Bislang kannte ich es nur vom Hörensagen. Ich hatte den Eindruck gewonnen, daß seine Fans mit ziemlicher Sicherheit davon ausgingen, es handle sich bei den Machern hinter den Kunstfiguren “Dieter und Vito” im Ringershirt um “ourguys”, auch wenn die ironischen, oft betont albernen Texte in keiner Weise politisch sind oder einschlägige “Botschaften” transportieren.
Indizien waren nicht nur der Name der Band (von Kollegah abgeguckt?) und ihr einprägsames Frakturschrift-Logo, sondern auch der Umstand, daß sie sich nur maskiert zeigen (ein bißchen an die “Unsterblichen” erinnernd), also aus irgendeinem Grund anonym bleiben wollen (man weiß, was Rechten blüht, die “gedoxxt” werden). Aber auch andere Elemente dieses Projekts sind “rechtscodiert”.
Da gibt es beispielsweise Songs mit Titeln wie “Krieg” (einer ihrer besten) oder “Erika”, ersterer handelt allerdings von der Notwendigkeit, daß “alle tanzen” müssen, “auch die Fetten und die Transen”, denn “bald ist wieder Krieg”, zweiterer lockt zwar im Thumbnail zum Video mit Frakturschrift, dreht sich aber nicht um das kleine Blümelein auf der Heide, sondern um eine Badeschönheit mit Kim-Wilde-Frisur.
Verspielte Ironie steht überhaupt im Zentrum des Gesamtkunstwerks Deutsche Vita, dessen Ästhetik auf der Fiktion aufbaut, es handele sich um eine verschollene Elektropop-Kapelle der Neuen Deutschen Welle, die zwischen 1983 und 1992 aktiv war. Zu diesem Zweck bedienen sie sich auch geschickter, KI-unterstützer Fälschungen von Fernsehausstrahlungen aus dieser Zeit mit der Optik von abgenutzten VHS-Kassetten. Die Videoclips zu den Songs sind fast ausschließlich schwarz-weiß, was allerdings auf Zeiten lange vor den bunten Achtzigern verweist.
Deutsche Vita, deren Musik man auch auf Retro-Tonträgern wie Vinyl, CD und Kassette kaufen kann, suchen offensichtlich nach auratischen Wirkungen, wie man sie nur im analogen, vor-digitalen Zeitalter erzielen konnte.
Die Fans spielen das Spiel augenzwinkernd mit, indem sie in den Kommentaren in “Erinnerungen” dieser Art schwelgen:
Sommer 1983. Erika und ich, ein alter Käfer, die A3 irgendwo zwischen Duisburg und nirgendwo. Kassette klemmt, Radio rauscht, sie schaut aus dem Fenster. Die Hitze steht über dem Asphalt wie ein schlechtes Versprechen. Ich sag nichts. Sie sagt nichts. Das Fenster ist halb offen und ihre Haare fliegen, und ich denk mir – so soll es immer sein. Genau so. Für immer.
Meine Sabine hab ich 1987 in der Disko kennengelernt als dieser Song lief, es war zwar schon Herbst aber wir haben trotzdem direkt Sommerlaune bekommen. Früh morgens bei Sonnenaufgang sind wir dann nachhause. Ich hatte ihr mein Sakko umgelegt und sie sich an dem Abend in mich verguckt. Fast 40 Jahre später tanzen wir immernoch oft im Wohnzimmer zu diesem Lied.
Nun hat auch diese optisch-musikalische Bespielung von (in diesemFall: westdeutscher) Achtzigerjahre-Nostalgie, zumindest für manche, eher rechte Vibrationen und Konnotationen. In der Blütezeit der “Altright”, etwa 2016 und 2017, wurden betont “retro” klingende Varianten und Ableger von “Vaporwave” zum Soundtrack einer Bewegung auserkoren, die vorrangig aus Millennials bestand, die wehmütige Gefühle gegenüber den “heileren”, “weißeren” und optimistischeren Zeiten ihrer Kindheit und Jugend in den Achtziger- und Neunzigerjahren hegten. Seither gibt es eine fixe kontextuelle Verbindung zwischen Synthie-Sounds der alten Schule, rechtem “Lebensgefühl” und rechten (Online-)Bewegungen.
