8. April 2021

Sammelstelle für Gedrucktes (14)

Benedikt Kaiser / 55 Kommentare

Liest man Ulf Poschardt in der Welt oder bei Twitter, drängt sich oftmals eine spezielle Form der Fremdscham auf.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das ostentative Kokettieren mit teuren Autos, hippen Jungfedern, antideutschen »Lieblingsautoren« und erzliberalen Zuspitzungen steht, wenn man es negativ auslegen wollen würde, für eine besondere Form der Infantilität als Markenzeichen. Es ist anzunehmen, daß diese Spielerei oftmals eben eine solche ist.

Denn daß Poschardt durchaus zu klugen Gedanken fähig ist, beweist er von Zeit zu Zeit in seinen kurzen Kommentaren, die er im Regelfall in seiner Welt darbietet, so auch in der heutigen Ausgabe der Axel-Springer-Tageszeitung (8.4.2021).

»Die klugen Grünen« titelt er da und widmet sich der Kandidatenkür der linksbürgerlichen Avantgarde. Diese findet in Zeiten statt, in denen die Union von einem immanenten Korruptionsskandal zum nächsten taumelt und Kanzlerin Merkel den Föderalismus (temporär?) zu liquidieren bereit ist.

Am 19. April geben die Grünen dann ihren Kandidaten für die Kanzlerschaft bekannt:

Während sich in den Medien Elogen auf beide Kandidaten stapeln (in einem kaum erträglichen Hymnenton), scheint das Rennen offen. Mit Habeck käme ein gut und nachdenklich aussehender neuer Mann, sensibel und verletzlich und mit wenig Regierungserfahrung infrage, der auch schon mal an Twitter oder einem Videoblogger scheitert. Mit Annalena Baerbock käme eine ruhig und stoisch agierende Handwerkerin der Macht ohne Regierungserfahrung in Schlagnähe des Kanzleramts. Gegen einen robusten Markus Söder hätte sie wohl die besten Karten.

Ob blasser, beschädigter Laschet oder bayerischer, beschädigter Söder – die Grünen können entspannt bleiben. Zudem sind sie

augenblicklich so stark in den Umfragen, dass die Union mit ihrem Kandidaten auf Habeck oder Baerbock reagieren könnte.

Sprich: Taktieren, je nachdem, was am 19. April als Ergebnis zu vermelden ist.

Stellt die Partei Habeck auf, wäre Söder der ideale Gegenpart, der dem niedlichen Redekünstler mit umfassender Sachkompetenz und Regierungserfahrung die Show vermasseln könnte.

Realistischer dürfte aber weiterhin Baerbocks Kandidatur sein, zu der Poschardt zu sagen weiß, daß sie ein »hartes Brot« für die Union verkörpern würde:

Sie ist wie ihr Vorbild Merkel zäher, härter und auch kühler, als die meisten Bürgerlichen vermuten.

Hinzu kommt für die Grünen eine wohlmeinende Tendenz des Zeitgeistes im allgemeinen und der deutschen Gesellschaftslage im besonderen. Tag für Tag werde ihnen, wie Poschardt treffend notiert,

durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und andere Redaktionen ein wuchtiger PR-Spoiler verpasst, der die oft wackligen Argumentationen beim Trendthema grüne Transformation mit Traktion versah.

Die entscheidende Passage folgt aber erst hernach. Sie besteht aus 18 Wörtern, einem Satz:

Zudem ernten die Grünen jetzt, was sie über Jahrzehnte im vorpolitischen Raum, in Kirchen und NGOs gesät haben.

Allen »Nur-Realpolitikern« und allen »Nur-Parlamentspatrioten« in Deutschland wie Österreich muß diese Sentenz immer und immer wieder eingebläut werden: Wahlerfolge ohne vorhergehende meta- bzw. vorpolitische Raumnahmen sind allenfalls als Eintagsfliegen denkbar; nur eine kombinierte Strategie aus Meta- und Realpolitik kann Gesellschaft und Politik nachhaltig verändern.

Björn Höcke hat dies für das arbeitsteilige rechte Mosaik aus Bürgerinitiativen, Jugendgruppen, Publikationen, Verlagen und einer Wahlpartei treffend zusammengefaßt: Der Weg zum parlamentspolitischen Erfolg führt über den vorpolitischen Raum. Wer sich dieser Erkenntnis verweigert, hindert sich selbst an einem organischen und damit nachhaltigen Wachstum.

-- --

In Thüringen, aber auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Sachsen, ist dieser Höcke-Weg bereits »in der Mache«, sprich: verankert sich die AfD nicht nur als Volkspartei fest auf dem politischen Tableau, stabilisiert nicht nur ihre 20-Prozent-Plus-Stellung, sondern greift sogar aus – auf dem Weg zur stärksten Kraft des Ostens.

Das müssen auch die beiden Journalisten Martin Machowecz und Paul Middelhoff einigermaßen zähneknirschend einräumen. In der heute erscheinenden Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit (15/2021, 8.4.2021) publizieren sie einen ausführlichen Beitrag zum Erfolgsweg der Ost-AfD: »Radikal regional«.

Eingeleitet wird mit dem Nordthüringer Bundestagsabgeordneten Jürgen Pohl. Der Rechtsanwalt strebt erneut ein Mandat in Berlin an; dort will er weiter dafür streiten, daß sich die AfD zu einer integrierenden, sozialpatriotischen Volkspartei auch über Erfurt, Magdeburg und Potsdam hinaus entwickelt:

Seit Jahren kämpft er dafür, dass sich die AfD verändert. Dass sie sich mehr um die vermeintlich kleinen Leute kümmert, um die Kassiererin in Gera und den Rentner in Neubrandenburg. Dass endlich Schluss ist mit Meuthens marktliberalem Kurs. Dass die Partei so wird wie er selbst: lauter, radikaler, sozialer. Mehr so wie die AfD im Osten. Es könnte gut sein, dass Pohls Zeit gekommen ist. Und dass Meuthens Zeit endet.

Dafür spricht in der Tat einiges. Man könnte Meuthens frappierenden Schlingerkurs in Sachen Coronakrise nennen; zuletzt lobte er gar das denkbar strenge Impfregime Israels – eine absonderliche Positionierung aus Sicht einer Mehrheit der in bezug auf Corona eher impfskeptisch gewogenen Parteibasis.

Man kann aber auch auf die Landtagswahlen im Südwesten der Republik verweisen, in denen Meuthens Getreue als Spitzenkandidaten versagten, und just das tut das Zeit-Autorenduo:

In Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz verlor die AfD Mitte März jeweils ein Drittel der Stimmen, am Ende waren ihre Ergebnisse nur noch einstellig. Wenn es noch eines Beweises für die desolate Lage bedurft hätte: Das wäre er.

Dies festzustellen, sollte nicht zu übertriebenem innerparteilichen Triumphalismus gegenüber Meuthen und seinen hartnäckigsten Getreuen um Joana Cotar und Alexander Wolf führen – aber vielleicht bei ihnen und ihrer Mehrheit im Bundesvorstand zu einem konstruktiv-selbstkritischen Umdenken?

Denn der ostdeutsche Weg zahlt sich weiter aus:

Hier hat sich die AfD auf extrem hohem Niveau stabilisiert: 23,5 Prozent holte die Partei 2019 bei der Wahl in Brandenburg, in Thüringen steht sie bei 23 Prozent, in Sachsen sogar bei 26 Prozent. Bei den Landtagswahlen im Juni in Sachsen-Anhalt und im Herbst in Thüringen zielt sie darauf, zweitstärkste Kraft zu werden.

In Sachsen, so darf man die Zeit-Journalisten korrigieren, kratzt die Alternative mittlerweile gar an der 30-Prozent-Marke und hat damit die CDU überholt. Das Zwischenfazit steht für sich:

Im Westen steckt die Partei in der Krise, im Osten plant sie die Zukunft.

Ex oriente lux – einmal mehr. Nur dort bleibt ja jener Aufwärtstrend lebendig, den die AfD seit den Monaten vor der Bundestagswahl 2017 als ein prekäre Einheit verschaffendes Lebenselixier so bedarf. Die aus Leipzig berichtenden Machowecz und Middelhoff erfassen diesen zentralen Aspekt einigermaßen präzise:

Die AfD lebt vom Mythos des eigenen Aufstiegs, davon, dass sie nur ein paar Jahre Anlauf nimmt, bevor sie in alle Ämter stürmt und das System grundlegend umbaut. Diese Erzählung funktioniert so lange, wie die Wahlergebnisse kontinuierlich steigen. Aber das tun sie gerade dort nicht mehr, wo Meuthen Einfluss hat: im Westen. Gut möglich, dass ihn diese Schwäche im Verlauf des Jahres den Job kostet.

Doch was folgt auf Meuthen?

Es sind Männer wie Tino Chrupalla, die dann mehr Macht wollen. Chrupalla ist Meuthens Co-Parteichef, Malermeister, in Ostsachsen aufgewachsen und politisches Ziehkind des Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland.

