31. Dezember 2018

Rechenschaftsbericht 2018 (II) – Januar bis April

Götz Kubitschek / 21 Kommentare

Kositza und ich feiern seit Jahren nicht Silvester. Wir brauchen keine zusätzliche Zäsur: Oft genug bricht heute weg, worauf wir uns gestern vorbereiteten.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wir haben keine Zeit zum Archivieren, Resümieren, Nostalgieren, noch nicht einmal zwischen den Jahren.

Ich saß Anfang Januar über den Vorbereitungen unserer Teilnahme zur sicher höchstkarätigen Konferenz unseres bisherigen Lebens. Ich war als Keynote-Speaker nach Budapest eingeladen, neben Pascal Bruckner, Steve Bannon, Douglas Murray und einer Handvoll EU-Politikern und Brüsseler Lobbyisten und Beratern, und zwar auf Einladung einer Orban-nahen Stiftung, die diese Konferenz über die Zukunft Europas für die vier Visegrad-Staaten organisierte.

Die Konferenz sollte Ende Januar stattfinden, aber dann kam es zu politischen Verwicklungen: Referenten sagten ihre Teilnahme meinetwegen ab, die CDU intervenierte bei ihrem europäischen Koalitionspartner, der Fidesz-Partei Orbans, und nachdem wir die Lage telefonisch erörtert hatten, zog das Organisationsbüro Konsequenzen und verlegte die Konferenz kurzerhand in den Mai, auf die Zeit nach der Wahl in Ungarn, einfach so.

Kositza und ich waren dann tatsächlich Ende Mai in Budapest, aber nicht im Rahmen der Konferenz, sondern für einen Einzelvortrag im "Haus des Terrors" nebst einer Handvoll Presseterminen - ich habe hier darüber berichtet.

Mir ist im Verlauf der Auseinandersetzung um meine Teilnahme zweierlei endgültig klar geworden: Wir sind zum einen nun tatsächlich ein Politikum, egal wo wir auftreten, und zwar bereits dann, wenn wir unsere Vorträge noch nicht gehalten, unseren Messestand noch nicht aufgebaut, unsere Gespräche noch nicht geführt haben.

Zum anderen (und dies führt zur nächsten Wegmarke) ist das (todesmutig!) vorgetragenen Vorhaben, mit Rechten zu reden, zumindest für Kositza und mich bereits nach wenigen Metern an sein Ende gekommen: Die herrschende Klasse hat maximal an einer programmatischen oder personellen Ergänzung zu ihren eigenen Bedingungen Interesse - keinesfalls aber im Rahmen harter Diskussionen und Auseinandersetzungen.

Beides zusammengenommen läßt nur den Schluß zu, daß es andere sein werden und sein müssen, die sich der aufweichenden oder aufsprengenden Konfrontation mit dem Gegner annehmen. Das gelang auf vorbildliche Weise etwa den beiden Publizisten Michael Klonovsky und Nikolaus Fest, als sie in Dresden im Rahmen einer AfD-Veranstaltung gegen Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur ARDaktuell, und Dr. Peter Frey, Chefredakteur ZDF, antreten konnten und als Sieger vom Platz gingen. Einem Podium mit Kositza und mir hätten die beiden öffentlich-rechtlichen Herren nicht zugestimmt.

Ich gebe hiermit zu Protokoll, daß ich etlichen Vortrags- oder Diskussionsanfragen der letzten Zeit aus genau diesen Erwägungen heraus eine Absage erteilt habe: die Rolle als institutionalisierter Verhinderer einer Ausweitung der Kampfzone ins Establishment hinein gerade NICHT mitzuspielen.

Was uns aber (und dieses Wort muß sein) schon hart anging und angeht, ist die Unerbittlichkeit, mit der ehemalige Mitstreiter und Weggefährten den spaltenden Kampf gegen uns mitkämpfen - wohl um zu zeigen, daß sie in den Augen der politisch-medialen Kaste zum akzeptablen Teil der Gegner gehören könnten.

Ich habe dieses Verhalten einmal mit dem Sprung aus einem Ruderboot ans rettende Land verglichen, bei dem man ja stets dem Boot, das man verläßt, einen gehörigen Stoß weg von diesem Ufer verpaßt. Ich will es erweitern: Es gibt andere, klügere, weniger egoistische Wege, vom Kahn an Land zu gehen, um das Ufer zu verändern. Es muß nicht auf Kosten derer geschehen, die noch im Boot sitzen.

