Mordfall Lübcke: Sinkende Hemmschwellen

"Die Hemmschwelle sinkt, weil sich die Rechten ermutigt fühlen", las man am 21. 6. im Wiener Standard in einem Interview zum Mordfall Lübcke.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Etwa eine Woche spä­ter publi­zier­ten die Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten eine Kari­ka­tur, die Lan­des­haupt­mann Tho­mas Stel­zer (ÖVP) beim fröh­li­chen Ver­ga­sen von iden­ti­tä­rem Unge­zie­fer zeigt.

Damit fei­er­te das Blatt die ver­ein­ten Ini­ta­ti­ven der Blau­en und Tür­ki­sen gegen die geplan­te Ein­rich­tung eines iden­ti­tä­ren Zen­trums in Linz. Die­se dras­ti­sche Schäd­lings­ver­nich­tungs­me­ta­pho­rik war dann selbst anti­fan­tisch inspi­rier­ten Links­por­ta­len wie FPÖ Fails oder Stoppt die Rech­ten nicht ganz geheu­er. Im Gegen­satz zu dem im Lau­fe des EU-Wahl­kampfs hoch­ge­jazz­ten “Rat­ten­ge­dicht” hiel­ten sich Empö­rung und media­le Auf­merk­sam­keit aller­dings in engen Gren­zen. Die OÖN publi­zier­ten schließ­lich eine klein­lau­te Ent­schul­di­gung. Wenn sich aus­schließ­lich Rech­te beschwert hät­ten, wäre wohl gar nichts passiert.

Unter­des­sen fand bei Mar­tin Sell­ner eine erneu­te (!) Haus­durch­su­chung statt, der wei­te­re Repres­si­ons­maß­nah­men folg­ten. In einem Schrei­ben der Gra­zer Staats­an­walt­schaft wird von der IBÖ als “ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung” gespro­chen, als han­de­le es sich dabei um eine zwei­fels­frei fest­ge­stell­te Tatsache.

Auch in der Bun­des­re­pu­blik wur­den iden­ti­tä­re Akti­vis­ten Ziel­schei­ben von Raz­zi­en: in Augs­burg traf es eine 19jährige Schü­le­rin, die eine Pro­test­ak­ti­on für die “Opfer von Mul­ti­kul­ti” ver­an­stal­tet hat­te, in Nord­rhein-West­fa­len den Akti­vi­si­ten Kai von “Ruhr­pott Rou­let­te”, der mit Gesicht und Namen für sei­ne Über­zeu­gun­gen ein­steht, eben­falls für die Teil­nah­me an einer Pro­test­ak­ti­on, die über ein Jahr zurück­liegt, und dies am Geburts­tag sei­ner klei­nen Tochter.

 

Ich kann mir kaum vor­stel­len, daß die Ver­ant­wort­li­chen tat­säch­lich glau­ben, es gäbe hier jus­ti­zia­bles Mate­ri­al zu holen. Es geht hier wohl in ers­ter Linie um den abschre­cken­den, erzie­he­ri­schen Wert. Oder um es dras­ti­scher zu sagen: um Staats­ter­ror. Poli­ti­sche Oppo­si­tio­nel­le wer­den aus den nich­tigs­ten Grün­den grob in ihrer Intim­sphä­re ver­letzt, kri­mi­na­li­siert, ernied­rigt, ein­ge­schüch­tert. Lega­ler, fried­li­cher Pro­test soll ver­un­mög­licht wer­den, und wer sich dar­an betei­ligt, läuft in Gefahr, von der Jus­tiz wie ein Ver­bre­cher behan­delt zu werden.

Die ande­re Backe der Zan­ge ist die auch phy­si­sche Bedro­hung durch Links­ex­tre­mis­ten. An der Uni Leip­zig wur­de ein 21jähriger Akti­vist von drei ver­mumm­ten Anti­fas hin­ter­rücks atta­ckiert, die ihm ins Gesicht schlu­gen und die Nase bra­chen. Als sie davon­lie­fen, rie­fen sie: “Da ist ein Nazi! Da ist ein Nazi!” Auch in Leip­zig arbei­ten soge­nann­te “lin­ke und anti­ras­sis­ti­sche Akti­vis­ten”, eta­blier­te lin­ke Par­tei­en (Grü­ne, Lin­ke, SPD), Kir­chen und Kul­tur­schaf­fen­de in einem Anti-AfD-Bünd­nis Hand in Hand, um “immer wie­der offen­siv deut­lich machen, dass Hass kei­ne Alter­na­ti­ve für die­se Gesell­schaft ist”.

Anti­fa-Atta­cken auf ech­te oder ver­meint­li­che Rech­te aller Art sind sehr häu­fig, und fast jeder, der im rech­ten Spek­trum aktiv ist, hat sie schon erlebt. Die Band­brei­te reicht von Beschimp­fun­gen, Dro­hun­gen und Mord­dro­hun­gen im Netz, Pri­vat­adres­sen-Leaks, Denun­zia­tio­nen beim Arbeit­ge­ber über ange­fa­ckel­te Autos, beschmier­te Häu­ser­wän­de, ein­ge­schla­ge­ne Fens­ter­schei­ben bis hin zu Pöbeln, Bespu­cken, Tre­ten, Prü­geln, Schla­gen und Niederschlagen.

Dabei gibt es Exem­pla­re, die mit einer ver­blüf­fen­den Hem­mungs­lo­sig­keit vor­ge­hen. Ihr gutes Gewis­sen, gegen das abso­lut Böse und abso­lut böse Men­schen vor­zu­ge­hen, erlaubt es ihnen offen­bar, ihren Aggres­sio­nen frei­en Lauf zu las­sen. Nor­ma­le Anstands­re­geln im zwi­schen­mensch­li­chen Umgang gel­ten nicht mehr. In den Objek­ten ihrer Gewalt sehen sie Un- und Unter­men­schen, denen kei­ner­lei Grund­rech­te zuste­hen, da die­se ja angeb­lich selbst die Grund­rech­te ande­rer auf­he­ben wol­len, wenn nicht Schlimmeres.

Ich bin mir nicht sicher, was wirk­lich in die­sen Köp­fen vor­geht, und gewiß gibt es hier unter­schied­li­che Typen und Motiv­la­gen. Man­che schei­nen die mora­li­sche Erlaub­nis gera­de­zu zu genie­ßen, eine Opfer­grup­pe unter dem Bei­fall und mit der Erlaub­nis des Estab­lish­ments has­sen und angrei­fen zu dür­fen. Im Namen des Anti-Faschis­mus “darf” man sich ver­hal­ten wie der schlimms­te “Faschist” (gemäß ihrem eige­nen Kli­schee-und Feind­bild), und wird dafür auch noch gesell­schaft­lich belohnt.

Ande­re wie­der­um schei­nen ernst­haft Angst zu haben vor “Rech­ten”. Sie sehen in qua­si jedem Rech­ten einen poten­zi­el­len Nazimör­der, der sich nur gut getarnt hat, und der kurz vor der Macht­er­grei­fung steht. Ihr Welt­bild hat infan­ti­le Züge, ist manichä­isch und stark emo­tio­na­li­siert. Auch das ist Ergeb­nis einer jahr­zehn­te­lan­gen Pro­pa­gan­da, die Schicht um Schicht, Hetz­kam­pa­gne um Hetz­kam­pa­gne auf­ge­tra­gen wird, bis sie in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen ist und Affek­te erzeugt, die so gut wie jeder­zeit abruf­bar sind.

Hier wird nichts ande­res als eine Art moder­ner Dämo­no­lo­gie betrie­ben, ein Mythos von Wer­wolf­men­schen in die Welt gesetzt, die “mit­ten unter uns” sei­en, “unse­re Demo­kra­tie” bedro­hen, und von einem völ­lig irra­tio­na­len “Haß” ange­trie­ben werden.

Ich erin­ne­re nur an die “Kunst­ak­ti­on” mit dem Titel “Die Wöl­fe sind zurück”, die unter ande­rem in Ber­lin, Ham­burg, Chem­nitz und Dres­den zu sehen war. Dar­in wur­de die “rechts­po­pu­lis­ti­sche Gefahr” durch bewaff­ne­te und den Arm heben­de Hor­ror­skulp­tu­ren dar­ge­stellt, nament­lich genannt wur­den etli­che AfD-Politiker.

Wenn das nicht Het­ze, Ver­het­zung, Auf­het­zung ist, was dann?

 

Die, so ver­mu­te ich mal ganz forsch, Fol­ge die­ser Beschwö­run­gen ist eine außer­or­dent­lich hohe Zahl an Über­grif­fen auf AfD-Ein­rich­tun­gen und ‑poli­ti­ker. Sogar der lin­ke “Fak­ten­er­fin­der” Patrick Gen­sing muß­te im Janu­ar ein­räu­men, daß die AfD am weit­aus häu­figs­ten atta­ckiert wird. Die Zeit berich­te­te im sel­ben Monat über Ver­wüs­tun­gen von AfD-Büros, “nun sogar mit Bom­ben”, wäh­rend “im Inter­net wei­ter zu Angrif­fen auf­ge­ru­fen” werde.

Das ist kei­ne Neu­ig­keit: Bereits 2016 war der Aggres­si­ons­pe­gel teil­wei­se so hoch, daß sich etwa in Bran­den­burg acht von zwölf poli­ti­schen Angrif­fen gegen die AfD rich­te­ten. “Die Gewalt gegen AfD-Mit­glie­der durch Links­ex­tre­me hat erschre­cken­de Aus­ma­ße ange­nom­men”, schrieb Mar­kus Weh­ner im Mai 2016 in der FAZ, doch “eine öffent­li­che Debat­te dar­über fin­det nicht statt.” Er kam zu dem Fazit: “Wenn es gegen rechts geht, gel­ten ande­re Maß­stä­be”, und nann­te auch einen Schreibtischtäter:

Aller­dings hat auch die AfD ein Recht, als demo­kra­ti­sche Par­tei unge­hin­dert agie­ren zu kön­nen. Das sehen anschei­nend nicht alle Poli­ti­ker ande­rer Par­tei­en so. „Fakt bleibt, man muss Posi­tio­nen und Per­so­nal der Rechts­po­pu­lis­ten atta­ckie­ren, weil sie gest­rig, into­le­rant, rechts­au­ßen und gefähr­lich sind!“, twit­ter­te etwa der stell­ver­tre­ten­de SPD-Vor­sit­zen­de Ralf Steg­ner am 8. Mai. Dabei müss­te Gewalt in der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung aus­nahms­los geäch­tet werden.

War das nun unfair?  Hat indes ein AfD-Ver­tre­ter von Bedeu­tung ein­mal Ähn­li­ches gesagt oder geschrie­ben? „Fakt bleibt, man muss Posi­tio­nen und Per­so­nal der Links­ver­si­ff­ten atta­ckie­ren, weil sie Volks­ver­rä­ter, into­le­rant, links­au­ßen und gefähr­lich sind!“

Es kann kei­nen Zwei­fel geben, daß das hohe Aus­maß an Gewalt gegen die AfD mit der per­ma­nen­ten media­len Zeich­nung der Par­tei und ihrer Prot­ago­nis­ten als “Nazis”, als “brau­ne Gefahr”, als “Rechts­ex­tre­mis­ten” usw. zusam­men­hängt. Dies schafft ein Kli­ma, das Anti­fan­ten, die ohne­hin schon wenig Skru­pel ken­nen, ermu­tigt, zu Taten zu schrei­ten. (Man sieht, daß ganz nach “Licht­mesz-Som­mer­feld-Gesetz” sämt­li­che sprach­li­chen Phra­sen “gegen rechts” fak­tisch auf ihre Urhe­ber zurückfallen).

Jedes­mal, wenn ein Jour­na­list X in einem Arti­kel Per­son Y als “Rechts­ex­tre­mis­ten” bezeich­net, erhöht er die Gefahr, daß Y eines Tages von Anti­fas ter­ro­ri­siert wird, bis hin zur Gefähr­dung von Leib und Leben.

Was die lau­fen­de Kam­pa­gne an den Mord­fall Lüb­cke anhängt, wur­de bereits 2011/12 voll­or­ches­triert durch­ge­spielt. Damals gab es noch kei­ne AfD, der man die Mor­de des angeb­li­chen “NSU” anlas­ten konn­te, aber das Trio Mund­los, Böhn­hardt, Zschäpe wur­de von den staat­li­chen Hohe­pries­tern als böser Spie­gel prä­sen­tiert, in dem sich jeder nicht auf glo­ba­lis­tisch-mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­sche Linie gebrach­te Linie Deut­sche und “All­tags­ras­sist” wie­der­zu­er­ken­nen habe.

Mer­kel äußer­te damals in einer Rede:

Doch Into­le­ranz und Ras­sis­mus äußern sich kei­nes­wegs erst in Gewalt. Gefähr­lich sind nicht nur Extre­mis­ten. Gefähr­lich sind auch die­je­ni­gen, die Vor­ur­tei­le schü­ren, die ein Kli­ma der Ver­ach­tung erzeu­gen. Wie wich­tig sind daher Sen­si­bi­li­tät und ein waches Bewusst­sein dafür, wann Aus­gren­zung, wann Abwer­tung beginnt.

Die Melo­die ist die­sel­be wie heu­te (es lohnt sich viel­leicht, mei­ne Ana­ly­sen von damals nach­zu­le­sen: Hier, hier, hier, hier, hier, hier).  Jeder “Haßrede”-Poster, der aus die­sem oder jenem Grund mit der Ein­wan­de­rungs­po­li­tik der Regie­rung unzu­frie­den ist, wäre dem­nach nur ein paar Inten­si­täts­gra­de vom NSU ent­fernt, eben­so wie er heu­te nur ein paar Inten­si­täts­gra­de von dem Mord­ver­däch­ti­gen Ste­phan E. ent­fernt ist. Und das Schö­ne an dem “Haßrede”-Begriff ist, daß er kei­ne kla­re Defi­ni­ti­on hat, nahe­zu belie­big aus­ge­dehnt und ein­ge­setzt wer­den kann.

Daß die­se Vor­stel­lun­gen in den Köp­fen so vie­ler so rasch und schein­bar so schlüs­sig ein­ras­tet, hat mit einer viel umfas­sen­de­ren Erzäh­lung zu tun. Ihr Flucht­punkt ist ein bestimm­tes, unter­kom­ple­xes, ent­kon­tex­tua­li­sier­tes und dämo­no­lo­gi­sches Bild des his­to­ri­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus, der als eine Art Quint­essenz, Rein­form des “Rech­ten” gehan­delt wird, wäh­rend alle wei­te­ren Posi­tio­nen des rech­ten Spek­trums als blo­ße Ver­dün­nun­gen oder homöo­pa­thi­sche Hoch­po­ten­zen ange­se­hen werden.

Im Gegen­satz dazu sieht man links­to­ta­li­tä­re Pen­dants zum Natio­nal­so­zia­lis­mus wie den Sta­li­nis­mus als Ent­glei­sun­gen, Ver­zer­run­gen, Ent­ar­tun­gen, Ver­fäl­schun­gen des “eigent­lich” Lin­ken. Die Ver­hand­lungs­ba­sis ist also so ungleich, wie sie nur sein kann.

Wie mäch­tig sie ist, zeigt sich dar­in, daß selbst Rech­te die Spra­che und die Kate­go­rien des poli­ti­schen Geg­ners über­nom­men haben – etwa wenn sie Anti­fan­ten oder Hei­ko Maas als “Faschis­ten” oder “die wah­ren Faschis­ten” bezeich­nen, womit eine bestimm­te repres­siv-fana­ti­sche Grund­hal­tung gemeint ist, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Man könn­te die frag­li­chen Ten­den­zen mit eben­so gro­ßem, wenn nicht grö­ße­rem his­to­ri­schen Recht als “bol­sche­wis­tisch”, “kom­mu­nis­tisch” oder “sta­li­nis­tisch” brand­mar­ken. Damit gewön­ne man aber kei­ner­lei Debat­ten­vor­teil. Die­se Begrif­fe tau­gen nicht zur Äch­tung, weil sie im Bewußt­sein der Mas­sen so gut wie kei­ne affek­ti­ve Ver­an­ke­rung haben, nicht Teil der Dämo­no­lo­gie der glo­ba­lis­tisch-libe­ra­len Welt sind. Deren meta­phy­si­scher Satan ist der “Faschist”, wes­halb auch jeder sei­nen “Faschis­ten” hat und jeder dem ande­ren die­sen unüber­biet­ba­ren schwar­zen Peter zuzu­schie­ben sucht.

