gelb­wes­ten von Ver­tre­tern der herr­schen­den Ideo­lo­gie ent­ge­gen­schlägt, die trau­ri­ge Alli­anz zwi­schen dem Klein­adel der Macht, den lächer­li­chen Prä­ziö­sen und den Finanz­märk­ten. “Dumpf­ba­cken”, “Pri­mi­tiv­lin­ge”, “alte Kna­cker”, sind die Wör­ter, die am häu­figs­ten fie­len (von “Braun­hem­den” ganz zu schweigen!).

Benoist sieht in der Bewe­gung einen über­grei­fen­den Impuls am Werk:

Auch wenn die Arbei­ter­klas­se und die unte­re Mit­tel­schicht trei­ben­der Motor waren – was der Bewe­gung einen außer­ge­wöhn­li­chen Klas­sen­cha­rak­ter gibt -, so kamen die Gelb­wes­ten doch aus ver­schie­de­nen Milieus, ver­ein­ten Jun­ge und Alte, Bau­ern und Unter­neh­mens­lei­ter, Ange­stell­te, Arbei­ter und Füh­rungs­kräf­te. Frau­en eben­so wie Män­ner (ich den­ke an die pen­sio­nier­ten Sieb­zig­jäh­ri­gen, die trotz der Käl­te nicht zöger­ten, in ihren Autos zu schla­fen, damit die Stra­ßen­sper­ren Tag und Nacht auf­recht­erhal­ten wer­den kön­nen). Men­schen, denen weder die Rech­te noch die Lin­ke irgend­et­was bedeu­tet, und die sich zum Groß­teil noch nie poli­tisch betä­tigt haben, die aber wegen einer fun­da­men­ta­len Sache kämp­fen, die sie alle gemein haben: Das Gefühl, von der media­len Kas­te wie Men­schen zwei­ter Klas­se behan­delt zu wer­den, die man besteu­ern und aus­beu­ten kann wie es der räu­be­ri­schen Olig­ar­chie der Rei­chen und Mäch­ti­gen gefällt, die man nie­mals befragt, aber immer täuscht.

Die Pro­tes­te sei­en aller­dings (hof­fent­lich) erst der Anfang:

Mit den Gelb­wes­ten befin­det sich Frank­reich bereits auf dem Weg zum Umsturz. Wenn sie sich noch mehr radi­ka­li­sie­ren, umso bes­ser. Wenn nicht, wird die War­nung deut­lich gewe­sen sein. Sie wird einen Wie­der­ho­lungs­wert haben. Auch in Ita­li­en ist die Fünf-Ster­ne-Bewe­gung aus einem “Tag des Zorns” ent­stan­den, und heu­te ist sie an der Macht. Bei uns wird die defi­ni­ti­ve Explo­si­on in weni­ger als zehn Jah­ren stattfinden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (40)

quarz

28. November 2018 09:27

Habe gerade getagträumt, wie Georg Restle bei der ARD als Kommentator von Lichtmesz abgelöst wird.

Fritz

28. November 2018 09:36

Sehr interessanter hoch analytischer Text.

Irgendwie sind die Franzosen wohl immer noch das "Vorvolk" Europas, wie Ludwig Börne sagte.

Der_Juergen

28. November 2018 10:14

Vor zwei Jahrzehnten sagte mir der mittlerweile verstorbene Ahmad (eigentlich Albert) Huber, Journalist und als Islam-Konvertit ein bizarrer Paradiesvogel im kleinen nationalen Lager der Schweiz, die europäische Erhebung werde im "verfaultesten Land des Kontinents", nämlich in Frankreich, beginnen. Es macht ganz den Anschein, als solle Huber recht behalten.

De Gaulle, Pompidou, Giscard d'Estaing, Mitterrand, Chirac, Sarkozy, Hollande und nun der lächerliche Schwuli Macron - bedrückender als mit der Aufzählung ihrer letzten acht Präsidenten liesse sich die Talfahrt der Grande Nation nicht veranschaulichen. Aber es gibt Hoffnung. Ihr Träger ist nicht der FN, den Marine Le Pen, die ewige Kompromisslerin, in RN umbenannt hat, sondern die weisse Unterschicht, die von einem verbrecherischen System um ihre Zukunft betrogen wird. Wahlen bringen in Frankreich nichts mehr; der Wandel lässt sich nur durch eine Revolution bewerkstelligen. Das gilt auch für Deutschland.

MARCEL

28. November 2018 10:20

Der "Bürgerkönig" des Jahres 2018 hat fertig...
Auch Christophe Guilluy (ein Linker) hat dazu gestern im noch unentschiedenen Magazin Cicero Interessantes gesagt (u.a. Migrationsstopp, gefährliche Abkoppelung der Schichten voneinander...).
Ob der Funke wie weiland 1848 auch nach Deutschland überfliegt, kann kaum vorhergesagt werden. Hier ballt man zu sehr die Faust in der Tasche.
Auch ist in Frankreich, wie Armin Mohler einmal feststellte, in Existenzfragen immerhin noch ein größerer Zusammenhalt herzustellen als in Deutschland.
Ernst Niekisch, der ewig Enttäuschte, hat für Deutschland festgestellt, dass es hier seit den Tagen der Reformation immer nur "von oben" geht. (Wichtige Ausnahmen: 17. Juni 1953 und DDR 1989, beides im Osten) Selbst 1848 brach zusammen, als der preußische König nicht mehr mitmachen wollte.
Mann müsste zuerst die psychologischen "Philister" und "Pharisäer" im eigenen Inneren entmachten, um im Außen die Angst vor der eigenen Courage zu verlieren. Leicht gesagt...
Übigens: Ein Friedrich Merz könnte unser Macron werden

RMH

28. November 2018 11:48

Danke für das Aufgreifen des Themas und für die fundierte Analyse dazu! Die Bewegung der gelben Westen sollte auch in Deutschland Fuß fassen.

Als Berufspendler und damit Teil des peripheren Deutschlands, habe ich mich in dem Text und seinen Zitaten sehr oft wiederfinden können (alleine diese tiefe Wahrheit in der Formulierung: "Diesel - die Essenz der Armen") und ich hoffe, eine ähnliche Bewegung bildet sich auch bald bei uns - ich wäre mit auf der Straße dabei.

Dass dieses Thema in unseren Haupt- bzw. selbsternannten "Leit"-Medien verschwiegen oder wenn, dann nur auf Sparflamme gehalten wird, kann eigentlich keinen mehr verwundern. Allerspätestens seit dem beredtem Schweigen zur Aufklärung um das vermeintliche Hetzjagd-Video von Chemnitz dürfte doch wohl auch dem Letzten klar sein, was hier in unserem Lande gespielt wird.

Monika

28. November 2018 12:12

zuerst mal wieder Danke für die klare Analyse. Es ist immer wieder eine Freude, so übersichtlich informiert zu werden anstatt ideologisch zugeschwurbelt.
Zur Ergänzung :
1. Zeitgleich mit den Gelben Westen fand in Paris eine der größten Frauendemos mit 5O OOO Teilnehmern statt unter dem Slogam NousToutes und dies im noblen Pariser Opera Viertel. Hier versammelten sich alle feministischen Organisationen und auch hier waren die Teilnehmerinnen eher weiß und gut bürgerlich. Diese Demo ging allerdings unter neben den "Gelben Westen".
Das kann man durchaus programmatisch verstehen. Der Emma Artikel bezeicht die gilets jaunes als " populistische Basisproteste"
https://www.emma.de/artikel/paris-50000-frauen-auf-der-strasse-336279
Diese "Bobo" Frauenproteste gehen schon lange nicht mehr an die Wurzel des Problems ( d.i. vor allem die Gewalt gegen Frauen,die von gewissen Gruppen ausgeht und nicht vom bösen weißen Mann. ) Die normale Pariser Familie am Stadtrand lässt ihre Kinder schon lange nicht mehr mit der Metro in die Innenstadt fahren. Auch hier wird mit dem elterlichen Fahrdienst die Problematik "Männergruppen" umgangen.
Vor diesem Hintergrund ist die schicke feministische Frauendemo nicht zu verstehen und geht im wahrsten Sinne des Wortes unter.

