5. September 2021

Netzfundstücke (100) – Nackt, Farblos, Rund

Jonas Schick / 21 Kommentare

Hundert.

Die Jubiläumsausgabe der Netzfundstücke kam über die letzten Wochen bedrohlich näher, jetzt ist sie da. Hundert Mal habe ich seit dem 11. März 2019 im »Worldwide Web« gewühlt, um Sie auf Interessantes und im besten Fall für Sie Neues zum Wochenende aufmerksam zu machen.

Dabei lernt man so manches, vor allem über das eigene Surfverhalten und die Funktionsweise von Netzalgorithmen. Mal schnell bei Twitter was Ausgefallenes in der eigenen »Timeline« finden, damit war ich meistens schlecht beraten. Eher wurde ich auffällig oft mit Tweets gefüttert, die Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser gefallen.

YouTube, fast noch schlechter. Sie werden es kennen: Ein Video über den Schwarzwald angeklickt und man bekommt, abgesehen von sofort aufploppender Werbung zu Ferienwohnungen im Schwarzwald, gehäuft Videos von SWR und Co zum Mittelgebirge in Süddeutschland serviert.

Und je länger ich als »neurechter« Publizist arbeite und schreibe, desto enger werden die Korridore. Wenn ich schlicht nach meinen unmittelbaren Netzergebnissen ginge, dann bekämen Sie jede Woche eine Auswahl, die sich in etwa wie folgt gliedern würde: Antaios-Kosmos, Jungeuropa-Kosmos, Ökologie.

Sie merken, abgesehen von ersterem, was, solange es Neues aus dem Antaios-Kosmos gibt, für die Fundstücke obligatorisch ist, schaffe ich es dann meistens, aus diesen engen,vorgezeichneten Bahnen auszubrechen. Manchmal gelingt es einfacher, manchmal etwas schwerer.

Das Resümee nach hundert Netzfundstücken: Das Netz ist wohl einer der deprimierendsten Orte der Welt. Es lockt mit Freiheit, derweil es es einen mit Hilfe von Cookies und Netzalgorithmen in den engstirnigsten Realitätsraum einsperrt, den man sich ausmalen kann.

Hundert Netzfundstücke haben vor allem eines vor Augen geführt: wie die eigenen Interessen technisch eingegliedert werden und daraus resultierend eine technisierte Aufmerksamkeitssteuerung erfolgt. Der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle beschrieb diese Zwänge der Moderne in seinem Band Rückblick auf die Natur wie folgt:

Per Saldo hat in der Transformationsphase [Industrialisierung] der Zwang zur Konformität, zur Eingliederung in umfassendere technische und bürokratische Systeme enorm zugenommen, ohne daß man sich über die Dramatik dieser Entwicklung völlig im klaren wäre. Die Menschen haben einen großen Teil der Freiheit und Selbständigkeit verloren, die sie in der bäuerlichen Gesellschaft, aber auch im Frühstadium der Transformation noch besessen hatten.

Und Friedrich Georg Jünger in Die Perfektion der Technik:

[...] Es versteht sich, daß der Automatismus, der vom Menschen beherrscht und bedient wird, Rückwirkungen auf den Menschen ausübt. Die Macht, die er durch ihn gewinnt, gewinnt ihrerseits Macht über ihn. Er wird gezwungen, seine Bewegungen, seine Aufmerksamkeit, sein Denken ihm zuzuwenden. Seine Arbeit, die mit der Maschine verbunden ist, wird mechanisch und wiederholt sich mit mechanischer Gleichförmigkeit. Der Automatismus ergreift ihn nun selbst und gibt ihn nicht mehr frei.

Darauf ein Jubiläumsprost!


Ein Video, das in den oben beschriebenen Algorithmen nicht mehr aufgenommen wird und damit der Produktion von Realitätsräumen entzogen werden soll, ist eine Analyse des Informatikers Marcel Barz zu den Rohdaten der Corona-Pandemie.