Je mehr sich jeden­falls die Sicht durch­setzt, daß jeder Kon­ser­va­ti­ve oder Rech­te nur Potenz­gra­de von der Ur-Essenz des NS ent­fernt ist, umso weni­ger Tole­ranz ist selbst gegen­über den mil­des­ten und “ver­cuck­tes­ten” For­men des Kon­ser­va­ti­ven mög­lich: Ent­hal­ten doch auch die­se Viren und Infek­ti­ons­her­de, Mole­kü­le des abso­lu­ten Bösen, die nicht tole­riert wer­den dürfen.

Damit wird jedem Rech­ten qua Rechts­sein ein grund­sätz­li­cher ethi­scher Defekt und Web­feh­ler unter­stellt. Er steht damit jen­seits der herr­schen­den uni­ver­sa­lis­tisch-huma­ni­tä­ren Moral (oder Hyper­mo­ral) und dar­um auch poten­zi­ell hors la loi. So wird über Rech­te in einer Form gespro­chen, als hät­te man ihnen bereits jetzt de fac­to alle Grund­rech­te, die geschrie­be­nen wie unge­schrie­be­nen, aberkannt.  An die­ser Ten­denz ändern auch gele­gent­li­che Inter­ven­tio­nen wie jene von Gauck wenig, der hier offen­bar ver­sucht hat, den “guten Poli­zis­ten” zu spielen.

Im Rah­men die­ser Erzäh­lung waren schon die Mor­de des angeb­li­chen “NSU” eine Art “Mikro­ho­lo­caust”, aus dem man qua­si eine neue, fri­sche Kol­lek­tiv­schuld schöp­fen konn­te. Eben­so wird der Mord an Lüb­cke als eine Art “Nano­ho­lo­caust” gehan­delt. Vor­aus­set­zung ist eine sakra­le Hier­ar­chie der Opfer und Täter, wie ich sie in die­sem Kapla­ken­band dar­ge­stellt habe. Es han­delt sich hier­bei im Grun­de um meta­phy­si­sche, wenn nicht reli­giö­se Kate­go­rien. Der Rech­te, der dar­über klagt, wenn ihm jemand den Schä­del ein­ge­schla­gen hat, “sti­li­siert sich zum Opfer”, weil er qua Rechts­sein ein “Täter” ist, und es nicht anders ver­dient hat.

Die­ses “Mind­set” fand ich (unfrei­wil­lig) kari­ka­tur­haft bei einem ganz geschei­ten Twit­ter-User dargestellt:

Mehr noch als bei dem Fall “NSU” (ich erspa­re mir hier wei­te­re Aus­füh­run­gen), ist die Basis für die Kol­lek­tiv­be­zich­ti­gung der Gesamt­rech­ten, expres­sis ver­bis bei Eri­ka Stein­bach und Max Otte ange­fan­gen, äußerst dünn. Es heißt, Lüb­cke wäre ermor­det wor­den, weil er sich für Flücht­lin­ge enga­giert und Din­ge gesagt habe, die von der AfD kri­ti­siert wor­den sind. Unter ande­rem fol­gen­des:

Da muss man für Wer­te (Auf­nah­me von Geflüch­te­ten) ein­tre­ten. Und wer die­se Wer­te nicht ver­tritt, der kann jeder­zeit die­ses Land ver­las­sen, wenn er will. Das ist die Frei­heit eines jeden Deutschen.

Das war in der Tat eine unver­schäm­te Pro­vo­ka­ti­on, bei­spiel­haft für die Arro­ganz des Estab­lish­ments, und hat zu Recht Empö­rung und Kri­tik aus­ge­löst. Die­se Empö­rung und Kri­tik sol­len nun nicht mehr erlaubt sein, weil sie angeb­lich zur Ermor­dung Lüb­ckes geführt haben. Aber sein furcht­ba­rer Tod ändert nichts an der Kri­tik­wür­dig­keit die­ser Aus­sa­ge. Umge­kehrt kann wohl nur ein voll­endet per­ver­ser Mensch auf die Idee kom­men, jeman­den des­halb umzu­brin­gen (ein Grund mehr, war­um der Täter kaum als exem­pla­risch anzu­se­hen ist – oder war­um das ange­ge­be­ne Tat­mo­tiv eine Lüge sein könnte.)

Lüb­cke soll pos­tum zur unan­greif­ba­ren, numi­no­sen Figur, zum Mär­ty­rer erklärt wer­den. Man nennt das “Instru­men­ta­li­sie­rung”. Mit schlech­tem Gewis­sen und Andro­hung von Stig­ma­ti­sie­rung soll die Oppo­si­ti­on mund­tot gemacht wer­den, wäh­rend das Estab­lish­ment wei­ter­hin kei­nen Genie­rer haben muß, wenn es dar­um geht, gro­ße Tei­le der eige­nen Bevöl­ke­rung zu äch­ten, zu ver­höh­nen und zu verleumden.

Schon lan­ge, bevor ein Täter prä­sen­tiert wur­de, las man in eini­gen Medi­en, daß “Rechts­ex­tre­me” das Opfer “ver­höh­nen” wür­den. Da konn­te man die Nach­ti­gall bereits trap­sen hören. Mir per­sön­lich war jeden­falls Lüb­cke bis­lang kein Begriff, und in mei­ner rech­ten Info-Bla­se gab es nie­man­den, der sei­nen Tod beju­belt hätte.

Zwei Wochen nach dem Mord wur­de ein vor­be­straf­ter, 45 Jah­re alter Vete­ran der Neo­na­zi-Sze­ne ver­haf­tet. Angeb­lich hat er Kon­tak­te zu einer mili­tan­ten Grup­pe namens “Com­bat 18” (eine auch via ARD-Moni­tor ver­brei­te­te Mel­dung, er wäre erst kürz­lich auf einem Tref­fen die­ser Grup­pe gewe­sen, erwies sich als “Fake News”), mit­hin einem Ver­ein, der eine gera­de­zu klas­si­sche V‑Mann-Spiel­wie­se bie­tet, wenn er nicht über­haupt ein Geheim­dienst­kon­strukt ist.

Tei­le der radi­ka­len Lin­ken for­dern bekannt­lich eine Ver­öf­fent­li­chung der für 40 (vor kur­zem noch: 120) Jah­re gesperr­ten “NSU”-Akten. Sie erwar­ten sich davon eine Bestä­ti­gung ihrer ernst­haft geheg­ten Phan­ta­sie, daß der Ver­fas­sungs­schutz von Nazis gelei­tet wird, die einen faschis­ti­schen tie­fen Staat bil­den. Dabei ist ver­mut­lich das genaue Gegen­teil der Fall: Nazi-Orga­ni­sa­tio­nen wer­den von Ver­fas­sungs­schüt­zern gelei­tet, denn man weiß nie, wann man wie­der ein­mal ein Kro­ko­dil braucht, das die Stra­te­gie der Span­nung befeu­ern soll.

Die­ser Ste­phan E., der seit den neun­zi­ger Jah­ren aktiv ist, und wohl kaum durch Ali­ce Wei­del und Eri­ka Stein­bach radi­ka­li­siert wur­de, wur­de blitz­ar­tig als Vor­wand benutzt, um das kom­plet­te rech­te Lager von der Wer­te-Uni­on abwärts in Gei­sel­haft zu neh­men. (Eini­ge ver­such­ten bereits, die Meu­te nach Schnell­ro­da zu locken – so Sig­mar Gabri­el und Karin Göring-Eckardt.)

Ehe noch irgend­ei­ne Ver­bin­dung zur AfD nach­ge­wie­sen wer­den konn­te (abge­se­hen von einer angeb­li­chen Spen­de in der Höhe von 150,- im Jahr 2016, woher ken­nen wir das bloß?) wur­de die gesam­te Par­tei beschul­digt, mit­ge­schos­sen zu haben. Ein voll­kom­me­nes Gleich­set­zungs­de­li­ri­um: Die­ser Ste­phan E. wur­de nun als die Quint­essenz und letz­te Kon­se­quenz des rech­ten Den­kens hingestellt.

Jeder AfD-Ver­tre­ter, ‑Sym­pa­thi­sant und ‑Wäh­ler soll­te sich nun in einer obsku­ren Figur wie­der­erken­nen, die einem noto­risch V‑Mann-durch­seuch­ten Sub­kul­tur­ghet­to ent­stammt, mit dem die meis­ten Men­schen kei­ne Berüh­rung haben. 1993 wur­de Ste­phan E. wegen eines geschei­ter­ten Spreng­stoff­an­schlags auf ein Flücht­lings­heim zu sie­ben Jah­ren Haft, 2010 “zu sie­ben Mona­ten Frei­heits­stra­fe wegen Land­frie­dens­bruch und ver­such­ter gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung ver­ur­teilt” (Quel­le, Quel­le). Denoch wur­de er angeb­lich seit 2009 nicht mehr als extre­mis­ti­scher Gefähr­der auf dem Schirm des VS geführt.

Zusätz­lich soll 2015 sein Daten­satz “im NABIS-Sys­tem (Die digi­ta­le Ter­ror-Kar­tei der NATO) gelöscht wor­den sein”. Und rein zufäl­lig hockt im Regie­rungs­prä­si­di­um von Kas­sel, bei der Behör­de, deren Chef Lüb­cke war, ein gewis­ser Andre­as Tem­me (Quel­le), ein ehe­ma­li­ger (?) V‑Mann, der 2006 bei einem der “NSU”-Morde in einem Neben­zim­mer ANWESEND war (Quel­le).

Die ein­zi­ge Ver­bin­dung die­ses Ste­phan E. zu Lüb­cke war ein DNS-Fus­sel, der auf der Klei­dung des Ermor­de­ten ent­deckt wur­de. Es kur­sier­ten wei­te­re Details, die Had­mut Danisch so zusammenfaßt:

Es geht wohl im wesent­li­chen um die­sen Ret­tungs­sa­ni­tä­ter, der da den Tat­ort gerei­nigt hat. Was mir bis­her nicht bekannt war: Der ers­te Ver­däch­ti­ge, den man auf einer Fäh­re fest­ge­nom­men, aber wie­der frei­ge­las­sen hat­te, soll eben jener Ret­tungs­sa­ni­tä­ter sein. Man habe ver­hin­dern wol­len, dass die Tat­waf­fe per Fäh­re in der Nord­see ver­schwin­det. Habe sie aber nicht gefun­den. Auch habe der kei­ne Schmauch­spu­ren an den Hän­den gehabt. Des­halb habe man ihn wie­der freigelassen.

Der habe bos­ni­sche Wur­zeln, sei mit Lüb­ckes Sohn befreun­det und habe eine „Schrott­im­mo­bi­lie” gekauft, die vor­her Lüb­cke gehört habe. Der sei auf einer Kir­mes 100 Meter vom Grund­stück ent­fernt gewe­sen, wäh­rend Lüb­ckes Sohn selbst den Vater gefun­den und den Kum­pel von der Kir­mes geru­fen habe. Und der habe dann noch vor dem Ein­tref­fen der Poli­zei den Tat­ort mit­tels eines „Fel­gen­rei­ni­gers” (ist ein Hoch­druck­rei­ni­ger gemeint?) von Spu­ren gereinigt.

Am 25. Juni gestand Ste­phan E. die Tat und bestä­tig­te die bis­he­ri­gen Mutmaßungen:

Über sein Motiv sag­te er nach SPIE­GEL-Infor­ma­tio­nen, sei­ne Tat sei eine Reak­ti­on auf Lüb­ckes Äuße­run­gen über Flücht­lin­ge im Okto­ber 2015 im hes­si­schen Loh­fel­den gewesen.

Er beteu­er­te, als Ein­zel­tä­ter gehan­delt zu haben, und die Gene­ral­bun­des­an­walt­schaft erklär­te, daß es noch kei­ne Hin­wei­se dar­auf gebe, daß „der Beschul­dig­te in eine rechts­ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung ein­ge­bun­den gewe­sen sein könnte“.

Mit­hin wäre Ste­phan E. zu jener selt­sa­men Sor­te der bun­des­deut­schen Rechts­ter­ro­ris­ten zu zäh­len, die wie der “NSU” dar­auf ver­zich­ten, durch ein offe­nes Bekennt­nis zu ihren Taten Ter­ror zu ver­brei­ten, und die statt­des­sen offen­bar aus rei­nem pri­va­ten Blut- und Ver­gel­tungs­durst mor­den, zum Teil vier Jah­re, nach­dem jemand etwas gesagt, das ihnen nicht gefal­len hat.

Die Hexen­jagd war aber schon lan­ge vor dem Geständ­nis eröff­net wor­den; Peter Tau­bers Kriegs­er­klä­rung gegen “rechts” war am 19. Juni erschie­nen (Kubit­scheks Kom­men­tar hier). Nach E.s Geständ­nis mel­de­te sich Wolf­gang Schäub­le zu Wort:

“Das Macht­mo­no­pol des Staa­tes ist dazu da, dass es auch ange­wandt wird. Kon­se­quent und durch­schla­gend”, sag­te der CDU-Poli­ti­ker am Mitt­woch im Bun­des­tag. Soll­ten sich die Ver­mu­tun­gen der Bun­des­an­walt­schaft über die Tat­mo­ti­ve bestä­ti­gen, wofür nach dem Geständ­nis des Tat­ver­däch­ti­gen vie­les spre­che, “haben wir es mit einem erschre­cken­den Aus­maß an rechts­ex­tre­mis­ti­scher Gewalt zu tun”, beton­te Schäub­le. “Es ist am Rechts­staat, die wei­te­ren Hin­ter­grün­de zügig und umfas­send auf­zu­klä­ren – und an der Poli­tik und den Sicher­heits­be­hör­den, dafür zu sor­gen, dass sich beweist, wovon beim Grund­ge­setz-Jubi­lä­um so viel die Rede war: die wehr­haf­te Demokratie”.

Nach dem gewalt­tä­ti­gen Anti­fa-Über­fall auf den AfD-Poli­ti­ker Magnitz hat­te Schäub­le geäußert:

Bun­des­prä­si­dent Schäub­le wünsch­te Magnitz im Namen des Bun­des­ta­ges eine schnel­le und voll­stän­di­ge Gene­sung. Schäub­le emp­fahl jedoch auch Zurück­hal­tung bei Mut­ma­ßun­gen über Tat­her­gang und ‑moti­ve bis die Ermitt­lungs­ar­beit abge­schlos­sen sei. Gera­de weil Gewalt kein Mit­tel der Poli­tik sein dür­fe, soll­te eine kri­mi­nel­le Straf­tat nicht zu poli­ti­schen Zwe­cken miss­braucht werden.

Gewiß, Magnitz wur­de “nur” ver­letzt, und nicht ermor­det. Aber die­se noble Zurück­hal­tung kennt man auch aus ande­ren Zusam­men­hän­gen, etwa im immer glei­chen Nach­spiel zu isla­mis­ti­schen Atten­ta­ten und ähn­li­chen “Ein­zel­fäl­len”, die um gar kei­nen Preis ver­all­ge­mei­nert wer­den dürfen.

Dras­tisch, aber wohl tref­fend hat unser geschätz­ter Freund Ras­kol­ni­kow die­se “Hier­ar­chie der Opfer” in Akti­on kom­men­tiert:

Seit Jah­ren wer­den tau­sen­de Deut­sche von denen, die die CDU hier­her­ge­holt hat, ver­ge­wal­tigt & ermor­det. CDU: “Müs­sen wir aus­hal­ten, Arsch­loch, wan­der’ doch aus, wenn es Dir nicht passt!” Es trifft einen (1) Bon­zen. CDU: “Ermäch­ti­gungs­ge­set­ze her! Staats­ge­fahr. End­lich handeln!”

Am 2. Juli wider­rief Ste­phan E. sein Geständ­nis. Wie es wei­ter­geht, ist zu die­sem Zeit­punkt unab­seh­bar.  Fest steht ledig­lich, daß sich Medi­en und Poli­tik von ihrem ein­mal in Umlauf gebrach­ten Nar­ra­tiv nicht abbrin­gen las­sen werden.