Man könnte aufgrund der Biographie sagen: ein prototypischer Leistungsträger aus dem Volk, wie es in der tätigen Mittelstand-Nation Deutschland so viele gibt; mithin sind es ja jene Handwerker, Selbständige, Arbeiter und Kleinunternehmer, die den Laden am Laufen halten und Politikern und Beamten ihr krisensicheres und konjunkturunabhängiges Einkommen verschaffen.

Man könnte aufgrund der Biographie aber auch, wie AfD-Prominenz aus dem Südwesten, einfach mal »vergessen«, daß man selbst stets auf steuerzahlerfinanzierten Stellen saß und den langjährigen Nettosteuerzahler Chrupalla für fehlende akademisch-großbürgerliche Weihen angreifen:

Nur hat man dann mutmaßlich weder einen politischen noch einen gesellschaftlichen Kompaß – und ist verdientermaßen von gestern.

Chrupalla trifft einen Punkt, wenn er der Zeit gegenüber bilanziert:

Wenn wir in Sachsen mit unserer Art von Politik über 25 Prozent holen und die AfD in Hamburg mit ihrem marktliberalen Ton es gerade so über die Fünfprozenthürde schafft, kann ich doch nicht sagen: Wir machen es jetzt so wie die Hamburger.

Ostdeutschland – das Laboratorium für volksverbundene Politik, das müssen auch die Journalisten mit spürbarem Argwohn konzedieren:

Jürgen Pohl und Björn Höcke experimentieren in Thüringen mit einer "Deutschen-Rente", einem Zuschlag nur für – Überraschung – Beitragszahler mit deutschem Pass. Der Brandenburger Bundestagsabgeordnete René Springer tüftelt an einer Art Grundeinkommen. "Soziale Themen sind die Themen der Zukunft für unsere Partei", sagt der Sachse Chrupalla,

wobei zu hoffen ist, daß er Recht behält. Das in Kalkar erarbeitete Sozialprogramm, mit dem es sich strömungsübergreifend arbeiten läßt, muß endlich ernstgenommen und der Wählerschaft bekannt gemacht werden; von entsprechender Vermittlungsarbeit Teile der Parteispitzen zur eigenen Sozialpolitik, mit der man zu fremdeln scheint, vernimmt man (noch?) zu wenig.

Machowecz und Middelhoff diagnostizieren nun Schnellrodas Rolle beim anhaltenden sozialpolitischen Wandel in der AfD:

Einer der Vordenker der AfD-Sozialpolitik ist der Publizist Benedikt Kaiser, der seine Jugend mitunter im Kreis von Neonazis in Chemnitz verbrachte. Heute arbeitet er für den rechtsextremen Antaios-Verlag aus Sachsen-Anhalt und hat das Buch Solidarischer Patriotismus verfasst.

Zeit-typische Begriffsnutzungen und Interpretationen ignorierend, bleibt der Eindruck zu korrigieren, daß ich nur »Einkommensschwache als natürliche Wählerklientel der Rechtsparteien« identifiziere. Das sind sie freilich auch, aber nicht alleine: 28 Prozent der »Prekären« wählten bei der Bundestagswahl 2017 AfD, aber eben auch 20 Prozent der unteren Mittelschicht (wenn man so will: »Kleinbürger«), die im Bereich von Selbständigen, Arbeitern und Angestellten aller Schattierung zu finden sind.

Ohnehin ist keineswegs nur die materielle Achse wichtig für die Wahlentscheidung. Die AfD ist auch die Kraft, die immaterielle Interessen ihrer Sympathisanten vertritt, indem sie die Partei des Normalen, des Gewöhnlichen, des Nicht-Repräsentierten in der Gesellschaft darstellt, eben jener Lebensentwürfe, die medial und establishmentpolitisch als zu gewöhnlich, zu spießig, zu reaktionär usw. ignoriert, wo nicht offen verworfen werden.

Richtig hingegen ist der Journalisten Zusammenfassung des Solidarischen Patriotismus, wonach ich darin »nach Antworten des AfD-Lagers auf Digitalisierung und Dienstleistungsgesellschaft« suche und – neben dem Modell der relativen sozialen Homogenität – auch die relative ethnische Homogenität affirmiere. Sie schließt Integrationsleistungen keineswegs pauschal aus, favorisiert lediglich eine anthropologisch naheliegende »landsmännische Parteilichkeit« (David Miller).

Wenig Widerspruch also beim Fazit:

So geht Sozialpolitik von rechts außen,

wenngleich das nicht im eigentlichen Sinne als »rechts außen« zu fassen wäre, sondern vielmehr eine Art Common Sense unter gemeinwohlorientierten Menschen abbilden sollte.

Bleibt indes zu hoffen, daß diese Erkenntnis sich weiter durch Bundespartei und Vorfeld frißt, so wie es in den »neuen Bundesländern« bereits weitgehend der Fall sein dürfte:

In der Ost-AfD haben sie längst erkannt, dass sich mit Kaisers Ideen Wahlen gewinnen lassen. Sie sind sogar überzeugt, dass eine sozial ausgerichtete Rechtspartei auch im Westen erfolgreich wäre. In den prekären Vorstädten von Duisburg oder Dortmund, so argumentieren ostdeutsche Parteimitglieder, könne man doch auch nicht mit Steuersenkungen und privater Rentenversicherung werben.

Wichtig zu betonen ist hierbei zum einen, daß der ostdeutsche Kurs eben nicht nur in Ostdeutschland funktioniert. Dort wird er getestet, ausgearbeitet, geformt – aber ohne den Westen würde der Nation dann doch was fehlen.

Gelänge es authentisch, kulturelle und materielle Interessen von Arbeitern und der abstiegsbedrohten (oder den Abstieg fürchtenden) Mittelschicht ebenso zu vertreten wie massenmigrationskritische Anliegen heimatbewußter Bürger aller Schichten, könnte auch im Westen an die Ostergebnisse angeknüpft werden.

Die bekannten relativen AfD-Erfolge in Gelsenkirchen, Duisburg und Mannheim oder auch in überwiegend von »Prekären« und Arbeitern bewohnten Wahlbezirken in West-Berlin, Hamburg, München und Co. unterstreichen die Bedeutung besagter These (»Je mehr Haushalte aus der Unter- und Mittelschicht in einem Stimmbezirk wohnen, umso besser schneidet die AfD ab«, weiß die Bertelsmann-Stiftung.)

Der Blaue-FDP-2.0-Kurs in Teilen Westdeutschlands hat im Gegensatz dazu nirgends bewiesen, daß er Erfolge einfahren kann, so mantrahaft auch betont wird, man müsse dies so betreiben, weil man andernfalls das Bürgertum nicht erreiche. Nun, man erreicht es ganz offensichtlich auch so nicht. Überall, wo das längst nach links gekippte westdeutsche Bürgertum den politischen Ton angibt, spielen AfD und die politische Rechte an sich keine Rolle. Diese Jahr für Jahr bitter bestätigte Erkenntnis gilt es spätestens jetzt in eigene strategische Erwägungen einzubetten – ausführlicher dazu hier.

Wichtig zu betonen ist zum anderen, daß grundsätzliche, volksverbundene und alternative Politik nicht bedeutet, polternd und vulgär aufzutreten.

Weil man im Osten überpotent und überradikal auftritt, vergrault man die Wähler im Westen,

fürchtet man vielerorts. Machowecz und Middelhoff erkennen hierin ein »Paradox in den AfD-Landesverbänden im Osten«, das sie so charakterisieren:

Da ist, einerseits, der stete Wille, sich abzugrenzen, immer noch heftiger zu wüten gegen "das System" und "die Altparteien". Andererseits drängt die AfD darauf, endlich im Regierungsgeschäft mitzumischen. Und die CDU-Verbände in Kooperationen zu verwickeln. (...) Gerade deshalb, sagt ein CDU-Funktionär aus einem Ost-Bundesland, sei es ein Glück, dass die AfD im Osten so brutal auftrete. So könne die CDU-Spitze ihre Fraktionen beisammenhalten – weil selbst erzkonservative CDU-Abgeordnete sich schütteln müssten, wenn sie sähen, was manche ostdeutsche AfD-Leute da von sich geben.

Abgesehen davon, daß fehlerhafte bis peinliche Äußerungen durch alle Strömungen und Landesverbände der AfD gehen, parteischädigende Verhaltensweisen also keineswegs als »Ost-Spezifika« zu klassifizieren wären, bietet diese Passage doch die Gelegenheit, Gewichtiges in Erinnerung zu rufen.

Erstens beinhaltet der idealtypische (und damit auch im Osten zu vertiefende, professionalisierende) »Ostdeutsche Weg« habituelle und inhaltliche Wegmarken.

Habituell erfolgt die Besinnung auf klare Kante und beherzte Offensive. Das erfordert volksnahes Auftreten, aber keine künstliche Anbiederung; unmißverständliche Aussagen, aber kein Gepolter; kämpferischen Gestus, aber keine Vulgärismen; entschlossene Selbstbehauptung, aber kein peinliches Harakiri; Disziplin nach innen und außen, aber keine stupide Selbstverzwergung.