2. Alain de Benoist bemerkt zurecht die Spontanität der Protestbewegung ( Populismus in seiner reinsten Form) und die Kraft einer solchen Bewegung, die die Herrschenden irritiert und zu Gewalt herausfordert. Diese Spontanität und Kraft war etwa auch auf der zweiten Pegidademo in Dresden spürbar und auch auf der ersten großen Demo in Kandel. Hier konnte man tatsächlich das Gefühl haben, die da Oben in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Ich vermute aber, dass diese Spontanität auch in Frankreich verloren gehen wird durch entsprechende Vereinnahmungen von Rechts oder von Links und dass die Bewegung dadurch an Schlagkraft verliert. Mag die Parole "Macron Démission" im Moment noch flotter klingen als "Merkel muß weg", so kann sie sich schnell abnutzen,mwenn inhaltlich nicht mehr kommt.
3. Ich denke, dass erst die Befreiung aus traditionellen politischen Kategorien , seien sie rechts oder links, eine "revolutionäre" Stimmung schafft, die zu politischen Veränderungen führen kann.
Möglicherweise, wenn die Frauenproteste sich mit populitischen Basisprotesten verbinden lassen...wer weiß...

Ein gebuertiger Hesse

28. November 2018 12:18

Leider hat das beneidenswerte französische Selbstverständnis, für die eigenen Forderungen auf die Straße zu gehen, in letzten Jahren zu praktisch nichts geführt. Anfang 2013 sammelten sich über eine Million Leute auf den Pariser Straßen, um ein lautes Signal gegen die Einführung der Homo-Ehe auszusenden (Dominique Venner erschoß sich nicht zuletzt aus dem gleichen Grund bald darauf in Notre Dame), aber es hat rein gar nichts gebracht, die "Eheöffnung" - auch dies eine Grenzöffnung - kam dennoch und gilt seither. Daher dürfen wir, was unsere Hoffnungen auf die Widerstandskraft der Gelbwesten angeht, vielleicht eher skeptisch sein.

Fritz

28. November 2018 12:39

Zum Thema:

https://www.newstatesman.com/world/europe/2018/11/yellow-jackets-are-reminder-emmanuel-macron-rules-only-one-version-france

"The yellow vests know the ecological transition is necessary – they just don’t want to feel like they’re the only ones paying dearly for it."

deutscheridentitaerer

28. November 2018 13:02

Schön und gut, aber ich kann nicht begreifen, wieso man wegen gestiegener Spritpreise das Land lahmlegt, aber die Masseneinwanderung und ihre Folgen widerstandslos hinnimmt.

Ein gebuertiger Hesse

28. November 2018 13:17

Was uns die Gelben Westen allerdings lehren: sie sind, was ihre physische Präsenz angeht, ein Widerstands-Symbol erster Güte. Ein solches wird nicht "gemacht", nicht ausgeklügelt, es entsteht vielmehr aus akuter kollektiver Notwendigkeit. Ein einfachster Gegenstand, leicht zu beschaffen, wirkt dann als positives Stigma, als Erkennungszeichen eines BUNDES. Martin Sellner sprach hierüber vor einigen Jahren in Schnellroda und nannte als Beispiel das Herumtragen einer Apfelsine, das in einem, soweit ich mich erinnern kann, südamerikanischen Land, als gemeinschaftliche Widerstandsgeste zum Einsatz gekommen ist. An dieser Stelle lohnt es sich, einmal wieder bei C. G. Jung nachzuschlagen und zu schauen, was für ein archetypisches Symbol auszeichnet: nämlich, dass es das menschliche Bewusstsein in Kontakt mit dem kollektiven Unbewussten bringt, wenn es in den Menschen aktuell lebendig ist. In den Gelben Westen drückt sich, das darf man vielleicht bereits sagen, genau dies aus. Sie sind die rechte Geste zur rechten Zeit.

Johannes Poensgen

28. November 2018 13:48

Das periphere Frankreich rebelliert gegen die eine Regierung, die sich nur um die Interessen der globalen Klasse kümmert? Das mögen die selbst so sehen, doch die Sache ist komplizierter und beinhaltet für uns eine wichtige Lektion:

Wenn Sie einem digitalen Startup-Unternehmer sagen, daß Frankreich die neue globale Klasse auf Kosten der alten Mittelschicht verhätschelt, dann lacht er Sie aus!

Die französische Wirtschafts- und Steuerpolitik hat die globale Digitalelite systematisch vergrault. Viele sind entweder in die Schweiz, oder gleich nach Silicon Valley abgewandert.

Und das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Frankreich wirtschaftlich abrutscht. Die miserable ökonomische Lage des peripheren Frankreichs ist nicht durch kosmopolitische Eliten verursacht worden, sondern, durch deren Abwesenheit. Wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein. Dagegen zu protestieren ist wie eine Demo gegen die Schwerkraft.

Für jeden, der die Identität Europas erhalten will, liegt darin ein gesellschaftliches Problem, daß vielleicht dramatischer ist, der Bevölkerungsüberschuss der dritten Welt: Jedes Land, das heute mithalten will, braucht diese kosmopolitische Digitalelite. Trotz ihrer destruktiven politischen Einstellung sind diese Leute unverzichtbar.

Bis jetzt sieht es so aus: Die können uns ersetzen, aber wir nicht sie!

Es gibt kein rechtes Silicon Valley, keine rechte Technologieelite. Wir sind froh, wenn wir eine Internetseite zum laufen bringen. Das ist unsere größte, vielleicht tödliche Schwäche.

Gerald Hörhan hat über dieses Thema ein leicht verständliches und jedem zu empfehlendes Buch geschrieben: "Der Stille Raub. Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen."

nom de guerre

28. November 2018 13:57

@ deutscheridentitärer
"Schön und gut, aber ich kann nicht begreifen, wieso man wegen gestiegener Spritpreise das Land lahmlegt, aber die Masseneinwanderung und ihre Folgen widerstandslos hinnimmt."
Weil man meint, diesen Folgen aus dem Weg gehen zu können, indem man an bestimmten Orten wohnt bzw. eben nicht wohnt und auch sonst bei der eigenen Lebensgestaltung bestimmte Orte frequentiert und andere meidet. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das ja auch. Die mittel- bis langfristigen Folgen hingegen, denen niemand entkommen wird, blenden vermutlich auch in Frankreich die meisten Leute aus. Mit den Spritpreisen ist es anders: Als Pendler betrifft einen das ohne Ausweichmöglichkeit unmittelbar und sofort.

eike

28. November 2018 14:51

Unsere Nachbarn sind hoffnungslos in der Falle von 1789, die sie jeden 14.Juli begeistert feiern.

Sie nenen es "droit du sol" und meinen, daß jede Schwangere, die rechtzeitig den Urwald nach Französisch Guyana überquert, einen Franzosen zur Welt bringt.

Karl

28. November 2018 16:13

@Poensgen:
Steile Thesen vom Studenten:
Das Vergraulen der „globalen Digitalelite“ als Ursache für das wirtschaftliche Abrutschen. Die Anwesenheit „Kosmopolitischer Eliten“ verhindert eine miserable ökonomische Lage. „Wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein. Dagegen zu protestieren ist wie eine Demo gegen die Schwerkraft. … Jedes Land, das heute mithalten will, braucht diese kosmopolitische Digitalelite.“
Es als Naturgesetz zu betrachten wirtschaftliche Prosperität nur durch „digitale Eliten“ (wer oder was immer das sein mag???) erreichen zu können, kann nur aus einer BoBo-Perspektive heraus indoktriniert werden. Für einen Hammer ist alles ein Nagel. Solche Denkweise ist ahistorisch und haftet im Zeitgeist. Bits kann man nicht essen. Sie sind nicht notwendig. Neue Spiele folgen anderen Regeln.

H. M. Richter

28. November 2018 16:44

Eingangssätze wie Hammerschläge, - chapeau, Lichtmesz, chapeau !

Und auch ansonsten: Die Beschreibung des "peripheren Frankreichs" führt ins Zentrum der gegenwärtigen Lage. Dank dafür !
___________________________________

@ deutscheridentitaerer

"Schön und gut, aber ich kann nicht begreifen, wieso man wegen gestiegener Spritpreise das Land lahmlegt, aber die Masseneinwanderung und ihre Folgen widerstandslos hinnimmt."

Die gestiegenen Spritpreise sind der Tropfen, der in Frankreich das Faß zum Überlaufen brachte. Masseneinwanderung, Homoehe, Verdrängung an die Peripherie, Entfremdung und Entwurzelung sind dagegen Teil des Fasses.

