Deutsche Vita: Was woll’n die beiden?

“Spiel mit meiner Nudel, ich bin dein kleiner Pudel.” Der Ohrfloh hatte zugebissen und ließ mich den Rest des Tages nicht mehr los. Wie es sich für seine Art gehört, war er exquisit dämlich. Er stammte aus dem Song "Pudel" des mysteriösen, seit 2025 aktiven Berliner Synthiepop-Duos Deutsche Vita, das in Teilen des rechten Spektrums regelrechten Kultstatus erlangt hat.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Bis­lang kann­te ich es nur vom Hören­sa­gen. Ich hat­te den Ein­druck gewon­nen, daß sei­ne Fans mit ziem­li­cher Sicher­heit davon aus­gin­gen, es hand­le sich bei den Machern hin­ter den Kunst­fi­gu­ren “Die­ter und Vito” im Rin­ger­shirt um “our­guys”, auch wenn die iro­ni­schen, oft betont alber­nen Tex­te in kei­ner Wei­se poli­tisch sind oder ein­schlä­gi­ge “Bot­schaf­ten” transportieren.

Indi­zi­en waren nicht nur der Name der Band (von Kol­le­gah abge­guckt?) und ihr ein­präg­sa­mes Frak­tur­schrift-Logo, son­dern auch der Umstand, daß sie sich nur mas­kiert zei­gen (ein biß­chen an die “Unsterb­li­chen” erin­nernd), also aus irgend­ei­nem Grund anonym blei­ben wol­len (man weiß, was Rech­ten blüht, die “gedo­xxt” wer­den). Aber auch ande­re Ele­men­te die­ses Pro­jekts sind “rechts­co­diert”.

Da gibt es bei­spiels­wei­se Songs mit Titeln wie “Krieg” (einer ihrer bes­ten) oder “Eri­ka”, ers­te­rer han­delt aller­dings von der Not­wen­dig­keit, daß “alle tan­zen” müs­sen, “auch die Fet­ten und die Tran­sen”, denn “bald ist wie­der Krieg”, zwei­te­rer lockt zwar im Thumb­nail zum Video mit Frak­tur­schrift, dreht sich aber nicht um das klei­ne Blü­mel­ein auf der Hei­de, son­dern um eine Bade­schön­heit mit Kim-Wilde-Frisur.

Ver­spiel­te Iro­nie steht über­haupt im Zen­trum des Gesamt­kunst­werks Deut­sche Vita, des­sen Ästhe­tik auf der Fik­ti­on auf­baut, es han­de­le sich um eine ver­schol­le­ne Elek­tro­pop-Kapel­le der Neu­en Deut­schen Wel­le, die zwi­schen 1983 und 1992 aktiv war. Zu die­sem Zweck bedie­nen sie sich auch geschick­ter, KI-unter­stüt­zer Fäl­schun­gen von Fern­seh­aus­strah­lun­gen aus die­ser Zeit mit der Optik von abge­nutz­ten VHS-Kas­set­ten. Die Video­clips zu den Songs sind fast aus­schließ­lich schwarz-weiß, was aller­dings auf Zei­ten lan­ge vor den bun­ten Acht­zi­gern verweist.

Deut­sche Vita, deren Musik man auch auf Retro-Ton­trä­gern wie  Vinyl, CD und Kas­set­te kau­fen kann, suchen offen­sicht­lich nach aura­ti­schen Wir­kun­gen, wie man sie nur im ana­lo­gen, vor-digi­ta­len Zeit­al­ter erzie­len konnte.

Die Fans spie­len das Spiel augen­zwin­kernd mit, indem sie in den Kom­men­ta­ren in “Erin­ne­run­gen” die­ser Art schwelgen:

Som­mer 1983. Eri­ka und ich, ein alter Käfer, die A3 irgend­wo zwi­schen Duis­burg und nir­gend­wo. Kas­set­te klemmt, Radio rauscht, sie schaut aus dem Fens­ter. Die Hit­ze steht über dem Asphalt wie ein schlech­tes Ver­spre­chen. Ich sag nichts. Sie sagt nichts. Das Fens­ter ist halb offen und ihre Haa­re flie­gen, und ich denk mir – so soll es immer sein. Genau so. Für immer.