Zum Schauplatz der Verkniffenheit rechtsintellektueller Befindlichkeiten wurde Mitte Februar Kopenhagen. Dorthin, und zwar in einen der Vortragsräume des dänischen Parlaments, waren zum Thema "25 Jahre 'Anschwellender Bocksgesang' von Botho Strauß" neben mir auch Karlheinz Weißmann und Dieter Stein zum Vortrag eingeladen. Die beiden saßen in der einen, ich in der anderen Ecke des Saales, ein humorvoller oder ernster, vor allem aber entspannender Austausch war nicht möglich, obwohl ich zwei Anläufe unternahm, und am Ende machte sich einer der Organisatoren sogar einen Spaß daraus, die Glaswand zwischen den Deutschen zu kommentieren.

Über diesen außerordentlich interessanten Tag im "Folketing" habe ich hier berichtet.

Bevor ich aber im naßkalten Kopenhagen im "Café des Nordens" ein Bier der Marke "Ask und Embla" trank und sehr beeindruckt durch eines der Volkshäuser wandelte, in dem sich die Grundtvigsche Idee der Volksbildung und der Volksgesundheit niedergeschlagen hat, absolvierten Kositza und ich den letzten Akt vor der bisher größten Niederlage, die wir bisher als Verleger erlebt haben.

Wir waren mit unseren Kindern an der Sierra Nevada in Andalusien, um zu wandern und das warme Winterlicht zu spüren. Die Hälfte der Zeit verbrachten wir aber am Laptop, um letzte Hand an die Übersetzung des jüngsten Buches der amerikanischen Feminismuskritikerin Camille Paglia zu legen. Wir hatten die Rechte an dieser Aufsatzsammlung erworben und im Verlauf der Übersetzungsarbeit festgestellt, daß ein Teil der Texte ohne erläuternde Fußnoten für deutsche Leser schlechterdings unverständlich bleiben mußte. Diese Fußnoten einzutragen und auf das notwendige Maß zu bringen, beschäftigte uns acht spanische Abende lang, und zwar so voll und ganz, daß wir den Selbstausbeutungscharakter unseres Verlegerseins wieder einmal plastisch vorgeführt bekamen.

Im April mußten wir die gesamte Auflage des Paglia-Buchs einstampfen lassen: Aufgehetzt von einer Schreiberin der Süddeutschen Zeitung, hatte Camille Paglia über ihre Rechtsanwälte beanstanden lassen, wir hätten ohne Rücksprache Fußnoten gesetzt (und damit gegen ihre Reputation als Professorin gearbeitet), zwei Texte weggelassen (und damit die Gesamtkomposition zerstört), ein Vorwort Kositzas eingefügt (und sie damit für "erläuterungsbedürftig" erklärt) sowie einige Kapitelüberschriften recht frei ins Deutsche übersetzt (und damit sinnentstellt).

Es gab Vermittlungsversuche von mehreren Seiten, ratlose Zeitungsberichte voller Respekt für die aufwendige Edition, aber am Ende hatten wir keine Chance: Mag sein, daß ich (nicht wir) Formfehler begangen hatte, aber am Ende fiel die Entscheidung aus politischen Gründen. Einen Rechtsstreit mit einer us-amerikanischen Kanzlei wollten wir nicht wagen, also kam eine Schredderei zum Einsatz. Hier kann man den Rechenschaftsbericht Kositzas nachlesen.

Diese Niederlage machte aus dem späten März und dem ganzen April eine bleierne Zeit. Sie war bleiern, weil unser Plan, auf der Leipziger Buchmesse unspektakulär als normaler Verlag neben anderen Verlagen aufzutreten, nicht zur angestrebten Normalisierung führte. Wir wurden neben Compakt, Junge Freiheit und Europa Terra Nostra in einer rechten Ecke platziert, und nachdem die Junge Freiheit ihre Anmeldung zurückgezogen hatte, war das Eck ein recht leerer Raum.