Inhaltlich muß die Besinnung sowohl auf die absehbaren als auch kontingenten Folgen der Coronapolitik erfolgen, nicht auf die schwankende Bewertung des Virus als solches. Das erfordert zuallererst das beherzte Reaktivieren des Migrationsthemas als verstärkender Selbstläufer für die eigene Klientel und das produktive Bearbeiten von bundesweit zirkulierenden Themen sozialer Sicherheit (Rente, Wohnen, Familienpolitik, Kurz- und Leiharbeit usw.) als virulenten Feldern kommender Zeiten, denn: »Soziale Themen sind die Themen der Zukunft für unsere Partei.« (Chrupalla)

Zweitens bedeutet habituelle und inhaltliche Zuspitzung im Zeichen einer grundsätzlichen Alternative für Deutschland nicht, daß man auf ewig Fundamentalopposition bleiben will und muß. Wer nicht »regional radikal« und grundsätzlich (gemeint ist nicht: radauhaft, hyperventilierend, pöbelnd usf.) beginnt, kann seine Positionen später nicht mehr moderat abschwächen.

Aber genau dies vollzöge sich ohnehin in jedweder Verhandlungskonstellation. Die Grünen machen es einmal mehr vor: Maximalforderungen und selbstbewußt-kämpferisches Auftreten motivieren die eigenen Sympathisanten, beeindrucken Wechsel- und Nichtwähler und gefallen »der Jugend«*; abrücken – zum Wohle der Verhandlungsstimmung mit dem eventuellen Gegenüber – kann man freilich immer noch später. Andersherum geschieht bzw. funktioniert das: nie.

Ohnehin gilt ja: Die ostdeutsche AfD befindet sich in bezug auf Koalitionsverhandlungen in bequemer Lage. Sie kann und muß akribisch beobachten, was die CDU treibt und welche Seite sie entblößt. Dort, wo die Union erneut mit den identitätspolitisch irrlichternden Grünen handelseinig wird (oder, wie etwas verklausuliert in Thüringen, gar der Linkspartei), verprellt die CDU weiterhin konservative Wählerschichten und treibt sie endgültig der AfD entgegen oder in die Wahlenthaltung.

Wird die Union hingegen (eher später als früher) in irgendeinem Bundesland (wie wäre es mit Sachsen-Anhalt?) dazu neigen, mit der AfD eine Art Kompromiß, etwa eine tolerierte Minderheitsregierung, einzugehen, wäre die AfD »salonfähiger«; der von Linken aller Couleur seit Jahren herbei fabulierte Tabubruch wäre in dem Falle vollzogen. Voraussetzungen für beides: ein angemessenes AfD-Ergebnis. Und das gibt es bisher nur im Osten.

Übrigens: Bereits im Juni wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD steht in aktuellen Umfragen bei 23 Prozent (Wahl 2016: 24,3 Prozent). Ich lege mich fest: 25 Prozent sind machbar. Die ostdeutsche Erfolgsgeschichte wird fortgeschrieben – in der »Sammelstelle für Gedrucktes« wird pünktlich berichtet werden.

-- --

* Nachtrag zur Jugend:

Der Meuthen-Kurs in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz führte unter anderem dazu, daß die AfD bei Jungwählern auf den letzten Platz zurück fiel, wohingegen man in Sachsen und Thüringen die stärkste Kraft bei den 18-30jährigen bleibt (dazu hier und hier), ja mehr noch: Die AfD in Thüringen ist in allen Altersgruppen zwischen 18 und 60 Jahren die führende Partei, eben weil sie »radikale« (d. h.: grundsätzliche, an die Wurzel gehende) Arbeit mit Graswurzelstrategie, persönlicher Kompetenz der Mandatsträger und fachpolitischer Professionalisierung verknüpft.

Bei aller Verschiedenheit von Ost und West, die es stets bei lokaler und regionaler Arbeit zu bedenken gilt, spricht auch dies Bände über das Verhältnis zwischen der Zukunftsfähigkeit des Meuthen-Kurses und dem ostdeutschen Alternativvorschlag.

Am 10. April, schon übermorgen also, beginnt der 12. Parteitag der AfD. Man darf hoffen, daß die Delegierten aus Nord und Süd, Ost und West den Ernst der Lage und die Brisanz derartiger Zahlen erkannt haben. Noch kann das Krisenjahr 2021 zum Jahr der Alternative werden – man muß dafür aber die richtigen Weichen stellen: Dazu zählt zuallererst ein repräsentierendes Gesicht für den für viele Jahre richtungsweisenden Bundestagswahlkampf.

Bedenkt man, daß Sachsen bundesweit die besten AfD-Ergebnisse einfährt und schon bald die symbolträchtige 30-Prozent-Marke durchbrechen könnte, drängt sich hierbei eine Spitzenkandidatur Tino Chrupallas förmlich auf. Man kann nur mit Wahlgewinnern Erfolgshunger ausstrahlen – ambitionierte Köpfe aus Hessen und anderswo können dann bei diesen demütig und wißbegierig in die Lehre gehen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (55)

Dietrichs Bern

8. April 2021 16:41

Ich halte Herrn Poschardt zugute, dass er sich in breiter Öffentlichkeit durchaus widerständig gegenüber den Anforderungen der Merkel-Grünen-FFM-Queer-BLM-Regierung zeigt - man hat ja erst beim Bild-Chefredakteur gesehen, wie schnell man mit welchen Bandagen bekämpft wird.

Deshalb muss ich ja nicht alles gut finden, was er so von sich gibt.

Ich stimme Herrn Kaiser in der Bewertung zu, dass die kleinteilige Besetzung vor-politischer Räume erstaunlich wenig Beachtung als Erfolgsrezept findet -inwieweit die AFD hier im Osten wirklich erfolgreicher ist, kann ich nicht beurteilen - fände es aber nachahmenswert.

Über den - mittlerweile auch optisch - aus der Form geratenen Herrn Meuthen ist auch alles gesagt - kaum jemand ist so in seinem Amt geschrumpft wie er und Frau Weidel.

Die restliche Analyse greift mir zu kurz und nennt nur die sattsam bekannten Ost-West -Schuldzuschreibungen - wenn man immer an der Schwelle zur Halbierung des BTW-Ergebnisses klebt, gibt es doch einiges mehr an Gründen.

Niekisch

8. April 2021 16:56

Ein wegweisender Artikel Benedikt Kaisers.

"Gelänge es authentisch, kulturelle und materielle Interessen von Arbeitern und der abstiegsbedrohten (oder den Abstieg fürchtenden) Mittelschicht ebenso zu vertreten wie massenmigrationskritische Anliegen heimatbewußter Bürger aller Schichten, könnte auch im Westen an die Ostergebnisse angeknüpft werden."

 Ich lebe mitten im Ruhrgebiet wohne und begleite die AfD von Anfang an. Es mag beachtet werden: alleine der Ruhrpott hat mehr als 1/3 der Einwohnerschaft ganz Mitteldeutschlands, zusammengesetzt aus 190 Nationen und deutschen Minderheiteninseln, mit relativ geringen Einkommen, nicht beendetem industriellem Wandel, hoher Überalterung der Restdeutschen. Er schon bietet der AfD ganz außerordentliche Chancen, die aber bisher nur unzureichend genutzt wurden. Eine Verschmelzung von Identitäts- und Sozialpolitik ansetzend im vorpolitischen Raum hat schon bei vergangenen Wahlen Ergebnisse gezeitigt, die denen in Mitteldeutschland nicht nachstehen und noch ausbaufähig sind. Eine solche Politik wird aber durch die Verantwortlichen auf der Führungsebene leider immer wieder verworfen.

Prichpl

8. April 2021 18:49

Stupendo, eccezionale, meraviglioso, Il Stimatissimo Signor Benedikt Kaiser!!!

Laurenz

8. April 2021 19:22

Mama Baerbock mag zwar Kinder haben, & denselben Macht-Instinkt, wie die Staatsratsvorsitzende, aber sie ist ungebildet & dumm. Die Tendenz, daß Deutsche Parteien dumme Machtmenschen nach vorne bringen, ist ein nationales Unglück. Wir liefern uns international damit einfach ans Messer.

Rheinlaender

8. April 2021 21:05

Ich empfehle auch den Artikel von Hedwig Richter aus der aktuellen Ausgabe der "Zeit", der eine veritable Diskursbombe darstellt. Sie kritisiert, dass der bundesrepublikanische Antifa-Staat sich auf der ständigen Flucht "weg von allem, was historisch als ‚typisch deutsch‘ identifiziert werden" kann, befinde; und dass sich "vergangenheitspolitische Dogmen" wie "schwere Brokatvorhänge zwischen die Deutschen und die Wirklichkeit" schöben. Die Deutschen müssten „endlich zu einem Staat eigener Art und eigenen Rechts“ finden, „der nicht als Cordon sanitaire der Deutschen gegen sich selbst" agiere. Leider erwähnt Richter nicht, woher sie diese Gedanken hat (Schmitt, Gehlen und auch Hinz klingen klar durch), aber dass sie nun in das publizistische Herz des Linksliberalismus vorgestoßen sind, halte ich für bemerkenswert.

