10. Dezember 2012

Skandinavische „Integrationsprobleme“ (1)

Martin Lichtmesz

Vor ein paar Tagen kam ich mit einer sehr jungen, in Wien arbeitenden Schwedin ins Gespräch, die gerade auf dem Weg ist, eine Karriere in internationalen politischen Netzwerken einzuschlagen. Wie viele Skandinavier wirkte sie recht brav, ordentlich und angepaßt, vielleicht sogar eine Spur zu artig, sodaß mir im ersten Moment der böse Gedanke kam, sie werde zweifellos einmal eine gute und rotbackige Soldatin der Neuen Weltordnung abgeben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Schweden ist nun eines dieser Länder, zu denen ich durch intensive Freundschaften und persönliche Affinitäten eine sehr emotionale Beziehung habe. Seine laufende Selbstzerstörung beobachte ich seit einiger Zeit mit demselben Schmerz, mit dem ich auch auf England, Frankreich, Deutschland und mein eigenes Heimatland blicke. Diese wird in den skandinavischen Ländern, in denen eine stark konformistische Mentalität herrscht, und kritische Stimmen noch härter unterdrückt werden als in Deutschland, mit besonders masochistisch akzentuierter Verve betrieben.

Schon nach nur wenigen vor sich hin plätschernden Smalltalk-Sätzen unseres auf Englisch geführten Gesprächs, wechselte die junge Frau plötzlich in einen ernsteren Tonfall: "Schweden ist ein schönes Land, aber viele Schweden denken nicht sehr gut über sich selbst." - "Warum?" - "Weil es große Integrationsprobleme gibt." Die beinah erste Aussage über ihr Heimatland sprach genau jene Kombination aus Selbsthaß und mißglückender Einwanderungsproblematik an, die eben nicht nur die einsame Obsession von islamkritischen Bloggern ist.

Über diese "Integrationsprobleme" war ich bestens up to date. Ganz Schweden diskutiert zur Zeit den Verfall der Stadt Malmö, deren ausländischer Einwohneranteil bereits über 40% beträgt, der Großteil davon aus muslimischen Ländern stammend (ein ausführlicher Artikel findet sich hier und hier), und die berüchtigt für eklatant hohe Kriminalitätsraten, Verslumung, Islamisierung und dysfunktionale Schulen à la Neukölln ist.

Wie auch in deutschen und französischen Städten, werden die staatlichen Autoritäten von den Moslems nicht respektiert. Selbst Feuerwehrleute werden im Stadtviertel Rosengård während ihrer Einsätze beschimpft und mit Pflastersteinen beworfen. Sie müssen ihre Einsätze in den "schlimmen Gegenden" nun mit Polizeibegleitung fahren. Die Zustände sind so unzumutbar geworden, daß bereits Streiks erwogen werden.

Die ethnische Landnahme geht Hand in Hand mit einer aggressiven Verdrängung der einheimischen Bevölkerung. Schwedische Mädchen müssen sich an den Druck durch die Einwanderkinder anpassen, um nicht als "Schlampen" beschimpft zu werden, und werden in ihrer Selbstverleugnung soweit getrieben, daß sie sich die Haare färben, um nicht als Autochthone identifiziert zu werden. Selbst Mainstream-Medien berichteten vom "Krieg gegen die Schweden", den Einwanderergangs nach eigener Aussage gegen die wehrlosen und der Gewalt nicht gewachsenen Einheimischen führen.

Die herrschenden schwedischen Eliten reagieren mit einer Maria-Böhmer-artigen Politik der Verharmlosung, des zuckrigen Lächelns und des feigen Appeasements. Am schwedischen Nationalfeiertag sprach Prinz Daniel, der eher hirnlose ehemalige Fitnesslehrer und jetzige Gemahl von Prinzessin Victoria, ostentativ in der Oper von Malmö, um die "neuen Schweden" mit einem Akt lächelnder "Willkommenskultur" zu begrüßen. Kurz darauf wurde nur wenige Meter von dem Veranstaltungsort entfernt ein sechzigjähriger "Altschwede" von einem jugendlichen, arabischstämmigen "Neuschweden" erstochen.