Caroline Sommerfeld hat ihm bereits hier einen eigenen Artikel auf Sezession im Netz gewidmet. Aufgrund seiner Brisanz sei es in den Fundstücken noch einmal aufgegriffen und sein Inhalt kurz zusammengefaßt:

An seinem ursprünglichen Platz wurde das Video gelöscht. Dank etlicher Re-Uploads ist es jedoch weiterhin verfügbar. In rund 1 ½ Stunden legt Barz nachvollziehbar dar, warum er anhand der entscheidenden Daten des RKI (Sterbefälle, Inzidenz, Intensivbetten), keine pandemische Lage feststellen konnte und wie das Schreckgespenst »Corona«, das für ihn bis Ende des Jahres 2020 existierte, sich sukzessive in Luft auflöste.

Verkürzende und damit verfälschende Datenauswertung bei den Sterbefällen, ungenaue und damit unbrauchbare Datenerhebung bei der Intensivbettenbelegung; sie werden die Kritik an den Zahlen der Pandemie bereits kennen. Barz dröselt die Produktion fehlerhafter Information anhand unzureichender Daten jedoch so minutiös auf, daß auch der Nichtstatistiker durchweg versteht, mit welchen statistischen Fahrlässigkeiten ein pandemisches Bedrohungsszenario produziert wird.

Hier einer der Re-Uploads auf dem YouTube-Kanal »KaiserTV«:


Indes existieren aktuell zwei unterschiedliche deutsche Corona-Staaten, die alten Bundesländer mit relativ hohen Inzidenzzahlen auf der einen Seite und die neuen Bundesländer mit geringen Inzidenzzahlen auf der anderen Seite – erstere mit Impfquoten von bis zu 75 Prozent, letztere mit Impfquoten zwischen 55-63 Prozent (Berlin ausgenommen).

Am Rande der Gesellschaft registriert man diese neuerliche Zweiteilung nicht ohne eine gewissen Häme gegenüber den überkorrekten BRD-Bürgertum, das sich über den gespritzten Impfstoff definiert und zu Geimpften-Partys lädt.

Außerdem Thema sind die farblosen Wahlwerbespots in einem farblosen Bundestagswahlkampf mit lauter farblosen Kandidaten. Die von mir hier in den letzten Netzfundstücken angestoßene Diskussion über die Qualität des AfD-Wahlwerbevideos wird vor dem Mikro in Schnellroda fortgeführt.

Hier einschalten:


Zum Jubiläum darf König Fußball nicht fehlen. Meine Affinität zum Sport, wo das Runde in das Eckige muß, sollte nach meinen Artikeln »Fußball (1) – Volkssport und gesellschaftlicher Gradmesser« »Fußball (2) – Ultras, eine linke Vereinnahmung « und »Notizen zu Dietmar Hopp« bekannt sein.

Und natürlich produziert die breite Subkultur um den Sport Nummer 1 in Europa, wie sich das heute so gehört, Podcasts. Interessant sind dabei weniger die Formate der klassischen Fußball-Talkrunde und Kommentatorenformate, wie »Doppelpaß« oder »Reif ist live«, die sich an sportlichen Details oder Transfers abarbeiten, sondern die Sendungen, die sich zuvorderst mit der Subkultur auf den Rängen beschäftigen.

Einer dieser Podcasts ist »Football was my first love«. Nicht jede Folge ist hier Gold, aber in Episoden wie beispielsweise der Zusammenfassung zum Interview mit den Union ´99 Ultras von Austria Salzburg, bekommt man tiefe Einblicke darin, was »Traditionsverein« wirklich bedeutet, welche Anziehungskraft die Fußballkultur ausübt und wie Graswurzelarbeit gegen einen übermächtige milliardenschwere Heuschrecke aussieht.

Hier die hörenswerte Trailer-Folge zum Traditionsverein Austria Salzburg bei Apple:

Trailer: Interview mit Union ´99 Ultra Salzburg

 

 



Kommentare (21)

Mitleser2

5. September 2021 11:53

JS zitiert: "Industrialisierung --> Die Menschen haben einen großen Teil der Freiheit und Selbständigkeit verloren, die sie in der bäuerlichen Gesellschaft, aber auch im Frühstadium der Transformation noch besessen hatten."  und "Seine Arbeit, die mit der Maschine verbunden ist, wird mechanisch und wiederholt sich mit mechanischer Gleichförmigkeit. Der Automatismus ergreift ihn nun selbst und gibt ihn nicht mehr frei."