Unsere Lesungen mußten wir in einer schräg dem Stand gegenüber aufgebauten und in alle vier Richtungen zugeschraubten Leseinsel abhalten, in die der Sicherheitsdienst der Messe gerade einmal 35 Besucher eintreten ließ. Wir nahmen die Frustration der vielen Antaios-Leser wahr, die sich trotz eines aberwitzigen Kälteeinbruchs am Messesamstag durch das Verkehrschaos bis zur Messe durchgekämpft hatten und nun keinen Platz mehr für unsere Lesungen ergattern konnten, und wir hätten mit Megaphonen von unserem Stand aus moderieren sollen, um die Abdrängungsstrategie der Messe zu unterlaufen.

Wir haben das nicht gemacht, vielleicht um zu zeigen, daß wir uns - wie zuvor in Frankfurt schon - an die Regeln einer Buchmesse halten würden und dafür zumindest eine relativ faire Berichterstattung erwarten dürften. Seltsam, solche hartnäckigen Illusionen!

Im Grunde hätte uns klar sein müssen, daß nach einer kurzen Tauwetterperiode während und nach der spektakulären Buchmesse in Frankfurt im Herbst zuvor ein Strategiewechsel bei den Verantwortlichen solcher Großereignisse stattfinden würde, ein Abdrängen, Zuschrauben, eine räumliche Behinderung der Meinungsäußerungsmöglichkeiten - keinesfalls also das, was unter dem zum Arbeitsbegriff gewordenen Buchtitel "Mit Rechten reden" aus der Feder dreier todesmutiger Klett-Autoren eigentlich zu verstehen wäre.

Und so spiegelte die Kältefront, die am Buchmessesamstag die Temperaturen auf unter minus zehn Grad drückte, die eingefrorene Lage, in der wir uns befanden: Es war keine Bewegung mehr drin, keine Verständnisbemühung mehr spürbar, es wurde über uns (und das ausführlichst), nicht aber mit uns geredet.

An vorderster Front profilierte sich dabei übrigens einer der drei Autoren des eben erwähnten Buches, Per Leo. Nachdem er während der Frankfurter Buchmesse als Rechten-Versteher jeden Tag drei Mal an unserem Messestand war und sich im Nachgang zwei Mal mit Kositza und mir in Berlin traf, um "mit Rechten zu reden", wurde ihm rasch der eigene Mut mulmig, und nicht nur ihm: Was er und seine zwei Mitautoren von ihren Freunden, Followern, ihren Communities und Kollegen zu hören bekamen, muß so intolerant und lebensgefährlich gewesen sein, daß alle drei von ihrem Plan absahen, mit uns zu reden, und zwar in der Öffentlichkeit oder wenigstens im Rahmen eines Salons.

Mehr noch: Leo wurde als Experte für den rechten Umgang mit den Rechten vom Börsenverein des Buchhandels eingeladen und trug auf der verbandsinternen Tagung in München vor. In welche Richtung er da ging, legte er kurz vor der Leipziger Buchmesse in einem Beitrag für den "Freitag" dar, unter dem bezeichnenden Titel "Cool down". Martin Lichtmesz, der mit dem Autorentrio in intensivem Austausch geblieben war, rückte Leos unwahrhaftige Darstellung auf unsere Blog gerade - aber wie immer bleibt die Frage: Was trägt so etwas aus?

Jedenfalls saßen - dies zuletzt - Kositza und ich mit unseren Kindern bei einer ausgedehnten Mahlzeit zusammen, nachdem aus dem Nichts heraus am 21. April eine linke Demonstration samt Rockkonzert in Schnellroda zu ihrem mehr als schwach besuchten, peinlichen Ende gekommen war. Im Verlauf dieses Essens kam die Frage auf, ob gegen die Übermacht der anderen überhaupt noch ein Kraut gewachsen sei.

Solche Fragen sind, wenn sie von den eigenen Kindern gestellt werden, immer mit der Hoffnung verknüpft, daß den Eltern, den Leithammeln, ein Weg, eine Handlungsmöglichkeit bekannt sei. Natürlich können unsere mittlerweile doch recht großen Kindern auch die Wahrheit verkraften: daß wir ab und an dann doch mit unserem Latein am Ende sind und uns in einem Wechselspiel aus Konfrontation, Inszenierung und Angriffsgeist, Fremdheit und Unversöhnlichkeit zu einem nicht geringen Teil auch selbst für die Festlegung auf eine bestimmte Rolle im Gesamtspektakel verantwortlich sind.