In Stockholm werden nach polizeilichen Angaben inzwischen bis zu fünf Vergewaltigungen pro Tag begangen. Auch in Dänemark und Norwegen ist in Großstädten, die stark von der Einwanderung betroffen sind, ein dramatischer Anstieg der Vergewaltigungsraten zu verzeichnen. Die Täter sind zum überwiegenden Teil arabischer, afrikanischer, muslimischer Herkunft; die Opfer überwiegend einheimische Frauen, die als leichte und verächtliche Beute betrachtet werden. Gates of Vienna zitiert aus einer TV-Reportage:

"Es ist weniger schlimm,ein schwedisches als ein arabisches Mädchen zu vergewaltigen", sagt Hamid, ein junger Moslem, in einem Interview über die vielen Gruppenvergewaltigungen in Schweden, in denen sich ausländische Täter einheimische Mädchen als Opfer suchen. "Das schwedische Mädchen bekommt nachher genug Hilfe, und wahrscheinlich hat sie ohnehin schon gef*ckt. Aber das arabische Mädchen wird Probleme mit ihrer Familie bekommen." (...) "Es ist nur allzu einfach, eine schwedische Hure... äh, Mädchen, zu bekommen", sagt Hammid, und lacht über seine Wortwahl. "Ich habe nicht viel Respekt für schwedische Mädchen. Die werden einfach in Stücke gef'*ckt."

Um den Wahnsinn noch komplett zu machen: während in Deutschland eine Alice Schwarzer diese für Frauen bedenklichen Entwicklungen wenigstens anspricht und scharf verurteilt, stehen feministische Gruppen und Aktivistinnen in Skandinavien trotz alledem firm hinter einer Politik der Selbstrelativierung und der"Multikulturalisierung", die sich "antirassistisch" nennt, in Wirklichkeit aber treffender "autorassistisch" genannt werden sollte.

Mit den Einwanderern haben sich die skandinavischen Linken ein neues, frisches Subproletariat, ein "revolutionäres Subjekt" importiert, auf dessen Rücken sie sich Posten, Geltung, Einfluß und Macht verschaffen, und mit dem sie die bisher weitgehende ethnische und kulturelle Homogenität ihrer Gesellschaft aufzuknacken versuchen.

Auf dem Weg zu ihren herrlichen, menschheitserlösenden utopischen Zielen sind die paar Vergewaltigungs- und Mordopfer nur vernachlässigbare Kollateralschäden. Die "integration problems", vor denen Schweden heute steht, wurden in einem relativ kurzen Zeitraum und ohne jegliche Notwendigkeit importiert. War das Leben in der sozialdemokratischen Staatsregulierung schon so langweilig? Inzwischen sind die "Integrations"-Fragen zur raison d'être der Innenpolitik selbst aufgestiegen. Der einzige Zweck des schwedischen Staates scheint heute nur mehr darin zu bestehen, im Namen eines verabsolutierten Gleichheitsgedankens und eines ideologisch zugespitzten Humanitarismus die eigene Kultur und das eigene Volk aufzulösen.

Die Antwort der schwedischen Regierung auf diese unleugbaren und schon im jetzigen Stadium schier unlösbaren Probleme ist nun offenbar, sie durch noch mehr Einwanderung zu vergrößern und auszuweiten. Dabei wird kaum verschwiegen, daß damit auch jeder Ansatz einer Selbstbehauptungspolitik zurückgedrängt werden soll. Schwedens Premierminister Frederik Reinfeld (der als "Konservativer" à la CDU gilt) gab im November zu Protokoll:

... die Zusammenarbeit der Konservativen mit den Grünen, ist nach den Worten des Premierministers eine Strafe für die Wähler der Schwedendemokraten, damit sie ein für alle mal begreifen, daß die Flüchtlingspolitik umso liberaler werden wird, je mehr Menschen für die Schwedendemokraten stimmen.

Die Botschaft an die Wähler ist, daß es keine Möglichkeit gibt, die Einwanderungspolitik auf demokratischem Wege zu ändern, denn jede Stimme, egal für welche Partei, wird sich als Stimme für noch mehr Einwanderung auswirken. "Wir werden sie von jeglichem Einfluß isolieren", sagte er, und genau dies war auch seine Absicht gewesen, als er kurz nach den Wahlen ein Bündnis mit den Grünen in Asyl- und Einwanderungsfragen einging.

Von der "Isolierungs"- zur Ausrottungsphantasie ist es für manche dann offenbar nur ein Schritt. Am 24. November illustrierte eine sozialdemokratische Zeitung einen Leitartikel mit einem Cartoon, der in schönster Julius-Streicher-Manier den Vorsitzenden der "Schwedendemokraten" als Kakerlake zeigt, im Hintergrund einen heranrückenden Kammerjäger mit den Emblemen der etablierten Parteien auf dem Tank, eine dampfende Vergasungsspritze im Anschlag.