Wenn es ebenso spürbar wie schmerzhaft an die Geldbörse geht, wird das Volk ungemütlich. In Frankreich ohnehin, aber auch in Deutschland wird dies möglicherweise schon demnächst zu beabachten sein. Kommt man mit Leuten beispielsweise in Mitteldeutschland ins Gespräch - Arbeiter, Handwerker und Angestellte u.v.a.m. - hört man wieder und wieder Sätze wie "Irgendwann knallt's", "Demnächst knallt's", "Nicht mehr lange, dann brennt die Luft", "Das kann so nicht mehr weitergehen" usw. usf.

Auch hier scheint längst das Faß randvoll zu sein. Die Lage ist nicht mehr mit jener zu vergleichen, als die CDU vor Jahrzehnten mit dem Slogan "Das Boot ist voll!" Wahlkampf zu machen versuchte, denn heutzutage ist es das Faß der eigenen Existenz, das bis zum Überlaufen voll ist. Gut möglich, daß dies die Stichwortgeber der "schreibenden Klasse" sehr wohl wissen und Berichte über die "Gelb-Westen" deshalb so klein wie möglich zu halten versuchen. Es wird ihnen nichts nützen.

Boricua

28. November 2018 16:49

@deutscheridentitaerer

Ich geh mal davon aus, dass die Leute durchaus bereit sind, sich durch ein anderes Volk austauschen zu lassen, aber sie wollen nicht, dass sie dabei wie Penner behandelt werden - also irgendwie ein Abtritt mit Würde oder so. Wer bei den Verteilungskämpfen unter seinesgleichen das Eigene zu genüge kennenlernen durfte, hat wahrscheinlich auch keine große Lust mehr darauf das Eigen zu verteidigen.

Weltversteher

28. November 2018 16:58

Poensgen,

"jedes Land das heute mithalten will" - das hört sich an wie miefige BRD-Philister und "Junge, warum hast Du nichts gelernt?" Man muß doch mit der Zeit gehen...

Es ist vielleicht zunächst die Frage, wohin man denn will. Vielleicht schickt sich eines nicht für alle? Es könnte sein, daß wir - und noch das eine oder andere Volk - eine bestimmte Aufgabe haben, die wir aus unserer Anlage heraus leisten können. Und damit einen Wandel, auch für andere mit, befördern.

Cacatum non est pictum

28. November 2018 18:55

Vorab: Die Beiträge von Lichtmesz sind in letzter Zeit durchweg von allerhöchstem Niveau - strukturiert, inhaltlich punktgenau und mit der gebotenen Distanz zum Geschehen verfaßt. Wie viele Journalisten im heutigen Medienbetrieb beherrschen ihr Handwerk noch derart gut? Ich fürchte, man muß sie mit der Lupe suchen.

Erfrischend finde ich die klarsichtigen Analysen der im Artikel zitierten Linken. Welch Unterschied zum pathetisch-moralistisch-kenntnislosen Geschwafel der linksliberalen Wortführer in Deutschland!

"...

Guilluy ist außerdem der Ansicht, daß die demographische Entwicklung nicht nur die 'kleinen Weißen' kulturell verunsichert. Niemand hat Lust, zur Minderheit zu werden, denn jede Minderheit weiß, daß sie vom Wohlwollen der Mehrheit abhängig ist. So gebe es auch soetwas wie einen 'Maghreb Flight' (meine Formulierung), eine Flucht der Maghrebiner aus Stadtvierteln, in denen Schwarzafrikaner die Mehrheit werden ..."

Eine wesentliche Triebfeder für den Bosnienkrieg in den neunziger Jahren war die starke ethnische Durchmischung innerhalb der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina. Es standen sich drei große Volksgruppen gegenüber, die sich geographisch wie ein Flickenteppich über das Territorium verteilten. Als der Staat Jugoslawien zu zerfallen begann und eine territoriale Neuaufteilung anstand, lautete die Gretchenfrage: "Warum soll ich eine Minderheit in Deinem Staat sein, wenn Du eine Minderheit in meinem Staat sein kannst?"

Die nachgerade zwingende Konsequenz aus diesem Dilemma waren die brutalen Vertreibungen, die man seinerzeit "ethnische Säuberungen" taufte. Solche Szenarien werden immer wieder dort in Kraft treten, wo es keine signifikante Bevölkerungsmehrheit (in ethnischer Hinsicht) mehr gibt. Weltoffenheit und Toleranz im Sinne unserer heutigen Terminologie sind also erstklassige Bürgerkriegsbeschleuniger. Die Bobos werden das aber nie kapieren.

Cacatum non est pictum

28. November 2018 19:26

@Karl

"Steile Thesen vom Studenten: ..."

Ich fürchte, Herr Poensgen könnte recht behalten. Bis vor kurzem habe ich auch immer auf die Alltagsfloskeln in Sachen Digitalisierung geschimpft ("Der digitale Wandel ist unaufhaltsam!" etc.). Für mich war und ist die Digitalisierung vor allem ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm monströsen Ausmaßes. In den Industrieländern wird schon bald das große Heulen und Zähneklappern losgehen, wenn immer mehr Arbeiter und Angestellte von den Segnungen der Robotik verdrängt werden.

Ich war deshalb der Ansicht, daß es dieser unsozialen Entwicklung mit aller Kraft entgegenzuwirken gelte. Inzwischen - auch nach der Lektüre von Sieferles tiefschürfendem Werk "Epochenwechsel" - habe ich eingesehen, daß der Digitalisierung (wie auch der Globalisierung) eine Art historische Dynamik innewohnt, der wir uns nicht einfach so entziehen können. Wer dieses Phänomen - und sei es aus guten Gründen - stur ignoriert, der könnte tatsächlich irgendwann den Anschluß verpassen und in Folge dessen auch seine politische Handlungsfähigkeit verlieren.

Globalisierung und Digitalisierung werden sich dereinst von allein erledigen, spätestens mit der endgültigen Vernutzung der fossilen Ressourcen. Einstweilen müssen wir uns aber nach der Decke strecken und dem Phänomen der Digitalisierung auf Augenhöhe begegnen, um es mal mit einer phrasenschweinverdächtigen Formulierung zusammenzufassen.

quarz

28. November 2018 20:52

@cacatum
"Für mich war und ist die Digitalisierung vor allem ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm monströsen Ausmaßes"

Dieser Umstand ist vor allem im Zusammenhang mit den folgenden beiden Tatsachen zu sehen:

1) Es wird aufgrund der höheren intellektuellen Anforderungen der Arbeitswelt bereits in naher Zukunft kaum noch Arbeitsplätze für Leute mit IQ unter 87 geben. Die US-Armee, die mehr Erfahrung mit Intelligentests hat als jede andere Institution auf der Welt und die aus verschiedenen Gründen wenig anspruchsvoll ist bei der Rekrutierung von Personal, nimmt bereits jetzt niemanden mit IQ unter 83, weil sie selbst in ihren einfachsten Arbeitsfeldern keine Verwendung für solche Leute hat.

2) Die große Masse der aktuellen Immigranten ins Merkelland stammt aus Ländern, in denen der Durchschnitts(!)-IQ auf dem Niveau des kritischen Wertes oder darunter liegt.

Aus all dem folgt, dass sich der soziale Kontrast zwischen den "unterschiedlich lange hier Lebenden" noch viel dramatischer zeigen wird, als er es bereits jetzt aus Gründen der kulturellen und religiösen Inkompatibilität tut. Das Sozialsystem, das die aktuell Regierenden ja jedem Eindringling zur Verfügung stellen (und dies per UN-Migrationspakt auch für die Zukunft sicherstellen wollen), wird so starke migrationsspezifische Schlagseite bekommen, dass auch der verblendetste Bobo den rauheren Seegang zu spüren bekommt und die übliche Problemtarnrhetorik versagt. Die Lage wird sich zuspitzen.

Waldgaenger aus Schwaben

28. November 2018 21:35

Das verlinkte youtube Video wurde anscheindend von einer trotzkistischen Splittergruppe erstellt.
Ganz normal, dass linke Sektierer an Massendemonstrationen anzudocken versuchen. Aber dass der Autor kein anderes Video gefunden hat, scheint auf organisatorisches Verbesserungspotential der französischen Rechten binzuweisen.

ML: Ich habe doch mehrere Videos verlinkt.

Bedenklicher scheint mit etwas anderes:
Es braucht nicht viel Phantasie vorher zu sagen, was geschieht, wenn die Proteste noch etwas andauern oder sich ausweiten. Die Bewohner der banlieues werden sich gelbe Westen überstreifen, Geschäfte und Banken plündern und nebenbei nur zum Spaß Autos und Häuser anzünden.