Natürlich hat Kositza Recht, wenn sie den Vorwurf der Eindimensionalität und eines mangels an Ambivalenz von uns weist. Dem stehen ja selbstredend unsere Lebenserfahrung, die jedem Intellektuellen eigene Deutungsunsicherheit sowie die Grundüberzeugung entgegen, daß das Leben nicht aus Legosteinen, sondern aus krummen Hölzern besteht.

Aber dieser Haltung (die ein hohes maß an Toleranz den Lebensentwürfen und Denkversuchen anderer einschließt!) stehen formelhafte Äußerungen gegenüber, wie vor allem ich sie in der Öffentlichkeit getätigt habe - im März etwa in Form eines Redebeitrags aus dem Publkum, als sich Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden über die sogenannte "Erklärung 2018" stritten. Ich fragte damals (ziemlich rhetorisch zugegebenermaßen), ob es nicht notwendig sei, den Riß, der unsere Gesellschaft spalte, zu vertiefen, und zwar so lange, bis ans Licht käme, was den Riß erst verursacht habe.

Solches widerspricht dem Wunsch der Leute nach Verständigung und Versöhnung, und es wird gleich verwechselt mit einer Unfähigkeit, das Verbindende zu sehen. Das sehen wir schon, aber es ist nicht an der Reihe.

In der Familienrunde jedenfalls, als wir einen Espresso bestellten und dazu ein Schnaps auf's Haus ging, spekulierten wir recht frei vor unseren Kindern über die Möglichkeiten, die nach der bahnbrechenden Herbstmesse in Frankfurt und nach der bleiernen Erfahrung der Leipziger Frühjahrsmesse noch blieben. Wir müssen, sagte ich, die nächste Sackgasse unbedingt vermeiden, denn das Leipziger Modell würde nun zur Blaupause in der formalrechtlich korrekten, tatsächlich aber ausgrenzenden Umgangsweise mit uns.

Wir können uns ja nicht einfach unter anderem Namen anmelden, sagte Kositza. Wir können nicht einfach einen neuen Verlag gründen, sagte ich. Doch, können wir, sagte Kositza. Und dann kaufen wir ihn und seinen Messeplatz. Und ich weiß auch schon, wer diesen Verlag gründen könnte.

Ihr seid ein bißchen verrückt, sagten die Kinder. Die machen das, sagten sie untereinander.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (21)

Ein gebuertiger Hesse
31. Dezember 2018 14:55

Eine Lagebeschreibung wie sie treffender und persönlich-umfassender nicht sein könnte. Ja, genau so war das damals, werden in 20 Jahren die Kinder - Ihre eigenen, die manch anderer Hiesiger und dann aber auch ganz andere, die man noch gar nicht kennen kann - sagen und wissen, wofür Sie glücklicherweise gekämpft haben.

Die Spannung, was den nächsten und allemal den letzten Teil dieses Berichts anbelangt, steigt!

Hartwig aus LG8
31. Dezember 2018 16:02

Geehrter Herr Kubitschek,
wir sind uns auf der Leipziger Buchmesse erstmals begegnet; ich nutzte die Gelegenheit, Sie zu begrüßen und ein paar Worte mit Ihrer charmanten Gattin zu wechseln. Im Vorfeld schrieb ich Ihnen und allen Mitlesern auf SiN, dass man in Leipzig statt Tweet-Sakko lieber ein Kaputzenshirt anziehen sollte. Meinen Kameraden und mir war völlig klar, was uns bzw. Ihren Verlag erwarten würde. Das wird auch im kommenden Jahr nicht besser werden.
Den Erfolg oder Misserfolg von Metapolitik sollten wir aber nicht an der metapolitischen Front abmessen. Ob man nun mit "Linken lebt" oder "mit Rechten redet" ist m.E. zweitrangig. Die Erfolge neurechter Metapolitik werden an der politischen Front sichtbar. Schauen wir doch auf die Verfallserscheinungen des herrschenden Systems: Eine große Volkspartei siecht dahin, die andere Volkspartei beginnt sich zu zerlegen. "Chemnitz" wird den Eliten bis auf weiteres in den Knochen spürbar bleiben. Die AfD sorgt für parlamentarischen Stress. In der EU gehen einige Länder Schritt für Schritt von der blau-goldenen Fahne. Globalistische Großprojekte stecken ganz allgemein in der Krise.
Ist es denn vermessen, wenn Metapolitik sich das ans eigene Revers heftet? Ich denke nicht.
Ihnen und allen Mitstreitern ein gutes Jahr 2019.