Lotta Vorbeck

8. April 2021 21:52

@Rheinlaender - 8. April 2021 - 09:05 PM

Ist es völlig ausgeschlossen, daß die wackere Hedwig möglicherweise vom William Toel hat inspirieren lassen?

tearjerker

8. April 2021 23:01

Für die AfD im „Westen“ gilt es vor Allem die Öffentlichkeit zu polarisieren um neue Wähler zu erschliessen. Im „Osten“ ist die AfD schon Regional- und Nationalpartei, besonders in Sachsen (ähnlich der CSU in Bayern). Das Potential liegt ausdrücklich nicht in einem Sozialprogramm, das auf die Leute zielt, die auf die zum Verwechseln ähnlichen Inhalte der politischen Konkurrenz bereits angesprungen sind. Stattdessen gilt es Jungwähler und Nichtwähler zu gewinnen und das wird nur mit Dauerprovokation des politischen Gegners möglich sein, die dem Publikum vermitteln muss, dass der alte Betrieb kurz vor den Abriss steht.

Jan

8. April 2021 23:28

"Überall, wo das nach längst links gekippte westdeutsche Bürgertum den politischen Ton angibt, spielen AfD und die politische Rechte an sich keine Rolle."

Das Meta-Thema des 21. Jahrhunderts für Europa ist ja der demographische Niedergang bei gleichzeitiger kulturferner Massenmigration. Es muss doch jedem Wirtschaftsführer mal dämmern, dass dieses Land international nicht mehr konkurrenzfähig ist, wenn Deutschlands demographische Zukunft aus Afghanistan, Syrien, Eritrea & Co. kommt und an den Unis laufend nur noch neue Diskriminierungsopfer erfunden werden, während man anderswo die technologische Zukunft einläutet. China setzt auf Elitenauslese und experimentiert bald mit genetischer Optimierung, während man in Deutschland mindestens 30 Milliarden jährlich für die Integration von größtenteils ungebildeten Migranten aus abgehängten Ländern sinnlos verpulvert. Ist China aus der chinesischen Mentalität heraus wieder so erfolgreich geworden oder war dafür eine kulturelle Bereicherung durch Millionen Türken, Araber und Afrikaner notwendig?

Ich denke, man kann ein und dasselbe Thema mit unterschiedlichen Verpackungen unterschiedlichen Wählergruppen anbieten. Was für die Restdeutschen im Ruhrpott wichtig ist, hat für den BMW-Manager in München-Grünwald keine Bedeutung. Trotzdem kann man auch Letzterem dasselbe Kernthema verkaufen, wenn man es auf jene Kriterien zuschneidet, die für ihn wichtig sind.

Laurenz

9. April 2021 08:28

 

@tearjerker

 "Das Potential liegt ausdrücklich nicht in einem Sozialprogramm"

Sie täuschen sich.

Exakt das macht die AfD im Osten, siehe 1%-Höcke-Interview. Sie nimmt vor allem auf die gebrochenen Erwerbsbiographien Rücksicht. Desweiteren kann man nur dort neues Wählerpotential bei Nicht-Wählern erschließen, wo die Einheitsfront der größten Wählergruppe, den Nicht-Wählern, nichts mehr zu bieten hat.

@Jan

"Das Meta-Thema des 21. Jahrhunderts für Europa ist ja der demographische Niedergang bei gleichzeitiger kulturferner Massenmigration."

Auch Sie täuschen Sich. Nur bei der Massenmigration liegen Sie richtig. Ihr demographischer Niedergang ist keiner als solcher. Wie soll es in solch einem kleinen Land permanent Bevölkerungswachstum geben? Wir sind hier nicht in Wyoming mit 2 Einwohnern pro Quadrat-KM. Verabschieden Sie Sich von Ihrer nicht durchdachten Haltung. Und auch nur die Konsequenz der Massenmigration wird ein politisches Umdenken durch Betroffenheit bewirken. Täglich fallen mehr aus dem "Framing", aber das zieht sich noch eine Weile hin.

RMH

9. April 2021 08:39

@Jan,

Das Migrationsthema wird gerne und bewusst verdrängt, da man damit sich nicht die Finger schmutzig machen will.

Der sog. Westen ist vielschichtig. Das aktuell die FDP wieder ganz gut dasteht, obwohl eigentlich kurz vorm klinischen Tod gewesen, hängt auch damit zusammen, dass sie nicht in der Regierung sind und das Thema der Freiheitsrechte wegen Corona wieder hochkam. Die mir bekannten Gastronomen und auch Künstler tendieren aktuell stark zur FDP und sehen das sogar als Protest an.

RMH

9. April 2021 08:54

Fortsetzung:

Durch den Linksschwenk der Union ist Platz im freiheitlich, nationalen, durchaus auch alt-bürgerlichem Raum geworden, der auch nicht von der FDP glaubwürdig bespielt werden kann.

Ich denke Mal, so eine Art Ersatz CSU mit Anspruch auf den Erhalt der sozialen Marktwirtschaft und dem Prestige, eben noch nicht jahrezehntelang bis über beide Ohren in der Vetternwirtschaft versunken zu sein, kann langfristig klappen. Was nicht klappt, ist eine Sahra Wagenknecht mit Deutschlandfahne in der Hand. Man darf den sozial-populistischen Aspekt auch nicht überbewerten.

Was bei der AfD aktuell auffällt, ist die fehlende Fachkompetenz in den Bereichen Arbeitsrecht und echte soziale Marktwirtschaft und das fehlende Werben um kompetente Quereinsteiger.

links ist wo der daumen rechts ist

9. April 2021 09:23

Metapolitik / Widerstand

 

@BK
Zitat:
Wahlerfolge ohne vorhergehende meta- bzw. vorpolitische Raumnahmen sind allenfalls als Eintagsfliegen denkbar; nur eine kombinierte Strategie aus Meta- und Realpolitik kann Gesellschaft und Politik nachhaltig verändern.

Stimmt auf dem Papier, vollzieht man aber Fall und Niedergang der FPÖ (die ich nie gewählt habe) seit 1986 nach, ist diese Einsicht Makulatur.
Das metapolitisch bestellte Feld beackern andere, im Falle Ös halt eine neoliberal-hedonistische ÖVP.

Ort einer nachhaltigen Metapolitik aber kann und soll die Literatur sein.
Daher, gopferdammi, die Frage, warum denn die Literatur-Kommentarstränge nach kürzester Zeit geschlossen werden.
Gerade im Fall Horst Langes wäre doch so viel zu verhandeln gewesen: wie überlebe ich unter widrigsten politischen Umständen, ohne charakterlich deformiert zu werden.
Aber nein, Hausherren-Willkür obsiegt, weil manche gern im Seitenstrang-Bacherl des Hauptstromes herumpritscheln.

Laurenz

9. April 2021 09:49

@RMH

"Man darf den sozial-populistischen Aspekt auch nicht überbewerten."

Nur das Materielle bestimmt das Sein. Wohlstand ist dem Deutschen Volk wichtiger als Freiheit. Das war in den letzten 1.500 Jahren noch nie anders. Ihre Bewertung der Wählerpotentials ist falsch. Hier geht es nur darum, wer sich wie viel aus dem Kuchen abschneidet.

"Was bei der AfD aktuell auffällt, ist die fehlende Fachkompetenz in den Bereichen Arbeitsrecht und echte soziale Marktwirtschaft und das fehlende Werben um kompetente Quereinsteiger."

Das stimmt in keiner Weise. Nur die Leute, die Sie bezeichnen, haben in der Bundes-Partei nichts zu melden. 

Laurenz

9. April 2021 09:53

@links ist wo der daumen rechts ist

"die Frage, warum denn die Literatur-Kommentarstränge nach kürzester Zeit geschlossen werden."

Die Frage, die Sie bei den absolut Marktlücken füllenden Sendungen stellen, bezieht sich meist auf Autoren, die in historisch heftig umwehter Zeit gelebt haben. Dadurch lenkt sich das Thema automatisch auf den damaligen Zeitgeist. Und eine Debatte darüber ist nicht unbedingt gewünscht. Was sollte denn sonst hinter einem frühen Badeschluß stehen?

RMH

9. April 2021 10:28

Laurenz,

das platt-materialistische Feld des Neides bespielen bereits andere mit wechselndem Erfolg. Potential ist nicht nur beim Prekariat, bei dem man aber nicht sicher weiß, ob diese am Wahltag überhaupt ihren Körper zum Wahllokal bewegen werden sondern vor allem bei denen, die durchaus noch ein bisschen was haben und dies verlieren können und denen ein Verlust auch weh tut, die aber gleichzeitig die höhere Moral des Teilen-Könnens, der "Solidarität" haben, aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt. Diese Kreise wurden früher von einer konservativen, christlichen Union bedient und sind jetzt politisch Heimatlos bei gleichzeitiger, massiver Abstiegsangst - und solche Leute geben auch sicher ihre Stimmen ab. Lesen Sie einfach einmal das kommunistische Manifest. Eine der genialsten politischen Propagandaschriften der Geschichte. Dort wird auch nicht der Prolet an einer Maschine in Manchester oder in der Gosse angesprochen, sondern der Handwerker, Kleinbürger etc., also all die, die durch die aufkommende industrielle Revolution absteigen werden und proletarisiert werden. Diese galten mithin noch als Aktivierungsfähig und wurden daher angesprochen. Nicht der Bodensatz.