Die Polizei muss dann den Mob nur gut eingehegt etwas toben lassen und das besagte weiße Prekariat und die weiße Mittelschicht wird die gelben Westen abstreifen und heim gehen, damit die Polizei den Mob bekämpft, bevor er vor der eigenen Haustür steht.

Die Zeit der Revolution von der Straße aus ist in multiethnischen Gesellschaften wohl vorbei.

Was aber nicht heißt, dass jeder Protest außer der an der Wahlurne vergebens ist. Die weiße Mittelschicht kann und wird neue Protestformen finden. Zum Beispiel das eigene Konto bis zum Überziehungslimit in bar abräumen, und dann keine Rechnung mehr bezahlen. Abbuchungen und Daueraufträge werden sowieos nicht mehr ausgeführt. Alles legal und großes Risiko.
Ganz schnell werden die Regierenden über die Forderungen verhandeln.

Noch was zu Digitalisierung:
Ich bin Diplom-Informatiker und seit 35 Jahren Software - Entwickler. Wir sind weder Superhirne noch eine Kaste von Hohenpriesern. Software-Entwickler müssen mit Spezialisten der jeweiligen Anwendungsgebiete (Betriebswirte, Mediziner, Ingenieure) zusammen arbeiten.
Man kann den allgemeinen brain-drain thematisieren, aber nicht das Thema auf eine "digitale Elite" eingrenzen.

Das kommende schnelle Internet (5G) wird dezentrales Arbeiten vereinfachen. Wer lieber in einer beschaulichen Provinzstadt wohnt, kann das dann auch ohne den Arbeitsplatz aufgeben zu müssen.
Vielleicht wird das schnelle Internet eine soziale und ethnische Entmischung bewirken. Ich empfehle mal den Gang über den Campus einer technischen Universität, zum Beispiel in der TU München: Mitteleuropäer, Osteuropäer, einige Asiaten ( Inder, Chinesen und Vietnamesen) und damit hat es sich dann fast schon. Dazwischen vielleicht noch vereinzelt ein paar Studentinnen mit Kopftuch.

Karl

28. November 2018 22:12

@gekackt ist nicht gemalt

Gerade das "Arbeitsplatzvernichtungsprogramm" Digitalisierung kann ja wohl kaum dazu führen, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Mittelschicht zu verbessern. Digitalisierung ist auch kein "Phänomen", das schicksalhaft über uns gekommen ist. Die verschränkten Entwicklungen der Digitalisierung und der Globalisierung bedingen einander und sind letztlich ökonomischer Natur. Das Primat der Ökonomie treibt sowohl den Kommunismus/Sozialismus wie auch den Kapitalismus/die Marktwirtschaft. Muss dieser ökonomische Wahn immer so weitergehen? Das menschliche Maß hat diese Aufwärts- (bzw. recht betrachtet Abwärts-) Spirale schon längst verlassen. Also die Hände in den Schoß zu legen und die Geschichte als gott- oder schicksalsergeben demütig geschehen zu lassen wäre nicht die einzige Möglichkeit.

Nemesis

28. November 2018 22:19

@Cacatum non est pictum
"daß der Digitalisierung (wie auch der Globalisierung) eine Art historische Dynamik innewohnt, der wir uns nicht einfach so entziehen können."

Mich würde interessieren, was Sie unter der historischen Dynamik genau verstehen, die der Globalisierung Ihrer Meinung nach innewohnt. Für mich hört sich das nach einer Art naturgesetzlichen oder historischen Gesetzmäßigkeit an, von der ich nicht denke, daß sie vorliegt. Vielleicht verstehe ich Sie da aber auch falsch.

Nemesis

28. November 2018 22:58

@Johannes Poensgen
"Und das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Frankreich wirtschaftlich abrutscht. Die miserable ökonomische Lage des peripheren Frankreichs ist nicht durch kosmopolitische Eliten verursacht worden, sondern, durch deren Abwesenheit. Wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein."

Unterteilen wir die wesentlichen Geschäftsbereiche der digitalen Elite (Software):
1. Industrie und Handel
2. Finanzdienstleistungen
3. Behörden und Verwaltungen
Daraus folgt:
1. Industrien und Handel: sind definitiv auf Verbraucher angewiesen.
2. Finanzdienstleister: sind zum Teil auf Industrien, Handel, Verbraucher angewiesen, der Rest der Branche verdient sein Geld mit Wetten. (Aufhebung Trennbankensystem, selbstzerstörendes Modell)
3. Behörden und Verwaltungen: sind auf Verbraucher angewiesen.

Daraus folgt, daß auch eine digitale Elite offensichtlich für Ihre Produkte und Produktideen im Wesentlichen auf Verbraucher angewiesen sind. Würden keine Güter verkauft, kein Handel betrieben, wäre ein großteil der Programmiererei sehr schnell vorbei.
Big Data ist ja nur deshalb so ein Thema, weil Daten verkauft werden. Weil die Daten der Verbraucher benötigt werden.
Trickle Down funktioniert auch hier nicht.
Ein kurzer Überblick zeigt:
List of largest European companies by revenue:
Gesamt 160, davon:
119 Industrie und Handel
41 Finanzsektor und Consulting
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_largest_European_companies_by_revenue

List of largest companies by revenue by industry sector:
Gesamt: 50, davon
37 Industrie, Handel
13 Finanzsektor
https://en.wikipedia.org/wiki/Forbes_Global_2000

Schlußfolgerung:
Nicht wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein, sondern wo Industrie, Handel, Handwerk, Finanzdienstleistungen abwandern, zieht Armut ein. Von wo aus die digitale Elite programmiert ist letztlich unerheblich. Die Verarmung kommt durch die absichtliche Herstellung völlig ungleicher Produktionsbedingungen, die dann in Konkurrenz gesetzt werden (z.B. Produktion in China bei denen keinerlei Umweltauflagen im Gegensatz zu Europa gemacht werden etc.)

Cacatum non est pictum

29. November 2018 01:20

@Karl

"... Die verschränkten Entwicklungen der Digitalisierung und der Globalisierung bedingen einander und sind letztlich ökonomischer Natur. Das Primat der Ökonomie treibt sowohl den Kommunismus/Sozialismus wie auch den Kapitalismus/die Marktwirtschaft. Muss dieser ökonomische Wahn immer so weitergehen? Das menschliche Maß hat diese Aufwärts- (bzw. recht betrachtet Abwärts-) Spirale schon längst verlassen ..."

Da bin ich voll bei Ihnen. Wenn es nach mir ginge, würde der Welt ein politisches Gesamtpaket verordnet, das mindestens die Kategorien Deindustrialisierung, Entglobalisierung und Entmassung bedient. Natürlich nicht als radikale Sofortkur nach Vorbild einer Kulturrevolution, sondern als kontinuierlich ablaufendes Langzeitprogramm, das uns Schritt für Schritt wieder an einen Zustand des Zusammenlebens heranführt, den man gesund und würdig nennen darf. Auf diese Weise ließe sich zum Beispiel der am Horizont aufscheinende Kollaps der zahlenmäßig völlig hypertrophierten Weltbevölkerung vielleicht verhindern, sicher aber abmildern.

Leider jedoch geht es nicht nach mir - und nach Ihnen auch nicht. Globalisierung und Digitalisierung sind zwei übermächtige Kenngrößen der Jetztzeit. Jede politische Strategie - welcher Art auch immer - muß sie zwangsläufig ins Kalkül ziehen. Eine einseitige Mißachtung kann sich kein Staat und kein Gemeinwesen leisten, weil man sich andernfalls im internationalen politischen Geflecht rettunglos verheddern würde. Eine Gegenbewegung muß daher auf viel breiterer Basis stehen.

@Nemesis

"Mich würde interessieren, was Sie unter der historischen Dynamik genau verstehen, die der Globalisierung Ihrer Meinung nach innewohnt. Für mich hört sich das nach einer Art naturgesetzlichen oder historischen Gesetzmäßigkeit an, von der ich nicht denke, daß sie vorliegt. Vielleicht verstehe ich Sie da aber auch falsch."