Mei­ne Sabi­ne hab ich 1987 in der Dis­ko ken­nen­ge­lernt als die­ser Song lief, es war zwar schon Herbst aber wir haben trotz­dem direkt Som­mer­lau­ne bekom­men. Früh mor­gens bei Son­nen­auf­gang sind wir dann nach­hau­se. Ich hat­te ihr mein Sak­ko umge­legt und sie sich an dem Abend in mich ver­guckt. Fast 40 Jah­re spä­ter tan­zen wir immer­noch oft im Wohn­zim­mer zu die­sem Lied.

Nun hat auch die­se optisch-musi­ka­li­sche Bespie­lung von (in die­sem­Fall: west­deut­scher) Acht­zi­ger­jah­re-Nost­al­gie, zumin­dest für man­che, eher rech­te Vibra­tio­nen und Kon­no­ta­tio­nen. In der Blü­te­zeit der “Alt­right”, etwa 2016 und 2017, wur­den betont “retro” klin­gen­de Vari­an­ten und Able­ger von “Vapor­wa­ve” zum Sound­track einer Bewe­gung aus­er­ko­ren, die vor­ran­gig aus Mil­len­ni­als bestand, die weh­mü­ti­ge Gefüh­le gegen­über den “hei­le­ren”, “wei­ße­ren” und opti­mis­ti­sche­ren Zei­ten ihrer Kind­heit und Jugend in den Acht­zi­ger- und Neun­zi­ger­jah­ren heg­ten. Seit­her gibt es eine fixe kon­tex­tu­el­le Ver­bin­dung zwi­schen Syn­thie-Sounds der alten Schu­le, rech­tem “Lebens­ge­fühl” und rech­ten (Online-)Bewegungen.

Ich selbst fand die­sen Rück­griff immer ein wenig zwie­späl­tig. Auch ich hege nost­al­gi­sche Gefüh­le für die Acht­zi­ger und Neun­zi­ger und lie­be die Pop­mu­sik die­ser Zeit, fin­de aber auch, daß sich eine poli­ti­sche Bewe­gung nicht zu sehr auf das Ver­gan­ge­ne oder Ver­lo­re­ne fokus­sie­ren soll (eine Ver­su­chung, die ich selbst nur all­zu gut ken­ne). Mehr noch, konn­te man dar­in eine Unsi­cher­heit lesen, aus der Gegen­wart her­aus zu spre­chen und zu erschaffen.

Man schlüpf­te statt­des­sen in die Mas­ke der Acht­zi­ger­jah­re, und kopier­te eine ver­gan­ge­ne Ästhe­tik (die gewiß immer noch oder schon wie­der gro­ße Popu­la­ri­tät genießt), statt eine neue zu erschaf­fen. Auf die­se Wei­se bleibt man aber im Pas­ti­che und im iro­ni­schen Zitat ste­cken, was man ver­mei­den soll­te, wenn man eine ech­te poli­ti­sche Wir­kung erzie­len will.

Auch “Die­ter und Vito” tra­gen Mas­ken, buch­stäb­li­che und sti­lis­tisch-ästhe­ti­sche, aber ver­mut­lich aus ande­ren Grün­den als einst die “Alt­righ­ter”. Im ihrem Fal­le haben wir es eben­falls mit einem (durch­aus weh­mü­ti­gen) Rück­griff zu tun, auf eine Zeit, in der die deutsch­spra­chi­ge Pop­mu­sik eine spek­ta­ku­lä­re Blü­te erleb­te und zum Teil Welt­erfol­ge fei­er­te (man den­ke an Nena und ihre “99 Luft­bal­lons”). Es war aber auch eine Ära des spie­le­risch-iro­ni­schen, pro­vo­ka­ti­ven, nicht sel­ten auch “flir­ten­den” Umgangs mit “faschis­ti­scher” Ästhe­tik und natio­na­len Themen.

Die bekann­tes­te Band die­ser Art war Deutsch-Ame­ri­ka­ni­sche Freund­schaft, deren Kür­zel “DAF” an die NS-Orga­ni­sa­ti­on “Deut­sche Arbeits-Front” erin­ner­te. In einem berüch­tig­ten Song for­der­ten sie “Tanz den Adolf Hit­ler” (und den Mus­so­li­ni, Jesus Chris­tus und Kom­mu­nis­mus), wäh­rend sie in einem ande­ren “Die lus­ti­gen Stie­fel” besan­gen, die “über Polen mar­schie­ren”. DAF cover­ten unter dem Titel “Kebab-Träu­me” auch den Song “Mili­türk” von Fehl­far­ben, der schon 1980 die Über­frem­dung Ber­lins the­ma­ti­sier­te (Refrain: “Deutsch­land, Deutsch­land, alles ist vorbei!”).