Stil-Bluete
31. Dezember 2018 18:09

Ihnen, Götz Kubitschek samt Ihrer Familie und Ihrem Team, trotz Abstinenz zu Silvester, einen guten Rutsch und - wie im alten, so auch im neuen Jahr auf Altbewährtes u n d Neues!

Möge uns vieles mit Gottes Segen gelingen!

Der Gehenkte
31. Dezember 2018 21:37

Der Text sagt: Niederlagen, Tiefschläge, Enttäuschungen ...
aber die Stimme sagt: Standhaftigkeit, Rückgrat, Entschluß ...

Götz Kubitschek, sie sind nicht zufällig dort gelandet, wo sie gerade sind. Jedes Ihrer Worte macht deutlich: Sie sind der Mann, der dort sein muß! Kein anderer könnte es besser und ohne Sie beide gäbe es das alles nicht.

Letztlich wäre - wenn Ihre Diagnose stimmt, daß Sie, daß "wir" ein Politikum sind -, letztlich wäre Deutschland ohne Sie beide, ohne den Verlag, ohne Schnellroda als magischer Ort, ohne die "Sezession", letztlich wäre es ärmer.

Maiordomus
31. Dezember 2018 23:35

"Die Stille nährt. Der Lärm verbraucht." Mit dieser Devise von Reinhold Schneider möchte ich dem Ehepaar Götz Kubitschek und Ellen Kositza einschliesslich Familie meine besten Wünsche für das Jahr 2019 vermitteln. Lese gerade zum Jahresschluss und Jahresanfang ein Buch des auch bei Sezession gelegentlich respektierten schwarzwalddeutschen in der Schweiz lebenden Autors Volker Mohr. U.a. macht er sich in seiner sprachreflexiven Studie "Polarlichter" Gedanken über den Unterschied zwischen "Zoé" und "bios", den beiden griechischen Wörtern für Leben. "Zoè" bedeute so viel "wie das Leben an sich, das allen Lebewesen gemein ist, während "bios" das spezifische Leben von Gruppen oder Einzelwesen meint." Wiewohl mir der Begriff "Bio-Deutscher" immer etwas belämmert vorkam, scheint mir diese Unterscheidung vom Schreibtisch eines Humanisten bedenkenswert, so wie ich von Volker Mohr, dessen Bücher hauptsächlich im Schaffhauser Loco-Verlag erschienen sind (wie früher etwa einzelne Titel von Max Picard) sehr bedenkenswert.

A propos Schreibtisch: Man muss sich von diesem auch mal etwas trennen können. Heute beobachtete ich kurz vor Sonnenuntergang an einem sandigen Strand eines Schweizersees erstmals in meinem Leben zwei Alpenstrandläufer, wunderschöne hochelegant bewegliche Prachtsexemplare, die trotz ihres Namens hierzulande nur Wintergäste sind. Aus der Bibliothek heraus vermehrt ins Freie: das könnte durchaus nicht ein berüchtigter Neujahrsvorsatz, eher schon eine Wende in Richtung eines sinnvollen Lebens sein, wobei der Garten und die Bibliothek sich etwa beim Kirchenvater Augustinus wie Einatmen und Ausatmen zueinander verhielten.

Stil-Bluete
1. Januar 2019 01:18

Sollten Deutsche als Überlebens-Mittel Diaspora (also weder Exil, noch innere Immigration) in Erwägung ziehen?

Boricua
1. Januar 2019 02:05

@Der Gehenkte

Oft frag ich mich, was für eine Rolle eigentlich Weißmann und Stein in diesem Film spielen? Beide wirken manchmal austauschbar. Das Rittergut nicht. Das eine kann ein Praktikant bei SZ, Welt, FAZ und Spiegel unter kundiger Anleitung schnell selbst elaborieren, um Wünsche und Sehnsüchte zu bedienen, die vereinzelt noch im Volk vorhanden sind. Das andere braucht echt Fundament.