Vielleicht habe ich mit meiner Wortwahl etwas zu dick aufgetragen. Die Globalisierung im engeren Sinne ist ein Prozeß, der sich nun über Jahrzehnte hinzieht und inzwischen einen solchen Einfluß ausübt - nämlich auf jede bedeutsame politische Entscheidung weltweit -, daß man ihn ruhigen Gewissens eine historische Größe nennen kann. Von einer Gesetzmäßigkeit möchte ich nicht sprechen, wohl aber von einem autonomen System, das sich aus unzähligen dezentralen Quellen speist und an dem sich eine unüberschaubare Vielzahl von Profiteuren nährt. Kurz gesagt: Man kann die Globalisierung nicht einfach auf Knopfdruck abschaffen. Daß sich derzeit auch auf großer politischer Bühne Widerstand regt (Trump!, Brexit!), ist zwar ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber mehr noch nicht. Ich vermute eher, daß die Globalisierung eines Tages an systemimmanenten Schwächen zugrunde gehen wird.

RMH

29. November 2018 08:16

"Nicht wo die digitale Elite abwandert, zieht die Armut ein, sondern wo Industrie, Handel, Handwerk, Finanzdienstleistungen abwandern, zieht Armut ein. Von wo aus die digitale Elite programmiert ist letztlich unerheblich."

Das ist meiner Meinung nach in dieser Einfachheit nicht richtig. Digitalisierung hat doch gerade die am Ende totale Erfassung, Verwebung der IT mit der Realwelt, mit Industrie, Handel, Dienstleistung bzw. der Dinge und Leistungen untereinander und zueinander zu tun. Die Mode-Schlagworte dazu sind "Internet of Things", "Blockchain", "Daten sind das Erdöl des 21 Jhdts." etc. etc. Bereits jetzt können zwar viele Länder Autos dem Grunde nach bauen, aber Autos, die sich selbst überwachen und steuern und die eingebunden sind in eine Datenaustauschnetz, was recht bald auch Teil der Anforderung zur Erlangung einer Betriebserlaubnis werden kann, das können dann wiederum nur wenige.

In einer Lieferkette der Zukunft wird am Ende selbst ein Bauer seine Mohrrüben nicht mehr los, wenn er nicht Teil der vernetzten und damit eben digitalisierten Lieferkette ist (übrigens auch ein Anwendungsfeld für Blockchains).

Leute, da ist etwas im Entstehen bzw. bereits vorhanden, wo man als Laie nur verwundert und raunend daneben steht und da ist es dann vollkommen Wurst, wenn ein paar Softwarebestandteile nach den Vorgaben des Bestellers in Indien, Pakistan oder gar Nordkorea ausprogrammiert werden.

Am Beispiel des Bauern: Wird er nicht Teil des Ganzen, kann er versuchen, evtl. an irgendeinem örtlichen Wochenmarkt, falls der nicht auch schon bereits "digitalisiert" ist (Gewerbeschein und Tageskarte gibt es nur noch "online" etc.), sein Zeug bei Leuten, die Ware nur wie gemalt haben wollen, oder via Hofverkauf los zu werden, aber auch dafür wird er in Zukunft dann digitale Bezahlsysteme, bspw. eine elektronische Kasse, benötigen, die jederzeit einem elektronischem "Kassensturz" durch die Finanzbehörden standhält (wird irgendwann mal automatisiert im Hintergrund einfach so mitlaufen). Evtl. wird er zukünftig jedes einzelne Samenkorn erfassen, validieren, auditieren, zertifizieren etc. müssen, bevor er es in den genau digitalisierten, GPS-Satelliten überwachten Acker am genau vorgesehenen Aussaatloch einbringen darf.

Digitalisierung bedeutet nichts abgetrenntes, abgehobenes irgendwo in Silicon Valley Stattfindendes, sondern totale IT und Vernetzung, gerade der realen Welt, der Dinge und der "old economy". Schon heute werden die lokalen Server und Datenspeicher mehr und mehr verdrängt durch "Cloud"-Lösungen, Autos loggen sich "ein" bevor sie los fahren etc. Wer hier die richtigen Dinge, Informationen, Codes etc. kontrolliert und innehält, kann theoretisch am Ende die Welt beherrschen. Dystopisch hat das bspw. schon vor Jahrzehnten Ted Kaczyinsky gesehen, der aber leider durch die von ihm daraus gezogenen kriminellen Konsequenzen sein eigenes intellektuelles Werk desavouiert hat. Auf der anderen Seite: Ein zurück in die Hütte im Wald wird es so schnell auch nicht geben und nicht jeder wird das wollen.

Zum Thema: Wo und wann findet die erste Gelbwesten-Demo in Deutschland statt? Ein Deplorabel und Peripherer hat Bock auf ein bisschen Bambule … :)

Maiordomus

29. November 2018 10:20

@Nemesis/Cacatum: Das mit der "naturgesetzlichen oder historischen Gesetzmässigkeit" ist natürlich Unsinn, welche widerlegende Analyse, wie sie etwa ein Karl Popper und ein Hermann Lübbe geleistet haben, mit zu den besten kritischen Leistungen der neueren Philosophie gehört, auch gegen die Hegelsche Linke, den historischen Materialismus und nicht zuletzt gegen Jürgen Habermas und die Frankfurter Schule gewandt. Natürlich muss man sich ebenfalls gegen eine "raunende Philosophie" oder Pseudophilosophie von rechts wenden.

@Poensgen. Sie mussten in letzter Zeit einiges einstecken, so für Ihren nicht undurchdachten Hinweis, dass Siege manchmal geistig und in den Folgen verfänglicher wirken als Niederlagen, wiewohl man sich über letztere im Prinzip ja in der Regel nicht freuen kann. Aber gerade die krachende Niederlage der schweizerischen Rechten bei der Selbstbestimmungsinitative vom letzten Sonntag war mit Nebenfolge der Euphorie nach gewissen Siegen, etwa bei der Masseneinwanderungsinitiative, dem Minarettverbot und nicht zu vergessen bei der von kapitalismuskritischen Rechten begeistert gefeierten Abzockerinitiative. Diese Siege an der Urne blieben, mit nur vorläufiger Einschränkung beim Minarettverbot, ohne durchgesetzte Folgen, lösten am Wahlabend Euphorie aus, endeten aber vielfach im Katzenjammer der völlig ungenügenden Umsetzung. Interessanterweise wurde 1970 nach der knapp verworfenenen Ausländerinitiative von James Schwarzenbach mehr umgesetzt als bei der angenommenen Initiative von 2014 gegen die Masseneinwanderung. Der grosse Zusammenhang ist das Internationale Recht, gegen das man angesichts auch der Machtverhältnisse in der Judikative, im Parlament, in den Medien, an den Hochschulen, generell im Geistesleben und im allgemeinen Mainstream nicht ankommt. Angenommene Initiativen von rechts bewirkten bei den Abstimmenden eine Art seelische Entlastung, führten aber nicht effektivem Handeln. Von daher sollte man bei politischen Siegen in der Demokratie nie zu laut jubeln.

Noch zu @Poensgen, siehe meine Bemerkung betr. die "naturgesetzliche bzw. die historische Gesetzmässigkeit", von Popper Historizismus genannt. Für dieses mechanistische Denken, wirklich ein fundamentaler Denkfehler, kann indes ein Oswald Spengler nicht mitverantwortlich gemacht werden. Seine Geschichtsanalyse ist in der Tat eine andere, insofern warfen Sie mir zurecht mangelndes Textverständnis vor, als Sie mich im Zusammenhang mit der Einordnung Spenglers in diese Schule in schülersatirischer Weise "Absitzen" hiessen. Wie Sie aber selber ausführten, soll diese Geschichtsanalyse nicht wissenschaftlich genommen werden. Was dann? Sicher ist, dass seit Spengler über die Phänomologie des Historischen bzw. die Fragestellung "Was heisst, das kann man nur historisch erklären", sehr tief weiter geforscht und weiter analysiert wurde, so etwa vom Ostfriesen Wilhelm Schapp in seiner fundamentalen Studie "Philosophie der Geschichten". Der grösste Unterschied von Schapp im Vergleich zu Spengler liegt u.a. auch darin, dass Schapp als einer der absolut besten Kenner der ostfriesischen Lokalgeschichte im Vergleich zu Spenglers visionärer Darstellung ganzer Kulturkreise ähnlich etwa wie der Forschungsansatz bei den Brüdern Grimm und der Historischen Rechtsschule von maximal genauer Detailkenntnis beim Erzählen von Geschichten ausgeht, gerade auch im Hinblick auf Geschichte als Identitätsrepräsentation. Geschichte löst sich insofern in ganz kleine Geschichten auf, was z.B. bei der "Holocaust"-Forschung genau so zu beachten wäre wie bei Familien- und Lokalgeschichten. Wichtiger als ein monumentales zivilreligiöses Denkmal wäre es zum Beispiel zu ergründen, welches ganz genau die Todesursache etwa der Eltern von Paul Antschel bzw. Paul Celan war usw. So wie es auch in der ostfriesischen Lokalgeschichte auf die kleinsten Kleinigkeiten ankommt. Ein Beispiel ist, um endlich wieder auf den ausgezeichneten Artikel von Lichtmesz zurückzukommen, der Vergleich zwischen den in diesem Artikel dokumentierten "Menschenjagden" im Vergleich zu denjenigen in Chemnitz anhand zweier Videos, die jedoch nur für eine je ganz konkrete Episode repräsentativ sind. Warum äusserte sich Merkel auf der Grundlage des einen Videos, hingegen nicht Macron auf der Grundlage des anderen? Warum wurde im einen Falle einer der höchsten deutschen Beamten entlassen, warum hat bis auf weiteres das Video, auf welches Lichtmesz oben verweist, bei entsprechenden Kadern in Frankreich bis auf weiteres wohl keine Folgen?