Ich selbst fand diesen Rückgriff immer ein wenig zwiespältig. Auch ich hege nostalgische Gefühle für die Achtziger und Neunziger und liebe die Popmusik dieser Zeit, finde aber auch, daß sich eine politische Bewegung nicht zu sehr auf das Vergangene oder Verlorene fokussieren soll (eine Versuchung, die ich selbst nur allzu gut kenne). Mehr noch, konnte man darin eine Unsicherheit lesen, aus der Gegenwart heraus zu sprechen und zu erschaffen.
Man schlüpfte stattdessen in die Maske der Achtzigerjahre, und kopierte eine vergangene Ästhetik (die gewiß immer noch oder schon wieder große Popularität genießt), statt eine neue zu erschaffen. Auf diese Weise bleibt man aber im Pastiche und im ironischen Zitat stecken, was man vermeiden sollte, wenn man eine echte politische Wirkung erzielen will.
Auch “Dieter und Vito” tragen Masken, buchstäbliche und stilistisch-ästhetische, aber vermutlich aus anderen Gründen als einst die “Altrighter”. Im ihrem Falle haben wir es ebenfalls mit einem (durchaus wehmütigen) Rückgriff zu tun, auf eine Zeit, in der die deutschsprachige Popmusik eine spektakuläre Blüte erlebte und zum Teil Welterfolge feierte (man denke an Nena und ihre “99 Luftballons”). Es war aber auch eine Ära des spielerisch-ironischen, provokativen, nicht selten auch “flirtenden” Umgangs mit “faschistischer” Ästhetik und nationalen Themen.
Die bekannteste Band dieser Art war Deutsch-Amerikanische Freundschaft, deren Kürzel “DAF” an die NS-Organisation “Deutsche Arbeits-Front” erinnerte. In einem berüchtigten Song forderten sie “Tanz den Adolf Hitler” (und den Mussolini, Jesus Christus und Kommunismus), während sie in einem anderen “Die lustigen Stiefel” besangen, die “über Polen marschieren”. DAF coverten unter dem Titel “Kebab-Träume” auch den Song “Militürk” von Fehlfarben, der schon 1980 die Überfremdung Berlins thematisierte (Refrain: “Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei!”).
Es gab etliche andere Projekte, die mit solchen und ähnlichen Versatzstücken spielten. Die bereits seit 1970 aktiven Elektronik-Pioniere Kraftwerk verbreiteten eine kühle, germano-futuristische Aura und spielten mit Klischees über den deutschen Nationalcharakter. In einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Lester Bangs betonte Ralf Hutter 1975 erstaunlich explizit die nationalen Wurzeln seiner Musik:
„Nach dem Krieg“, erklärt Ralf, „wurde die deutsche Unterhaltungsindustrie zerstört. Dem deutschen Volk wurde seine Kultur geraubt und ihr ein amerikanischer Anstrich verpaßt. Ich glaube, wir sind die erste Generation nach dem Krieg, die dies abschütteln kann, und die weiß, wo sie amerikanische Musik spürt und wo sie sich selber spürt. Wir sind die erste deutsche Gruppe, die in unserer eigenen Sprache aufnimmt, unseren elektronischen Hintergrund nutzt und uns eine mitteleuropäische Identität schafft.
Man sehe sich eine Gruppe wie Tangerine Dream an: Obwohl sie Deutsche sind, haben sie einen englischen Namen, und so schaffen sie auf der Bühne eine angloamerikanische Identität, was wir komplett ablehnen.
Wir aber wollen, daß die ganze Welt unseren Hintergrund kennt. Wir können nicht leugnen, daß wir aus Deutschland kommen, denn die deutsche Mentalität, die fortschrittlicher ist, wird immer ein Teil unseres Verhaltens sein. Wir schöpfen aus der deutschen Sprache, unserer Muttersprache, die sehr ‚mechanisch‘ ist, und nutzen sie als Grundstruktur unserer Musik. Auch aus den Maschinen, den Industrien Deutschlands.“
Man könnte noch etliche weitere Beispiele aus der Epoche nennen, auf die sich Deutsche Vita musikalisch und visuell beziehen. Eine Band nannte sich Rheingold, eine andere Propaganda (hier mit einem von Fritz Lang inspirierten Lied und Video), wieder eine andere Die Krupps. Freiwillige Selbstkontrolle veröffentlichten 1981 eine Platte mit dem Titel “Stürmer”, auf dem sich unter anderem der Song “Otto Hahn in Stahlgewittern” fand. Die Band Breslau (mehr harter Rock als Pop) besang „blondes Haar mit Seitenscheitel / und ein klarer, heller Blick, / schöne blanke Lederstiefel, / die Uniform ist schick”, während Nichts ein “Deutsches Lied” anstimmten:
Deutsch sein
Niemandem sagen
Nur Angst vor Fragen
Scham für mein LandStolz sein
Ist mir verboten
Ich bin hier geboren
Mich trifft keine SchuldIch sing ein deutsches Lied
Ich sing ein deutsches Lied
Und will es keiner hör’n
Ich sing ein deutsches Lied!