Selbst wenn man der Interpretation von Industrialiserung in dieser Schärfe zustimmen würde, wird nicht aufgezeigt, was die Alternative für die westlichen und östlichen Industriegesellschaften sein kann. Damit bleibt es ein stumpfes Schwert, und hört sich eher nach resignativem Jammern an, dass die Welt nun mal so geworden ist wie sie ist.

Laurenz

5. September 2021 12:46

@JS (1)

"Der Ausbruch in der Netzwelt"

Sie haben so Recht, die Reaktionen der Netzwelt auf das eigene Tun sind zum Kotzen. Vor 3 Jahren kaufte ich mir (ausnahmsweise im Netz) eine Matratze von Bett1. Danach wurde ich über Monate & überall von Matratzen-Werbung verfolgt. Ich rief dann bei Bett1 an & forderte, den Marketing-Chef zu feuern, der das Firmenvermögen völlig sinnlos verballere & ohne diesen Holzkopf könne man doch die Matratzen im Preis senken. Danach wurde es tatsächlich etwas besser.

Interessant wird es, wenn im Netzt Algos aktiv sind, die gegeneinander arbeiten. Die Moonfaker-Videos des Mondflug-Leugners Jarrah White tun scheinbar richtig weh, können aber wohl nicht verboten werden. Man findet sie sehr schlecht & nur ungeordnet. Aber wenn man die sich ansieht, ploppen dann doch immer wieder Videos auf, die man noch nicht gesehen hat.

Was der Gesetzgeber hier versäumt, ist die Wahl des Nutzers zu Algos. Und eine Gewinnbeteiligung müßte für die Nutzer auch drin sein.

Laurenz

5. September 2021 13:00

@JS (2)

"Am Rande der Gesellschaft 21"

Diesmal sind die Gewichte verschoben. EK liegt wohl in der direkten Analyse von Video-Spots vorne, weil Sie hier wohl auch am meisten Fleiß an den Tag legt. Wie Frauen halt so sind. BK hat sein Ohr am optimalsten an den Puls der Zeit gelegt. In der Einschätzung der Polit-Wirkung auf Massen, ist Er am plausibelsten. GK & EL merkt man schon an, daß Beide eigentlich vom Thema angewidert sind, was sich vor allem dadurch kenntlich macht, daß sich EL nicht des Unterschiedes zwischen CDU & CDU-Bundesdelegierten bewußt ist oder bewußt sein will.

"Der Erbsenzähler"

Man merkt Herrn Barz an, daß Er es gewohnt ist, Vorträge zu halten, aber Video-Produktion ist ihm ungewohnt. 1,5h ist viel zu lang. Er hätte selbst eine auf 10 Min. geschnittene Version anfertigen sollen, damit es nicht andere tun.

"Brot & Spiele"

Da bin ich außen vor. Allerdings wage ich zu behaupten, der Fußball, den Sie hier präsentieren, ist im Sterben begriffen, beschleunigt durch die Fakedemie. Ihre Ultras kommen doch gar nicht mehr zum Zuge. Längst befindet sich der Volks-Mob in der virtuellen Spiele-Welt.

RMH

5. September 2021 13:24

Regelmäßig Cookies und Verläufe löschen hilft weiter, ebenso Programme wie ccleaner (da gibt es auch noch andere. Das sollte nur ein Beispiel sein). Facebook und Twitter meiden. Aber viele Leute wollen offenbar gerne in ihrer Blase bleiben und freuen sich über die Vorschläge, die bspw. youtube macht.

Anleitungen zum halbwegs "anonymen" Benutzen des Internets sollte auch jeder einmal studieren und sich für den Weg entscheiden, bei dem bei ihm dann die "Kiste" noch halbwegs schnell genug läuft.

Tipps & Tricks in diese Richtung könnten die Netzfundstücke gelegentlich auch gerne bereichern.

Aktuell läuft meiner Meinung nach bei der "Opposition" sehr viel über Telegram-Kanäle. B. Höckes Telegram Kanal ist bspw. informativ.

Nordlicht

5. September 2021 13:28

Einhundert anregende Lektüren mit Einblicken in die (letztlich deprimierende) Netzwelt.

Mit den Fußball-Hinweisen kann ich nichts anfangen; dieser Profisport geht mir am A** vorbei. 

Ein mE zu wenig behandeltes Thema ist "Sprache - Sprachpanschereien - Verbote".