Die Trom­pe­ter der öffent­li­chen Mei­nung ver­hal­ten sich wie NKWD-Kom­mis­sa­re in der Zeit der sta­li­nis­ti­schen Schau­pro­zes­se: Die Ange­klag­ten, die “unse­re freie Gesell­schaft” wie “Krebs” befal­len haben oder ihr “demo­kra­ti­sches Grund­was­ser” ein “Ölfleck” ver­schmut­zen (Polenz) sind “guil­ty by accu­sa­ti­on”- das Urteil steht von vorn­her­ein fest, der Ver­dacht genügt, alles, was dage­gen spricht, ist Mimi­kry und Camou­fla­ge, die “ent­larvt” und “deco­diert” wer­den muß, wäh­rend jeder Ver­such der Ange­klag­ten, sich gegen die unge­heu­er­li­chen Anschul­di­gun­gen und Unter­stel­lun­gen zu weh­ren, als fre­cher, infa­mer Ver­such gewer­tet wird, “sich und ande­re Nazis” – Sie haben es erra­ten – “als das eigent­li­che Opfer dar­zu­stel­len” (exem­pla­ri­scher O‑Ton eines Twitter-Antifas).

Daß der AfD-Poli­ti­ker Uwe Jun­ge in der Mane­ge “Hart, aber fair” die Chan­ce bekam, sich einem Hyä­nen­ru­del von vier lin­ken Oppo­nen­ten mit Ein­heits­mei­nung in einer öffent­li­chen Dis­kus­si­on zu stel­len, wur­de mit mehr­schich­ti­ger Empö­rung quit­tiert. Was war schlim­mer, daß die­ser wider­li­che Faschist über­haupt sein wider­li­ches Faschis­ten­maul auf­ma­chen durf­te (da sei der Staats­funk vor!), oder daß er (ver­meint­lich) über­pro­por­tio­nal Rede­zeit für sich bean­sprucht hat­te (was den Mode­ra­tor Frank Plas­berg den Kom­mis­sa­ren lang­sam ver­däch­tig macht)?

Was war das grö­ße­re Ver­sa­gen die­ser Show, daß man das fest­ge­leg­te Debat­ten­ziel nicht erreicht hat­te, “eine Ver­bin­dung zwi­schen rech­tem Ter­ror und der AfD her­zu­stel­len” (Spie­gel Online), oder daß “Jun­ge als Ver­tre­ter des gemä­ßig­ten Flü­gels die AfD über eine Stun­de als ‘bür­ger­lich demo­kra­ti­sche Par­tei’ anprei­sen konn­te” (Tages­spie­gel)?

Nein, nicht die Ein­la­dung eines AfD-Ver­tre­ters muss kri­ti­siert wer­den, viel­mehr soll­te es dann aber auch ein aus­ge­mach­ter Brand­stif­ter sein, dem dann von einem angriffs­lus­ti­gen Mode­ra­tor mit der gan­zen Här­te der Fak­ten sei­ne Ver­ant­wor­tung nach­ge­wie­sen wer­den kann.

Man hat Jun­ge also nicht genug fer­tig gemacht und vor­ge­führt, noch jeman­den aus­ge­sucht, der sich zum Buh­mann eig­net, um ihn dann fer­tig­ma­chen und vor­füh­ren zu kön­nen. Und zu kei­nem ande­rem Zweck, also zum Fer­tig­ma­chen und Vor­füh­ren, sol­len AfD-Ver­tre­ter nach die­ser Logik ein­ge­la­den wer­den. (“Här­te der Fak­ten” ist auch inso­fern beson­ders wit­zig, als die “Ver­ant­wor­tung” und “Brand­sti­fung” rein durch den nebu­lo­sen Begriff der “Haß­re­de” kon­stru­iert wird.)

Die nazi­dürs­ti­gen Kom­mis­sa­re sind der­art ver­zwei­felt auf der Suche nach ihrem brau­nen Mons­ter, daß am Ende ein unbe­tei­lig­ter jun­ger Mann aus dem Publi­kum auf Zupfiff eines pseud­ony­men Berufs­de­nun­zia­ten aus dem Umfeld der Ama­deu-Stif­tung sei­ne fünf­zehn Minu­ten Ruf­mord erle­ben durf­te - wegen einer ver­meint­li­chen Hand­ges­te (!), die auch in ihrer beab­sich­tig­ten Form nie­mals anders denn als Witz und Getrol­le benutzt wur­de, ins­be­son­de­re, um die Nazi­dürs­ti­gen ad absur­dum zu führen.

Übri­gens wur­de Uwe Jun­ge 2016 selbst Opfer einer Anti­fa-Atta­cke. Der Angrei­fer schlug Jun­ge “mit der Faust ins Gesicht und trat nach ihm. Jun­ge erlitt je ein Häma­tom (Blut­erguss) unter einem Auge und an einem Schien­bein.” Er muß­te im Kran­ken­haus ope­riert wer­den. Spie­gel Online kom­men­tier­te dies spöt­telnd (ist ja nur ein Rech­ter, der sich zum Opfer sti­li­siert und es eigent­lich ver­dient hat):

Dabei legt Jun­ge nur die übli­che Stra­te­gie an den Tag, von Anfang an. Gewiss berüh­re ihn der Mord, er sei schließ­lich schon selbst Opfer von Gewalt gewor­den; die Redak­ti­on unter­stützt die­ses Manö­ver, indem sie ein Bild von Jun­ge im Kran­ken­haus ein­blen­det. Armer Junge.

In die­sen Tagen haben selbst man­che klu­ge Kom­men­ta­to­ren jeg­li­che Boden­haf­tung ver­lo­ren. So beklag­te Marc Felix Ser­rao in der NZZ  die “ent­hemm­te Spra­che” der AfD, die ein “Dün­ger für Gewalt” sei, wobei er blind­lings das eilig lan­cier­te Mord­nar­ra­tiv für bare Mün­ze nimmt:

Schäub­le hat recht: Wer nach die­ser Tat noch die oben beschrie­be­ne Spra­che benutzt, macht sich mit­schul­dig, nicht zwin­gend straf­recht­lich, aber als Bür­ger. Den Acker der Gewalt kann man dün­gen, von rechts wie von links. Man muss aber ver­su­chen, ihn aus­zu­trock­nen. Es ist höchs­te Zeit.

Als Bei­spie­le für schreck­li­che, unbür­ger­li­che Spra­chent­hem­mun­gen, die den Keim von Kopf­schuß­pro­jek­ti­len schon in sich tra­gen, nennt Serrao:

Der Evan­ge­li­sche Kir­chen­tag? Eine «schi­zo­phre­ne Irr­sinns­ver­an­stal­tung». Ange­la Mer­kel? Eine ins «links­grü­ne Lager abge­drif­te­te Kanz­ler­dar­stel­le­rin». Die CDU-Che­fin? «Mei­nungs­dik­ta­to­rin AKK». So geht das ohne Unterlass.

Das ist, mit Ver­laub, jen­seits von Gut und Böse.

Man muß hier gar nicht die ein­schlä­gi­gen Pen­dants der Gegen­sei­te bemü­hen, die über ungleich grö­ße­re poli­ti­sche, media­le, finan­zi­el­le und juris­ti­sche Macht ver­fügt, was die Ver­tre­ter der AfD unter einen stän­di­gen Ächtungs‑, Aus­gren­zungs- und Ver­leum­dungs­druck stellt. Auch nicht die mit­un­ter irr­sin­ni­ge, empö­ren­de Rea­li­tät, auf die eine sol­che Spra­che ant­wor­tet. Man muß nur das ohren­be­täu­ben­de Getö­se des Nia­ga­ra­falls hören, der gera­de ohne Damm und Brem­se auf das Land nie­der­pras­selt und jedes ratio­na­le Den­ken überflutet.

Deutsch­land bekommt nicht zum ers­ten Mal eine mas­si­ve Angst‑, Haß‑, Frust‑, Aggres­si­ons-Injek­ti­on ver­ab­reicht, von den­sel­ben Leu­ten, die vor­ge­ben, als ver­meint­lich haß- und angst­lo­se Mus­ter­de­mo­kra­ten gegen die Dämo­nen “Angst” und “Haß” zu kämp­fen. Es ist Volks­ver­het­zung im reins­ten Wort­sinn. Es sieht bei­na­he danach aus, als wol­le der poli­tisch-media­le Kom­plex die “Radi­ka­li­sie­rung” der Lin­ken wie der Rech­ten mit allen psy­cho­ter­ro­ris­ti­schen Mit­teln her­bei­schrei­ben. Oder ist es nur ein wahn­haf­ter Blindflug?

Hier habe ich für die Nach­welt eine klei­ne Col­la­ge aus Zei­tungs­mel­dun­gen und Twit­ter- & Face­book­de­mo­sko­pie gebas­telt, die den lau­fen­den Wahn­sinn viel­leicht bes­ser ver­mit­telt, als es mir hier gelun­gen ist. Wegen ihrer Grö­ße muß­te ich sie in zwei Hälf­ten tei­len. Man kann sie ankli­cken, ver­grö­ßern, und, so man will, ein­ge­hend dar­über medi­tie­ren, wel­ches Mene­te­kel hier wohl all­mäh­lich sicht­bar wird.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (45)

MARCEL

4. Juli 2019 08:53

"Bestrafe einen, erziehe hundert" (Mao Zedong). Danke für diese detaillierte Übersicht, die man sonst kaum zu lesen bekommt! Kampf gegen Rechts, Klimarettung, "Seenotrettung" u.ä. sind Vehikel zur Errichtung eines autoritären Regimes, das alles als Notverordnung ausgeben wird, was zu einer waschechten Diktatur gehört. Aus Sicht des Systems durchaus logisch, weil nur so gewährleistet wird, dass das Volk (zumal das deutsche) alle kommenden Qualen (EU, Euro, Target-2, Enteignungen, Abgabenlasten, Baby-Boomer-Rente etc. etc.) demütig ertragen wird. Ich hoffe, das Kalkül geht nicht auf!

Maiordomus

4. Juli 2019 09:01

Lichtmesz' Ausführlichkeit ist mehr als angebracht und insofern fundiert. Treffend wird auch die Neue Zürcher Zeitung genannt, wo unlängst die Identitären einschliesslich Sellner als "Brandstifter" verleumdet wurden, was in dieser Form als Lügenpresse zu bezeichnen ist. Meines Erachtens profiliert sich Sellner durch seine täglichen Rundumkommentare, teils Selbstverteidigung, teils politische Agitation, eher als Politiker denn als Metapolitiker, für welch letztere Aktivität ihm nicht die Intelligenz, eher schon das ruhige langfristige Studium fehlt; ohnehin scheinen mir seine philosophischen Grundlagen, zum Teil bei einem ziemlich schwachköpfigen Heidegger-Dozenten, Herausgeber der Schwarzen Hefte, angeeignet, noch nicht so, dass er sich als Intellektueller auf der notwendigen Höhe qualifiziert hätte, was ich Lichtmesz gegenüber weit eher einräumen würde. Im Ernst bin ich aber der Meinung, dass Sellner geistig, moralisch, politisch mehr drauf hat als etwa Strache und Co. und wenn schon, eigentlich dort einsteigen sollte, zumal er sich mit einem politischen Mandat auch immerhin so etwas wie die sog. parlamentarische Immunität, die natürlich nur begrenzt gilt, aneignen könnte.

Wie auch immer, Lichtmesz gibt ein korrektes und denkwürdiges Psychogramm des derzeitigen politischen Klimas. Was dessen Kollegen Sellner betrifft, neige ich unbeschadet von Selnners Neigung zu geschwätzigem Übereifer zu Solidarität mit ihm vor allem deswegen, weil ich einst in seinem Alter bzw. eher noch jünger damals selber Opfer eines rein politischen Haussuchungsterrors wurde, einschliesslich Schikanisierung meiner Braut und Haussuchung noch kurz nach der Hochzeit usw. , auch absolut grundloser Fichierung als Rechtsextremist usw. Unter solchen "Startbedingungen" war auch vor bald 5 Jahrzehnten an eine akademische Karriere im deutschen Sprachraum als Geisteswissenschaftler nicht zu denken, schon die Anstellung als Lehrer stets ein Spiessrutenlaufen.

Selber habe ich die innerrechte Auseinandersetzung, die ich nach wie vor notwendig halte, nie gescheut; würde mich selber wohl nicht einer Gruppe anschliessen, deren Definitionsmerkmale das "Identitäre" und der "Ethnozentrismus" sind, weil mir dies trotz eines anerkennenswerten Engagements als eine Engführung des politischen Programms vorkommt. Ich halte es nun aber völlig daneben, wenn eine Schweizer Rechtspostille, für die ich früher geschrieben habe, das Engagement zum Beispiel der Jungen Freiheit mit der "Harzburger Front" vergleicht. Und obwohl ich längst vor David Berger als Katholik auf geistesgeschichtlicher platonischer Basis für die Menschenwürde der Homosexuellen plädiert habe, halte ich dessen neuestes Engagement mit der entsprechenden Distanzeritis etwa gegenüber Schnellroda für einen Akt der Selbstbornierung. "Philosophia perennis" wäre eigentlich eine ehrwürdige Formel, denen das gedruckte Heft Sezession jenseits eines Sektiererblättchens in den letzten Jahren vielfach nachzuleben versuchte, zum Beispiel auch mit ausgezeichneten, breit gestreuten Buchrezensionen. Eine würdige Nachfolge von "Criticon", das ich vor Jahrzehnten ebenfalls abonniert hatte. Wie schon in früheren Blogs angedeutet, war mir etwa die hohe Qualität des Soziologen und Demographie-Forschers Rolf Peter Sieferle schon vor dessen Entdeckung durch die deutsche Rechte ein Begriff, auch wenn ich den Autor leider nicht mehr persönlich kennenlernen durfte. Denker dieser Art können meines Erachtens vor dem Gericht der Geschichte bestehen. In diese Richtung ist eine metapolitische Aufklärung zu erhoffen.

quarz

4. Juli 2019 09:50

Angesichts der statistisch belegten Tatsache, dass mehr politisch motivierte Gewalttaten gegen AfD-Politiker ausgeübt werden als gegen Politiker aller anderen Parteien zusammen schlage ich die Zuspitzung der Argumentation auf folgende Frage vor:

"Ist an einer politisch motivierten Gewalttat die Politik (Mit-)Schuld, gegen die sie sich richtet (weil die sie provoziert hat) oder ist daran die Kritik an dieser Politik (Mit-)Schuld (weil die sie dazu verhetzt hat)?"

Je nach dem, wie die Frage beantwortet wird, folgt daraus, entweder dass die Regierungspolitik (Mit-)Schuld am Lübke-Mord trägt oder dass die Kritik der Regierungsarteien an mehr Gewalttaten (Mit-)Schuld trägt als die oppositionelle Kritik. Tertium non datur.

Die Linke will natürlich ein "Weder noch" haben, aber das geht logisch nicht. Und das sollte man möglichst deutlich explizieren, damit eine Doppelstandard-Argumentation à la carte ("An linken Gewalttaten sind die Rechten Schuld, weil sie eine Notwehr gegen deren politischen Projekte darstellen, aber an rechten Gewalttaten sind auch die Rechten Schuld, weil sie durch ihre Ideologie, ihren Hass und ihre Hetze dazu getrieben werden") nicht mehr durchgeht.

Gustav Grambauer

4. Juli 2019 10:05

Mit dem Seitenzähler 13 Treffer für "mord" gezählt, teilweise aus den Systemquellen, teilweise von M. L. Bitte die Dogmatik der Tötungsdelikte und den Richtervorbehalt bei der Qualifizierung des Totschlags zu Mord beachten. Hitze rausnehmen!