Benedikt Kaiser

9. April 2021 10:38

@RHM:

Das wird im Artikel, zu dem hier diskutiert wird (theoretisch jedenfalls), exakt so beschrieben:

 

Zeit-typische Begriffsnutzungen und Interpretationen ignorierend, bleibt der Eindruck zu korrigieren, daß ich nur »Einkommensschwache als natürliche Wählerklientel der Rechtsparteien« identifiziere. Das sind sie freilich auch, aber nicht alleine: 28 Prozent der »Prekären« wählten bei der Bundestagswahl 2017 AfD, aber eben auch 20 Prozent der unteren Mittelschicht (wenn man so will: »Kleinbürger«), die im Bereich von Selbständigen, Arbeitern und Angestellten aller Schattierung zu finden sind.

Ohnehin ist keineswegs nur die materielle Achse wichtig für die Wahlentscheidung. Die AfD ist auch die Kraft, die immaterielle Interessen ihrer Sympathisanten vertritt, indem sie die Partei des Normalen, des Gewöhnlichen, des Nicht-Repräsentierten in der Gesellschaft darstellt, eben jener Lebensentwürfe, die medial und establishmentpolitisch als zu gewöhnlich, zu spießig, zu reaktionär usw. ignoriert, wo nicht offen verworfen werden. (...)

Gelänge es authentisch, kulturelle und materielle Interessen von Arbeitern und der abstiegsbedrohten (oder den Abstieg fürchtenden) Mittelschicht ebenso zu vertreten wie massenmigrationskritische Anliegen heimatbewußter Bürger aller Schichten, könnte auch im Westen an die Ostergebnisse angeknüpft werden.

RMH

9. April 2021 10:55

@B.K.,

Ich bin inhaltlich näher bei Ihnen, als das in vielen meiner Beiträge rüber kommt.

Benedikt Kaiser

9. April 2021 11:08

@R.H.M.:

Freut mich, wenn es so ist, und wäre nicht schlimm, wenn es nicht so wäre; ich wollte nur samt Belegstelle darauf aufmerksam machen, daß diese Frage (Prekäre alleine? Abstiegsbedrohte/Abstieg fürchtende Mittelschicht? etc.) bereits im obigen Artikel thematisiert wird, Sie beide also nicht wieder beim Urschleim beginnen müssen. Den Eindruck hat man zumindest gelegentlich in der Kommentarspalte. 

Niekisch

9. April 2021 11:29

"dass sich "vergangenheitspolitische Dogmen" wie "schwere Brokatvorhänge zwischen die Deutschen und die Wirklichkeit" schöben. Die Deutschen müssten „endlich zu einem Staat eigener Art und eigenen Rechts“ finden, „der nicht als Cordon sanitaire der Deutschen gegen sich selbst" agiere."

 

@ Rheinlaender 8.4.21:05: das ist des Pudels Kern, den wir hier, wie ich spät, aber hoffentlich nicht zu spät, begriffen habe, hier nicht knacken.

Gustav

9. April 2021 11:37

Den Osten erobern, Mauer hoch, den Westen in seiner viel zu heißen, selbst eingebrockten Suppe verkochen lassen, Mauer runter, den -hoffentlich- geistig geheilten Reste-Westen aufpäppeln.....

Niekisch

9. April 2021 11:43

"Der Weg zum parlamentspolitischen Erfolg führt über den vorpolitischen Raum."

Zumindest müssen beide Elemente parallel laufen wie ein Konvoi auf hoher See. Dabei darf wegen feindlicher U-boote allerdings zwischen beiden Schiffen kein abhörbarer Funkverkehr herrschen. Das vorpolitische Schiff darf auf der Kommandobrücke nur kurze, klare, der gesamten Besatzung sofort verständliche Ansagen haben, einen Verhaltenskodex besitzen und diszipliniert arbeiten. Notfalls umkreist es zu dessen Schutz das parlamentarische Schiff, setzt sich vor es, lässt sich auch mal zurückfallen, um Angriffe aus dem Rücken abzuwehren.

Einen Kapitän oder Rangabzeichen gibt es nicht, jeder steht für alle Aufgaben jederzeit nach Bedarf zur Verfügung. 

 

Laurenz

9. April 2021 12:31

@RMH & BK (1)

Lese die Wahlanalysen BKs sehr genau, weil sie einfach richtig gut sind & im Detail mehr Information geben, als die des ÖRR. Vor allem werden unangenehme Schlußfolgerungen nicht, wie beim ÖRR, ausgeblendet.

Von daher mag ich Ihnen Beiden widersprechen.

Natürlich existieren auch bei der CDU die Bürgerlichen, welche die Nase von Ihrer grau-eminenten Vorsitzenden die Nase gestrichen voll haben. Aber die wählen keine Ersatz-FDP, wohin die AfD sich aktuell hinbewegt hat, was auch sofort abgestraft wurde & auch bei der BTW abgestraft werden wird, sondern, wenn, das Original. Mit dem freien Fall der Union hat sich dann auch ein Pazderski/Meuthen-Konzept mit der Union & der FDP eine Koalition zu bilden. Selbst, wenn diese beiden Parteien dazu bereit wären, gibt es für solch eine Koalition aktuell keine Mehrheit mehr.

Laurenz

9. April 2021 12:42

@RMH & BK (2)

Umso älter das Wahlvolk wird, umso Besitzstand wahrender wählt es. Das haben die letzten Landtagswahlen gezeigt. Gerade die Wähler, die noch einen Besitzstand vergegenwärtigen, wählen nostalgisch. Nur bei denjenigen, die bereits von der Substanz leben & spürbar absteigen, das betrifft aktuell vor allem Selbständige, ist, allerdings ein geringes Potential zu holen, welches sich die AfD aber mit Herrn Kubicki, der momentan in der FDP den Ton angibt, teilen muß. Das Argument BKs, daß alle diejenigen, die ein normales Lebensmodell fahren, sprich Familie, etc.pp., die geraten aufgrund einer familiären Doppelbelastung durch Arbeit auch in die materielle Bredouille. Familien haben wenig Luft Vermögen anzusparen. Und Lohnerhöhungen fangen die indirekten Steuern durch Inflation nicht ab.

Niekisch

9. April 2021 12:55

Gustav

9. April 2021 11:37

Den Osten erobern, Mauer hoch, den Westen in seiner viel zu heißen, selbst eingebrockten Suppe verkochen lassen, Mauer runter, den -hoffentlich- geistig geheilten Reste-Westen aufpäppeln.....

Werter Gustav, meldest Du mir rechtzeitig das Herunterlassen des Mauervorhangs, damit ich noch rechtzeitig vom Ruhrpott her durchschlüpfen kann. Ich melde mich dann bei Herrn Höcke mit der Bitte um Notaufnahme...

Nath

9. April 2021 12:59

"Was nicht klappt, ist eine Sahra Wagenknecht mit Deutschlandfahne in der Hand. Man darf den sozial-populistischen Aspekt auch nicht überbewerten."

Wieso soll das nicht klappen? Ihrer Aussage liegt eine weltanschauliche Bewertung zugrunde: Sie  w o l l e n die soziale Frage "auf kleiner Flamme" gehalten wissen. Das ist ihr gutes Recht, denn so, wie die biologistische Woke-Linke nur noch ein Zerrbild einer wirklichen emanzipatorischen Politikkonzeption darstellt, haben auch die Konservativen ihre frueheren Ideale verraten. Wer also die Stauss-CSU wiederhaben will, soll dafuer kaempfen, nur passt das alles nicht in einzige Partei, heisse sie AfD oder sonstwie.

Ich denke, dass Potential fuer eine patriotische Linke ist durchaus vorhanden. Wenn die Rechte sagt, "Wir muessen den Begriff der sozialen Gerechtigkeit fuer uns (zurueck)erobern", kann die Lnke durchaus kontern: "Wir muessen den Begriff der Nation fuer die Linke zurueckerobern." Es ist daran zu erinnern, dass es die Ideen der franzoesichen Revolution waren, welche Begriffe wie "nation" und "patrie" populaer machten. Anti-national dachten die reaktionaeren Klassen, also der (katholische) Klerus und der Adel. Es ist hier wie anderswo bereits daruf gemacht worden, dass Demokratie und Globalismus antagonistische Begriffe sind, waehrend Nation und Inter-Nationalismus es gerade  n i c h t sind.

Gustav

9. April 2021 13:37

@ Niekisch

Sitze noch hinter dem ungarischen Mauervorhang, muß also bei Herrn Höcke erst einmal selbst anklopfen....