Das irritierende Motiv ist offenbar als eine Art sarkastische Retourkutsche gemeint, da die Autorin den islamkritischen Schwedendemokraten unterstellt, daß, wer "Menschen" (in diesem Fall die moslemische "Bevölkerung") als "Probleme" zu definieren beginne, und anfange, etwa die Kosten für die Aufnahme von Flüchtlingen aufzurechnen, letztlich vor nichts halt mache: schließlich verursachen auch doch auch "Rentner, Kinder, Krebspatienten, Alkoholiker und Gewalttäter" Probleme und Kosten. Oder, wenn man schon bei Pauschalisierungen sei, dann seien doch "Männer" allgemein ein Problem, denn diese machen 88% aller verurteilten Strafttäter aus.

Warum soll denn nun also das eine mehr Priorität als das andere haben? Da doch gilt: "Alle Menschen sind gleich!" Und wenn man sich vor dem Wachstum von moslemischen Bevölkerungsgruppen fürchtet, warum nicht auch vor dem Wachstum von Bevölkerungsgruppen im Seniorenalter? Kurz: der Text ist ein schlagendes Beispiel für den geistigen Demenzzustand linker Journalisten in Skandinavien, der sich wohl schon jenseits aller Demagogie bewegt, die ja eine bewußte Niedertracht und besseres Wissen vorsetzt.

Der Artikel schließt mit der Bemerkung, daß die Schwedendemokraten offenbar nicht an Debatten, etwa über die "Vorzüge der Einwanderung" teilnehmen wollen, aber "was kann man auch anderes erwarten von einer Partei, deren Politiker in der Öffentlichkeit betrunken und mit Eisenstangen herumrennen?" Worauf auch immer die Autorin hier anspielt: sie unterschlägt, daß Anhänger der Schwedendemokraten bereits mehrfach Opfer von Mordanschlägen und Gewaltattacken durch Immigranten und Linksextremisten waren.

Sie kritisiert also nicht etwa den ausgrenzenden Umgang der Establishment-Parteien mit der Oppositionspartei, in welche Richtung man den Cartoon mit einigem guten Willen auslegen könnte. Vielmehr impliziert er, daß es nur gerecht wäre, die Schwedendemokraten "ihrerseits" als ausrottungswürdige Parasiten (was diese indessen nie von den Einwanderen behauptet haben) zu behandeln - nach linker Logik vielleicht die einzige Gruppe, die das auch verdient hätte.

Dies ist das übliche Niveau und der Ton, mit dem in Schweden mit einwanderungskritischen Stimmen umgegangen wird.

All diese Dinge hatte ich im Hinterkopf, als ich die junge Schwedin nach ihrem Land fragte. Sie bestätigte mir auch eine Praxis, von der mir ein schwedischer Freund erzählt hatte: im ganzen Land gäbe es nun politische Verfügungen und Bestrebungen, den Liederkanon der traditionellen Frühlings- und Sommerfeste, die für die Nordlinge eine große emotionale Bedeutung haben, von allzu christlich akzentuierten Liedern zu säubern, um moslemische Kinder nicht zu "beleidigen" oder "auszugrenzen" - und das, obwohl das Christentum in Schweden nur allenfalls noch als "Kulturchristentum" übrig geblieben ist.

Die Gefühle der Einheimischen, die nicht nur finanziell für die immensen Kosten der Einwanderung aufkommen müssen, sondern nun auch noch ihre eigene Kultur Stück für Stück zurücknehmen und beschneiden, sind in diesem Spiel natürlich einen feuchten Dreck wert und womöglich latent "rassistisch". Wie sollte es auch anders sein? Weder haben sie eine politische Vertretung, noch wie die Moslems ein einschüchterndes Gewalt- oder Drohpotenzial auf ihrer Seite.

Wenn die Moslems dann schließlich die Mehrheit stellen und am politischen Entscheidungsprozeß beteiligt werden, setzen ihre eigenen Kulturinteressen ungeniert durch, ohne jegliche Rücksicht auf die "Gefühle" anderer. Im Kopenhagener Stadtteil Kokkedal stimmte die moslemische Mehrheit in der Verwaltung eines Wohnblocks gegen die Finanzierung des alljährlichen Weihnachtsfestes (Kosten: 8,000 Kronen), aber für die Finanzierung einer islamischen Festtagsfeier (Kosten: 60, 000 Kronen).