Spurenelemente dieses Zugangs finden sich auch in den Songs von Deutsche Vita, gemäß ihrer selbstgewählten Epigonenrolle in Form des Zitats, der Anspielung auf die Anspielung, eines Spiels mit dem Spiel von damals. Wie bei manchen NDW-Bands dieser heute um so vieles unschuldiger und unbefangener wirkenden Zeit, wirkt ihre Haltung zum “Deutschsein”, das heute verbotener als je zuvor ist, allerdings ziemlich “affirmativ”, und sei es nur im simplen Zeilen wie: “Ich lebe jetzt die deutsche Vita, ich lebe im Himmel hier auf Erden…”
Vielleicht ist es auch von Bedeutung, daß sich Deutsche Vita an einer Zeit orientieren, in der es noch eine Popmusik gab, die ganz selbstverständlich und unverkrampft deutsch war und einen ganz eigenen deutschen Flair und Charakter hatte. Mehr als einen positiven Bezug zum Deutschtum, und sei er noch so hauchzart und unpolitisch gemeint, braucht es heutzutage nicht, um “gecancelt” zu werden.
Erste Erfahrungen dieser Art hat die Band offenbar bereits gemacht. Am 21. April verkündete die Promotion-Agentur Prisma ohne Angabe von Gründen, sie habe “die Zusammenarbeit mit dem Projekt Deutsche Vita mit sofortiger Wirkung beendet”.
Vielleicht war dies der Anlaß, warum sich Deutsche Vita bemüßigt sahen, am 27. April ein Statement zu veröffentlichen, das viele Fans enttäuscht hat:
Hallo Leute,
Es nervt uns ehrlich gesagt ein bisschen, so ein Statement machen zu müssen, aber das haben wir uns wohl selbst eingebrockt.
Scheinbar wird Deutsche Vita von Vielen als rechte oder gar rechtsextreme Band angesehen.Kurz und klar: Wir sind kein politisches Projekt.
Auf die Frage “Seid ihr rechts oder links?” war unsere ehrliche Antwort sowohl öffentlich als auch privat immer: “Wir sind Deutsche Vita”.
Deutsche Vita ist in erster Linie ein Kunstprojekt mit Kunstfiguren. Für uns verdirbt die Politik die Kunst und macht aus ihr langweilige Propaganda. Wir sind nicht unpolitisch, wir sind antipolitisch. Wir verstehen die Verwirrung jedoch, zu der wir durch unsere Ästhetik und unklare Haltung auch beigetragen haben.
Dass das Ganze jetzt aber als rechtsextrem angesehen wird, stört uns, weil es nicht stimmt: Wir sind keine rechte Band. Wir sind auch keine linke Band. Wir sind nicht einmal eine Band.
Wir sind zwei Typen, die Musik machen und Spaß haben wollen. Spoiler: Wir sind auch kein Projekt aus den 80ern.
Wir sind nicht dafür verantwortlich, wer wie unsere Musik hört/nutzt. Das können und wollen wir nicht kontrollieren. Wer nach dieser Stellungnahme jedoch noch immer Politik in unserer Musik hören will, tut dies auf eigene Verantwortung.
Und mal ganz im Ernst, welche rechtsextreme Band singt: “Spiel mit meiner Nudel, ich bin dein kleiner Pudel.”
Wir haben als Künstler auch immer den Anspruch, anzuecken und zu verwirren. Dieser Anspruch birgt auch immer ein Risiko.
Uns ist klar, daß diese Stellungnahme für viele zu spät kommt, aber die Maske, sei es auch nur kurz, fallen zu lassen, war für uns immer ein schwieriger Schritt, der uns jetzt aber nötig erscheint.