Gotlandfahrer

9. April 2021 13:44

"daß Poschardt durchaus zu klugen Gedanken fähig ist..."

Blinde Hühner finden auch mal Körner. Als nächstes kommt noch, dass Sven Felix Kellerhoff durchaus zu klugen Gedanken zur deutschen Geschichte fähig ist :-)

RMH

9. April 2021 13:51

@Nath,

Ich will die soziale Frage ganz gewiss nicht auf kleiner Flamme halten, eher im Gegenteil, da damit auch die Fragen der Freiheit, des Eigentums, des Wirtschaftssystems und mehr verbunden sind und damit elementare Gerechtigkeitsthemen aufgeworfen sind. Nur sind meine Antworten darauf nicht sozialistische sondern ordo liberale und die klassische soziale Marktwirtschaft mit paritätischer Sozialversicherung etc.

Niekisch

9. April 2021 14:23

"Sitze noch hinter dem ungarischen Mauervorhang, muß also bei Herrn Höcke erst einmal selbst anklopfen...."

@ Gustav 13:37: gerne warte ich ab...Wenn ich Ihnen vor einige Jahren mal 10 Bücher nach Ungarn geschickt habe, dann kenn wir uns schon ein wenig...

anatol broder

9. April 2021 14:38

der obige artikel sollte den anderen autoren auf sezession im netz eine typographische referenz sein. denn zum wiederholten mal zeigt kaiser, wie man einen text nicht «polternd und vulgär» gestaltet. was dagegen seine kollegen hier allein an unnötigen anführungs-, ausrufe- und leerzeichen abladen, zeugt von nicht nur digitalen wissenslücken.

deshalb ist eine gestaltungsrichtlinie für die hiesigen artikel fällig. für die bedruckten hefte muss es intern eine geben, scheinen sie doch einheitlich gestaltet. gerade die diskrepanz zwischen diesen und den texten im netz ist befremdlich.

der vorwurf des gepolters gilt auch für die afd im netz. in ihrem jüngsten artikel beispielsweise wird der stellvertretende bundesvorsitzende so zitiert:

[…] Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus! […] So kann eine sinnvolle Gewaltenteilung nicht funktionieren!

auch wenn die afd bengelhaft ein phallussymbol im wappen führt, sind solche ausfälle fehl am platz. ich darf die erwachsenen erinnern: das ausrufezeichen ist dem imperativ vorbehalten. lernt es endlich!

Niekisch

9. April 2021 14:41

@ Nath 12:59: Herzlichen Dank für diesen Kommentar, der hoffentlich Türen aufstößt, die aufzustoßen bisher hier nicht gelungen ist.

Nath

9. April 2021 15:12

(In meinem obigen Kommentar fehlt in der drittletzten Zeile das Wort "aufmerksam".)

Dies ist wieder einmal ein Anlauf Kaisers, die soziale Dimension als untrennbar von zeitgemäßer rechter Politik aufzuzeigen. Wie nicht verwundern kann, gibt es dazu "antisozialistische" Gegenstimmen. Ich sehe zwei mögliche Grundansätze, sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen, 1.den pragmatischen und 2., den radikalen.

Zu 1. Man akzeptiert die einstweilige Inkompatibilität des linken und des rechten Weltentwurfs, hat aber keinerlei Berührungs- bzw. Koalitionsängste in Bezug auf den politischen Gegner. Die Frage ist vielmehr, ob die Gemeinsamkeiten  zwischen den patriotischen Linken und den antikapitalistischen Rechten kleiner oder größer sind als die mit den  vermeintlich "eigenen Leuten" (also den Woke-Linken einerseits und den Marktfreunden andererseits).

Zu 2. Man nimmt den Links-Rechts-Antagonismus ernst, verfolgt ihn jedoch bis zu seiner fundamentalontologischen Wurzel (Geworfenheit des Seinkönnens) zurück, um dort die Einheit beider zu finden und besagten Gegensatz ein für allemal zu überwinden. Dieser Weg ist letztlich der einzig zielführende, aber in der Zwischenzeit (Jahrhunderte?) könnte der erstgenannte sich immerhin als Notbehelf erweisen.

Jan

9. April 2021 15:57

@ Laurenz

"Wie soll es in solch einem kleinen Land permanent Bevölkerungswachstum geben? Wir sind hier nicht in Wyoming mit 2 Einwohnern pro Quadrat-KM."

Ich sagte ja Europa, nicht explizit und exklusiv Deutschland. Die Geburtenraten sind auf dem ganzen Kontinent schwach, besonders in Italien. Frankreichs positive Demographie liegt hauptsächlich an den dortigen Migranten. Aber auch auf östlicher Seite blutet Europa aus. Die Demographie in den ehemaligen Ostblockstaaten ist mittlerweile auf tristem West-Niveau, daher konzentriert sich die Bundesregierung ja wieder verstärkt auf Migration von außerhalb Europas.

Hier nochmal ein paar Zahlen und Eindrücke zu Migration und Bevölkerungsentwicklung:

Deutschland 2010: 80 Millionen Einwohner

Deutschland 2020: 83 Millionen Einwohner

USA 2000: 282 Millionen (Wyoming: 481.000)

USA 2019: 328 Millionen (Wyoming: 579.000) 

Laurenz

9. April 2021 17:19

@Jan @Laurenz

Die Zahlen und die Bevölkerungsentwicklungen sind mir mehr bekannt als mir lieb ist. Und natürlich macht ein negatives Bevölkerungswachstum nur dann Sinn, wenn man nicht mit Gorillas auffüllt.

@Nath

"ob die Gemeinsamkeiten  zwischen den patriotischen Linken und den antikapitalistischen Rechten kleiner oder größer sind als die mit den  vermeintlich "eigenen Leuten""

Ihre "antikapitalistische" Rechte ist keine antikapitalistische. Sie stellt weder, wie die Linke, die Frage nach dem privaten Eigentum noch sieht sie das Unternehmertum als notwendiges Übel an. Die Verteilung der Gewinne, geschöpft aus dem BSP oder GDP, ist natürlich eine Frage des politischen Willens. Der politische Wille, zur Verteilung nach weiter unten, neben ganz anderen Militär-Ausgaben, existierte bis ca. 1990, ganz unabhängig von links und rechts. Insofern werden Ihre ideologischen Definitionen hinfällig.

Laurenz

9. April 2021 17:29

@Anatol Broder

"der obige Artikel sollte den anderen Autoren auf Sezession im Netz eine typographische Referenz sein"

Nicht, daß ich BK-Artikel meist nicht besonders zu schätzen wüßte, egal, ob inhaltlich oder formal, so ist die formale Frage, die Sie ansprechen eine Farce. Jemand, der aus Größenwahm (der Anti-Römer) selbst sinnvolle Regeln unserer jungen Schrift-Sprache ignoriert, sollte anderen gegenüber etwas liberaler sein. Ein Ausrufe-Zeichen dient der Ausrufung, also dem Hervorheben, verstanden? Und nicht, verstehe! Letzteres wäre nämlich eine Überforderung.

Und was haben Sie gegen Gepolter? Die Bevölkerung besteht nicht nur aus ein paar tausend Anhängern Schopenhauers. 

AmazonBesteller

9. April 2021 17:50

@ anatol broder 9. April 2021 14:38

Wie gehen Sie eigentlich mit der Auto-Korrektur in einem Smartphone um?
Das automatische Großschreiben der Substantive oder am Satzanfang muss Sie rasend machen.

 

Imagine

9. April 2021 18:33

Meuthen und Höcke sind sich ähnlicher, als es nach den innerparteilichen Fraktionierungen erscheint.

Beide kommen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Meuthens Vater war Versicherungsvertreter, Höckes Vater beamteter Lehrer.

Beide - Meuthen und Höcke – wählten Beamtenkarrieren.

Meuthen war der Erfolgreichere.

Höcke brachte es nur zum Gymnasiallehrer. Höckes Lebensradius war während seiner Berufstätigkeit als Lehrer sehr begrenzt, von Bad Sooden-Allendorf bis Bornhagen, seinem jetzigen Wohnort, sind es gerade 16 km.

Meuthen war immerhin Universitätsassistent, hat promoviert und war anschließend Referent im Hessischen Ministerium der Finanzen und wurde danach FH-Professor.

Oberstudienrat und FH-Professor sind nun keine Top-Jobs, als Berufspolitiker verdienen beide auch ohne Nebeneinkünfte das Mehrfache, verbunden mit Statusgewinn und medialer Aufmerksamkeit.

Geht die AfD den Bach runter, bedeutet dies für Meuthen und Höcke einen tiefen Fall hinsichtlich Einkommen und Status, beide müssten in ihre subalternen Beamtenjobs zurück. Höcke würde diesen eventuell sogar verlieren.

Folglich werden beide alles Mögliche tun, die AfD über Wasser zu halten, die faulsten Kompromisse schließen und die dicksten Kröten schlucken.