H. M. Richter
1. Januar 2019 02:50

"Ich habe dieses Verhalten einmal mit dem Sprung aus einem Ruderboot ans rettende Land verglichen, bei dem man ja stets dem Boot, das man verläßt, einen gehörigen Stoß weg von diesem Ufer verpaßt. Ich will es erweitern: Es gibt andere, klügere, weniger egoistische Wege, vom Kahn an Land zu gehen, um das Ufer zu verändern. Es muß nicht auf Kosten derer geschehen, die noch im Boot sitzen."
_____________________________________

Da fallen einem dann Borcherts Worte ein:
"„Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind –
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und bin doch selbst
ein Schiff in Not!“
__________________

Mit Dank an alle, die im letzten Jahr im Boot geblieben sind, selbst Boot blieben oder zum Boot wurden: Auch im neuen Jahr immer eine Handbreit Wasser unter'm Kiel, - und Gott befohlen !

Frika Wies
1. Januar 2019 12:21

Die Abwehrmaßnahmen gegenüber pronationalen Bestrebungen werden härter, aber ich sehe darin sogar ein gutes Zeichen. Die Herrschenden bekommen es mit der Angst zu tun.
Es wird nicht dauerhaft gelingen, die Kritiker auf einer Insel einzuschrauben, dafür ist er Druck zu groß.

Urwinkel
1. Januar 2019 13:53

Der zweite Teil des Rechenschaftsberichts erinnert mich pünktlich daran, noch den Fragebogen auszufüllen, der der letzten Dezemberausgabe der Sezession beilag. Solch ein obligatorisch ruhiger Neujahrstag bietet sich bestens dafür an.

Elvis Pressluft
1. Januar 2019 16:37

Wir erleben einen instabilen Übergangszustand, der absehbar in eine von zwei grundsätzlichen Richtungen umkippen wird: Entweder erreichen die Anderen innerhalb von Jahren die vollständige Herrschaft - oder aber ein Sturm bricht doch noch los, der jene hinwegfegt. Letzteres ist eine Hoffnung, die täglich dünner zu werden scheint. Ich schätze die „Sezession“ überaus, doch soll man sich nicht die Tasche lügen: Es hat etwas von „preaching to the converted“ - das ist notwendig und ehrenwert, wird aber systemisch nichts ändern. Argumente für den Diskurs mit Merkelisten und (anderen) Linken sind schlicht nicht anwendbar; die Macht der Lüge ist stärker. Hochintelligente Menschen glauben sie wider besseres Wissen. (Beim Aufräumen fand ich unlängst Orwells „1984“: immer wieder eine Lektüre wert.)
Ich möchte mich nicht in Defätismus üben, aber die Räume für uns Gedankenverbrecher werden auch in diesem Jahr eher noch enger werden. Dennoch - oder deshalb - allen Aufrechten alles Gute für A.D. 2019.

Simplicius Teutsch
1. Januar 2019 18:44

Sehr geehrter Herr Kubitschek und Familie und Freunde, alles Gute für die Zukunft!

Sie schreiben einleitend: „Kositza und ich feiern seit Jahren nicht Silvester. Wir brauchen keine zusätzliche Zäsur: Oft genug bricht heute weg, worauf wir uns gestern vorbereiteten.“

Das bedauere ich etwas. Aber auf was soll man schon mit Vorfreude und begründeter Hoffnung groß anstoßen, wenn es heutzutage um die Zukunft geht? An Neujahr 1900 kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an Neujahr 1990. Freilich war ich da noch jung.

Gestern noch, als ich - ohne die mittlerweile erwachsenen Kinder - mit meiner Ehefrau und einigen Bekannten beim Silvester-Abendessen war, hatten wir übereinstimmende Vermutungen geäußert, dass nicht nur am Tisch für uns, sondern generell auch im weiteren und auch jüngeren Bekanntenkreis, die Silvester-Party-Aufbruchsstimmung ins Neue Jahr, wie sie noch vor Jahren allenthalben spürbar in einer gewissen Vorfreude zum Ausdruck kam, kaum mehr vorhanden ist.

Die großen Silvesterbälle und die vielen kleinen Vereinsbälle mit ausgelassenen Feierlichkeiten von jung und alt, wo man sich um Mitternacht durch den gesamten Saal hindurch Glück und Erfolg für die Zukunft wünscht, gibt es wohl kaum mehr.