Es gab etli­che ande­re Pro­jek­te, die mit sol­chen und ähn­li­chen Ver­satz­stü­cken spiel­ten. Die bereits seit 1970 akti­ven Elek­tro­nik-Pio­nie­re Kraft­werk ver­brei­te­ten eine küh­le, ger­ma­no-futu­ris­ti­sche Aura und spiel­ten mit Kli­schees über den deut­schen Natio­nal­cha­rak­ter. In einem Inter­view mit dem ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Les­ter Bangs beton­te Ralf Hut­ter 1975 erstaun­lich expli­zit die natio­na­len Wur­zeln sei­ner Musik:

„Nach dem Krieg“, erklärt Ralf, „wur­de die deut­sche Unter­hal­tungs­in­dus­trie zer­stört. Dem deut­schen Volk wur­de sei­ne Kul­tur geraubt und ihr ein ame­ri­ka­ni­scher Anstrich ver­paßt. Ich glau­be, wir sind die ers­te Gene­ra­ti­on nach dem Krieg, die dies abschüt­teln kann, und die weiß, wo sie ame­ri­ka­ni­sche Musik spürt und wo sie sich sel­ber spürt. Wir sind die ers­te deut­sche Grup­pe, die in unse­rer eige­nen Spra­che auf­nimmt, unse­ren elek­tro­ni­schen Hin­ter­grund nutzt und uns eine mit­tel­eu­ro­päi­sche Iden­ti­tät schafft.

Man sehe sich eine Grup­pe wie Tan­ge­ri­ne Dream an: Obwohl sie Deut­sche sind, haben sie einen eng­li­schen Namen, und so schaf­fen sie auf der Büh­ne eine anglo­ame­ri­ka­ni­sche Iden­ti­tät, was wir kom­plett ablehnen.

Wir aber wol­len, daß die gan­ze Welt unse­ren Hin­ter­grund kennt. Wir kön­nen nicht leug­nen, daß wir aus Deutsch­land kom­men, denn die deut­sche Men­ta­li­tät, die fort­schritt­li­cher ist, wird immer ein Teil unse­res Ver­hal­tens sein. Wir schöp­fen aus der deut­schen Spra­che, unse­rer Mut­ter­spra­che, die sehr ‚mecha­nisch‘ ist, und nut­zen sie als Grund­struk­tur unse­rer Musik. Auch aus den Maschi­nen, den Indus­trien Deutschlands.“

Man könn­te noch etli­che wei­te­re Bei­spie­le aus der Epo­che nen­nen, auf die sich Deut­sche Vita musi­ka­lisch und visu­ell bezie­hen. Eine Band nann­te sich Rhein­gold, eine ande­re Pro­pa­gan­da (hier mit einem von Fritz Lang inspi­rier­ten Lied und Video), wie­der eine ande­re Die Krupps. Frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le ver­öf­fent­lich­ten 1981 eine Plat­te mit dem Titel “Stür­mer”, auf dem sich unter ande­rem der Song “Otto Hahn in Stahl­ge­wit­tern” fand. Die Band Bres­lau (mehr har­ter Rock als Pop) besang „blon­des Haar mit Sei­ten­schei­tel / und ein kla­rer, hel­ler Blick, / schö­ne blan­ke Leder­stie­fel, / die Uni­form ist schick”, wäh­rend Nichts ein “Deut­sches Lied” anstimmten:

Deutsch sein
Nie­man­dem sagen
Nur Angst vor Fragen
Scham für mein Land

Stolz sein
Ist mir verboten
Ich bin hier geboren
Mich trifft kei­ne Schuld

Ich sing ein deut­sches Lied
Ich sing ein deut­sches Lied
Und will es kei­ner hör’n
Ich sing ein deut­sches Lied!