"Wahnorama" - herrlich!

https://www.youtube.com/watch?v=AAD-VPi_CxI

Sehen wir die Raserei als Symptom der sich exponentiell steigernden Panik. Die Jahrtausendwende mit ihrem satanischen Hype ist vorbei. (Sie haben gedacht, das ginge ewig so weiter.) Aber jetzt haben sie die Hegemonie verloren. Mehr noch: sie sind eingekreist. Sie sind erkannt. Sie werden plötzlich nur noch mit dem sterilen Gummihandschuh angefaßt. Ihre "internationale Gemeinschaft" gibt ihnen immer drastischer die Abwendung vom Prinzip "Aus Gold Sch... machen" zu verstehen. Auch in in "ihrem" "Europa", wo sie einst in maßloser Arroganz den außerdeutschen Gurken den Krümmungswinkel prädiktieren konnten, sind sie nur noch isoliert, geschmäht und gehaßt. Mit ihrer Geldkofferonkel-Unsitte zur Lösung aller Probleme ist es mangels finanzieller Masse vorbei (sie werden jetzt u. a. nach dem bewährten Muster des Kalten Krieges "totgerüstet"). Sie sind gespalten. Sie werden von ihren eigenen Silowiki sabotiert und unentwegt auflaufen gelassen. Sie werden bei jeder Gelegenheit diplomatisch gedemütigt. Ihre "Operationen" mißlingen nur noch, was jedesmal hämisch und genüßlich in den Foren in allen Einzelheiten breitgeteten wird. Sie ersticken an ihren eigenen Lügen. Sie haben sich mit ihren gutmenschlich verbrämten Herrschaftssdiskursmethoden selbst schachmatt gesetzt (noch mal, weil er so köstlich ist, Danisch: "... Die haben sich die Sprache selbst so demoliert und kaputtgemacht, dass sie sich nicht mehr artikulieren können ...")

https://www.danisch.de/blog/2017/01/14/wenn-man-sich-selbst-die-sprache-kaputt-gemacht-hat/

Ihre Leitwölfin, in Osaka jetzt an den äußersten Rand des Gruppenbildes quarantänisiert, ist schon vom biblischen Zittern erfaßt. Ihnen dräuet die Wucht des bösen Schicksals. Das eingefangene und angestochene Tier mit seinen stinkenden Wunden schlägt nur noch wild um sich.

Also - Kopf nicht hängen lassen!

- G. G.

Der_Juergen

4. Juli 2019 10:15

Ein Kommentar, wie ihn mit dieser Prägnanz wohl nur Lichtmesz schreiben kann.

Die Höllenfahrt des Staates BRD vollzieht sich folgerichtig, wie in einer griechischen Tragödie, und die Bundesrepublik Österreich hinkt auf dem Weg zum Höllenschlund nicht weit hinterher.

Auch wer nicht an eine Rettung durch Wahlen glaubt, wird die enorme Bedeutung der Landtagswahlen im Herbst nicht verkennen. Wenn es der AFD gelingt, in den betreffenden östlichen Bundesländern jeweils um die 25% der Stimmen einzuheimsen, wird sie endgültig zu einer politischen Kraft, gegen die blosse Totschlagvokabeln nicht mehr weiterhelfen, und dass gerade im Osten der sozialpatriotische Flügel dominiert, muss das System in helle Panik versetzen. Ein neuer Fall Lübcke, nur um eine oder zwei Nummern grösser, käme dem deutschfeindlichen Parteienkartell da wie gerufen, und wer noch daran zweifelt, dass der VS einen solchen Fall notfalls selbst schaffen kann, der leidet fürwahr an Begriffsstutzigkeit.

Wenn der eine oder andere Vertreter der CDU oder einer anderen Systempartei den Terror der Antifa und anderer linker Krimineller beklagt, ist das blosse Heuchelei. Diese Brut wurde vom System selbst herangezüchtet, denn wem eine konzertierte Lügenpropaganda von Kindheit an eintrichtert, dass er einem Verbrechervolk angehört, der kann nur allzu leicht zum Schluss gelangen, dass dieses Verbrechervolk seine Taten nur durch sein Verschwinden zu sühnen vermag. Die Antifa, die Anschläge auf Identitäre oder auf AFD-Politiker, der allgegenwärtige Gesinnungsterror z. B. an den Universitäten - all das ist das Werk der herrschenden Clique.

In der Schweiz, wo ich diese Zeile schreibe, ist die Lage natürlich weitaus besser bzw. weniger schlecht, aber das liegt vor allem daran, dass die radikale Linke als Stosstrupp des Systems bei uns keine Opposition einzuschüchtern braucht, weil es - von winzigen Grüppchen wie der PNOS abgesehen - keine Opposition gibt. Die SVP, die gerne eine Opposition mimt, ist Regierungspartei und somit für die auch hier auf Hochtouren laufende Umvolkungspolitik ebenso verantwortlich wie für die ständige weitere Erosion der Grundrechte (nächstes Jahr wird mit 99%-Wahrscheinlichkeit auch die "Homophobie" strafbar werden, dank einer von den SVP-Bundesräten mitgetragenen Gesetzrevision, die vom verdummten Stimmvolk zweifellos abgesegnet werden wird).

RMH

4. Juli 2019 11:14

Völlig ohne intellektuelle Bemühungen geschrieben:

Dieses ewige Mantra der Linken, die rechten würden eine Täter-Opfer-Umkehr betreiben ist noch weniger stimmig, als der (gerne rechten unterstellten) Vorwurf an ein weibliches Opfer von sexueller Belästigung/Vergewaltigung im Sinne von "selber schuld, warum hast Du auch einen so kurzen Rock getragen".

Diese ganzen, fortlaufenden Selbstentblödungen der herrschenden Klassen und ihrer Medien führen immerhin dazu, dass man mittlerweile keine Lust mehr darauf verspürt, sich in jeden Disput zu verwickeln und man lieber immer öfter einfach schweigt.

Die Logik, wie sie @quarz fast schon lehrbuchmäßig an den Tag gelegt hat, werden diese Kreise nie im Leben kapieren, da sie bar jeglicher formalen Logik rein zweckgesteuert handeln.

Lichtmesz trifft mit jedem Wort. Die Bankrotterklärung des Rechtsstaates Österreich (Deutschland ist mit Sicherheit auch nicht besser) im Falle der fast schon immerwährenden Hausdurchsuchungen bei M. Sellner zeigen, dass Begrifflichkeiten wie "Übermaßverbot", "Verhältnismäßigkeit" etc., also Begriffe, die zum kleinen 1x1 eines jeden Juristen seit Semester Nr. 1 gehören, schon lange in den Orkus der Heiligung des Mittels durch den ach so guten Zweck des Kampfes gegen Rechts gespült wurden.

Gäbe es keine Rechten, ja man müsste Sie erfinden und selbst dann fällt mittlerweile fast jedem auf, dass die Demokratie-Simulation, in der wir offenkundig leben, nicht einmal mehr schlüssig aufrechterhalten werden kann, das Theater also noch nicht einmal mehr sauber zu Ende gespielt wird, was ganz aktuell der Postenschacher um das Amt des Präsidenten der EU-Kommission mehr als deutlich zeigt.

Erinnern wir uns kurz:

Vor der EU-Wahl:
Liebe rechts-konservative, konservative und Christen, bitte wählt Manfred Weber, einen gestandenen Niederbayern mit Herz für Europa, der, wenn die EVP die Mehrheit gewinnt oder zumindest stärkste Fraktion wird, dann als Kandidat für das Amt des Kommissionspräsidenten ins Rennen gehen wird, da dies dann dem Wählerwillen entspräche.

Nach der Wahl:
Der Kandidat Weber darf noch nicht einmal an den Startblock und wird gleich kalt gestellt (der Herr macht dazu natürlich rollenkonform gute Mine und wird mit einem anderen Posten abgespeist - scheint ihn ja auch nicht zu interessieren, was er selber vor der Wahl gesagt hat). Es wird gemauschelt, die Wahl ist vollkommen egal und am Ende wird die wohl qualifizierteste aller möglichen Personen präsentiert - immerhin, endlich eine Frau!

Ich denke, mehr "Offenbarung" als hier, hat man in der letzten Zeit selten geboten bekommen.

Caroline Sommerfeld

4. Juli 2019 11:19

@Marcel
Schauen Sie, was Österreich vorantreibt: den "Klimanotstand", FFF setzt sich durch bzw., da es eine Revolution von oben ist, FFF wird exekutiert: https://kurier.at/politik/inland/vorarlberg-ruft-als-erstes-bundesland-den-klimanotstand-aus/400542539.
Das lichtmeszsche "Wahnorama" und die Klima-"Notverordnungen" zum "Menschenschutz" (so ein Grün-Abgeordneter im verlinkten Artikel) passen bruchlos ineinander. Bleibt uns, auszubuchstabieren, wem und wozu diese Manöver dienen sollen.

zeitschnur

4. Juli 2019 12:35

Ausgezeichneter Kommentar zur mentalen Situation in der niedergehenden Bundesrepublik Deutschland. Mich erinnert dieses Treiben, das Herr Lichtmesz sehr treffsicher und mit teilweiser beißender Ironie schildert, an die Vorgänge im 16./17. und ausgehenden 18. Jh. Eine Hexenjagd, an Irrationalität und Wahnhaftigkeit kaum mehr zu überbieten, erfasst nach und nach selbst ansonsten halbwegs vernünftig denkende Menschen.

Vorgestern rief mich Infratest Dimap zu einer Umfrage an. Ich wurde u.a. gefragt, wie hoch ich die Gefahr von links, vom Islamismus und rechts einschätze auf einer Skala von vier Stufen. Ich sagte "eher gering" bei allen dreien.

Denn dieser Affenzirkus, den uns das System inzwischen seit Jahrzehnten vorspielt, wird als Dauertrigger inzwischen ohne jede Hemmung ausgewalzt: Erst wurden wir in meiner Kindheit und Jugend davon überzeugt, dass linke Terroristen "die Demokratie" bedrohen und hysterisch aufgeladen. Aber dann sickerte allmählich durch, dass die RAF ein staatlich inszeniertes Phantom war, der Filz zwischen Roten Brigaden und Kirche und Staat möglichst nicht ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung rücken sollte und mit eventuellen echten, gläubigen Linksradikalen nichts zu tun hatte. Auch diese Terroristen hinterließen bereits pflichtschuldigst ihre Pässe am Tatort. Die jeweils ermordeten Männer steckten in ganz anderen Problemen - meist mit dem System... das könnte auch bei diesem aktuellen Mord der Fall sein...
Dann kamen die "islamistischen Terroristen". Zuerst lernten wir aus Israel, dass sie Intifadas machen, mit Patronengürteln Kinder zum Selbstmord bringen und immer islamischer ticken. Man brachte uns bei, dass "der" Islam sowieso so ist und seine Kinder in die Luft jagt, schon immer und immer mehr. Als ob es keine Kamikazeflieger gegeben hätte und keine Kinderkreuzzüge, die aber natürlich nur Einzelfälle der eigenen Geschichten waren, die mit unserer Eigentlichkeit gaaar nichts zu tun haben, während beim Islam dies alles lautere Eigentlichkeit bzw Antieigentlichkeit im satanischen Sinne ist. Und schwupp häuften sich die islamistischen Terrorakte, wurden immer futuristischer und irrer, passierten immer kurz vor Wahlen und bereits geplanten Kriegen - und stets wusste man sofort, wer es war, Pässe waren meist wieder hinterlegt.
Leider fällt ein großer Teil der Rechten auf diesen Blödsinn immer noch herein. Doch dann war da diese Pressekonferenz mit dem Innenministerium, einmal kurz auf Phoenix übertragen, aber ich habs gesehen (!), und Journalisten fragten, wieso der VS den Amri eigentlich am Tag vor dem Attentat aus Dortmund nach Berlin gefahren habe, und noch andere stellten fest, dass mit dem ganzen Attentat irgendetwas nicht stimmt, genauso wie bei Charlie Hebdo, dem schlimmen Attentat in Paris 2015, mit 9-11, an dessen Ungereimtheiten inzwischen Tausende puzzeln und deren Filme YT nun allesamt als "Hatespeech" löscht, 2000 amerikanische Architekten und Bauingenieure nach einer erneuten Untersuchung verlangen (per Petition), und kein vernünftiger Mensch mehr an einen islamistischen Terrorakt glaubt, bei dem auch sauber Pässe hinterlassen wurden. Man hörte, dass Bin Laden auf der CIA-Gehaltsliste gestanden habe und vieles mehr. Desungeachtet gibt es natürlich radikale und sektiererische, und vor allem ungebildete, ungute Muslime! In diesem Wahn, der aber immer noch von links viel Gegenwehr erhielt, kam der seit Jahrzehnten aufrechterhaltene dritte Wahn immer stärker ins Spiel, wir seien unterwandert von "Rechten" und "Nazis", die nun "die Demokratie" bedrohen. Bloß: wo sind die eigentlich alle im wirklichen Leben? Stehen sie hinter Metzgerstheken, bauen Kühlschränke zusammen, spielen Klavier, schreinern Tische, arbeiten in Callcentern?

Vor allem habe ich schon im Studium versucht, so etwas wie eine "nationalsozialistische Ideologie" zu rekonstruieren und langsam begriffen, dass es sie nicht gibt. Was hier "Ideologie" genannt wird, ist eine klassische Collage aus wabernden Versatzstücken aus dem Sozialismus, faschistischen Elite-Volk-Rhizomgesellschaft-Idealen, darwinistischem Wahn, esoterischen Ideen vom Deutschtum, die alsbald irgendwelchen letztendlich wieder antivölkischen Universalismen weichen durften, klassischem Antijudaismus, Antikapitalismus, Zorn über das Versailler Diktat und die englische Geopolitik, nachdem Hitler gerade sie erst mal jahrelang als Lieblingspartner gehyped hatte, dazu ein Schuss Rosenberg und sublimierter Katholizismus (fast alle Nazigrößen waren bezeichnenderweise Katholiken), Verbindungen in Geheimlogen und theosophische Gruppen und vor allem eine Steuerung aus den USA und ihren geldschweren Patronen der "Bewegung", die ein erstes Riesenexperiment iS Edward Bernays wurde. Mal propagierte man Lebensraum im Osten, mal nicht, mal wollte man traditionelle Frauenbilder, mal ultramoderne, das alles ist "Nazi", mal wollte man das Handwerk und das Regionale stärken, dann zertrat man es zugunsten der Großindustrie - da ist so gut wie nichts in sich konsistent, und eigentlich erinnert mich diese Phase in dieser Inkonsistenz und Widersprüchlichkeit an die BRD unter Merkel, in der kein roter Faden mehr erkennbar ist und täglich der Widerspruch zum gestern Gesagten zelebriert wird. Auch war der WK II in sich absurd geführt, geht wohl nach den genaueren angelsächsischen Hochschulforschungen, aber auch deutschen Arbeiten wie der von Schulze Rhonhof eh nicht auf Deutschland zurück. Bis heute unklar ist geblieben, wann und wie und von wem die Absicht, die Juden zu deportieren in eine Vernichtung umschlug. Das hat bisher noch kein Mensch rational nachvollziehbar und mit Beweisen wirklich rekonstruieren können - selbst Hannah Arendt berichtet in ihrem Interview mit Gaus, dass sie und ihr Mann damals nicht geglaubt haben, dass das geschieht, eben weil es angesichts der Kriegslage im Osten strategisch völlig absurd war. Ich kann mich auch erinnern, dass einer meiner eher linken Professoren öffentlich sagte, dass er den Holocaust als reale Tat bis heute nicht versteht. Weder der Eichmannprozess noch die Nürnberger Prozesse konnten diese Frage beantworten. Er ist passiert, aber das Warum und die Spitzen einer anscheinend segmentierten Befehlskette, die nicht bei Hitler war, sind bis heute nicht geklärt.

Nun weiß aber der verbildete deutsche Michel nichts von dieser merkwürdigen Phänomenologie des NS und wie Lichtmesz es schreibt, wird eine Art dämonologisches Konzept des "Rechten" evoziert, das irgendwie immer und zwingend zum "Nazi" führen muss, dem Oberteufel inmitten seiner "kleineren" rechten Unterteufellegionen. Warum gerade in Deutschland wieder eine solche Empfänglichkeit für diesen Hexenwahn vorhanden ist (wie einst im 16./17. Jh)?

Wenn überhaupt etwas unsere Demokratie bedroht, dann ist es das politische und mediale Establishment unseres Staates und derer, denen sie verpflichtet sind. Alles andere ist verglichen damit geringfügig - ja, auch die linken Träumer, freudlos aus ihren Kopftüchern starrende Muslimfrauen samt ihren undisziplinierten und frustrierten Gebietern und irgendwelchen Altnazis. Der Terror ist Strategie und verkleidet sich nur. Frage ist, wie man diesen Wahnsinn wieder loswird.