Wem das nicht zusagt, weil Politik wichtiger als Musik ist, kann sich gerne ein anderes Projekt suchen. Davon gibt es genügend.
Und für Alle, die noch da sind: Maske wieder auf, es geht weiter. Mit dem Kopf durch die Wand.
Auch in ihrem neuesten Song, “Rockers” (ein ziemlicher Banger), scheinen sie trotzig auf die “Verwirrung”, die sie gestiftet haben, zu antworten:
Die Leute reden
Wenn sie uns sehen
Sie sagen: Was ist los?
Und bleiben stehenWas woll’n die beiden?
Wer sind die zwei?
Und diese Masken
Was soll der Scheiß?Sie sagen: Wart mal
Was singt ihr da?
Soll das witzig sein?
Ich komm nicht klarIst das verboten?
Ist das erlaubt?
Boah, ist das scheiße, Alter
Und überhauptWieso macht ihr daaas??
Wieso macht ihr daaas??
Macht euch das Spaß??
Hä??
Immerhin: Deutsche Vita haben sich nicht “von rechts” distanziert und auch nicht von ihren rechtsgerichteten Hörern, wie es beispielsweise 2016 die Neofolk-Kapelle Jännerwein getan hatte (weil Martin Sellner sie mochte) oder 2009 die Indie-Band Ja, Panik (weil sie “versehentlich” der Blauen Narzisse ein Interview gegeben haben), um nur zwei Beispiele zu nennen.
Dennoch hat dieses Statement viele Fans verärgert und enttäuscht, vor allem solche, die in Deutsche Vita eine Art Szeneband erblickten. Nicht unbedingt, weil sich das Duo als “antipolitisch”positionierte, was das gute Recht jedes Künstlers sein sollte, sondern weil ihre Stellungnahme als eine überflüssige Unterwerfung unter den Druck des Zeitgeistes gelesen wurde, die sich womöglich mehr der Angst vor dem sozialen und gesellschaftlichen Stigma als dem Drang zur künstlerischen Integrität verdankte.
Der allseits bekannte Punkt ist eben, daß sich niemand zu Distanzierungen veranlaßt fühlt, wenn er “links” einsortiert wird, da mit dieser Zuordnung keine Ächtungsgefahr verbunden ist, die insbesondere für Künstler im Showbusiness pures Gift ist. Aus diesem Grund haben Stellungnahmen dieser Art immer ein gewisses “Geschmäckle”, werden von manchen Fans als Verrat, Umkippen, Feigheit und Anbiederung empfunden. Ich denke, daß es in diesem Fall keinen Grund zur Aufregung gibt: Man soll die beiden in Ruhe ihr Ding machen lassen, das ihnen ganz offensichtlich sehr viel Spaß bereitet.
Ich selber weiß nichts über “Dieter und Vito” und ihre tatsächlichen politischen Überzeugungen. Sie haben objektiv recht, daß es absurd ist, ihr Projekt als “rechtsextrem” abzustempeln, auch wenn es, wie gesagt, aus verschiedenen atmosphärischen, ästhetischen und kontextuellen Gründen wohl eher rechts- als linksgerichteten Menschen zusagt. Das eigentliche Problem liegt weder bei Deutsche Vita noch ihrem Statement, sondern in dem Umstand, daß Künstler (und nicht nur diese) heute nach ihrer Gesinnung und nicht nach ihrem Werk beurteilt werden. Auf diese Weise werden viele talentierte Künstler daran gehindert, sich weiterzuentwickeln und eine Publikumsbasis aufzubauen.
Künstler können, wie alle anderen Menschen auch, starke politische Überzeugungen haben, und es gibt viele Fälle, in denen diese auch ihre Kunst maßgeblich inspirieren und prägen. Gerade die Rock- und Popmusik ist voll von einschlägigen Beispielen. Daran ist an und für sich nichts verkehrt, solange das nicht zu “langweiliger Propanda” führt (es gibt ja auch “spannende” Propaganda). Ich denke, es sind meistens eher die Talentierteren, die dazu tendieren, politisch unsichere Kantonisten zu sein, weil Künstler nun einmal eine andere, eher intutitive Art haben, die Welt zu verstehen und zu interpretieren als Menschen, die einen eher analytischen Zugang haben.