Irgendwo las ich die Gedanken-Kette: Wer einem Volk die Freiheit einschränken will, beginne mit Denkverboten und -einengungen. Wer das Denken kontrollieren bzw engführen will, manipuliere die Sprache seiner Opfer und entziehe ihnen die passenden Worte.

Und wenn der Gegner (- das zu unterdrückende Volk) die Grammatik verlernt hat, ist es reif für die Übernahme.

 

Laurenz

5. September 2021 13:38

@Mitleser2

Es steht jedem frei, als Bauer in der Selbstversorgung zu leben & frei zu sein. Meine Mutter lebt übrigens glücklich ohne Netz. Das einzige, was ich ihr netztechnisch abnehme, sind die Geld-Transaktionen & alle 4 Wochen möchte Sie, daß ich Ihr Produkte, meist für Haus & Garten nachschlage, neulich einen Rosenbogen.

Laurenz

5. September 2021 13:45

@RMH

Sie können davon ausgehen, daß wir alle CC-Cleaner benutzen, auch wenn man sich dann für die SiN neu anmelden muß. Aber das Netz vergißt nichts. Die Videos, die uns Jutjub präsentiert bleiben dieselben, einfach schon aufgrund der Abos & weil Gugel tiefer eingreift. Man kann es nur dadurch durchbrechen, in dem man selbst neue Inhalte sucht.

Mitleser2

5. September 2021 15:05

@Laurenz: "Es steht jedem frei, als Bauer in der Selbstversorgung zu leben & frei zu sein"

Individuell natürlich möglich. Aber die Industrieländer haben ca. 700 Mio. Einwohner, ich sehe nicht, dass das für die Masse umsetzbar wäre. Der Anspruch von Sieferle et al. müsste doch sein, nicht nur einer (ökologischen) Avantgarde Lösungen zu bieten? In der Großstadt steht es eben nicht jedem frei, Bauer zu sein.

 

Monika

5. September 2021 15:22

@Laurenz

Vermaledeite Algorithmen. Sie haben noch Glück mit der Matratze . Ich bekomme regelmäßig Werbung für eine kostengünstige Bestattung im hiesigen Ruheforst. Keine Ahnung, warum. Ich bin kein großer Waldgänger und  tendiere eher zur Seebestattung. Vielleicht liegt es an der Impfung, die ich mir aus Übermut habe verpassen lassen. Wollte noch einmal Jerusalem sehen. Wird wohl auch nix. Vielleicht werde ich von einem Afghanen im Vorgarten abgestochen. Man kann als Frau ja nicht mehr sorglos gärtnern. Hier  in der Gegend werden die in Ramstein „zwischengeparkten“ Afghanen teils  schon in Putzerkolonnen beschäftigt. Ungeimpft. Das hört man jedenfalls im Eiscafé. Die höher qualifizierten Afghanen fliegen in die USA weiter. Das analoge Leben ist eigenartiger als jeder Algorithmus. 

Laurenz

5. September 2021 17:57

@Mitleser2 @L.

Die Bauern, die hier historisch gemeint waren, waren auch nur bis zu den Kreuzzügen meist Freie. Danach waren es mehrheitlich Leibeigene, keine Freiheit, die man sich wünscht.

@Monika @L.

Die Welt der Algos ist im Grunde was für Blöde, vor allem der blöden Manager, welche die Algos installieren lassen. Sie reagieren im Grunde immer zu spät. Okt '19 starb mein Vater. Er hat mittlerweile das schönste Grab auf dem Friedhof, obwohl es nur improvisiert ist. Ab und an bittet mich meine Mutter mit Ihr zusammen nach Grabsteinen im Netz zu stöbern. Und natürlich bekomme ich hier & da Bestattungs-Werbung zu Gesichte, aber mein Vater ist längst bestattet. Wahrscheinlich wird es Carrara-Marmor werden. Da aber mein Vater (aus einer christlichen Hardcore-Familie stammend) sich auch schriftlich nicht schlüssig war, was Er denn wirklich glauben sollte, tendiere ich zumindest eher zur antiken Klassik. Aber da es da, bis auf das Grab von Mooshammer, kaum oder nur wenig gibt, lassen mich da auch die Algos in Ruhe.