Spu­ren­ele­men­te die­ses Zugangs fin­den sich auch in den Songs von Deut­sche Vita, gemäß ihrer selbst­ge­wähl­ten Epi­go­nen­rol­le in Form des Zitats, der Anspie­lung auf die Anspie­lung, eines Spiels mit dem Spiel von damals. Wie bei man­chen NDW-Bands die­ser heu­te um so vie­les unschul­di­ger und unbe­fan­ge­ner wir­ken­den Zeit, wirkt ihre Hal­tung zum “Deutsch­sein”, das heu­te ver­bo­te­ner als je zuvor ist, aller­dings ziem­lich “affir­ma­tiv”, und sei es nur im simp­len Zei­len wie: “Ich lebe jetzt die deut­sche Vita, ich lebe im Him­mel hier auf Erden…”

Viel­leicht ist es auch von Bedeu­tung, daß sich Deut­sche Vita an einer Zeit ori­en­tie­ren, in der es noch eine Pop­mu­sik gab, die ganz selbst­ver­ständ­lich und unver­krampft deutsch war und einen ganz eige­nen deut­schen Flair und Cha­rak­ter hat­te. Mehr als einen posi­ti­ven Bezug zum Deutsch­tum, und sei er noch so hauch­zart und unpo­li­tisch gemeint, braucht es heut­zu­ta­ge nicht, um “gecan­celt” zu werden.

Ers­te Erfah­run­gen die­ser Art hat die Band offen­bar bereits gemacht. Am 21. April ver­kün­de­te die Pro­mo­ti­on-Agen­tur Pris­ma ohne Anga­be von Grün­den, sie habe “die Zusam­men­ar­beit mit dem Pro­jekt Deut­sche Vita mit sofor­ti­ger Wir­kung beendet”.

Viel­leicht war dies der Anlaß, war­um sich Deut­sche Vita bemü­ßigt sahen, am 27. April ein State­ment zu ver­öf­fent­li­chen, das vie­le Fans ent­täuscht hat:

Hal­lo Leute,

Es nervt uns ehr­lich gesagt ein biss­chen, so ein State­ment machen zu müs­sen, aber das haben wir uns wohl selbst eingebrockt.
Schein­bar wird Deut­sche Vita von Vie­len als rech­te oder gar rechts­extre­me Band angesehen.

Kurz und klar: Wir sind kein poli­ti­sches Projekt.

Auf die Fra­ge “Seid ihr rechts oder links?” war unse­re ehr­li­che Ant­wort sowohl öffent­lich als auch pri­vat immer: “Wir sind Deut­sche Vita”.

Deut­sche Vita ist in ers­ter Linie ein Kunst­pro­jekt mit Kunst­fi­gu­ren. Für uns ver­dirbt die Poli­tik die Kunst und macht aus ihr lang­wei­li­ge Pro­pa­gan­da. Wir sind nicht unpo­li­tisch, wir sind anti­po­li­tisch. Wir ver­ste­hen die Ver­wir­rung jedoch, zu der wir durch unse­re Ästhe­tik und unkla­re Hal­tung auch bei­getra­gen haben.

Dass das Gan­ze jetzt aber als rechts­extrem ange­se­hen wird, stört uns, weil es nicht stimmt: Wir sind kei­ne rech­te Band. Wir sind auch kei­ne lin­ke Band. Wir sind nicht ein­mal eine Band.

Wir sind zwei Typen, die Musik machen und Spaß haben wol­len. Spoi­ler: Wir sind auch kein Pro­jekt aus den 80ern.

Wir sind nicht dafür ver­ant­wort­lich, wer wie unse­re Musik hört/nutzt. Das kön­nen und wol­len wir nicht kon­trol­lie­ren. Wer nach die­ser Stel­lung­nah­me jedoch noch immer Poli­tik in unse­rer Musik hören will, tut dies auf eige­ne Verantwortung.

Und mal ganz im Ernst, wel­che rechts­extre­me Band singt: “Spiel mit mei­ner Nudel, ich bin dein klei­ner Pudel.”

Wir haben als Künst­ler auch immer den Anspruch, anzu­ecken und zu ver­wir­ren. Die­ser Anspruch birgt auch immer ein Risiko.

Uns ist klar, daß die­se Stel­lung­nah­me für vie­le zu spät kommt, aber die Mas­ke, sei es auch nur kurz, fal­len zu las­sen, war für uns immer ein schwie­ri­ger Schritt, der uns jetzt aber nötig erscheint.

Wem das nicht zusagt, weil Poli­tik wich­ti­ger als Musik ist, kann sich ger­ne ein ande­res Pro­jekt suchen. Davon gibt es genügend.