Elvis Pressluft

4. Juli 2019 12:41

Danke an ML für die (bedrückende) Materialfülle, die aber das schon Bekannte grundsätzlich nur bestätigt. Traurige Ironie: Der Mord an einem „C“DU-Mann wäre noch in den 70ern den Linksextremisten Anlaß zu „klammheimlicher Freude“ gewesen. Linke Diskursethik ist eine contradictio in adiecto und war es immer. Das a priori gewünschte Ergebnis wird allenfalls durch autorotierendes Gelaber geadelt; es wird dadurch nur endgültig sakrosankt, einschließlich der Gewalt im Interesse der "Sache" (MIssion). Mit Linken ist kein Gespräch möglich – dies nochmals gegen sporadische Fantasien einer „Querfront“. Für Rechte kann es momentan nur um den Selbstschutz gehen: das Messer, das einem nicht in den Rücken plaziert wird, der Stein, der nicht im Wohnzimmerfenster landet, die Möglichkeit, sich im öffentlichen Raum annähernd sicher zu bewegen. Ich fürchte, diese Punkte sind zunächst vorrangig. Das ist gebotene Vorsicht, keine Paranoia. Laßt uns möglichst wenig Märtyrer haben; daran hängt das Weitere.

Laurenz

4. Juli 2019 13:33

Detaillierter Beitrag ... was die Mechanik der panischen Propaganda unserer medialen Einheitsfront angeht, so hat Herr Goergen auf Tichys heute einen trefflichen Artikel geschrieben, auch wenn das für uns hier keine neue Info ist, aber die Reichweite von Tichys ist höher. https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/goergens-feder/die-eu-demontiert-sich-selbst/

Mir redet Jasinna immer zu langatmig, aber das macht Ihre Gedanken zum Lübcke-Mord nicht schlecht, sondern immer noch überdenkenswert, da Bilder oft wirkungsvoller als Texte sind.
https://youtu.be/9K9JkbPArCg

@Maiordomus ... Ex-Kanzler und Kanzler-in-spe Kurz ist nur 4 Jahre älter als Herr Sellner und ein abgebrochener Jurist. Sie sehen, die Zertifizierung einer Person durch Ausbildung hat nicht direkt etwas mit irgendeiner Leistung oder Befähigung zu tun. Das mögen Sie, als pensionierter Beamter, gerne anders sehen, was aber Ihren Beitrag keinesfalls zu mehr als zu einer persönlichen Wahrheit macht. Anstatt im Modus der Alternativlosigkeit zu schreiben, wäre es nicht angemessener im Ton einer persönlichen Meinungsäußerung zu verbleiben?
Mir wäre es lieber, wenn Herr Sellner Politiker würde, weil es im Grunde nicht um geistige Masturbation mit folgendem Erguß inklusive Beifall klatschender Voyeure geht, sondern um politische Einflußnahme und Machtergreifung. Aber, wissen Sie, das ist nur meine persönliche Sicht.

Niekisch

4. Juli 2019 14:46

Gute Analyse und: A l l e s früher schon dagewesen und von uns gerade noch geduldeten AltRechtsLinken erlebt und durchgestanden.

quarz

4. Juli 2019 14:56

@zeitschnur

"Vor allem habe ich schon im Studium versucht, so etwas wie eine "nationalsozialistische Ideologie" zu rekonstruieren und langsam begriffen, dass es sie nicht gibt. Was hier "Ideologie" genannt wird, ist eine klassische Collage aus wabernden Versatzstücken ... "

Das ist ein äußerst interessanter Gesichtspunkt, steht er doch in diametralem Kontrast zu der Sichtweise, die uns üblicherweise eingetrichtert wird. Nach dieser hat der NS einen Wesenskern, den wir wie eine Elementarsubstanz handhaben und einfach so gut wie möglich als Ingrediens für unser Denken, Trachten und Handeln vermeiden müssen.

Wenn er nun aber das Ergebnis des Zusammentreffens von ideologischen und situativen Kompenenten ist, wie Sie es darstellen, dann verliert die übliche Rede vom "Nie wieder" und "Wehret den Anfängen" fast vollständig ihren Sinn, da eine erneute Bündelung all dieser Umstände extrem unwahrscheinlich ist. Wir haben es dann eben nicht mit einem Dämon zu tun, der zu verschiedenen Zeiten auferstehen und wirksam werden kann, sondern eher mit einem Haufen von weltanschaulichen Mikadostäben, deren Reetablierung in dieser Kombination nicht ernsthaft zu erwarten ist.

Aber von der essentialistischen Zombie-Konzeption des NS lebt der landläufige Antifaschismus. Fällt diese Prämisse weg, dann bricht seine Mission zusammen wie ein Kartenhaus.

Als notorischer Quantifizierer denke ich bereits an den Versuch, das Problem einer (im technischen Sinne) Faktorenanalyse zu unterziehen und zu sehen, ob der NS als eigenständiger Faktor auftaucht oder nicht, aber ich will den Bogen nicht überspannen.

Thymotiker

4. Juli 2019 16:00

Repression ist schrecklich aber normal, gehört zur politischen Erfahrung. Repression heißt, der Gegner nimmt uns (die Rechte, die Patrioten) ernst. Seine Maßlosigkeit zeigt, wie blank seine Nerven liegen.

Die Eliten sind so investiert in Globalismus, Bevölkerungsaustausch, radikale Diversität, ins Anywhere, dass es natürlich kein Zurück mehr gibt für sie.
Wahlstrategisch, koalitionsstrategisch steht die CDU gerade in den Bundesländern der ehemaligen DDR mit dem Rücken zur Wand. Wenn sie nicht mit der AfD koalieren will bleibt ihr nur solche Bündnispolitik, die sie mittelfristig aufreiben wird, ähnlich wie Linke+Grüne die SPD zerrieben haben. Deutschland wird zeitgleich immer linker und rechter. Das ist die Zuspitzung der Lage.

Denkt dran, wir - die wir eine Alternative anstreben - stehen nicht allein in Europa, im Westen und in der Welt. Rechtspopulisten kommen überall.
Denkt dran, jede Krise - Wirtschaftskrise, neue Flüchtlingskrise oder was anderes, z.B. ernste militärische Spannung - kann dem juste milieu den Todesstoß versetzen. Und sowas können die kaum beeinflussen.
Ich überlege mir auch, wie wohl Taubers Grundrechteentzug auf Millionen von ehemaligen DDR-Bürgern wirken muss?
Wer Courage behält, geht gestärkt an rechter Solidarität und politischem Wille aus solcher Repression hervor. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Und was ist mit den Sonntagsumfragen der Demoskopen? Die AfD steht trotz größenwahnsinniger Hetze aus Politik und Presse überall fest bei 12-14%. Viele Wähler/Sympathisanten wurden nun durch diese bodenlose Hetze und Repressionsandrohung feuergetauft, denke ich! Man sieht jetzt - wie 2015 - mit offenerem Auge als zuvor. Auch eine noch weitere Radikalisierung der Linken, die ich u.a. aus der Tweet-Colage entnehme, wird sich eher als Eigentor erweisen. Ob sich die Strategen der Altparteien diesmal nicht einen Bärendienst erwiesen haben? Wir haben nicht mehr das Jahr 2000, wie beim "Aufstand der (Un)Anständigen". Es ist in Deutschland und in der Welt zuviel passiert. Die Problemlage ist nunmal objektiv.

Ruhe bewahren, an die Lage angepasst mit noch mehr Elan weitermachen! Das Establishment verschießt sein (vor)letztes Pulver. Wir gewinnen!

Waldgaenger aus Schwaben

4. Juli 2019 16:50

Werden mir Verbrechen von Rechtsextremen oder problematische Aussagen rechter Politiker, vorgehalten, erwidere ich stereotyp:

Das ist ein Einzelfall, den man nicht verallgemeinern darf. Es gibt Statistiken, die belegen, dass Menschen mit rechtem Hintergrund nicht krimineller sind, als Menschen ohne solchen Hintergrund. Solche schrecklichen Einzelfälle dürfen nicht dazu instrumentalisiert werden, um Hass und Hetze gegen rechte Menschen zu verbreiten. Hass und Hetze müssen wir alle entschieden entgegen treten.

marodeur

4. Juli 2019 16:59

Auf genau diesen Kommentar von Lichtmesz warte ich schon seit Tagen. Ihre geschliffene Sicht kombiniert mit diesem Fleiß bei der Zusammenstellung von treffendem Material ist immer wieder beeindruckend.

@zeitschnur:
Ihre These vom fehlenden Wesenskern des Nationalsozialismus macht mich neugierig. Haben sie dazu weiterführende Literaturtipps? Ich bin noch etwas skeptisch, aber im Grunde wegen dieser frischen und unvernagelten Sichtweisen bei Sezession hängengeblieben. Ich würde mich freuen, wenn sie den Gedanken noch etwas ausführen.

Monika

4. Juli 2019 17:37

Wie immer die klare Analyse eines politischen Ereignisses.
Könnte man diese Lichtmesz‘chen Analysen nicht auch in Buchform zusammenfassen ? Als eine „Chronik der laufenden Ereignisse ?“ Als Zeitdokument ?
Zu diesem Thema drei Ergänzungen
1. Es gibt in diesen hysterischen Zeiten auch immer wieder Stimmen der Vernunft. Etwa Kristina Schröder, die ehemalige Familienministerin. Sie betont, dass nicht „rechts“ das Problem ist, sondern der Rechtsextremismus und dass beim Kampf gegen Rechts der Kampf gegen den Rechtsextremismus vernachlässigt wird.
2. Nach dem Tod von Walter Lübcke demonstrierte die Antifa in Hamburg gegen „rechten Terror und Rassismus“. Dazu ein Twitterer süffisant:“Walter Lübcke wird von der Linken geehrt, als wäre der CDU-Mann einer von ihnen gewesen. Das ist doch Menschlichkeit in seiner schönsten Form.“ Dem linksradikalen Joschka Fischer ging 1978 diese Menschlichkeit allerdings ab. Ihm kam „bei den drei hohen Herren ( die von der RAF ermordeten Herren Schleyer, Buback, Ponto) keine rechte Trauer auf.“ Warum wohl ?
3. Ein mehr als seltsamer Kommentar findet sich in der FAZ vom 30.6.19 von Claudius Seidel „Wessen Moral“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/mord-an-luebcke-wer-hat-dem-taeter-eingeredet-es-gehe-um-widerstand-16260363.html
Seidel sinniert darüber, dass Attentate auf Politiker als Akt des Terrors oder als Tyrannenmord gesehen werden können und dass darüber die Geschichte entscheidet. Eine Überlegung, auf die unsereins im Falle Lübcke erst mal kommen muss. „Die Annahme, der Mörder von Kassel könnte sich selbst mit Stauffenberg, sein Opfer Walter Lübcke mit Hitler und, womöglich, Alexander Gauland mit Stefan George verwechseln“ , erscheint Claudius zwar gar zu absurd. ( Allerdings nicht, weil der mutmaßliche Mörder höchstwahrscheinlich weder Stauffenberg noch George kennt). Trotzdem überlegt er:
Wenn es aus Sicht des Mörders aber doch eine Widerstandshandlung gewesen sein könnte ? Dann, ja dann, so Seidel „dann muss man nicht lange suchen, woher der Täter seine Legitimation bezieht. Zitat:
„Man braucht noch nicht einmal Höckes schwärzeste Sätze zu zitieren. Es war der Bürgerlichkeitsdarsteller Alexander Gauland, der die Kanzlerin eine „Kanzlerdiktatorin“ nannte und deren Politik den „Versuch, das deutsche Volk allmählich zu ersetzen durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeigekommene Bevölkerung“. Als was soll man solche Sätze lesen, wenn nicht als Ausdruck einer paranoiden Vernunft? Und als Aufforderung zum Widerstand ?“
Zitatende.

Niekisch

4. Juli 2019 18:15

"Haufen von weltanschaulichen Mikadostäben, deren Reetablierung in dieser Kombination nicht ernsthaft zu erwarten ist."

@ quarz 14:56: Wegen § 130 IV StGB -Volksverhetzung, Strafandrohung bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe- kann diese Frage hier nicht diskutiert werden, deswegen nenne ich für meine Gegenbehauptung einer systemischen Weltanschauung des Nationalsozialismus lediglich Literatur:

1. Steding, Christoph, Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 5. Auflage 1943, 772 Seiten.

2. Beck, Friedrich Alfred, Aufgang des germanischen Weltalters, Carl Feldmüller, Bochum, 1944, 292 Seiten und 20 weitere Werke weltanschaulich-politischen, philosophischen und psychologischen Inhalts.

3. Huber, Ernst Rudolf, Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches, Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 2. Auflage 1939, 527 Seiten.

4. Hartung, Fritz, Deutsche Verfassungsgeschichte, 5., neubearbeitete Auflage, K.F. Koehler Verlag Stuttgart, 1950, S. 343-356.

Der Nationalsozialismus als Idee des 19. und 20. Jahrhunderts ist nie untergegangen, mit seiner erneuten politischen Wirksamkeit ist leider zu rechnen, da dieser Idee aus Rechts- und Machtgründen keine Gelegenheit zur zeit- und zukunftsgemäßen Revision gegeben wird.

Laurenz

4. Juli 2019 19:21

@marodeur & zeitschnur .... Ihr Thema ist immer schwierig öffentlich zu debattieren. Man steht leicht mit einem Bein im Knast. Ich muß mal schauen, ob ich nicht eine recht neutrale ideologische Zusammenfassung des Nationalsozialismus finde.

Fakt ist, daß offiziell die Endlösung während des Wannsee-Konferenz Ende Januar 42 beschlossen wurde. Allerdings sind vom Protokoll nur noch Fragmente von Kopien erhalten.

Die Geschichte, die Sie ansprechen, ist vielleicht aus dem Verlust des 1. Weltkriegs, den Geschehnissen während der Versailler Vertragsverhandlungen, den ökonomischen Zuständen der Weimarer Zeit im Bezug zum Ausland, den Sanktionen gegen das Reich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und letztendlich aus dem (wahrscheinlich vorausgesehenen) Scheitern des Unternehmens Barbarossa zu erklären und natürlich mit der persönlichen Perspektive der Machthaber, die ja dann auch eintrat.

Für manchen mag es daher nachvollziehbar sein, daß, wenn der eigene Untergang droht, ein Mitnahme-Effekt vonstatten geht.

Wie sagte mal Präsident Putin einst? Wenn Er Massenvernichtungswaffen im Irak gesucht hätte, dann hätte Er auch welche gefunden.

Es ist leichter, die Geschichte aus der Sicht ausländischer Autoren zu betrachten, aber auch das beschützt einen nicht unbedingt, wenn man in die historische Kopfschuß-Zone gerät, wie das Beispiel David Irving zeigt.

zeitschnur

4. Juli 2019 19:31

@ quarz

Sie haben mich richtig verstanden: wenn das so sein sollte, wie ich schreibe, wird der NS nie mehr so wiederkehren, ja: er kann es gar nicht.
Was aber wiederkehren kann, ist eine neue Collage mit bestimmten, "maßnahmen"orientierten Administrationsformen.
Ich sehe dieses Detail eher in unserem derzeitigen System des Establishments aufsteigen, etwa dieser sich potenzierende Rechtsbruch trotz weiterbestehender Verfassung - auch der NS fußte formal auf der Weimarer Verfassung, die niemals abgeschafft, nur punktuell modifiziert wurde und hebelte das Recht immer dreister aus.
Eine typische "Maßnahme" anstelle einer präzisen Rechtsnorm ist das ominöse "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" vom 30.6.2017, das der damalige Justizminister Heiko Maas, der mich frappierend physiognomisch, aber auch vom Gehabe her an einen der Schreibtischtäter der damaligen Zeit erinnert, und mit diesem Gesetzesschwamm eine ähnlich weit auffassbare Keule wie die Revision des Heimtückegesetzes von 1934 schuf - beides Gesetze, die faktisch die Notwendigkeit juristischer Prüfung angeblicher Straftaten aushebelt.
Auch Macron wartete im Wahlkampf mit solchen "Maßnahmen"-Vorstellungen auf, etwa dass die Polizei mutmaßliche Täter an Ort und Stelle und ohne juristische Prüfung mit Bußgeldern abkassiert, weswegen ihn sinnigerweise LePen an die mangelnde Rechtsstaatlichkeit solcher Vorschläge erinnern musste...