Der Weihnachtsbaum wurde Anweisung des Ausschusses (fünf von neun Vorsitzenden sind Moslems) einfach abgeholzt; Journalisten, die darüber berichten wollten, wurden von moslemischen Schlägern als "Nazis" beschimpft und mit Steinen beschmissen.

Die Lektion aus diesen Vorgängen sollte klar sein: Wo die Moslems in der Minderheit sind, sorgt heute der "Gleichstellungs-Staat" (eine offizielle Selbstbezeichnung staatlicher Stellen Schwedens) für die Zurückdrängung der Einheimischen; wo sie die Mehrheit stellen, nehmen sie die Sache selbst in die Hand, alternierend zwischen "demokratischen" Wegen und Gewaltanwendung.

Etwas aufgewühlt, traktierte und überforderte ich nun meine arme, eher unerfahrene Gesprächspartnerin mit einer Rede über die möglichen tieferen Ursachen dieses seltsamen Selbsthasses, dieser grotesken ideologischen Verblendung. Schweden war ein Land, das sich nach dem ersten Weltkrieg noch praktisch im 19. Jahrhundert befand. Nur geringfügig belastetet durch die Kriege und Krisen, die den Rest Europas so furchtbar heimsuchten, stieg das Land seit den Zwanziger Jahren rasch zur "fortschrittlichsten" Nation des Kontinents auf, und schuf mit post-protestantischem Fleiß einen sozialdemokratischen, egalitären Wohlfahrtsstaat ohne Klassenschranken, der aller Welt zum Vorbild diente. (Pikanterweise sah das Konzept der "Folkhemmet" auch eugenische Maßnahmen wie die Zwangssterilisierung  psychisch Kranker vor. Ohne Zweifel geht auf diese Dinge ein guter Teil des schlechten Gewissens der heutigen Sozialdemokraten in Schweden zurück, das sie eifrig überkompensieren müssen.)

In den Filmen des 1918 geborenen Ingmar Bergman aus den Fünfziger bis Siebziger Jahren kann man noch Menschen sehen, die qualvoll an der Frage nach dem Sinn des Lebens zerbrechen, die ebenso unter dem Schweigen Gottes und dem Zerfall alter Gewißheiten, wie dem Erbe ihrer repressiven religiösen Erziehung leiden, die mit ihren Neurosen, ihrer Sexualität und ihren Liebesbeziehungen kämpfen, in endlosen Grübel- und Diskutiermarathons.

Pointiert könnte man sagen, daß die schwedische Sozialdemokratie irgendwann auf den Gedanken kam, daß all diese Bergman'sche oder Strindberg'sche Gott- und Sinnsuche doch überflüssig sei, wenn man den Menschen nur ein möglichst angenehmes Leben im Wohlstand ermöglichte. Wer braucht noch Gott, wenn man ein Dach über dem Kopf hat und den Kühlschrank immer voll?

Sie vergaßen, daß, wie Benn einmal bemerkte, der Mensch Abgründe in sich birgt, die man nicht "mit Streuselkuchen und Wollwesten" füllen kann. Das wäre eine Lektion gewesen, die ihnen indessen auch Bergman hätte erteilen können. Nun kamen Sozialstaat, Ikeaisierung, Ultraliberalisierung, Sexwelle (einmal mehr übrigens auf den untergründigen Zusammenhang zwischen Protestantismus und Pornograpie verweisend) und eine allgemeine Linkswende der Intelligenz (schon zu Ostblockzeiten waren schwedische Intellektuelle notorische Kommunisten). Heute ist Schweden ideologisch und strukturell gesehen soetwas wie die DDR der "political correctness".

Was ist nun die so gierig und irrational aufgesogene und praktizierte Ideologie des "Multikulturalismus", die unablässig Spaltungen in der noch vor wenigen Jahrzehnten homogenen und friedlichen Gesellschaft induziert und importiert, anderes als eine Ersatzreligion, die in genau jenes schwarze Loch eindringt, wo das von Bergman beschriebene Vakuum nicht mit Materialismus und "nationalem" Sozialismus zu füllen war, wo die Schuldgefühle der Religion nun zur "white guilt" und zum schlechten Gewissen wegen des eigenen Wohllebens und Reichtums wurden?