Niekisch

9. April 2021 18:47

@ Nath: das von ihnen angeschnittene Thema berührt mich schon seit Jahrzehnten. Ab 1967 war ich an der Uni, lernte fokussiert alle politischen Richtungen kennen. Jeder fehlte aus meiner Sicht-wie sie es anreißen- ein wesentliches Element zur Abrundung. So ist es bis heute geblieben mit dem Unterschied, dass mir gerade die Begriffe "links" und "rechts" überhaupt keine Orientierung mehr geben, da ihre Inhalte teils entfallen sind, teils verwaschen sind, teils überlappen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass dem eigenen Ort und den eigenen Menschen entspringende Grundanschauungen bereits durch totale biologische und mentale Überfremdung örtlich verhindert werden, gilt es m.E. ganz von vorn anzufangen, die Lage schonungslos zu analysieren und  s o d a n  n   Begrifflichkeiten eigenen Wollens zu entwickeln, die von Früherem möglichst frei sind. 

"Sozialpatriotismus" z.B. ist für mich ein abschreckendes Beispiel weltanschauliche Hilflosigkeit. Er umfasst weder systemische Gerechtigkeitsverankerung in der Gemeinschaft als Minderheit unter Fremden noch deren Verankerung in der Nation, solange sie noch wenigstens formell besteht. Gegen die Weltmacht der Auflöser aller Dinge, die jetzt in Gestalt der Grünen in die Regierung drängen, müssen ganz andere begriffliche Geschütze aufgefahren werden. 

Wer sucht sie, wer findet sie, wer hebt sie auf den Schild?

Eo

9. April 2021 19:18

@ Jan 9. April 2021 15:57

Das Deutsche Reich
hatte 1939 auf der Fläche, die heute noch Deutschland ausmacht, gerade einmal so etwa 58 Mio Einwohner ...  

Über 80 Mio auf einer
deutlich verringerten Grundfläche scheinen von daher keineswegs wünschenswert bzw. erforderlich.

 

Nath

9. April 2021 19:27

@Imagine

"Folglich werden beide alles Mögliche tun, die AfD über Wasser zu halten, die faulsten Kompromisse schließen und die dicksten Kröten schlucken.

Ihr "Folglich" geht mir zu sehr in Richtung Vulgärmaterialismus. Sie können nicht wissen, ob Höcke oder Meuthen von rein pekuniären Interessen geleitet werden. Es ist zwar möglich, bleibt aber reine Spekulation. Ich ziehe es vor, mich auf das Kritikwürdige einer bestimmten politischen Position zu fokussieren. Meuthen repräsentiert ein Ideologie-Gemisch, das unsereinem die Haare zu Berge stehen lässt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er etwa als Rechtsaußen der Jungen Union in den siebziger Jahren geklungen hätte: Ein Loblied aufs freie Unternehmertum und das atlantische Bündnis, gewürzt natuerlich mit jeder Menge Zucht & Ordnungs-Rhetorik. Höcke halte ich zumindest für integer.

Nath

9. April 2021 20:19

@Niekisch "Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass dem eigenen Ort und den eigenen Menschen entspringende Grundanschauungen bereits durch totale biologische und mentale Überfremdung örtlich verhindert werden, gilt es m.E. ganz von vorn anzufangen, die Lage schonungslos zu analysieren und  s o d a n  n   Begrifflichkeiten eigenen Wollens zu entwickeln, die von Früherem möglichst frei sind."

Genauso ist es. Ich bedaure die Selbstzuschreibung "Neue Rechte", ganz einfach, weil man sich damit ohne Not ins Magnetfeld historisch teils überlebter, teils kompromittierter Ideologeme begibt. Ich verstehe durchaus den Reiz der darin besteht, wieder einmal die a n d e r e Seite innerhalb der vermaledeiten Dichotomie zu beziehen, also etwa statt Rousseau Burke, statt Marcuse Gehlen usw., aber in diesem Pathos des Trotzes steckt etwas zutiefst Unschöpferisches. Wie sagte Wagner so schön: "Kinder, schafft Neues! Und mehr noch als alles bloß Neue gilt der Anfang.

Imagine

9. April 2021 21:48

1/2

Der sog. vorpolitische Raum ist der ideologische Raum, welcher von den Medien und Mediatoren wie Lehrern etc. repräsentiert wird. Wer die Medien und Mediatoren beherrscht, dominiert den „vorpolitischen Raum“.

Erfolgreiche politische Bewegungen in einem Parteienstaat benötigen zweierlei
a) eine Massenbasis und
b) eine Machtbasis.

Über beides verfügt die AfD nicht. Jene politisch und ökonomisch Mächtigen, die in den 90-er Jahren noch als Gastautoren in der JF aktiv waren, haben sich von der nationalen Rechten distanziert und sind heute bei der Rechtsliberalen und Globalisten. Über politisch Mächtige, wie damals Strauß et al., verfügt die AfD nicht, über Medienmacht auch nicht und mit der Finanzmacht sieht es auch nicht besonders aus.

Die Grünen hatten initial auch keine Massenbasis, sondern ihre Aktivisten stammten aus Basisinitiativen, die eine politische Minderheit darstellten.

Aber sie hatten eine Machtbasis in Form des globalistischen Großkapitals, deren Thinktanks und deren Medien. Man denke an den „Club of Rome“, das sind die gleichen Leute wie beim WEF.

Als die Grünen und Linksalternativen politische Erfolge aufwiesen, wurden die grüne Partei von den Realos gekapert, das waren Ex-Kommunisten, Ex-Maoisten und ehemalige politische Gewalttäter. Das waren rücksichts- und skrupellose Opportunisten und Karrieristen, denen es nur um den eigenen politischen Aufstieg ging.

 

Imagine

9. April 2021 21:53

2/2

Diese grünen Realos wurden in wichtige Funktionen gebracht, in der Politik, in den Medien, in den Gewerkschaften, im Staatsapparat, in den Kirchen und in den vom Großkapital und vom Staat gesponserten NGOs.

Diese Grünen haben Positionen besetzt, die vorher von den Schwarzen dominiert wurden. Die Grünen wurden kontinuierlich zur neuen CDU/CSU.

Es ist das gleiche konservative „proletarisch-kleinbürgerliche Mischmilieu“ (Horst Baier), nur hat sich die gesellschaftliche Normalität hinsichtlich Lebensentwürfen und Lebenspraxis geändert.

In meiner angeheiraten katholisch-konservativen Spießer-Verwandtschaft in Baden-Württemberg wählen die Alten weiterhin CDU, wie zuvor ihr ganzes Leben lang, aber ihre Kinder und Enkel wählen die Grünen.

Die Jüngeren glauben zwar nicht mehr an die Hölle, aber sie glauben an die Klimakatastrophe und an die Corona-Katastrophe.

Um das grüne Milieu haben sich neue „Industrien“ gebildet. Das sind Öko-Unternehmer bis hin zu Öko-Banken, es gibt eine Migrations- und Asylindustrie etc.

Es ist ein Sammelsurium von staatlich alimentierten NGOs, Vereinen und Künstlern enstanden, die Propagandisten der herrschenden Politik sind und einen Kampf gegen Oppositionelle und Abweichler führen, gegen Migrationskritiker, gegen Corona-Kritiker und gegen „Rechte“, wobei sie diese willkürlich definieren.

Imagine

9. April 2021 22:21

@Nath   9. April 2021 19:27
„Ihr "Folglich" geht mir zu sehr in Richtung Vulgärmaterialismus. Sie können nicht wissen, ob Höcke oder Meuthen von rein pekuniären Interessen geleitet werden.“

Nein, das Finanzielle ist nicht entscheidend, für Höcke sowieso nicht. Der lebt bescheiden. Meuthen hingegen braucht Geld. Scheidungen sind eine sehr teure Angelegenheit und er lebt nicht so bescheiden wie Höcke. Bezweifle, dass er seinen Lebensstandard mit seinem kleinen FH-Professor-Gehalt aufrechterhalten kann.

Aber was wäre ein Höcke ohne die AfD?

Ein Otto Normalo, so wie er dies vor seiner AfD-Zeit war.

Durch Leistungen im literarischen oder wissenschaftlichen Bereich ist er bislang nicht in Erscheinung getreten. In der AfD ist er vor allem aufgefallen mit seinen Provokationen, die Assoziationen zum Rechtsextremismus aufkommen ließen. Er ist ein guter Redner und Agitator. Aber als Großdenker wird er von den Medien und Intelligenzschichten bislang nicht wahrgenommen.

Ohne die AfD – so die These - sind Meuthen und Höcke politisch „out“.

Imagine

9. April 2021 22:39

@Nath

„Folglich“ meint, beide haben ein Interesse, dass sich die AfD nicht spaltet, weil das das Ende der AfD und zugleich für beide das Ende ihrer Existenz als Berufspolitiker bedeuten würde. Denn keine der etablierten Parteien würde Meuthen oder Höcke eine Mitgliedschaft anbieten. So wie eine Frauke Petry kein Angebot bekommen hat.