Im Westen nichts mehr los, so wie früher, früher ... Silvester reduziert sich mehr oder weniger auf ein von den Medien hergerichtetes Jahresendereignis: Die politischen Größen halten ihre ausgiebig vorgekauten – und später nachgekauten - Ansprachen an die Bevölkerung, und die Leute sitzen wohl zum Großteil zuhause im Wohnzimmersessel vor der Glotze und lassen sich ansonsten auf 30 oder mehr Unterhaltungskanälen konsonant und leichtverdaulich bedienen, während der materielle Nachschub aus dem bis oben gefüllten Kühlschrank nichts zu wünschen übrig lässt. - Prost, Neujahr!

Franz Bettinger
1. Januar 2019 20:55

Ich habe den größten Respekt vor Ihnen, K+K, und Ihrer ganzen taffen Familie. Ich bin oft in Gedanken bei Ihnen. Sie leben vor und geben Mut. Ich hoffe, sie tun es noch lang; hätte aber Verständnis, wenn es Ihnen irgendwann zu viel wird und Sie sich aus der Front verabschieden wollten. Ich glaube, Sie bewirken viel mehr, als auf Anhieb klar wird. Weiter so wie gehabt, mit Herz und Verstand! Und wenn's schlimm wird, vergessen Sie nicht: Sie haben viele Freunde in der ganzen Welt, die darauf warten, Ihnen und den Ihren etwas zurückgeben zu können. Nutzen Sie es doch einmal (aus)! Auch das gäbe Kraft. - Danke auch für Ihre 'Sezession' und die sicher nicht immer nur angenehme Arbeit, unsere Kommentare zu sichten, zu erlauben oder auch nicht. Danke auch allen Mit-Foristen für ihren Input! Heute gefiel mir besonders @der Gehenkte.

Nemesis
1. Januar 2019 23:34

"Kommt an den Rand des Abgrunds!" sagte er.
"Wir haben Angst", antworteten die anderen.
"Kommt an den Rand des Abgrunds!" sagte er.
"Wir haben Angst", antworteten die anderen.
"Kommt an den Rand des Abgrunds!" sagte er.
Sie kamen. Er stieß sie - doch sie flogen.
GUILLAUME APPOLLINAIRE

Danke.
Nemesis

starhemberg
2. Januar 2019 11:54

Was aber lässt der kommunistische Schriftsteller Gustav Regler in seinem von den Nazis verbotenem Roman "Im Kreuzfeuer" (über die letzten Monate des Saarlands vor seiner Wiedereingliederung in das Deutsche Reich) einen seiner Hauptprotagonisten sagen:

"Wir allein haben von Anfang an gewarnt. Wir haben ein gutes Gedächtnis und unsere Freunde dahinten ebenfalls. Die vergessen so leicht nichts. Ihr lasst ihnen Zeit zum Nachdenken. Und wir gestatten uns, den Gedanken die Richtung zu geben. Da haben sie mal wieder vom "Hetzen" geredet:
sie sagen, ihr wärt viel zufriedener, wenn wir nicht wären. Sie wollen uns weismachen, ihr kämt nicht von selbst auf den Gedanken, wer euch in das Elend hineingejagt hat. Sie wollen euch dumm machen. Aber ich erkläre hier im Namen meiner Fraktion: jawohl, wir hetzen! Denn Hetzen heißt die Augen öffnen, hetzen heißt aufklären, die Fronten zeigen. Das Wort nützt euch nichts. Wir reden deutsch. Wir sind nicht fein, wir nennen die Dinge beim Namen, wir haben nicht den Ehrgeiz, in eurer korrupten, verfallenden Welt als gottergebene bescheidene Bürger zu gelten. Wir reden und klagen an, bis alle sehen, was für eine Affenkomödie hier und überall gespielt wird."

Ich glaube, damit ist vieles gesagt, vielleicht sogar alles. Man kämpft nicht, weil es so viel Spaß macht. Man kämpft, weil man nicht anders kann. Und ich hoffe und wünsche mir, dass auch 2019 Schnellroda eines der wichtigsten Zentren dieses Kampfes bleiben wird.