Andreas Walter

5. September 2021 19:52

@Jonas Schick

Das vorindustrielle Zeitalter war auch nicht frei von Zwängen, Automatismen und Konformität, weder in Deutschland noch in Lateinamerika. Ganz im Gegenteil, wenn man auch noch ein paar Nutztiere hatte. Schweinchen, Schafe, Ziege, Huhn, Pferde, Katzen, Kuh und Hund. Alpakas, Lamas, Vikunjas und Guanakos. Und die kleinen Esel - und Truthahn natürlich. Alles Tiere die verwildern, wenn man sich nicht um sie kümmert.

Deswegen haben sowohl die Azteken, die Maya wie auch die Inkas auch die Sterne und den Sonnenverlauf beobachtet, extra dafür sogar Anlagen aus Stein gebaut. Dort um den Beginn der Regenzeit möglichst genau zu "berechnen", abschätzen zu können. Zum Teil wegen dem Terrassenfeldbau, aber immer auch wegen dem richtigen Aussaattermin und Ernte.

Bei uns bestimmte die Temperatur, was wir zu welcher Jahreszeit zu machen hatten, machen mussten, um nicht zu verhungern. Sind das etwa keine Zwänge? Wir haben sie lediglich auch schon vergessen, wie so vieles andere auch, was wir heute alles für selbstverständlich halten.

 

 

Herold

6. September 2021 12:47

Wohin soll diese Diksussion eigentlich führen? "Algos" sind, auch wenn wir eine KI haben, auf historische Daten bezogen. Das ist eine Binsenweisheit. Auch eine KI lernt aus Mustern der Vergangenheit bis sie Entscheidungen treffen kann, die so aussehen, als hätte sie keine KI getroffen (sog. imitation game, Alan Turing). 

Die tristesse du net, die Herr Schick hier beschreibt, ist Ausdruck der Tristesse der Mehrheit die durch Algorithmen nur aufgedeckt wird, schamlos. Die ganze Digitalisierung ist ein Brennglas, ein Brandbeschleuniger, auf gesellschaftliche Prozesse und Probleme. So wie Corona.

Und niemand, auch nicht die Oma im Landhaus, kann sich entziehen, wenn sie auch nur die kleinste Verbindung zur Außenwelt hat. Strom, Wasser, Verkehr, Einkaufen, alles inzwischen unmöglich ohne IT und ohne diese Algorithmen. Die sozialen Medien gehören glücklicherweise nicht dazu, da kann man Kontrolle ausüben. Man müsste nur wissen wie. 

Andrenio

6. September 2021 13:12

Grosse Leistung, Herr Schick!
Das Durchhaltevermögen scheint der gemeinsame Nenner der Antaios-Mannschaft zu sein.

Vielen Dank und weiter so.

Laurenz

6. September 2021 13:43

@Herold

"Das triste Netz"

&

die "Tristesse der Mehrheit".

Das ist diametral falsch analysiert. Es ist die Naivität einer Minderheit. Die Frage ist, kaufen die Konsumenten einen Weber-Grill, weil Weber die bekannteste Marke ist? Hierzu bräuchte man Zahlen, welche die Kosten der Werbung in Relation zu mehr Umsatz ist. In der Kunst macht das noch Sinn, aber im Gewerbe? Ist der Konsument tatsächlich so blöd, nur die obersten Links, für viel Geld an Gugel dort platziert, zu eruieren?

Diese Methodik wird von einer kleinen Minderheit gesteuert. Ein Zweifel daran würde ganze Imperien zerbrechen lassen.

Andreas Walter

6. September 2021 15:41

Das liegt nicht an Ihnen, Herr Schick.

Mein "Erwachen" war im Winter 2008/2009. Ich hatte also 7 Jahre, um mich im Netz kundig zu machen, bis 2011 unter ständiger Furcht. Ab 2016 aber hat sich das Netz zunehmend verändert, jetzt muss man bereits wissen, wonach man sucht. Doch auch dann muss man heute deutlich tiefer graben (dran bleiben, noch hartnäckiger sein) als noch vor 10 Jahren.

Das Netz ist mittlerweile so wie wenn WikiLeaks von der NSA betreut, administriert werden würde.

Wobei Sie die besten Sachen, das ging mir auch früher schon so, per Zufall finden. Wobei ich damit nicht Zufall im Sinn von random meine, sondern nebenbei. Auf der gezielten Suche nach etwas anderem.