Und für Alle, die noch da sind: Mas­ke wie­der auf, es geht wei­ter. Mit dem Kopf durch die Wand.

Auch in ihrem neu­es­ten Song, “Rockers” (ein ziem­li­cher Ban­ger), schei­nen sie trot­zig auf die “Ver­wir­rung”, die sie gestif­tet haben, zu antworten:

Die Leu­te reden
Wenn sie uns sehen
Sie sagen: Was ist los?
Und blei­ben stehen

Was woll’n die beiden?
Wer sind die zwei?
Und die­se Masken
Was soll der Scheiß?

Sie sagen: Wart mal
Was singt ihr da?
Soll das wit­zig sein?
Ich komm nicht klar

Ist das verboten?
Ist das erlaubt?
Boah, ist das schei­ße, Alter
Und überhaupt

Wie­so macht ihr daaas??
Wie­so macht ihr daaas??
Macht euch das Spaß??
Hä??

Immer­hin: Deut­sche Vita haben sich nicht “von rechts” distan­ziert und auch nicht von ihren rechts­ge­rich­te­ten Hörern, wie es bei­spiels­wei­se 2016 die Neo­folk-Kapel­le Jän­ner­wein getan hat­te (weil Mar­tin Sell­ner sie moch­te) oder 2009 die Indie-Band Ja, Panik (weil sie “ver­se­hent­lich” der Blau­en Nar­zis­se ein Inter­view gege­ben haben), um nur zwei Bei­spie­le zu nennen.

Den­noch hat die­ses State­ment vie­le Fans ver­är­gert und ent­täuscht, vor allem sol­che, die in Deut­sche Vita eine Art Sze­ne­band erblick­ten. Nicht unbe­dingt, weil sich das Duo als “antipolitisch”positionierte, was das gute Recht jedes Künst­lers sein soll­te, son­dern weil ihre Stel­lung­nah­me als eine über­flüs­si­ge Unter­wer­fung unter den Druck des Zeit­geis­tes gele­sen wur­de, die sich womög­lich mehr der Angst vor dem sozia­len und gesell­schaft­li­chen Stig­ma als dem Drang zur künst­le­ri­schen Inte­gri­tät verdankte.

Der all­seits bekann­te Punkt ist eben, daß sich nie­mand zu Distan­zie­run­gen ver­an­laßt fühlt, wenn er “links” ein­sor­tiert wird, da mit die­ser Zuord­nung kei­ne Äch­tungs­ge­fahr ver­bun­den ist, die ins­be­son­de­re für Künst­ler im Show­busi­ness pures Gift ist. Aus die­sem Grund haben Stel­lung­nah­men die­ser Art immer ein gewis­ses “Geschmäck­le”, wer­den von man­chen Fans als Ver­rat, Umkip­pen, Feig­heit und Anbie­de­rung emp­fun­den. Ich den­ke, daß es in die­sem Fall kei­nen Grund zur Auf­re­gung gibt: Man soll die bei­den in Ruhe ihr Ding machen las­sen, das ihnen ganz offen­sicht­lich sehr viel Spaß bereitet.

Ich sel­ber weiß nichts über “Die­ter und Vito” und ihre tat­säch­li­chen poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen. Sie haben objek­tiv recht, daß es absurd ist, ihr Pro­jekt als “rechts­extrem” abzu­stem­peln, auch wenn es, wie gesagt, aus ver­schie­de­nen atmo­sphä­ri­schen, ästhe­ti­schen und kon­tex­tu­el­len Grün­den wohl eher rechts- als links­ge­rich­te­ten Men­schen zusagt. Das eigent­li­che Pro­blem liegt weder bei Deut­sche Vita noch ihrem State­ment, son­dern in dem Umstand, daß Künst­ler (und nicht nur die­se) heu­te nach ihrer Gesin­nung und nicht nach ihrem Werk beur­teilt wer­den. Auf die­se Wei­se wer­den vie­le talen­tier­te Künst­ler dar­an gehin­dert, sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und eine Publi­kums­ba­sis aufzubauen.