KlausD.
2. Januar 2019 12:56

@Elvis Pressluft
"... ein Sturm bricht doch noch los ... eine Hoffnung, die täglich dünner zu werden scheint. ..."
Es muß ja kein Sturm sein, aber die Entwicklung der internationalen Lage gibt Hoffnung auf ein Umdenken in Europa - Stichwort "Bannon in Oxford" - siehe hier:
http://analitik.de/

Elvis Pressluft
2. Januar 2019 17:38

@ KlausD. Danke für die Replik und den Hinweis. Unser Hauptfeind bleibt der intelligente, facettenreiche, heimtückische und gefräßige Konformismus, vor dem Botho Strauß warnte, als die Warnung noch hätte sinnvoll sein sollen. Sie wurde nur von denen vernommen, die sich ohnehin über die Lage klar waren. Und heute?

Weltversteher
2. Januar 2019 21:54

Herr Kubitschek, bitte entschuldigen Sie die Frage:
Ich glaube, die wenigsten Leser hier sind so global, daß sie wissen, was ein "Keynote-Speaker" ist.

antwort kubitschek:
ich weiß es auch nicht genau, jedenfalls etwas von bedeutung. muß mal nachschlagen.

silberzunge
4. Januar 2019 20:24

Keynote = Plenarvortrag (der dt Begriff ist nach wie vor gängig).
Zum wiedergelesenen Artikel von Per Leo, und ja, es ist Trivia und auch wieder keine: stimmt das mit den Essenskörben von Aldi?

Kositza: Haha, weder was die Freßkörbe noch den Aldi-Champagner betrifft! PL wollte in seiner "superwitzigen" Art klar machen, was für Billigheimer wir in seinen klugen Augen sind. Offenkundig nehmen es Leute für bare Münze.... Ähnlich war's mit einer Fake- ("Satire"-)Reportage über Schnellroda, die mal die taz gebracht hatte.

Zu Paglia: Es tut mir wahrlich leid um all die Mühen und Kosten, ich hätte das Buch gerne gelesen. Doppelt bitter, wenn man bedenkt, was zB die dt. Fassung von Petersons Buch (https://www.amazon.de/12-Rules-Life-chaotischen-ver%C3%A4ndert/product-reviews/344231514X/ref=cm_cr_dp_d_hist_1?ie=UTF8&filterByStar=one_star&reviewerType=all_reviews#reviews-filter-bar) für eine schändliche Übersetzung aufwies und natürlich gedruckt wurde. Wenn ich auch dazu sagen möchte, dass Veränderungen des Originals eben immer problematisch sind, ganz abgesehen davon, dass das - wie Sie, GK, richtig anmerkten - letzten Endes ein Politikum war.

Laurenz
4. Januar 2019 21:40

Wieder ein schöner sehr menschlicher Artikel.

Ich will Herrn Kubitschek das naive Deutschtum, oder besser deutsch -, "blauäugig" sein, nicht vorwerfen. Gegen die eigene Eigenart nutzt auch jegliche Intelligenz wenig. Castaneda beschrieb die Vor - und Nachteile des Begriffs "Arglosigkeit" sehr genau. Arglosigkeit ist ein wesentliches unserer ethnischen Merkmale.
In 4-5 Jahrzehnten passierte doch im deutschen Patriotismus wenig oder rein gar nichts, was vor allem am politisch notwendigen Wohlstandsgefälle im Ost-West-Konflikt lag. Patrioten oder bezahlte Pseudo-Rechte taten alles dafür, um negative Attribute öffentlich werden zu lassen, Sektierertum, einseitige Thematik usw. und sofort. In jeglicher militärischer Betrachtungsweise wäre es der Tod eines Zugs, würde der führende Unteroffizier die eigene Stellung kenntlich machen. Das ist im parlamentarischen - außerparlamentarischen politischen Leben nicht viel anders. Das veränderte politische Umfeld seit dem Ende der 90er Jahre liegt im wesentlichen an der Eskalation des politischen Systems, und dem Wegfall des Wohlstandsgefälles von West nach Ost. Die entscheidende Frage ist, wie militärisch, wie totalitär, wird das politische System in seinem Niedergang gegen Andersdenkende reagieren?

Laurenz
5. Januar 2019 06:11

@Maiordomus .... wie groß ist denn de Unterschied zwischen einem Schwarzwald-Deutschen und einem Schweizer-Deutschen, wenn man mal vom Paß absieht?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben beide alemannische Vorfahren.

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