Was hier geschieht, ist im Wortsinne diabolisch: zuerst wird per Einwanderung und ideologischer "Dekonstruktion" eine Gesellschaft, deren relative Einheit faktisch bestand, ethnisch, kulturell, geistig in Stücke zerlegt, um dann aus dem fragmentierten Ganzen eine neue, hypothetische ideologische "Einheit" zu beschwören, die freilich erst fabriziert werden muß, durch ein riskantes Sozialexperiment, dessen Gelingen niemand garantieren kann, für das aber bereits im Anfangsstadium zerstörte Leben und zerstörte Seelen in Kauf genommen werden.

Man kann diese Entwicklungen allenfalls psychologisch durchleuchten und phänomenologisch beschreiben, politisch, moralisch, ökonomisch oder sonstwie rational rechtfertigen kann man sie nicht. Meine wie gesagt ohnehin schon überforderte, und inzwischen etwas schockierte Gesprächspartnerin hatte als Antwort nur ein paar Schlagwörter parat, die man an dieser Stelle oft zu hören bekommt. "Ein Land kann doch nicht immer bleiben, wie es war, es muß sich doch modernisieren." - "Welches Land auf der Welt ist denn 'moderner' und 'progressiver' gewesen als Schweden? Es wird dadurch gewiß nicht noch 'moderner', indem es Bevölkerungsgruppen importiert, die von einer prä- bis antimodernen Mentalität geprägt sind, denen auch noch weltweit beispiellose Zugeständnisse gemacht werden."

"Aber das Schweden von Bergman und Lindgren ist doch ein unrealistisches Ideal, in der Wirklichkeit ist Schweden nicht so perfekt." Das war unbeholfen ausgedrückt - was sie meinte, war wohl das madig gemachte Bild des traditionellen Schwedens, das die Linke als Vorwand benutzt, es generell zum Abbruch freizugeben. - "Na, das Schweden Bergmans ist ja alles anderes als 'perfekt'. Aber auf das Perfektsein kommt es doch gar nicht an. Keine Gesellschaft ist 'perfekt'. Man kann kritisch gegenüber seinem Land sein, und alle Schattenseiten sehen, und es trotzdem lieben. Nicht anders liebt man seine Freunde, seine Familie, seine Kinder, seinen Ehepartner, wenn sie denn überhaupt liebt. Mit all den Krisen, die via Einwanderung importiert werden, wird euer Land jedenfalls auch nicht besser und perfekter."

"Aber die Gesellschaft verändert sich eben, das ist doch immer schon so gewesen, was ist denn schlimm daran?"- "Erstens einmal ist Veränderung per se genausowenig automatisch ein Wert, wie die Erhaltung des Status Quo per se einer ist. Wenn ich Krebs habe, 'verändert' sich ja auch etwas in meinen Körper, ohne daß ich das gut finden muß. Zweitens kann man ja gerade an Schweden sehen, daß diese 'Veränderung' nicht einfach so 'passiert'. Sondern sie ist etwas Gewolltes, Gemachtes, Vorangetriebenes. Und die sie vorantreiben, haben nicht dieselben Interessen wie die Völker Europas.

Die Masseneinwanderung und Selbstzersetzung Europas der letzten 40, 50 Jahre hat in der ganzen Geschichte keinen vergleichbaren Vorläufer. Wie kann man soetwas vergessen? Wie kann man historisch so bewußtlos sein, daß man das nicht sieht? Und nun: wer wünscht sich denn ehrlich ein orientalisiertes Schweden? Niemand, der es wirklich liebt, wird das tun, ob Tourist oder Einheimischer. Das aber wird die Folge sein, wenn die Entwicklungen so weiter laufen."

Wir strapazierten diesen Punkt nun aber nicht weiter, und bogen das Gespräch gut skandinavisch in Smalltalk über das Wetter und die schönen Häuser in manchen Außenbezirken Wiens ab. Aber ich bin mir sicher, daß meine Gesprächspartnerin im Inneren wußte, daß ich recht habe, weil das jeder weiß und fühlt, der den Kopf noch nicht gänzlich im Sand stecken hat.

All dies stand an diesem hellen, kühlen Novembertag wieder kristallklar vor mir.  Und  nun? "Empört euch!" à la Stéphane Hessel? Ich erinnerte mich wieder an die berühmten Schlußworte von Arnold Gehlens "Moral und Hypermoral": 

Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Das geht über die Demütigung der geistigen Abtrennung noch hinaus, dann wird das Reich der verkehrten Welt aufgerichtet, und der Antichrist trägt die Maske des Erlösers, wie auf Signorellis Fresco in Orvieto. Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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