Noch ein Wort zum "Faschismus": an der Stelle stimme ich ML nicht zu. Faschismus ist die Bündelung aller elitären gesellschaftlichen und politischen Kräfte zur Herrschaft über das kollektivierte Volk, hat also immer eine quasisozialistische Komponente. Unten wuchert das "Rhizom", von dem derzeit so gerne im Establishment schwadroniert wird, ganz im Sinne der Quantenphysik, oben reißen die ans Licht strebenden Führer des Rhizoms das Maul auf und sorgen dafür, dass das Wurzelgeflecht schön unten und unterbelichtet bleibt.

Für solche faschistischen Gebilde brauchen Sie keine Ideologie mehr - was die Elite ansagt, wird gemacht, und sie sagt es nicht als Befehl, sondern mittels Manipulation an, heute diese Sau, morgen jene, die sie durch Dorf schickt, dann hie und da ein nettes Kriegchen oder eine schmackhafte Hexenjagd auf ahnungslose, nun dämonisierte Rhizomabweichler... und wenn es ganz wild kommt, wendet man die Haltet-den-Dieb-Taktik an. Ansonsten bestickt man mit Moralismus und Frontalunterricht des Volkes, das man gegen den gemeinsamen Feind einschwört.

Und genau dieses Phänomen legte bereits der NS-Staat an den Tag, der aber seinerseits unter der Knute seiner angelsächsischen Geldgeber und Erpresser gestanden haben dürfte, die wiederum ihn manipulierten, wo es ging.

Es gibt also neue Collagen, aber niemals Wiederauflagen der alten.

Laurenz

4. Juli 2019 20:30

@Niekisch .... betrachten Sie doch China. Ein autoritäres politisches System, mit relativ freier Wirtschaft unter staatlicher Kontrolle, wie Einflußnahme. Deng Xiaoping wußte genau, was Er tat und ist bis heute, auch 21 oder 22 Jahre nach Seinem Tod damit noch außerordentlich und wirtschaftswunderlich erfolgreich. Er hatte nur vergessen, den Namen der Partei zu ändern, aber überflüssige Marx-Figuren verschenkt man nach Deutschland.
Die linke deutsche Presse schreibt schon seit 1979 bis heute über den inneren Widerspruch der KP Chinas. Es gibt keinen inneren Widerspruch.

zeitschnur

4. Juli 2019 21:58

@ Laurenz

Fakt ist, dass selbst in den Protokollüberresten der Wannseekonferenz keine Vernichtung geplant wurde, sondern eine Evakuierung.
Das sind nun mal kategorisch verschiedene Dinge. Es ist zu einfach zu sagen, das sei halt dann irgendwie umgeschlagen, weil die Nazis ja eh böse, irrational und monströs waren.
Über die Frage wird immer wieder geschrieben, und Martin Broszat hat schließlich erklärt, die Untat müsse dann irgendwie dezentral und schubweise halt irgendwie sich ereignet haben.
Das kann aber kein vernünftiger Mensch annehmen, der die hochgradige und natürlich perverse Effizienz, die sich hier in kürzester Zeit vollzog, ernsthaft und mit logistischem Verstand und Realitätssinn betrachtet: so etwas funktioniert ausschließlich durch eine extrem hierarchische Befehlskette. Nun konnte aber genau sie nicht rekonstruiert werden - wie ich sagte weder in Nürnberg noch in Jerusalem. Einer der Ankläger damals, Gabriel Bach, flüchtete sich in die Meinung, dann müsse eben Eichmann selbst der Kopf des Unternehmens gewesen sein. Dagegen sprechen aber so viele Indizien und Tatsachen, dass mir das abwegig erscheint. Hier sind objektiv Fragen offen - und nicht nur hier. Worauf Sie möglicherweise anspielen: eine Leugnung ist genauso abwegig, damit habe ich nichts zu tun und lehne solche Ideen ab, denn wir wissen, dass diese vielen Menschen umgekommen sind, sogar in der eigenen Familie. Wer das leugnet, müsste erklären, wo all die Menschen sonst geblieben sein sollten. An dem Verbrechen ist nicht zu zweifeln.

@ Niekisch

Ich habe nicht behauptet, dass nicht so etwas wie Ideologeme im NS kursierten, über die man Forschungsarbeiten produziert hat! Nur waren sie nicht konsistent. Es gibt ja im übrigen auch keinen basalen Ideengeber, wie aufseiten des Sozialismus und Kommunismus Marx.
Wenn Sie etwa die große Forschungsarbeit Gisela Bocks über Frauen im NS-Staat lesen, wird Ihnen ein Licht drüber aufgehen, dass hier keine konsistente Ideologie vorlag. Tatsächlich wandelten sich die "Maßnahmen" und Konzepte etwa der Stellung der Frau für die NS-Gesellschaft ständig bis hin zum Gegenteil.
Oder nehmen Sie ein Phänomen wie die Beziehung des NS zu Schiller: Noch 1942 kam Lotte Neumanns Film über den jungen rebellischen Schiller in die Kinos ("Triumph eines Genies"), der einen aufmüpfigen, genialen und aufklärerischen Helden zeigt. Der Film war ein Erfolg... aber ein Jahr später wurden dennoch an sämtlichen deutschen Bühnen "Wilhelm Tell" und "Don Karlos" verboten, geschweige denn eine genauere Befassung mit Schillers merkwürdigem Ende, über das Mathilde Ludendorff ein Buch geschrieben hatte. MW hat Goebbels dieses Buch Ls sogar verboten. Versteht sich von selbst, dass auch eine Befassung mit "Demetrius" absolut nicht erwünscht war. Der Kinofilm steht aber all diesen Texten Schillers sehr nahe...
So könnte ich Ihnen viele, viele Beispiele anführen.

Und wer mischte alles mit in diesem Staat? Das war auch nicht konsistent. Ein Franz von Papen, der im übrigen Päpstlicher Geheimkämmerer auch schon zu NS-Zeiten war, also Mitglied der Päpstlichen Familie und v.a. dem Vatikan verpflichtet, im Prinzip ein Politiker Roms und Berlins, der so überraschend ungeschoren freigesprochen wurde in Nürnberg. Was hatte der mit einem Himmler zu schaffen und seinen esoterischen Ritualen?
Auf den ersten Blick nichts, ein zweiter Blick wird uns ja meist verwehrt...
Wo war das Tertium? Ich sehe es wirklich nicht, und die "Rassepolitik" war nicht spezifisch NS, sondern ein in der Zeit liegender eugenischer Wahn, dem auch die Fabian Society anhing, der in der USA ebenfalls ausgelebt wurde (Zwangssterilisationen von Personen, die sich nicht fortpflanzen sollten, Lynchjustiz gegen Schwarze in den Käffern, ohne dass Behörden eingegriffen hätten, Errichtung von "Reservaten" für die Ureinwohner und nicht zuletzt eine starke Hetze gegen die Deutschen inklusive örtlichen Verfolgungen — natürlich lange vor Hitler), die Gaskammer erfand, soweit ich weiß, begrifflich George Bernard Shaw („letal chamber“) und die NS-Rede von "Untermenschen" ist eine Übersetzung des rassistischen amerikanischen Wortes "Undermen", das dort schon lange vor 1930 aufgekommen und angewendet worden war.
Was bleibt an Spezifischem, an "Alleinstellungsmerkmal" also übrig, das den NS im Kern durchweg von Anfang an bis heute ausmachte?
Wer es weiß, möge es mir gerne mitteilen.

Atz

4. Juli 2019 22:49

Eine eher unbekannte Fußnote der Geschichte ist, dass die Faschisten für Ernst Thälmann die Leute der SPD waren. Die sogenannte Sozialfaschismusthese. Den so verlautbarte Onkel Jo: "Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus."

Die Frage ist zu erforschen, warum die "Linke" immer nur noch ihre Gegner kleinmachen und gesellschaftlich ausgrenzen will, aber ganz unklar geworden ist, was sie eigentlich will.

Marx hat man sich in der DDR ins Regal gestellt, aber die Wirtschaft nicht nach ihm organisiert. Das ginge auch gar nicht, weil er nichts hinterlassen hat in dieser Hinsicht.

Gustav Grambauer

5. Juli 2019 08:01

Atz

"Eine eher unbekannte Fußnote der Geschichte ist, dass die Faschisten für Ernst Thälmann die Leute der SPD waren. Die sogenannte Sozialfaschismusthese. Den so verlautbarte Onkel Jo ..."

Höre manchmal den Spruch "Wer hat uns verraten - Sozialdemokraten". Vorsicht damit, er ist explizit im Kontext der verkrachten kommunistisch-sozialdemokratischen Beziehungskiste zu sehen. Die Sozialfaschismus-Doktrin wurde im Radikalinski-Deutschland besonders dankbar aufgenommen, denn - unbestreitbar - sind die Sozen als Mörder von "Karl & Rosa" in mittelbarer Täterschaft zu sehen ("Einer muß der Bluthund sein"). Dieser Tatbestand ist heute nach hundert Jahren noch das unausgesprochen im Raum stehende Kompromat wenn z. B. Gysi mit der SPD verhandelt, zumal dies der Masse der einfachen Sozialdemokraten gar nicht klar ist.

Vorsicht auch mit Onkel Jo. Die Sozialfaschismus-Doktrin wurde nicht von ihm sondern von der KOMINTERN lanciert, auch wenn beide sehr taktiert und Nebel verbreitet haben und insofern das Zitat wohl über seine Lippen (!) kam. Die KOMINTERN war das Instrument, mit dem der Globale Prädiktor die kommunistische Bewegung und die Sowjetregierung steuern wollte, was ihm aber nur phasenweise (insbesondere 1925 bis 1935) gelungen ist. Stalin hat die KOMINTERN gleich nach dem Sieg `45 zerschlagen können. Der Globale Prädiktor hat damals alles getan, um Hitler hochzuzüchten, wozu die Sozialfaschismus-Doktrin ja diente, während Stalin nicht spalten (das ist ihr Kern!) sondern die Volksfront bzw. Einheitsfront (- eben, wir sind im Zäsur-Jahr 1935 der bereits halben Entmachtung der KOMINTERN -) hervorbringen wollte und spiritus rector des sehr im russischen Chauvinalinteresses stehenden Molotow-Ribbentrop-Paktes war, mit welchem er die Fremdsteuerung der Sowjetunion durch die globale Steuerungsstruktur aushebeln und den Krieg hinauszögern wollte.

Schöne Anekdote: Frau Enkelmann, die Chefin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hat an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, der Staatsideologiebrutstätte, höher ging`s nicht, promoviert und war Dozentin im Fach Geschichte an der nach dem EKKI-Mann Wilhelm Pieck benannten FDJ-"Hoch"(???)schule - aber nicht mal sie durfte wissen, daß es einen Molotow-Ribbentrop-Pakt gab. Das war das prahlerische "hohe Bildungsniveau"! (ab 16:24)

https://www.youtube.com/watch?v=1cNXI6YSStM

- G. G.

Valjean72

5. Juli 2019 08:27

Zitat von Thymotiker:

“Repression ist schrecklich aber normal, gehört zur politischen Erfahrung. Repression heißt, der Gegner nimmt uns (die Rechte, die Patrioten) ernst. Seine Maßlosigkeit zeigt, wie blank seine Nerven liegen.
Die Eliten sind so investiert in Globalismus, Bevölkerungsaustausch, radikale Diversität, ins Anywhere, dass es natürlich kein Zurück mehr gibt für sie...“

Ich teile diese Einschätzung und daher traue ich den übergeordneten „Eliten“ nicht nur zu, Ereignisse in ihrem Sinne umzudeuten und (im Kampf gegen „rechts“) auszuschlachten, sondern diese auch willentlich herbeizuführen, um medial wirksame Kampagnen gegen den politischen Gegner mit dem Ziele der Zerschlagung fahren zu können.

Daneben wird das „Nazi-Gespenst“ aufrechterhalten und somit das Gros der Unbedarften aber auch der „überzeugten Antifaschisten“ eingefangen und weiterhin fest an den Meinungs-Mainstream gebunden.

Helmut Schmidt tätigte im Jahr 2007 in einem Interview mit seiner Hauszeitung folgende erstaunliche Aussage:

ZEIT: Gab es denn eine besondere Form des Terrorismus in Deutschland durch Baader, Meinhof und die anderen?

Schmidt: Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terrorismen, egal, ob die deutsche RAF, die italienischen Brigate Rosse, die Franzosen, Iren, Spanier oder Araber, in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus.

ZEIT: Ist das Ihr Ernst? Wen meinen Sie?

Schmidt: Belassen wir es dabei. Aber ich meine wirklich, was ich sage.

(Quelle: ZEIT.de; 30.08.2007)

Zitat von Zeitschnur:

“Erst wurden wir in meiner Kindheit und Jugend davon überzeugt, dass linke Terroristen "die Demokratie" bedrohen und hysterisch aufgeladen. Aber dann sickerte allmählich durch, dass die RAF ein staatlich inszeniertes Phantom war, ...“

Mindestens für die sogenannte Dritte Generation der RAF – auf deren Konto die Morde an Herrhausen und Rohwedder gingen - trifft mE das Etikett Staatsterrorismus (d.h. von staatlichen, bzw. staatsnahen Strukturen gelenkter Terrorismus) zu.

Und dass mit der offiziellen Version der NSU-Morde etwas gewaltig nicht stimmt, sollte hier Konsens sein.

Schließen will ich mit meiner Zustimmung zu der von Martin Lichtmesz am Ende seines Artikels dargelegten Auflassung, dass eine zunehmende Radikalisierung der politischen Kräfte seitens des „politisch-medialen Komplexes“ offenbar angestrebt wird.

Monika

5. Juli 2019 09:00

Wenn die Kommentare länger sind als der Gastbeitrag und sich kaum mehr auf diesen beziehen,
wenn Altphilologen, Oberstudienräte und Ornithologen sich ihr Expertenwissen um die Ohren hauen als ginge es darum, das Geheimnis um die Vorhaut Jesu zu lösen,
dann bist du bei SiN !!!
Ich empfehle dringend das Buch von Carolo Winterfeld:
Wir erziehen - 10 Grundsätze für Kommentatoren
Die dürft ihr formulieren:))

H. M. Richter

5. Juli 2019 09:10

@ zeitschnur

[...] das der damalige Justizminister Heiko Maas, der mich frappierend physiognomisch, aber auch vom Gehabe her an einen der Schreibtischtäter der damaligen Zeit erinnert [...]
_______________________________________________

Spätestens dann, wenn eine ohnehin gegebene, ganz außergewöhnliche Ähnlichkeit bis in die gewählte Brillenform hineinreicht, wird es unheimlich. Es gibt bei Jünger eine Stelle, wo er auf derartige Pänomene eingeht. Dort heißt es, wenn ich mich recht erinnere, daß es mit diesen, wo sie ein gewisses Maß überschreiten, stets eine tiefere Bewandtnis hat.
____

Ganz unabhängig davon las ich Ihre hiesigen Einlassungen mit stetig wachsendem Interesse. Dank dafür an dieser Stelle.

Gustav

5. Juli 2019 10:03

Elizabeth Becker, die ein sehr beeindruckendes Buch über Kambodscha und das Herrschaftssystem von „Bruder Nr. 1“, also Pol Pot, geschrieben hat, stellte die Achtundsechziger-Generation als politisch-ideologische Strömung damit wie folgt in Verbindung: „Der Unterschied zwischen den Roten Khmer und den meisten ihrer revolutionären romantischen Zeitgenossen, der einem das Herz stillstehen lässt, besteht darin, dass die Kambodschaner tatsächlich gewonnen haben und ihre revolutionären Ideen umsetzten“.

Kann man wirklich davon ausgehen, dass die Achtundsechziger, wie Elizabeth Becker in ihrem Buch über Kambodscha unterstellt, Pol Pot-artige Verhältnisse verwirklicht hätten, wenn es ihnen auch außerhalb dieses asiatischen Landes, etwa in der Bundesrepublik Deutschland, gelungen wäre, die Macht zu übernehmen? Diese Frage ist zumindest auf einer ideologischen Ebene eindeutig zu bejahen. Wie sich dies realpolitisch dargestellt hätte, kann nicht gesagt werden. Hingewiesen sei auf die berühmte „Fischmehlfabrik“, die unter K-Gruppen-Anhängern angedroht wurde – wobei sich die damaligen Protagonisten noch immer darüber streiten, ob damit nur ein Arbeitslager, also KZ-Einweisung, gemeint war oder doch ein Vernichtungslager.