Geschichte kann nur erzählt werden in Geschichten, deren Details möglichst vollständig bekannt sind oder über die man sich wenigstens genügend Rechenschaft ablegt, was man nicht weiss. Was bleibt, sind Einzelgeschichten, über die zwar Habermas geraunt hat: "Den Kollektivsingular Geschichte beseitigt man nicht durch Pluralbildung". Kennt man jedoch die Geschichten nicht, so kann man auch die Geschichte nicht schreiben. Im Zusammenhang etwa mit der Verurteilung Jesu müsste man z.B. viel mehr lokalhistorische Kenntnisse von Jerusalem haben, wie es allerdings z.B. Carsten Peter Thiede in einem ganz anderen Ausmass als die sog. historisch-kritische Bibelkritik geschafft hat. Allein schon der Befund, dass Judas Iskariot offenbar in Jerusalem der einzige Einheimische unter den Anhängern Jesu war, zwingt uns, diese Geschichte in einigem anders zu erzählen als wir es uns gewohnt sind. Geistige Macht bedeutet vor allem die Hoheit über die Narrative. Dies erklärt, wie heute offiziell über Trump, Chemnitz, Frankreich, die Krim und die Ukraine berichtet wird. Abschliessend kann ich noch sagen, dass unter denjenigen, die in letzter Zeit bei "Sezession" Artikel schrieben, @Lichtmesz im positiven Sinn Massstäbe zu setzen wusste. Es scheint mir dies ein Gesichtspunkt, bei dem trotz Meinungsverschiedenheiten bei den Bloggern Einigkeit herrscht.

Weltversteher

29. November 2018 10:33

Wie RMH hier am deutlichsten herausstellte, ist besonders die Digitalisierung (neben der Globalisierung) nicht allein "ökonomischer Natur", sondern weitaus mehr ein Weg des Herrschens. Man sollte sich aufmerksam die Inhalte der Digitalisierung beschauen, um zu verstehen, wie diese Herrschaft gemeint ist. Gewiß nicht sehr traditionell.

Insofern scheint auch Poensgens Ansicht wunderlich, daß wir (Staat?, Volk?, wer?) darin aufholen sollten (technisch-verstehend oder durchschauend?), um unsere Aussichten zu verbessern. Falls diese Erscheinungen nicht schon selbst wenigstens Nationen außer Kraft setzen, so wirken sie immerhin durch sie durch und darüber hinweg. Es sind verschiedene Ebenen, um die es dabei geht. Ein herkommliches "Wir" gibt es in jener Ebene nicht mehr, es läßt sich dort auch nicht wiederherstellen.

t.gygax

29. November 2018 10:34

RMH
Danke, dass Sie Ted Kaczinsky erwähnen. Ich habe vor einigen Jahren sein Manifest ( gibt es als download im Netz ohne Probleme, deutsch und englisch) gelesen - das war ein absolut visionärer Kopf, und ob die Briefbomben wirklich von ihm kamen, das sei doch noch einmal dahingestellt. In Lutz Dambecks ausgezeichnetem Film " Das Netz " ( ebenfalls im Netz frei verfügbar---youtube....) hört sich das alles ein bißchen anders an, als die offizielle Geschichtsschreibung es darstellt.
Ich gebe diesen Text als Anregung an junge Leute, die Ingenieurswissenschaften studieren und mit Industrie 4.0. ganz praktisch befasst sind, zur anregenden und kritischen Lektüre- vergesse allerdings nicht, darauf hinzuweisen, dass sein Ausweg frei nach Thoreau ("Walden")auch nur eine Flucht war, die ins Abseits führt.
Und dies gründlich. Aber das ändert nichts daran, dass -wenn man manche polemischen und fragwürdigen Zuspitzungen des Textes ausblendet- hier schon vor 40 jahren eine präzise Beschreibung "kommender Dinge " ( ein Zitat von Walter Rathenau aus dem Jahre 1917) vorgelegt wurde.
Der Text wäre es wert, von den Großschreibern der Druckausgabe einmal auch kritisch gewürdigt zu werden.
Nebenbei: die frechen französischen Frauen von "les brigandes" haben unter dem Titel "Unabomber" ( unglückliche Formulierung...)ein heftiges Lied dazu komponiert, das ist wirklich radikal alternativ und erfreut durch seine geradezu wütende, aber ehrliche Polemik. Das haben die drauf, absolut, und deshalb genieße ich jedes Lied von denen, auch wenn deren Anti-Jesuiten -Tic arg übertrieben wird. Keine Rose ohne Dornen.

Michael B.

29. November 2018 10:41

@RMH - Digitalisierung

Die Frage ist halt auch, wie substantiell und tragfaehig das alles ist. Klonovsky - sehe gerade bei Lengsfeld - hat kuerzlich folgenden Text zu den Folgen eines blackout verlinkt:

https://vera-lengsfeld.de/2018/11/27/wird-unser-stromnetz-zum-hochgefaehrlichen-spielzeug-fuer-ignorantinnen/#more-3749

Ich kannte das prinzipiell schon, aber eine solche destillierte Darstellung mit ihren kurzen aber sehr treffend skizzierten Folgenabschatzungen sollte man eigentlich immer einmal wiederholen.

Es ist eine Frage der Ebene. Ich arbeite ja in der Erstellung von Software, hauptsaechlich mit industriellem Hintergrund, auch international. Ich sehe sicher, wie tief die Verzahnung reicht und wo es hingeht, in Deutschland wie gewohnt in seiner speziell angstbetonten, ungemein buerokratischen und auch technologie- menschen- und auch geschaeftsfeindlichen Form. Und Leute ohne Bezug unterschaetzen das oder bewerten es gern aus irrationalen Perspektiven heraus, ja.

Es graebt sich also zum einen in jeden Lebensbereich ein, zum anderen ist es ungemein empfindlich gegenueber den Fundamenten wie z.B. Strom, s. Artikel oben. Wenn es knallt, haben diese Systeme so wie heute aufgezogen kaum Robustheit. Und die m.E. groessere Gefahr ist das Herumspielen an diesen Grundlagen durch ideologisch bestimmte und von Sachverstand freien (notwendige Bedingung) Kraeften, die man da politisch und zeitgeistig nach oben gespuelt hat und weiter spuelt.

KlausD.