Ganz oft hilft dabei auch die reine Bildersuche, wobei ich, um mein eigentliches Ziel dabei nicht aus den Augen zu verlieren, interessante oder seltsame Nebenentdeckungen dann einfach erstmal in einem neuen Tab zwischenspeicher. Die Tabs arbeite ich aber erst danach ab, wenn ich meine Primärfrage ausreichend geklärt habe (oder abbreche, weil ich über diesen Pfad nichts finde). Die Überraschungen entdeckt man dann aber oft in den Tabs, weil das sozusagen die Durchrutscher sind. Also ein Bild von/über ..., obwohl sie doch auf der Suche nach das und das waren. Haha, korrekte Bilderkennung und Einordnung ist für die Algos nämlich wesentlich schwieriger und aufwendiger als Texterkennung:

https://www.welt.de/vermischtes/article233584240/Facebook-Algorithmus-verwechselt-schwarze-Menschen-mit-Affen.html 

 

Herold

6. September 2021 16:37

@Laurenz

Beim targeted advertising, so nennt man verschiedene Strategien zum Adressieren von Werbung, werden User typischerweise anhand verschiedener "Signale" (signals) in eine Kohorte eingeteilt. Das kann, und das ist wirklich nur ein sehr grobes Beispiel, der verwendete Browser, das physische Endgerät, ein Facebook-Cookie, ein HSTS-Flag etc. sein - im Schnitt kann man . Aus diesen Daten wird ein Modell des Users erstellt und eine passende Kohorte gesucht. Besucht nun jemand eine Website mit Werbung, wird der Werbeplatz, der angezeigt werden soll, in Rahmen einer Echtzeitversteigerung (real time bid, RTB) anhand dieser Kohorte bewertet (customer value) und dann an den meistbietenden versteigert (grob gesagt, es gibt verschiedene Modelle, u.a. mit festem Ausgang dieser Versteigerung). Das ist unter dem Oberbegriff "programmatic advertising" subsummiert.

Diese Kohorten stellen die Mehrheit der Bevölkerung in all ihrer Tristesse dar.

ff.

Herold

6. September 2021 16:45

Die Kosten-Nutzen-Relation kann man, insbesondere online, sehr genau messen - die Kette vom Anschauen einer Anzeige (impression) bis zum endgültigen Verkauf (lead) kann lückenlos verfolgt werden - online sowieso, offline schwieriger, aber auch noch genau genug.

Das ist einer der Gründe, warum man lieber im Internet wirbt als per TV (auch dort hat man schon tracking versucht, Google hält einige Patente, aber es ist eben deutlich schwieriger).

Der Wert eines Werbeplatzes im RTB berechnet sich u.a. daraus, wie er in der Vergangenheit performt hat. Das weiß man ja nur, weil man die Erfolgsquote kennt, eben aus dem performance tracking einer Anzeige.

Man geht übrigens, und das ist in vielen Studien bewiesen, davon aus, dass praktisch nur die ersten fünf bis acht Links auf einer Google SERP (search engine result page) überhaupt wahrgenommen und nur die obersten drei eine signifikante Chance haben, geklickt zu werden. Darum kümmert sich dann SEO (search engine optimization, ein Euphemismus weil nicht die Suchmaschine optimiert, sondern für die Suchmaschine optimiert wird).

Ich war jahrelang in der Peripherie dieser Branche beschäftigt und habe wirklich jede Illusion über die Werber, die Beworbenen und die Umworbenen verloren. Ganz vorne mit dabei übrigens das Verlagswesen.

Andreas Walter

6. September 2021 17:04

Ein anderes Beispiel:

[Wann auch immer] einen Link angeklickt, der als einzige Quelle in einem Artikel bei .......... [keine Ahnung mehr wo] für eine bestimmte Behauptung angeführt war. Doch nanu, der war nicht mehr da.

Also mir den ganzen Link in HTML angesehen und dann den Namen nur der Datei gesucht (einschließlich Endung). [schon der war irgendwie seltsam nichtssagend]

Wow! Der "Link" ist jetzt also ein Trojaner, ein Platzhalter, bei dem der ursprüngliche Inhalt (des Ordners) nachträglich ausgewechselt wurde. Mit Literatur, die Sie 100% nicht im Bahnhofskiosk und auch nicht in der Uni-Bibliothek finden. So funktioniert also Subversion.