Künst­ler kön­nen, wie alle ande­ren Men­schen auch, star­ke poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen haben, und es gibt vie­le Fäl­le, in denen die­se auch ihre Kunst maß­geb­lich inspi­rie­ren und prä­gen. Gera­de die Rock- und Pop­mu­sik ist voll von ein­schlä­gi­gen Bei­spie­len. Dar­an ist an und für sich nichts ver­kehrt, solan­ge das nicht zu “lang­wei­li­ger Pro­pan­da” führt (es gibt ja auch “span­nen­de” Pro­pa­gan­da). Ich den­ke, es sind meis­tens eher die Talen­tier­te­ren, die dazu ten­die­ren, poli­tisch unsi­che­re Kan­to­nis­ten zu sein, weil Künst­ler nun ein­mal eine ande­re, eher intu­ti­ti­ve Art haben, die Welt zu ver­ste­hen und zu inter­pre­tie­ren als Men­schen, die einen eher ana­ly­ti­schen Zugang haben.

Ich fin­de jeden­falls über­haupt nicht, daß Kunst prin­zi­pi­ell a- oder anti­po­li­tisch sein muß. Aber gera­de im rech­ten Spek­trum fin­den sich häu­fig bemüh­te Men­schen, deren poli­ti­sche Lei­den­schaf­ten grö­ßer als ihr Talent sind, was ihren Appeal auf klei­ne Krei­se beschränkt, die haupt­säch­lich eine “Mes­sa­ge” kon­su­mie­ren und abfei­ern wol­len. Das ist auch “meta­po­li­tisch” gese­hen ein eher mage­rer Ertrag.

Ide­al wäre eine poli­ti­sche Band, die so gut ist, daß man sie auch als unpo­li­ti­scher oder gar poli­tisch kon­trä­rer Hörer lie­ben kann (wie ich etwa Crass, Dead Ken­ne­dys, Sex Pis­tols, Minis­try oder Raz­zia mag). Auf die­sem Gebiet waren lin­ke Musi­ker ohne Zwei­fel weit­aus erfolg­rei­cher als rech­te, wenn man sich etwa das Desas­ter des Rechts­rock­gen­res ansieht, das nur sehr weni­ge gute Songs her­vor­ge­bracht hat.

Aus die­sem Grund haben sich wohl so vie­le Hörer gewünscht, Deut­sche Vita mögen doch “unse­re Ker­le” sein oder sich gar offen als “rechts” posi­tio­nie­ren, wäh­rend sie Musik machen, die zugleich nach innen sze­ne­taug­lich und nach außen anschluß­fä­hig ist, die unter­hält, ohne zu indok­tri­nie­ren, die ech­te Ohr­wür­mer her­vor­bringt und einen unver­wech­sel­ba­ren Sound erschafft. Immer­hin haben die bei­den die “Erlaub­nis” gege­ben, ihre Musik zu hören und zu nut­zen, wie man will, auf eige­ne Gefahr und Ver­ant­wor­tung. Die Aneig­nung durch das Publi­kum ist sowie­so ein natür­li­cher Vor­gang, den kein Künst­ler ver­hin­dern kann.

Deut­sche Vita sind zwei­fel­los sehr talen­tiert, auch wenn ihre Musik nicht über­mä­ßig ori­gi­nell ist, was frei­lich Teil ihres Retro-Kon­zep­tes ist. Es muß und kann nicht jede Band das Rad neu erfin­den. Bei Deut­sche Vita sehe ich ein biß­chen eine Sack­gas­se dräu­en, in die sie der nost­al­gi­sche Eska­pis­mus füh­ren könn­te. Der Schmäh mit der Acht­zi­ger­jah­re-Optik wird sich bald erschöp­fen, und könn­te mög­li­chen Ent­wick­lun­gen im Weg stehen.

Damit mei­ne ich frei­lich nicht, daß sie den musi­ka­li­schen Stil auf­ge­ben sol­len, der sie offen­sicht­lich begeis­tert und inspi­riert und zu ihrem Mar­ken­zei­chen gewor­den ist. Aber ich stel­le es mir reiz­voll vor, mit dem Syn­thie­sound der Acht­zi­ger eine Musik mit­samt dazu­ge­hö­ri­ger Optik zu schaf­fen, die aus der Gegen­wart der 2020er Jah­re spricht, statt in eine ver­klär­te Ver­gan­gen­heit zu flüchten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (5)