29. November 2018 12:04

@RMH
"Wo und wann findet die erste Gelbwesten-Demo in Deutschland statt?"
Hier sind zumindest schonmal welche öffentlich aufgetaucht:
https://www.focus.de/regional/sachsen-anhalt/dessau-rosslau-protestbewegung-in-region-angekommen-gelbe-westen-haengen-an-autobahnbruecken-der-a-9_id_9987403.html

Maiordomus

29. November 2018 18:16

Nachtrag: Meine These, dass in der Schweiz angenommene Initiativen (Volksbegehren) von rechts zwar zu einer Art seelischen Entlastung der diesbezüglich abstimmenden Mehrheit führten, aber fast nie z u effektivem Handeln, darf als Einwand gegen die Forderung von Volksbefragungen auch in anderen Ländern genommen werden, wiewohl Druck in dieser Richtung nicht schlecht wäre und das Anliegen in Parteiprogramme sogenannt populistischer Parteien passen würde. Selbstverständlich ist die sinngemässe Aussage des Schweizer Bundespräsidenten, eine angenommene Initiative bedeute, dass sich die Regierung mit einem Problem befassen müsse und entsprechend nach Lösungen suchen, keine korrekte Auslegung des im 19. Jahrhundert zwischen 1848 und 1891 entwickelten Verfassungssystems mit direkter Demokratie. Es stimmt jedoch, dass Umsetzungen ohne Mehrheiten in beiden Parlamentskammern weitgehend blockiert werden können. Kommt dazu, dass das Schweizer Volk 1999 eine angebliche Formalrevision der Verfassung, also eine vollständige Neuformulierung bei angeblicher Beibehaltung der alten Inhalte, angenommen hat, welche über diese Neuformulierungen sehr stark in Richtung Justizstaat und Primat des sogenannten Völkerrechtes ausgeht, worunter man aber nicht mehr, wie ursprünglich versprochen, das sog. zwingende Völkerrecht, etwa dass die Schweiz Österreich nicht angreift, versteht, sondern mehr und mehr alles, was mit internationalem Recht zu tun hat. Deswegen wurde, zumal in der Westschweiz vor der Abstimmung behauptet, ein Ja zur Selbstbestimmung der Schweiz stelle 600 internationale Verträge in Frage, was offensichtlich verlogener Unsinn war. Ich ergänze diese Ausführungen, weil der soeben durchgewinkte UNO-Migrationspakt genau den Charakter hat, dass er vordergründig noch angeblich zu nichts direkt verpflichtet, hinterher aber die Begründungen von gerichtlichen Entscheidungen gegen die Souveränität eines Landes in dieser Frage liefern wird. Man nennt das die Weiterentwicklung des Rechts, auch nach dem Motto, dass, wie es im deutschen Grundgesetz steht und unterdessen auch in einigen Schweizer Kantonsverfassungen, "die Menschenwürde unantastbar" sei. Nach diesem Grundsatz gerichtlicher Auslegungen richtet sich dann die nur noch theoretische Möglichkeit der Ausschaffung illegaler Einwanderer, nachweisbar auch bei Drogenhandel, Sexualdelikten und sogar Tötungsdelikten, schon mittelfristig nach der Zumutbarkeit einer solchen Ausschaffung, beispielsweise auch für Familienangehörige oder sog. Lebenspartner, wobei etwa bereits die Ausschaffung in ein Land, wo Homosexualität strafbar ist oder gar wie in Eritrea die Zwangseinziehung zum Militärdienst droht, wegen des Menschenrechts auf Dienstverweigerung, nicht mehr als zumutbar gilt. Diese bereits jetzt in vielen Fällen feststellbare Rechtsentwicklung kann und wird durch den UN-Migrationspakt entgegen der Behauptung einiger bürgerlicher Opportunisten, die genau wissen, dass sie das Volk betrügen, nicht gebremst, sondern langfristig gefördert werden. In der Schweiz soll eine Bundesrätin gesagt haben, mit einem Nichteingehen auf den UN-Migrationspakt stelle man sich in eine Linie mit Orban und Trump, wobei man freilich in diesem Zusammenhang Israel nicht gerne nennt, weil doch die Flüchtlingspolitik der Schweiz im 2. Weltkrieg mit als Argument zur Annahme des Migrationspaktes herhalten muss. Das Thema dieser Kolonne sind vordergründig aber die "Gelbwesten". Dieselben gehören versuchsweise zur Praxis des Widerstandes in einem europäischen Land. Sollte dieser Widerstand sich jedoch noch auf anderes richten als auf die Frage des Spritpreises, muss man sich auf eine massive Kriminalisierung der Widerstand Leistenden gefasst machen. Ganz klar steht aber der derzeitige Widerstand der Gelbwesten als Symptom für soziale Unterdrückung der sogenannten Modernisierungsverlierer der Unterschicht und der unteren Mittelschichten, die schon rein beruflich auf ein entsprechendes Fahrzeug angewiesen wären. Es sind zum Teil dieselben, die aufgrund offener Grenzen auch innerhalb der Europäischen Union sich durch Billigarbeiter aus anderen Ländern potentiell oder aktuell bedroht fühlen. In diesem Zusammenhang sollte man nicht immer nur die Islamisierung vorschützen.

Der_Juergen

29. November 2018 22:13

@Maiordomus

Ihre beiden Wortmeldungen sind sehr durchdacht und enthalten viele Geistesblitze, etwa die schöne Formulierung, geistige Macht sei "die Hoheit über die Narrative".

Zu der Volksabstimmung über die "Selbstbestimmungsinitiative" in der Schweiz kann ich nur in tiefer Trauer sagen, dass sich das Schweizer Volk zum zweiten Mal in seiner Geschichte selbst entmündigt hat. 1994 sprachen sich 54% der Stimmberechtigten für das "Antirassismusgesetz" aus und entzogen sich dadurch selbst die Meinungsäusserungsfreiheit. Am letzten Wochenende wurde die "Selbstbestimmungsinitiative", die dem Schweizer Recht prinzipiell den Vorrang vor den Entscheidungen ausländischer Richter einräumen wollte, fast mit Zweidrittelmehrheit verworfen; nach ihrem freiwilligen Verzicht auf ihre Meinungsfreiheit begaben sich die Schweizer Stimmbürger in ihrer Mehrheit also auch noch ihrer Souveränität.

Man könnte da leicht in Resignation verfallen und erklären, die Schweizer seien selber daran schuld, wenn sie zur Minderheit im eigenen Land würden und schliesslich ausstürben. Vor diesem harten Urteilsspruch bewahrt einen aber die Erkenntnis, dass der Mensch fast unbegrenzt manipulierbar ist und dass die Feinde der europäischen Völker, um Maiordomus zu paraphrasieren, die "Hoheit über die Narrative" innehaben und so lange innehaben werden, bis man sie ihnen gewaltsam entzieht.

Erst wenn die Kluft zwischen der herben Realität und den rund um die Uhr verbreiteten Lügen der herrschenden "Elite" allzu tief wird, setzt ein massives Umdenken ein. In Frankreich hat dieser Prozess anscheinend bereits begonnen, und mit der unvermeidlichen Verschlechterung der Lage wird die Schweiz irgendwann nachziehen.

"Ewig werden sich die Menschen nicht von Ungeziefer und Skorpionen regieren lassen", meinte der dänische Schriftsteller Hans Scherfig (ein Kommunist, aber das tut hier nichts zur Sache) in seinem Roman "Skorpionen". Die Entwicklung in Westeuropa wird ihm recht geben.

Gustav

30. November 2018 09:24

"Terror ohne Tugend ist blutig; Tugend ohne Terror ist machtlos."
Robespierre

Maiordomus

30. November 2018 10:27

@Gustav. Die grösste Schande einer mit inkompetent vermittelten Geistesgeschichte finde ich, dass man Robespierre je mit Rousseau hat verwechseln können; auch Marx hat das Werk des Genfers über die Produktion einiger Schlagworte hinaus nie wirklich studiert.

Roxedl

30. November 2018 13:22

Danke für diese Analyse.

Was mir dabei ein wenig abgeht, ist der Verweis auf die "anarchische" Tradition der Franzosen. Militanz, Straßenblockaden, Rathäuser zumüllen? Gab es aus den verschiedensten Gründen schon vor 20, 30, 40 Jahren. Als Zehnjähriger habe ich schon große Augen gemacht, wenn Rathäuser mit Milch oder Artischocken geflutet wurden. Ebenso gab es aber die Tradition, die Bewegungen totlaufen zu lassen oder mit minimalen Konzessionen abzuspeisen (auch auf der radikal linken Seite, z. B. die KP mit den 68ern). Während das Totlaufen fast schon abzusehen ist, wird Macron trotz aller Härte den Armen vielleicht noch ein paar Brotkrumen vorwerfen und als große Wohltat verkaufen. Je weniger Konzessionen er macht, desto mehr Potenzial wird sich dem RN eröffnen – wenn es diese Wut richtig nutzt.

In D würden die Gelben Westen ohnehin nicht funktionieren.

heinrichbrueck

30. November 2018 18:52

Momentan gibt es wohl kein anderes Modell im Vergleich, außer das chinesische, deshalb die Parteiendemokratie Instrument der Herrschenden ist. Ein Volk in verschiedene Parteien aufzuspalten, es vor die abgekartete Wahl zu stellen, ist einfach nicht normal. Aus Schaden klug werden, in der Realität durchaus möglich, aber nicht, wie in diesem Fall, in der Politik. Mehrere unterschiedliche Parteien mögen zu einer Demokratie gehören, sie arbeiten aber nicht im Dienste ihrer Nation. Welches Menschenbild transportiert die Globaldemokratie, bzw. wie funktioniert die Realität? Die völkische Verbundenheit wird demokratisch aufgelöst, sogenannte Aufklärung und Streit sich zu einem Dauerzustand verfestigen, und das Volk jederzeit die Schuld besitzt. Politische Verantwortung geht so nicht, ist doch das Volk der Masse stets manipuliert, in seinem Entscheidungsernst, also in seiner politischen Pflichterfüllung, nicht entscheidungsfrei.