Dann noch die ursprünglichen Schlagwörter des Links eingegeben (der Pfad, zum Ordner der Datei), später das auch bei Google gemacht, und dort wurde dann sofort klar, welches Buch nur die ursprüngliche Original-Quelle gewesen sein konnte.

Nein, tut mir leid. Um was es da ging kann ich mich beim besten Willen heute nicht mehr erinnern. Ist ja auch nur ein Beispiel. Womöglich habe ich das sogar nur geträumt.

Hatte was mit, nee, ich bin mir nicht sicher. Haben aber auch schon ........., ................... Journalisten ausgeplaudert. Auch so ein Zufallsfund, bei Google Books.

https://youtu.be/eQ8ixlQT_20

Andreas Walter

6. September 2021 17:55

Und, zum Schluss:

In anderen Sprachen suchen (Google translator hilft). Das Gefundene ist dann zwar auch in einer anderen Sprache, doch die Links auf diesen Seiten führen dann oft wieder zu Quellen in Englisch (von mir aus dann auf Tuvalu oder Vanuatu). Oder auf einen Server in Afghanistan.

Die Königsklasse ist aber, Geschichten einfach komplett selbst erfinden. Einschließlich irgendwelcher vermeintlicher Quellen. Müssen ja nicht gleich die Hitlertagebücher sein, doch auch die waren tagelang [wochenlang?] in der Presse. Corona, CO2, Irak, Ukraine, alles darum erfundene Geschichten - und nur 4 Beispiele von Hunderten.

Ganz wichtig auch: Emotionen dabei ansprechen. Effektive Propaganda funktionier nur über Emotionen (das Stammhirn, Reflexhirn). Drama-Queens wie [SPD-Mann Para Neuer] darum unbezahlbar. Darum laden die den auch so gerne beim Fernsehen ein. Kino, Presse, Funk und Fernsehen funktioniert nur über Emotionen (Sensationen). Das ist ihr Geschäft. Ihre Ware.

Ein einfaches Verbot über Terror zu berichten würde ihn sofort wirkungslos machen. Doch das ist ja gar nicht gewollt. Der Hirte möchte ja, dass Ihr euch fürchtet, damit er sich als euer Beschützer auf-spielen kann. Dem deutschen Wähler (Bürger) eigene Waffen anvertrauen? Sind denn die in den VSA nicht auch Europäer? Oder die Schweizer? Die Israelis? Ach so.

Laurenz

6. September 2021 18:10

@Herold

Hab auch eine Bekannte, die bei einer Agentur arbeitet, die Werbekampagnen im Netz oder Druck platziert. Die einzelnen Projekte kosten so zwischen 30 & 200k, erzielen eine Reichweite von 1-2%. Empfinde ich als nicht so prickelnd. Als Querulant zähle ich allerdings nicht wirklich zu irgendeiner Zielgruppe. 99 von 100 Werbe-like-Anfragen auf Jutjub bekommen ein Daumen runter.

Und natürlich sitzen auch Sie in einer Blase. Das, was Sie schreiben & auch ich beschrieben hatte, gilt nur für Produkte, die keiner braucht. Ein Schreiner oder Gärtner braucht im Netz nur seine Existenz kenntlich machen.

Herold

7. September 2021 21:14

@Laurenz

Gärtnerei und Schreiner werben dafür um Nachwuchs, auch online, im gleichen Markt wie Konsumgüterhersteller. 

Die Reichweite ist ja eigentlich egal für eine Kampagne, entscheidend ist die Relation von Einsatz zu Gewinn. Die ist insb. online meist sehr gut, da die Werbung kaum kostet und eben besonders gut überwacht werden kann. Noch mal ein anderes Thema ist Influence-Marketing, das noch weniger kostet und noch mehr bringt. Frau Kositza kann (mit Töchtern im typ. Zielgruppenalter) vielleicht leidvoll berichten.

Aber auch hier drehen wir uns im Kreis: Die Werbung wird für Blasen gemacht und diese Blasen sind nicht so verschieden wie man glaubt, aber ausreichend um abgegrenzt beworben werden zu können. Das macht die Tristesse aus. Die mangelnden Fähigkeiten dazu, Produzent zu sein, macht den Rest. Damit ist das Netz ja mal angetreten und das ist auch die große Enttäuschung.

September that never ended ...