Wie konnte eine derartige mörderische Polit-Figur wie Ernesto Che Guevara zum Gegenstand eines weltweit blühenden, aber insbesondere in der BRD wirkenden Jugendkults werden, der vor allem dem toten „Che“ galt und sogar Anzeichen eines quasireligiösen Auferstehungsglaubens zeitigte?

Enzensberger schrieb seinerzeit vom „rücksichtslosen manichäischen Blick“, den die Weltvölker auf ihre Unterdrücker würfen. Die manichäische Weltbrand- und Reinigungs-Lehre hat der jugendlich wirkende, Christus-Ikonen imitierende „Che“ für ein westliches Publikum am besten verkörpert: Nach Sven G. Papcke hat „Che“ eine „Lehre vom Menschen“ entworfen, die „die Annihilation des anderen fordert, um jenseits aller Egozentrik neue, menschliche Zustände zu schaffen“. Dass diese Selbsterschaffung des „neuen Menschen“ nur durch den „absoluten Krieg“ möglich wäre, den ein früherer Vertreter des manichäischen Typus als „totalen“ angesehen hatte, der nichts anderes als „die Erlösung der Menschheit“ zum Ziele hat, ist natürlich klar. Um diese Menschheitserlösung zu erreichen, müssten – so „Che“ – die „Soldaten der Revolution“ beseelt sein vom „unbeugsamen Hass dem Feind gegenüber“, der die Menschheitserlöser „in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt“.

Über den SPD-Gründer Ferdinand Lassalle schreibt sein Biograph Thilo Ramm: „Es führt doch der Weg in die Freiheit durch den denkbar größten Zwang, wird doch der Friede der Menschheit durch Vernichtungskriege erreicht, das irdische Paradies durch Betrug und Mord verwirklicht und im Namen des Glücks und der Wohlfahrt der Menschheit unzählige Familien zerstört, Menschenleben vernichtet und Völker ausgerottet. "

Da braucht man sich über die Zukunft keine Illusionen zu machen.....

Niekisch

5. Juli 2019 10:47

@ zeitschnur 4.7. 21:58: Wie Sie schnell feststellen können, habe ich mich explizit mit @ quarz auseinandergesetzt, der(oder die) von "weltanschaulichen Mikadostäben" sprach, wohl im Sinne von einem wirr durcheinanderliegenden Haufen. Dem habe ich widersprochen und durch die Auswahl der Literatur das damalige philosophisch-weltanschauliche Bemühen zu belegen versucht. Weniger bei Steding, mehr bei Beck ist eine begriffliche Systematik zu erkennen, die bis in die Weltpolitik reicht. Daß dieses Weltanschauungsgerüst selbst Mitte 1944 nicht ans Haus gestellt war, ist erklärlich. Denn eine tatsächliche politische Wirkkraft des Nationalsozialismus hat sich frühestens 1930 mit dem Einzug von 107 Abgeordneten der NSDAP in den Reichstag entfaltet und ist als politische Bewegung schon 15 Jahre später untergegangen. Man vergleiche diese kurze Wegstrecke mit dem Ultramarathon der SPD.
Die von Ihnen völlig zu Recht genannten Widersprüchlichkeiten, ja Absurditäten der NS-Wirklichkeit verunmöglichen m.E. nicht ein Aufblühen aus dem insbesondere bei Beck niedergelegten Wesenskern, wenn er zeit- und wissenschaftsgemäß gehärtet wird. Nicht umsonst hat Peter Glotz auf die von nur 1000 jungen Leuten ausgehende Gefahr hingewiesen, falls diese ein in sich schlüssiges und effektiv zu vermarktendes Konzept finden und als Gegenöffentlichkeit präsentieren. Da könnte der Konservatismus, der sich kühn als "Neue Rechte" bezeichnet, schnell zur Randerscheinung werden. Den heutigen globalistischen Liberalextremismus durch einen von "Antisemitismus", Autokratischem, Imperialismus, Militarismus freien systemisch- sozialistischen Bund identitär lebender Völker zu überwinden, schwebt mir schon lange vor.

In dem Werk von Friedrich Alfred Beck sind verwertbare Ansätze ersichtlich.

links ist wo der daumen rechts ist

5. Juli 2019 11:31

Terror und Gemeinschaft

@ zeitschnur

Vielen Dank erst einmal für Ihre Beiträge; in Ihrer Art erinnern Sie mich ein bißchen an den geschätzten Kollegen @ Der Gehenkte. Beide wissen sie klug und bedächtig zu formulieren (und publizieren dankenswerterweise auch außerhalb des Kommentarstrangs) und meiden zudem die eine odere andere dunkle neurechte Sackgasse.

Zwei Punkte:

Sie haben recht. Während man im neurechten Lager linken und rechten Terror durchaus unter der Rubrik „Staatsterrorismus“ subsumiert (also z.b. Herrhausen, Rohwedder bzw. vom Oktoberfestanschlag bis zum „NSU“; Italien ist ein eigens Thema) ), tut man sich beim „islamistischen“ Terror verdammt schwer. Nicht nur das, vieles wird sogar in den Rang eines Dogmas erhoben: zweifelst du an der Alleinschuld Amris, bist du ein unverbesserlicher Sympathisant des „linksliberalen Mainstreams“ und damit Wegbereiter weiterer Mordtaten. Weiche von mir, Satan! Usw. usf. ad inf.
Eigenartig, denn das sind dieselben Leute, die gegen jede Art von Ersatzreligion wie dem „Schuldkult“ wettern. Oder von „Nationalmasochismus“ sprechen, aber den Polen Schlesien, Pommern und Teile Ostpreußens von Herzen gönnen.
Aber Widersprüche dieser Art scheinen nicht einmal unserem Forumsfachmann für Neopositivismus und empirische Psychologie aufzufallen.
Es sind halt immer nur die doofen Linken, denen das tertium non datur im verbohrten Kampf gegen rechts nicht bewußt werde.

Auch haben Sie recht, wenn sie vom fehlenden Wesenskern des NS sprechen.
Für mich immer noch am erhellendsten die Äußerungen Hitlers in seinen Monologen im FHQ.
Das Kernproblem des NS war halt, formale Machtansprüche durch Affektmaximierung zu erreichen bzw. zu sichern. Das beste Beispiel ist die „Volksgemeinschaft“ als Kampfformation. Unterschiede werden durch Zwang zum Verschwinden gebracht, um die potentielle Schlagkraft, Wehrhaftigkeit usw. – unter Ausschaltung möglicher Feinde in spe - zu erhöhen.
Hitler wußte um dieses Dilemma, wenn er z.B. über „entartete Kunst“ sprach und meinte, natürlich könne man sich damit ernsthaft auseinandersetzen, aber eben nicht jetzt (!).
Oder man denke an die von Henriette Schirach auf dem Obersalzberg beschriebene Szene, als ihr plötzlich das Wohl der holländischen Juden naheging und Hitler relativ sachlich erwiderte: Sie müssen hassen lernen. Als die Debatte emotionaler wurde („aber die armen Kinder...“), folgte der bekannte Vergleich Hitlers mit seinen zu Waagschalen geformten Händen: wenn die besten an der Front fallen, dürften die potentiellen Rächer nicht ungeschoren davonkommen. Affekt oder Kalkül?
Daß letztendlich der Affekt das Kalkül zerstört hat bzw. gegen Ende des Regimes das Kalkül das durch den Affekt Zerstörte nicht mehr ungeschehen machen konnte (vgl. Görings und Himmlers „Angebote“ an die Alliierten), macht das eigentlich Monströse des NS aus.
Oder auch das Beispiel der verfehlten Ostpolitik (ich folge hier dem alten Büchlein von Thorwald über Wlassow): zuerst rotten wir ein paar Millionen aus und dann machen wir uns Gedanken über eine mögliche Einbindung patriotischer (i.e. antistalinistischer) Kräfte. Als auch hier das Kalkül Oberhand gewann, war es bekanntlich zu spät.

Und nocheinmal zum Begriff der „Volksgemeinschaft“ und etwaigen Versuchen einer (vorsichtigen) Reaktualisierung.
Unser o.a. Experte spricht immer wieder von empirischem Material, das er „tonnenweise“ abladen könne, um die These zu belegen, daß ausschließlich relativ homogene Gesellschaften relative Sicherheit, Wohlstand usw. gewährleisten könnten. Natürlich kann ich einer Erkenntnis huldigen, wie sie Nietzsche verspottet hat, indem ich belege was ich glaube.
Das alles ist aber spätestens seit Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ die falsche Fragestellung (und ein Peter Sloterdijk denkt hier z.B. konsequent das Erbe der Philosophischen Anthropologie weiter).
Kleinste Empathie-Einheiten bruchlos auf größere Gemeinschaften zu übertragen, ohne der immensen Gewalt dieser Formierung inne zu werden, ist halt ein altes rechtes Sehnsuchtsmodell.
Und natürlich sehnt man sich nach den idyllischen Dorfgemeinschaften seiner Kindheit zurück, nur um dann irgendwann zu realisieren, daß sie gar so idyllisch nicht waren und es in erster Linie die einheimischen „Großkopfeten“ waren, die letztendlich alles zerstört haben.

Venator

5. Juli 2019 11:38

Monika:
Vermutlich ist mein Kommentar zu kurz, aber trotzdem: DANKE!

RMH

5. Juli 2019 13:04

... und weiter wird an der Empörungsschraube gedreht:

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/pegida-demo-staatsanwaltschaft-leitet-verfahren-ein-a-1275971.html

Seit wann geben eigentlich Teilnehmer von Pegida-Demos den Staatsmedien wieder Interviews bzw. gegenüber diesen Statements ab?

War doch lange Zeit so, dass das nicht gemacht wurde ...

Atz

5. Juli 2019 13:19

Nun ist die 68er Realität durch die Erzählung überformt, dass es nur um die Überwindung autoritärer Strukturen und unbewältigter nationalsozialistischer Prägungen gegangen sei. Wir wissen freilich, dass es unwahr ist, aber es hat doch erheblich zur Resozialisierung und Umprogrammierung der Menschen aus den damaligen Verirrungen beigetragen. Die ältere Generation ist abgetreten und widerspricht nicht mehr.

Was dagegen bis heute wirkt ist die Erzählung vom Anfang der 90er Jahre einer ziellosen Linken, die Hysterie um eine politisch gewalttättige Rechte. Gemeint waren Kostümnazis. Was Privatsender mit wie wir später erfuhren gefälschter Berichterstattung sendeten über Neonazis und Satanisten. Alles verbunden mit den zu diesen Zeitpunkten wichtigen Zeitzeugenerinnerungen und Erinnerungskitsch. Und dem Unbehagen über Deutschlandflaggen.

Daher kommen auch die bis heute wirksamen weil wiederholten Lügen, etwa in der DDR sei man nicht gründlich gegen Nazis vorgegangen. In Wahrheit schützte die Bevölkerung die Mitmenschen nur, weil man um die Konsequenzen wusste. Im Stalinismus wurden ja massenhaft Leute umgebracht. Später gab es ernste Konsequenzen durch einen weltfremden Repressionsapparat aber auch für alle im Umfeld. Darum lieber Schwamm drüber. Wer Vorfälle meldete, riskierte dass sein Betrieb von der Stasi auseinander genommen wurde, und am Ende er selbst vom leitenden Posten geworfen wurde.

Der Mythos um Lichtenhagen hat sich eingebrannt. Die Emotionalisierung und die Hysterie reicht bis heute fort. Es gibt eben keine andere Geschichtsschreibung als die der Linksextremen mehr darüber. Und immer ist da das Wir der Anständigen, das sich schämen muss und sich seiner Mit-Täterschaft versichert. Wir sind alles eins und gleich bis es den anderen durch "uns" trifft. Dann kommt es zu den pathologischen Entschuldigungsreflexen. Vor 10 Jahren etwa bei der Ermordung einer jungen ägyptischen Frau in einem Dresdner Gerichtsgebäude durch einen Russen. Noch heute wird dieser Fall generalisierend politisiert. Jede "rechte Tat" mit anderen rechten Taten und Handeln in einen Beziehungsstrom gesetzt. Das Ziel ist Angstmache und Stabilisierung der herschenden Ordnung.

Was wir jetzt kriegen sind die Goldstein-Hassorgien wie sie Orwell sie in 1984 unvergleichlich aufs Papier pinselte. Der vielgestalte "Kampf gegen rechts" als sich immer weiter intensivierende Farce der Bunten, Vielfältigen und Toleranten. Wer schon mal gesehen hat, wie hunderte junge Frauen hasserfüllt eine schweigende jämmerliche Kundgebung von 25 pummelig-asozial-böstätowierten Rechtshools niederbrüllen, sieht die Parallelen zu Orwell. Die einen generieren Gemeinschaft durch die Hassdusche. Die anderen durch die Erlaubnis so ganz gegen ihre sonstige Zivilität mal die Sau gegen den Satan rauszulassen. Was Leo Strauss dazu geschrieben hätte? Vielleicht brauchen wir das, in der einen oder anderen Form?

Niekisch

5. Juli 2019 16:22

"Die ältere Generation ist abgetreten und widerspricht nicht mehr."

Da liegen Sie daneben, atz, sie widerspricht schon, aber sie findet kein Gehör mehr, nicht einmal bei der "Neuen Rechten", die sie sogar hin und wieder trotz opferbereiten Lebens verhöhnt und irgendeine Lobby hat sie schon gar nicht.

Amos

5. Juli 2019 17:08

Dem Gegner ist es gelungen, Stalin, PolPot und Mao als Betriebsunfall des absolut Guten (der linken Idee der Gleichheit) darzustellen und gleichzeitig alles noch so zaghaft Konservative geradewegs auf das Ziel des Hitlerismus, des absolut Bösen, als dessen Steigerungs- und Endzustand zu beziehen. Das ist in der Tat ein wichtiger Gedanke. Er erklärt die Auswüchse, die aktuell zu erleben sind und die man nicht glauben mag. In "Inglorious Bastards" dürfen wir dann auch die Konsequenz dieses Konsensus Magnus der westlichen Welt erleben. "Nazis", oder wer immer erfolgreich dazu gemacht werden kann, dürfen LUSTVOLL gequält, gefoltert und getötet werden. Dies ist der letzte Akt im Kampf der Menschenrechte gegen die Bürgerrechte, des Verfassungsstaates gegen den Ordnungsstaat, der sentimentalen Utopie gegen den gesunden Menschenverstand. Unsere Chance besteht villeicht darin, wie beim Aikido, den Schwung des Gegners bei diesem ungeheurlichen Angriff zu nutzen, Ihn immer wieder mit seinen Widersprüchen, den jeden Tag sichtbaren Verwerfungen, seinen offenkundigen Lügen auf die Matte zu legen. Oder aber: das Schrille, das Irre, das Masslose zur Kenntlichkeit steigern, den Wahnsinn offensichtlich machen, bis es kein Wegschauen und kein Wegducken mehr gibt, bis jeder sich entscheiden muss....

qvc1753

6. Juli 2019 16:24

Es scheint inzwischen eine Moralisierung von Debatten statt zu finden. Unter „Keine Macht den Faschisten“ oder „Verhindert den Volkstod (oder Bevölkerungstausch)“ scheint es nicht zu gehen. Das man Leuten deren Meinung man nicht teilt weder die Autos anzündet, die Büros verwüstet oder mit Hohn und Spott überkübelt, das scheint immer weniger Konsens zu sein, wie auch die Tatsache, das man Leuten, die einem nicht passen keine Kugel in den Kopf schiesst. Vielleicht bin ich da aber wenig altmodisch.
Vielleicht darf man aber doch ein wenig träumen und hoffen, das wir es schaffen ein Gemeinwesen zu haben, in dem man nicht auf den jeweils anderen zeigt, der allein verhindert, das es besser wird.
Was das konkret bedeutet:
Wenn im Diskant und mit verbaler Wucht entweder vom drohenden Bevölkerungsaustausch oder den Anfängen einer weiteren Nazidiktatur gesprochen wird, dann ist schon nicht mehr viel zu verhandeln. Dann werden Fronten aufgerichtet.
Da hört bei mir dann die Zustimmung auf.
Am Ende schmeisst dann einer Gehwegplatten auf die Polizei, springt einem AfD Politiker ins Kreuz oder meint die Weltlage mit einem Kopfschuss bei einem CDU Politiker verbessern zu müssen. Nun ja.