Gustav

1. Dezember 2018 09:45

@ Maiordomus

"....dass man Robespierre je mit Rousseau hat verwechseln können..."

Kein Fluss fließt ohne Quelle, und ist diese bereits trüb, wird der ganze Fluss faulig.

"Rousseau liebte sich selbst und hasste die anderen. (...) Moralisch war er keineswegs über jeden Zweifel erhaben, kritisierte aber alle bezüglich ihrer Moral. Er gab fünf seiner Kinder in staatliche Obhut, schrieb aber den 600 Seiten starken Emil oder über die Erziehung, worin er anderen erklärte, wie sie ihre Kinder zu erziehen hätten. (...) Er machte das Theater lächerlich, schrieb aber Stücke. Er kritisierte die Technik des Buchdrucks, nutzte sie jedoch selbst. Er geißelte die Mächtigen, bemühte sich aber gleichzeitig um deren Gunst und lebte von deren Großzügigkeit. (...) Er hielt Lobreden auf das Landleben, wohnte aber in der Hauptstadt, dem Hort allen Übels. Er idealisierte das bäuerliche Leben, besuchte jedoch selbst Salons in gehobenen Stadtvierteln, um über diese Kontakte bekannt zu werden. Er idealisierte Arbeiter und Handwerker, speiste aber mit Grafen, Herzögen und Fürsten und war in deren Schlössern zu Gast. Er sang das Hohelied körperlicher Arbeit, schlug aber nie auch nur einen Nagel selbst ein. (...) Die Philosophie mochte er nicht, war jedoch selbst Philosoph und riet auch den Königen, sich mit Philosophen zu umgeben. In seiner Abhandlung über die Wissenschaften und Künste erklärte er, es sei nicht zielführend, über sich selbst zu sprechen – und doch schrieb er eine über tausendseitige Autobiographie, die er als das ernsthafteste Buch aller Zeiten ankündigte (...) Rousseau war beides zugleich: eine botanische Heulsuse und ein Verfechter der Todesstrafe, der jeden zur Freiheit zwingen wollte, der sich seiner Logik widersetzte.
(...)
Die verblüffende Methode, mit der Rousseau vorging, findet sich bereits am Anfang seiner Abhandlung Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen: 'Beginnen wir also damit, die Tatsachen beiseite zu lassen.'
(...)
Der Rousseauismus ist eine seltsame Ideologie. Sie arbeitet mit Hypothesen statt Fakten, unterstellt die Gleichheit der Menschen im Naturzustand, obwohl die Schwachen von den Starken unterjocht wurden, und hält die Menschen von Natur aus für gut, obwohl sie schon immer andere unterworfen haben. Sie predigt, die Gesellschaft mache die Menschen böse, weshalb es genügte, die Gesellschaft zu ändern, um die Menschen wieder gut zu machen."
(...)
Rousseaus schrecklicher Paralogismus bestand in dem Glauben, der Mensch könne einen gegen die eigenen Interessen gerichteten Willen ausbilden. Dieser Glaube negiert alles, was die Anthropologie – und mit ihr die französische Moralistik – uns seit jeher lehrt. Die Unfähigkeit der Menschen zum Gemeinwillen ruiniert Rousseaus Gedankengebäude. Die Menschen sind nur fähig, den Willen aller abzubilden, also die Summe der Partikularinteressen, nicht aber einen Gemeinwillen."
(Michael Onfray, "Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis bin Laden", Paris 2017, S. 439-446)

Hier haben Sie alles beisammen: die Geburt des Linksintellektuellen aus dem Geist des Ressentiments, die Doppelmoral und den Herrschaftsanspruch des Linken, der als Nutznießer fremder Wertschöpfung zu einer parasitären Existenz verdammt ist (was seinen Hass und Groll auf die Gesellschaft erst so richtig entfacht), seinen theorieverliebten Kampf gegen die Conditio humana, die Anthropologie als – und die französischen Moralisten als erste – Gegenspieler des linken Illusionismus, und nebenbei noch die Erklärung, warum die Kommunikationstheologie des Jürgen Habermas zwangsläufig ebenso auf der Theoriemüllhalde der Gattung enden wird wie die gesammelten Ressentiments seines frühen Milchbruders aus Genf.
(M. Klonovsky, Acta diurna)

quarz

2. Dezember 2018 12:21

Das Erfreulichste im Zusammenhang mit den aktuellen Pariser Ereignissen ist der Umstand, dass der Selbstbehauptungswille der ethnischen Franzosen offenbar noch nicht erloschen ist. Sie sträuben sich gegen die Eloi-isierung. Es sind noch Reste an "Thymos-Spannung" da. Ob's reicht, wird man sehen.

Maiordomus

3. Dezember 2018 20:37

@Gustav. Von ernst zu nehmenden Rousseaukenntnissen kann man bei Onfray wie bei anderen oberflächlichen Tendenz-Generalisten wohl kaum sprechen; er ist eindeutig kein ausgewiesener Rousseau-Forscher. Sie kommen mir insofern vor einer, der sagt, das "habe ich doch bei Wikipedia gelesen"; besser wäre es, die 24bändige Ausgabe von Prof. Eigeldinger zu konsultieren, dazu die in einem dicken Band dokumentierte Rekonstruktion des Lebens von Rousseau von Tag zu Tag; ferner seine 56 Briefbände; ein Beispiel ist auch, dass er über die Hintergründe der damaligen Kinderheime, der Geburten von Rousseaus Kindern und der Verhältnisse bei deren Geburt so wenig recherchiert hat wie um Rousseaus Bemühungen, Spuren dieser Kinder wieder zu finden. Onfray gehört sicher nicht zu den besten 100 Rousseau-Kennern, sondern er plappert lächerliches überholtes Schulbuchwissen nach. Es steht mir aber nicht zu, hier an dieser Stelle den entsprechenden Unsinn zu widerlegen, empfehle Ihnen aber den 1000seitigen Dictionnaire Jean-Jacques Rousseau (Paris 2006), ebenfalls von Eigeldinger. Als noch auf den besten Rousseau-Kenner in Deutschland verweise ich gerne auf Heinrich Meier, einer der bedeutendsten deutschen Gelehrten mit enormer Kenntnis der Geschichte der politischen Philosophie, Rousseau-Herausgeber und Verfasser einer 2012 erschienenen bedeutenden Studie über Rousseaus Glücks-Begrifft; ein Gelehrter notabene sogar mit "rechter" Biographie. Mit Rousseau beschäftige ich mich übrigens seit etwas mehr als 50 Jahren, wobei ich jedoch vor der gründlichen Aufarbeitung seiner Hintergründe in den Bibliotheken und Archiven von Genf, Neuchâtel, Chambéry, Paris und Montmorency teilweise den Quatsch, den Sie oben vermitteln, aufgrund der polemischen Darstellung etwa bei Egon Friedell, der das Thema ebenfalls nur sehr oberflächlich angegangen ist, noch für wahr hielt. Zu Rousseaus Verfahren als Autor gehören übrigens regelmässig überspitzte Formulierungen, die er aber dann in der Regel sogar in dem Werk, wo sie sich befinden, oft im Anfangsteil eines Buches, wieder weitgehend in die Proportionen bringt. Über Rousseau kann man sich aber hier nicht angemessen auslassen, das müsste wohl auf Seminar-Ebene mal geschehen. Für das Verständnis von Rousseau ist die Geschichte der Demokratie in Genf im 17. und 18. Jahrhundert ebenso grundlegend wie die damalige Schule des Naturrechts von Burlamaqui, Barbeyrac, de Vattel, Pufendorf, Micheli du Crest, letzterer Rousseaus politischer Erwecker als demokratischer Revolutionär. Ohne diese Voraussetzungen weiss man von Rousseau etwa so viel oder so wenig wie über Schnellroda, wenn man sich von "Rechtsextremisusexperten", möglich solchen, die sich nie direkt mit diesen Leuten auseinandergesetzt haben, "orientieren" lassen will.