Beide werden also versuchen, die AfD zusammenzuhalten, trotz der inkompatiblen Positionen beider Flügel, wie: Wirtschaftsliberalismus vs. Sozialpatriotismus, Frage des verfassungskonformen Verhaltens etc.

Hinsichtlich der Parteifunktionäre, also der Berufspolitiker, deren Assistenten sowie dem von der Partei bezahlten Personal, wird der Zusammenhalt der Partei vermutlich im Großen und Ganzen gelingen. Denn die profitieren von der Partei.

Aber wie wird dies von den Mitgliedern, Anhängern und Wählern aufgenommen werden?

 

Laurenz

9. April 2021 22:43

@Imagine

@Nath hat es schon bemerkt, Ihre monetäre Weltsicht auf Karrieren & eines zweifelhaften sozialen Status ist derbe daneben. Immerhin sind Meuthen & Höcke, wobei mir das vollkommen egal ist, Akademiker. Beide haben eine Berufsausbildung in der Pädagogik hinter sich, das ist mehr als die vielen Ungelernten der Alt-Parteien, wie KGE, Kühnert, Ziemiak oder gar Kurz bieten können. Georg Leber war Maurermeister & Friedrich Ebert Gastwirt, alles legitim. Warum sollte nicht ein Schuster Kanzler werden? Ihr aufflammendes Klassenbewußtsein scheint politische Psychologie als Möglichkeit der Diskreditierung gefunden zu haben, weil Ihnen wohl nichts anderes einfällt. Das sollten Sie vielleicht primär unter psychologische Beobachtung stellen.

@Nath & Niekisch

Wenn Sie Artikel & Vorträge von BK aufmerksam studiert hätten, wüßten Sie, daß BK die Termini "links oder rechts" nicht mag & nur als Arbeitsbegriffe eines allgemeinen Verständnisses wegen nutzt. Und bevor Sie diejenigen, die gearbeitet haben, kritisieren, sollten Sie, statt zu wissen, was Sie nicht wollen, Sich doch lieber überlegen, was Sie wollen & dies zu "Papier" bringen. Auf Sie Beide hat die Welt wirklich gewartet.

Laurenz

9. April 2021 22:44

@Eo @Jan

Das Deutsche Reich hatte nach dem Zusammenschluß mit Österreich ca. 70 Mio. Einwohner. 

Eo

9. April 2021 23:57

@ Laurenz  9. April 2021 22:44

Noch mal lesen.
Hab ich mich denn so mißverständlich ausgedrǘckt ?!

Niekisch

10. April 2021 11:21

...bevor Sie diejenigen, die gearbeitet haben, kritisieren, sollten Sie, statt zu wissen, was Sie nicht wollen, Sich doch lieber überlegen, was Sie wollen & dies zu "Papier" bringen. Auf Sie Beide hat die Welt wirklich gewartet."

@ Laurenz 9.4. 22:43: Sie wissen, dass ich auf meinem blog und hier immer wieder neue Begriffe, Ansätze eines "weltanschaulichen Minimums" ( lange vor dem "konservativen Minimum" Karl-Heinz Weißmanns )  Vorschläge für einen Verhaltenskodex und eine Art Manifest aus 24 Punkten vorgestellt habe. 

 

Valjean72

10. April 2021 11:57

@Eo:

Das Deutsche Reich hatte 1939 auf der Fläche, die heute noch Deutschland ausmacht, gerade einmal so etwa 58 Mio Einwohner ...  

Heute sind es sogar 83 Mio., also 25 Mio. mehr. Bemerkenswerterweise beträgt heute die Anzahl der "Deutschen ohne Migrationshintergrund" ca. 60 Mio. (Quelle: bpb.de) und entspricht somit in etwa dem Wert von 1939.

 

 

 

 

Eo

10. April 2021 12:44

@ Laurenz  9. April 2021 22:44

Noch mal lesen.
Hab ich mich denn so mißverständlich ausgedrǘckt ?!

(2. Versuch)

Waldgaenger aus Schwaben

10. April 2021 17:11

Frage in die Runde:

Wäre eine reine Höcke-AfD im Westen erfolgreicher?

Zur erwartbaren Antwort "Kurzfristig nicht, aber ... ":

Die Gegenseite, ist über den vorpolitischen Raum an die Macht gelangt, wie der Autor bemerkt:

Zudem ernten die Grünen jetzt, was sie über Jahrzehnte im vorpolitischen Raum, in Kirchen und NGOs gesät haben.

Sie kennen diesen Weg und deshalb wird im Westen im vorpolitischen Raum (Kirchen, Gewerkschaften, Vereine) sehr genau auf Linientreue geachtet. Als bekennender AfD-Anhänger, wird man da höchstens noch Zweiter Kassierer oder darf beim Dorffest die Toiletten sauber halten (Genau diesen Fall einer oststämmigen AfD-Anhängerin kenne ich aus eigener Anschauung).

 

Wenn Saat ausstreuen im vorpolitischer Raum, dann nur in eigenen Strukturen und das dauert.

Noch ein Wort zu Uwe Junge: Korpsgeist ist eine bürgerliche Tugend. Dazu gehört es  gegen andere Meinungen in der Partei sachlich argumentieren ohne öffentlich über Parteifreunde schlecht zu reden.

Der Mann war mir schon umsympathisch, bevor er damit prahlte Motorrad-Fahrer zu sein.

 

Laurenz

10. April 2021 17:49

@Eo @Laurenz 

Ja, man kann Ihren Beitrag an @Jan auch anders verstehen, richtig.

Die Agrar-Länder West- und Ostpreußen waren sicherlich dünner besiedelt, und den Berichten der Land-Junker ihrer verwalteten Güter zufolge reichte Ostpreußen bis Wladiwostok. Aber in Schlesien steigt die Bevölkerungsdichte sicherlich rapide an. Aber so sehr unterscheiden sich die Zahlen nun auch wieder nicht.

 

@Valjean72 @Eo

Sie haben vollkommen Recht. Selbst 40 Mio. Einwohner wären im heutigen Deutschland der Besiedlung genug.

In den Größen-Vorstellungen der ungebildeten pseudo-grün-linken Hanswurste muß Hitler den Krieg gewonnen haben.

Laurenz

10. April 2021 19:12

@Niekisch @Laurenz

"Sie wissen, dass ich auf meinem blog & hier immer wieder neue Begriffe, Ansätze eines "weltanschaulichen Minimums", Vorschläge für einen Verhaltenskodex & eine Art Manifest aus 24 Punkten vorgestellt habe."

Nein, wußte ich nicht.

Da hier viele einen eigenen Blog haben, sah ich davon ab, einen eigenen Blog aufzumachen. So viel Föderalismus ist in meinen Augen auch nicht notwendig, wobei nur dieser Föderalismus ein gewisses Maß an Freiheit gewährt.

Man muß einfach Reichweiten berücksichtigen. Diese bezeichnen heute den Erfolg. Trotz des recht hohen Niveaus, besitzt Schnellroda mehr Reichweite als vielen lieb ist. Noch mehr Reichweite hat unser "Love-Priest" Tim Kellner.... hier die aktuelle Kostprobe ... https://youtu.be/vzmcfoYuVdg

Im Netz habe ich so Ihren Blog auch nicht gefunden. Hier ist der Haken. Informationen müssen "verkauft" werden.

Nath

10. April 2021 19:42

@Laurenz

Ich wüsste nicht, dass ich diejenigen kritisiert hätte, die, wie Sie schreiben,  "gearbeitet haben". Mein Problem mit dem Begriff "rechts" ist vielmehr im Zweifel an dem Vorhaben begründet, weiter den ideologischen Boden des 18. und 19.Jahrhunderts zu beackern. So heterogen dasjenige bis auf den heutigen Tag geblieben ist, was sich "rechts" nennt (von den ehemaligen Royalisten bis zu den Sozialdarwinisten aller Couleur), so ist man sich doch einig in der Ablehnung 1. der Freiheit im Sinne der Selbstbestimmtheit (auto-nomia) und 2. des menschlichen Fortschritts - wobei letzteres in gewissem Sinne gerechtfertigt ist, sofern das Nach-Vorne Kommen und Nach.vorne-Schreiten (progressus) kaum mehr in diesem Wort mitgedacht wird. Es scheint daher unrettbar versehrt. Fortschritt kann aber auch heißen, dass uns das Eigentliche a u f b e h a l t e n bleibt.

Andererseits war und ist es der Materialismus bzw. Anti-Spiritualismus der Linken, der das Menschsein um die entscheidende Dimension verkürzt und daher ebenso unannehmbar bleibt (wobei die linke Religionskritik durchaus ihre validen Punkte hat). Ich denke vielmehr geistige und materielle, individuelle wie kollektive Freiheit zusammmen, verstehe sie eben nicht „liberalistisch“, sondern als Offenheit, die sich kehrig als Notwendigkeit zeigt. Grundlage für diese Haltung sind das vedantische Tat Tvam Asi (D a s bist Du) nicht weniger als die heideggersche Fassung des Menschen als Hüter des Seins.

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