Maiordomus

8. Mai 2026 10:54

Was da von ML präsentiert wird, ist zu mittelmässig, als dass man als noch rechtskonvervativer Bildungsbürger mit immerhin Kulturalisation um 1968 darauf noch abfahren könnte. Dies ganz im Gegensatz zum variété identitaire, so der deutsch übersetzten Singversion von Avanti Ragazzi du Buda und weiteren Nummern, es muss nicht unbedingt die Anhimmelung von Wagenknecht sein, was von dort zwar auch gekommen ist. Wie heisst das Sängerpaar, das zusammen wunderbar "Vorwärts, Jugend von Buda" singt? Heisst die in der Tat aus meiner Sicht attraktive Sängerin Melandie Schmitz oder ist es doch eine andere? In dieser Richtung sollte man, wenn schon, weitermachen. Nicht zu vergessen die Pflege des nichtkitischigen Volksliedes, in der Schweiz unübertroffen "Simeliberg", eine der schönsten ländlich konservativ in Moll intonierten Liebesromanze mit dem "Vreneli ab em Guggisberg" und "Simelis Hansjoggeli ennet am Berg" im bürgerlichbäuerlichen Anklang an "Es waren zwei Konigskinder", letzteres Lied nach Goethe nach wie vor sangbar so wie Mörike und Brentano es verdienen würden, neu und heutiger vertont zu werden. Auch das Thule-Lied bleibt eigentlich unübertrefflich, nur ist die Gesamtqualität der slawischen Lieder leider den deutschen wohl überlegen und in ihrer Atmosphäre ganz sicher hundertprozentig "unlinks", immer heimatbezogen-patriotisch.  

Maiordomus

8. Mai 2026 11:46

"Avanti Ragazzi d i   Buda, avanti Ragazzi di Pest" beginnt das Lied, das mich als nachmaligen R e c h t s k o n s e r v a t i v e n  an meine Politisierung durch den Ungarn-Aufstand gemahnt, eine Erinnerung auch daran, dass konservativ nie nur bedeuten darf, "stille zu sitzen", was notabene eine einseitige Auslegung von Neutralität wäre. Der Begriff der bewaffneten Neutralität stammt als Metapher überraschenderweise von Sören Kierkegaard (1813 - 1855), was zur Zeit des 2. Weltkrieges dem Schweizer Feldprediger und späteren Dichter Kurt Marti aufgefallen ist. Das Variété identitaire hat indes das Ungarnlied sehr schön in eine deutsche Version gegossen. Wie Sänger und Sängerin wirklich heissen, weiss ich leider nicht, nehme an, Herr ML kann mir da Auskunft geben, auch wie es mit dieser Gruppe weitergegangen ist. Auch von der oben als rechte Sängerin vermuteten Frau Schmitz habe ich lange nichts mehr gehört.
PS. Als ich den ungarischen Schriftsteller Istvan Bekeffy bei der ersten Begegnung als (vorübergehenden) Flüchtling u. vermeintlichen Freiheitskämpfer bewunderte, erklärte er mir, als kommunistischer Jude vor dem Mob der Aufständischen geflohen zu sein.   

MarkusMagnus

8. Mai 2026 11:54

Zum Thema Kultur:
Ich bin der Meinung das es eine Art "rechtes" Volks-Theater geben sollte.
Wo wir -mit Witz und Humor- die Absurditäten dieser Republik und der Linken und Antideutschen der Lächerlichkeit preisgeben.
Ich hätte da voll Lust drauf.

Karl Otto

8. Mai 2026 12:21

Werde nie verstehen, wie man sich solche öden Maschinenklänge freiwillig anhören kann.

Alex Schleyer

8. Mai 2026 12:32

Selbstredend hat Lichtmesz Meinung und Gedanken zum Thema; äußerst fundierte natürlich! Und natürlich wünschen sich die ersten jene "ländlich konservativ in Moll intonierten" Schmonzetten, wo rotweingerötete Rentnergesichter, angeheizt von Marianne und Michael, auf der Kaffeefahrt zu klatschen. Der übliche "volkstümliche" Müll, der auch auf dem bunten Abend des CDU-Ortsverbands laufen könnte. Wer wirklich "identitäre" Musik hören will, möge zu Country greifen. Wer einfach nur Musik genießen will, dreht das auf, was ihm gefällt. Sei es Bach oder Bad Religion, Mendelssohn oder Motörhead - das künstlerische Spiel mit Ästhetik ist im Idealfall undurchschaubar.