Ich finde jedenfalls überhaupt nicht, daß Kunst prinzipiell a- oder antipolitisch sein muß. Aber gerade im rechten Spektrum finden sich häufig bemühte Menschen, deren politische Leidenschaften größer als ihr Talent sind, was ihren Appeal auf kleine Kreise beschränkt, die hauptsächlich eine “Message” konsumieren und abfeiern wollen. Das ist auch “metapolitisch” gesehen ein eher magerer Ertrag.
Ideal wäre eine politische Band, die so gut ist, daß man sie auch als unpolitischer oder gar politisch konträrer Hörer lieben kann (wie ich etwa Crass, Dead Kennedys, Sex Pistols, Ministry oder Razzia mag). Auf diesem Gebiet waren linke Musiker ohne Zweifel weitaus erfolgreicher als rechte, wenn man sich etwa das Desaster des Rechtsrockgenres ansieht, das nur sehr wenige gute Songs hervorgebracht hat.
Aus diesem Grund haben sich wohl so viele Hörer gewünscht, Deutsche Vita mögen doch “unsere Kerle” sein oder sich gar offen als “rechts” positionieren, während sie Musik machen, die zugleich nach innen szenetauglich und nach außen anschlußfähig ist, die unterhält, ohne zu indoktrinieren, die echte Ohrwürmer hervorbringt und einen unverwechselbaren Sound erschafft. Immerhin haben die beiden die “Erlaubnis” gegeben, ihre Musik zu hören und zu nutzen, wie man will, auf eigene Gefahr und Verantwortung. Die Aneignung durch das Publikum ist sowieso ein natürlicher Vorgang, den kein Künstler verhindern kann.
Deutsche Vita sind zweifellos sehr talentiert, auch wenn ihre Musik nicht übermäßig originell ist, was freilich Teil ihres Retro-Konzeptes ist. Es muß und kann nicht jede Band das Rad neu erfinden. Bei Deutsche Vita sehe ich ein bißchen eine Sackgasse dräuen, in die sie der nostalgische Eskapismus führen könnte. Der Schmäh mit der Achtzigerjahre-Optik wird sich bald erschöpfen, und könnte möglichen Entwicklungen im Weg stehen.
Damit meine ich freilich nicht, daß sie den musikalischen Stil aufgeben sollen, der sie offensichtlich begeistert und inspiriert und zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Aber ich stelle es mir reizvoll vor, mit dem Synthiesound der Achtziger eine Musik mitsamt dazugehöriger Optik zu schaffen, die aus der Gegenwart der 2020er Jahre spricht, statt in eine verklärte Vergangenheit zu flüchten.




Maiordomus
Was da von ML präsentiert wird, ist zu mittelmässig, als dass man als noch rechtskonvervativer Bildungsbürger mit immerhin Kulturalisation um 1968 darauf noch abfahren könnte. Dies ganz im Gegensatz zum variété identitaire, so der deutsch übersetzten Singversion von Avanti Ragazzi du Buda und weiteren Nummern, es muss nicht unbedingt die Anhimmelung von Wagenknecht sein, was von dort zwar auch gekommen ist. Wie heisst das Sängerpaar, das zusammen wunderbar "Vorwärts, Jugend von Buda" singt? Heisst die in der Tat aus meiner Sicht attraktive Sängerin Melandie Schmitz oder ist es doch eine andere? In dieser Richtung sollte man, wenn schon, weitermachen. Nicht zu vergessen die Pflege des nichtkitischigen Volksliedes, in der Schweiz unübertroffen "Simeliberg", eine der schönsten ländlich konservativ in Moll intonierten Liebesromanze mit dem "Vreneli ab em Guggisberg" und "Simelis Hansjoggeli ennet am Berg" im bürgerlichbäuerlichen Anklang an "Es waren zwei Konigskinder", letzteres Lied nach Goethe nach wie vor sangbar so wie Mörike und Brentano es verdienen würden, neu und heutiger vertont zu werden. Auch das Thule-Lied bleibt eigentlich unübertrefflich, nur ist die Gesamtqualität der slawischen Lieder leider den deutschen wohl überlegen und in ihrer Atmosphäre ganz sicher hundertprozentig "unlinks", immer heimatbezogen-patriotisch.