Gustav Grambauer

6. Juli 2019 16:46

Atz

"... sieht die Parallelen zu Orwell."

Der hochgeschätzte Hagen Grell hatte dazu neulich einen fragwürdigen, wie er sagt, "hoffnungsvollen, geradezu spirituellen Gedanken". Schwelgerisch wie wir ihn gar nicht kennen meint er, Orwell hätte womöglich "eine höhere Inspiration gehabt, von der er selbst nichts wußte, sei es Gott, sei es das Universum, sei es die Summe des Geistes der Menschheit oder sei es das morphoegnetische Feld", vielleicht habe "ein höherer Geist ihm ... die entscheidenden Gedanken eingegeben". (Wenn ich so etwas höre, schrillen bei mir schon die Alarmglocken!) Es könne sein, daß "die Eliten" mit Orwell auf ein "trojanisches Pferd hereingefallen" seien:

https://www.youtube.com/watch?v=e0qbPRZmGCQ

Nun, ihn scheint gar nicht klar zu sein, daß der trotzkistisch sozialisierte Orwell, wie auch H. G. Wells und Aldous Huxley, für das Tavistock Institute tätig waren, er auch für die BBC, welche beide in der schnöden Open-Society-Tradition Poppers

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Totalitarismusdoktrin?title=Totalitarismusdoktrin&redirect=no

standen und stehen, ohne welche z. B. Soros heute gar nicht zu verstehen ist. Wie bei Poppers "Die offene Gesellschaft" gibt es auch bei "1984" den Verdacht, daß es sich um strukturell-elaborierte, d. h. kollektive Einflußagenturwerke aus Psy-Op-Labs handelte. Man könnte "1984" auf die Formel bringen: ein Propagandawerk des liberalen (britischen) Totalitarismus gegen den antiliberalen (kontinentalen) Totalitarismus.

Da der liberale Totalitarismus auch auf dem Kontinent gesiegt hat, ist das Orwell-Szenario hierzulande, in Asien und später mag es anders sein, vorerst komplett obsolet:

Solange jemand hier unter einer gewissen Einflußschwelle bleibt, ist er für die Machtstrukturen so uninteressant wie die Stubenfliege. Jeder kann nach Herzenslust alles denken, sagen und tun solange er nicht die Machtstrukturen unmittlbar angreift. Keinesfalls würde in der Open-Society-Welt - wie Winston - ein devianter Mitarbeiter einer Bildagentur verfolgt und einer aufwändigen Umerziehung durch ein Umerziehungs-Offizierskorps unterzogen werden. Er wird einfach gefeuert, es warten draußen genug andere auf den "Job", als Hartz-IV-Bezieher kann er dann im Abseits denken, sagen und tun was er will. Er kann auch einfach unter einer Brücke erfrieren, es interessert das System nicht im Geringsten. Es gibt außer im Knast nicht mal mehr eine Arbeitspflicht bzw. eine grundsätzliche Pflicht, ESt. zu zahlen. (Vielmehr scheint es geradezu eine staatsbürgerliche Pflicht zur Verwahrlosung zu geben.)

Insofern war die westliche Welt noch nie so weit entfernt vom 1984-Szenario wie heute und entfernt sich auch immer weiter davon solange die Open-Society-Kabale regiert.

Und die elektronische Totalüberwachung betrifft nur die, die sich in der elektronischen Sphäre bewegen, aber das muß ja niemand. Im Gegenteil, die nicht-elektronische Sphäre bietet immer größere Freiräume und immer größere Immunität, weil in ihr Schnüffler, Spitzel, Kripo-Ermittler, Denunzianten, Finanzamts- und sonstige Detektive, Profiler, Rollkommandos usw. zunehmend weniger agieren. Straftäter, die nicht in "sozialen Netzwerken" "vernetzt" sind, nur bar oder in Naturalien zahlen, keine konfiszierbaren Digitalgeräte bzw. Datenträger besitzen, somit z. B. auch keine GPS-Bewegungsprofile hinterlassen, keine Laserdrucker

https://de.wikipedia.org/wiki/Machine_Identification_Code

benutzen usw. können sich heute und in Zukunft ganz beruhigt zurücklehnen und sich mit Schampus zuprostend gegenseitig angrinsen wenn draußen die Toniwagen mit Blaulicht in die Irre rasen.

Wie gesagt, dies gilt nicht für diejenigen, die die Machtstrukturen unmittelbar und vielleicht noch organisiert angreifen, aber das war schon immer so und wird immer so sein, völlig unabhängig von Orwell.

- G. G.

heinrichbrueck

7. Juli 2019 01:46

@ G. G.
„1984“ ist die perfekte Beschreibung der Demokratie. Orwell formulierte fiktional; Horst Mahler sachlicher: „Das Wesen des Krieges sind nicht Feuer und berstende Granaten, nicht zerfetzte Leiber und zerstörte Häuser. Krieg ist die Brechung des Willens einer Nation und dessen Ersetzung durch den Willen des Feindes. Die reine Form des Krieges ist die Durchsetzung des feindlichen Willens ohne die Gegenwehr des Vergewaltigten, sei es, daß dieser zu schwach ist, sei es, daß er durch Täuschung und anderweitige Manipulation seines Bewußtseins nicht in der Lage ist, den feindlichen Angriff als solches wahrzunehmen.”
In einer Demokratie ist jedermann Teil der Machtstrukturen. Wer soll die Machtstrukturen organisiert angreifen können? Salvini gegen Rackete? 'Er hätte keine Angst vor ihr, Küsschen.' Sehr staatsmännisch geschrieben. Für jeden etwas dabei, Bewußtseinsmanipulation à la carte. Orwell muß sehr klar gesehen haben, besonders die Vorbereitungen hinter den Kulissen.
Die Angst vor dem Totalitarismus schützt nicht, sie hilft nur in ihm zu leben. Totalitarismus ist Freiheit, das perfekte System. Wer kann sich denn ein besseres System vorstellen? Die Korrekturforderungen der Opposition sind nicht gemeint. Und wer im falschen Bewußtsein, siehe “1984”, ein eigenes Bewußtsein entwickeln möchte, siehe wieder “1984”.

Lotta Vorbeck

7. Juli 2019 07:18

@qvc1753 - 6. Juli 2019 - 04:24 PM

"... Wenn im Diskant und mit verbaler Wucht entweder vom drohenden Bevölkerungsaustausch ... gesprochen wird ..."

******************************

Uff ... das 'Grand Remplacement' [R. Camus] ist nichts weiter als eine Drohung?

Na dann, wohlan!

RMH

7. Juli 2019 08:42

"Solange jemand hier unter einer gewissen Einflußschwelle bleibt, ist er für die Machtstrukturen so uninteressant wie die Stubenfliege. Jeder kann nach Herzenslust alles denken, sagen und tun solange er nicht die Machtstrukturen unmittlbar angreift. "

@GG,
grundsätzlich richtig, aber ihr Satz 2 schränkt Satz 1 schon wieder ein und wir erleben gerade - das ist ja das Wesen einer Hexenjagd - dass die von Ihnen beschriebene Einflussschwelle immer niedriger definiert wird und gleichzeitig die von Ihnen beschriebenen Entzugsmöglichkeiten durch Meidung Daten- und Internetbasierter Handlungen und Verwendung von Bargeld mehr und mehr beschränkt werden. Zumindest für Menschen, die auch einer normalen Erwerbsarbeit nachgehen, wird es deutlich enger. Übrigens: Auch bei Orwell gab es mit den Proles eine Schicht, die mehr "Freiheit" (wie auch immer) hatte (dort sah er ja die "Hoffnung") - also auch in diesem System gab es eine Erheblichkeitsschwelle. Ähnlich gibt es bei brave new World es ja auch die Wilden.

Beiden Autoren wird gerne unterstellt, dass sie ein Stück weit Einblick in die Visionen/Pläne von wie auch immerzu definierenden Eliten von der "Zukunft" gehabt haben sollen, also ein bisschen Insiderwissen mit den Werken verarbeitet und ausgebreitet hätten.

Orwells linke Ausrichtung wird übrigens sehr weit aufgehellt (und gerade gerückt) in seinem lesenswerten Buch "Mein Katalonien".

Der Gehenkte

7. Juli 2019 09:46

Die vor Kurzem getroffene Einschätzung, daß das Niveau in Blog und Forum in letzter Zeit zu wünschen übrig ließen, muß ich nun revidieren und tue es gern. Auf diesem Strang habe ich sehr viel gelernt und das ist (für mich) das entscheidende Kriterium.

Einerseits waren die Vorlagen von Lichtmesz, Gruber und Bosselmann sehr gut, andererseits profitiert das Forum von neuen Impulsen und schließlich scheinen mir auch einige habituelle Hüftschützen die Botschaft gehört zu haben, daß Schweigen und Lauschen manchmal Gold sind.

Wäre ich wachhabender Sezessionist, dann würde ich den neuen Klang der virtuosen Stimme hören und versuchen, diese evtl. fürs Offizielle zu gewinnen. So weit ich eruiert habe - dank @ links ist wo der daumen rechts ist - dürfte sich das gleich mehrfach lohnen. Ich jedenfalls habe mir das letzte Buch gleich bestellt und sehe ihm mit Spannung entgegen. Auch für @ Monika wäre das ganz sicher von Interesse.

Gustav Grambauer

7. Juli 2019 12:49

Was Sie charakterisieren hat mit Orwell nicht das Geringste zu tun. Das gab es alles vorher auch schon und wird es b. a. w. immer geben, für das Erfassen der phylogenetischen Dimension genügt die kurze Beobachtung eines beliebigen Ameisenhaufens im Wald. Die Mechanismen der Propagandalügen sind jünger, aber auch sie gab es schon zwanzig, dreißig Jahre vor Orwell. Wer sich mit den Moskauer Prozessen oder mit dem NS auch nur ein klein wenig näher auseinandergesetzt hat, findet bei Orwell keine Neuigkeiten mehr. Vielmehr wäre doch die Frage interessant, warum "1984" ausgerechnet mit der Initiation des Kalten Krieges (und nicht ein paar Jahre früher in der Hochphase des kontinentalen Totalitarismus) herausgekommen ist.

M. E. ist der liberale Abscheu gegenüber dem kontinentalen Totalitarismus vor allem mit der hiesigen immer noch starken Gewöhnung an die Leibeigenschaft verständlich. Sie wurde in England mit der Glorious Revolution - allerdings nur vordergründig - abgeschafft, auf dem Kontinent erst viel später, in Sachsen erst 1831, in Rußland erst 1861.

Ist der liberale / britische Totalitarismus besser? Hier ein winziger Einblick in seinen Abgrund:

Habe oft darauf hingewiesen, daß die liberale, kaschierte Form der Leibeigenschaft in der Abstraktion der Person vom Menschen liegt, deren Besitztitel = Wertpapier Geburtsurkunde bzw. Einbürgerungsurkunde sind (und beide sind und bleiben im Eigentum des Staates, wie ja auch der sogenannte, sic!, Personalausweis). KGE irrt, wenn sie sagt, "uns" (der Oligarchie) würden Menschen geschenkt, korrekt müßte es heißen: uns werden Personen geschenkt. Es wird gemunkelt und ich gehe davon aus, daß unsere Geburtsurkunden als Wertpapiere des betreffenden Staates bei der BIZ notiert sind und hinter unserem Rücken ein schwunghafter Handel mit dem jeweiligen Börsenwert betrieben wird, bis hin zur Verpfändung usw. Allein damit wären das Sträuben gegen den Altersnachweis von "Flüchtlingen" (denn selbstverständlich erzielt ein jüngerer "Flüchtling" einen höheren Börsenwert als ein älterer) und die Förderung der Mehrehe sowie der Sozialhilfedynastien bis tief nach Anatolien hinein, Registrieren heißt Unterwerfen, erklärbar. Damit der "soziale Frieden" des Geschachers nicht gestört wird, wird kollateral einkalkuliert, daß diejenigen, die die "Werte" (???) nicht "vertreten" (großteils Ältere mit ohnehin geringem Börsenwert), "gern das Land verlassen dürfen" (- Lübcke).

- G. G.

Laurenz

7. Juli 2019 14:16

@Gustav .... Peter Scholl-Latour war der Meinung, daß nur die radikale Umwälzung Maos, inklusive der Morde an ganzen Bevölkerungsteilen, die Jahrtausende anhaltende verkrustete Mandarin-Kultur beiseite fegen konnte. Für mich ist Scholl-Latours Sichtweise etwas weit hergeholt, aber an den Fakten läßt sich wenig drehen.

Auch bei Pol Pot war es nicht nur die Linke, sondern auch konservative Politiker, weltweit, machten diesen Steinzeit-Kommunisten hoffähig und agitierten gegen die Vietnamesen (damals mit der Sowjetunion verbündet), die das arme Kambodscha endlich von dieser, von China unterstützten Katastrophe erlösten.

@Atz, @ Gustav Grambauer & heinrichbrueck ... mein strenger APO-Deutsch- & Politik-Lehrer unterschlug wider besseren Wissens die historische Wahrheit um Orwells persönliche Historie, als ich von meinem Lehrer dazu angehalten war, 1984 zu lesen. Orwell war Sozialist, klar. Aber es waren nicht die Franquisten, die für Seine gesellschaftlichen Visionen sorgten, sondern sein häufiger Aufenthalt bei den mehrheitlich jüdischen Freiwilligen-Verbänden Stalins im Spanischen Bürgerkrieg. Daß dieses politische Dilemma Orwell sogar krank machte und zu seinem recht jungen Tod führte, bleibt da nicht abwegig.

Ratwolf

7. Juli 2019 23:02

Für mich bleibt Martin Lichtmesz zu sehr auf der beschreibenden Ebene. Die Welt wird aus seiner Sicht als ungerecht oder absurd dargestellt. Hier sprechen unterbewusst eingeübte Routinen. (Wie ungerecht diese Welt doch ist)

Das reicht nicht.

Beschreibung ist der erste Schritt
Dann muss die Analyse kommen
Und dann das, was man dann zu tun gedenkt.

Schritt zwei und drei werden verweigert.
In den schönen Gesprächen mit Martin Sellner ist mir eine Stele aufgefallen:

ML sagte: "Mache glauben ja, daß Merkel an einem seidenden Faden gesteuert wird" (o.ä.)

Wie kann man so etwas sagen?
Die Frau hat sogar ihre Privatwohnung neben der Atlantik Brücke! Deutlicher geht es doch nicht.

Gustav

8. Juli 2019 08:00

@ Laurenz

Interessant ist, was der Globalist David Rockefeller von Massenmörder Mao hielt. Seine Aussage über Mao Tse-Tung in der New York Times, am 10. August 1973:

“Wie hoch auch immer der Preis der chinesischen Revolution war, so war sie doch ganz offensichtlich erfolgreich und zwar nicht nur in Hinsicht auf eine effizientere Verwaltung, sondern indem sie die Moral und Gemeinsinn zu neuen Höhen führte. Das soziale Experiment in China unter der Führung von Mao Tse Tung ist eines der wichtigsten und erfolgreichsten in der menschlichen Geschichte.”

Mit "sozialen Experimenten" ist "man" großzügig:

Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, «sozialistische Experimente» in Russland zu veranstalten.

Oder, ein wenig aktueller:

https://sezession.de/58253/yascha-mounk-und-ein-einzigartiges-historisches-experiment

Gustav

8. Juli 2019 08:14

@ Laurenz

George Orwell hat mit seinen beiden Büchern Animal Farm (Farm der Tiere) und 1984 den Menschen des abendländischen Kulturkreises das Verständnis dessen erleichtert, was auf dem Schlachtfeld des Geistes vor sich ging. Diese Bücher spiegeln seinen eigenen geistigen und intellektuellen Werdegang wider; in der Gestalt von modernen Parabeln berichtet er von seinen Erlebnissen und seinen Einsichten. Wie die meisten Angehörigen seiner Generation westlicher Intellektueller war er eines der «Tiere», denen wir in Animal Farm begegnen: leicht zu täuschen und stets zur Selbsttäuschung bereit. Animal Farm ist nicht nur eine plastische Schilderung des marxistischen Sozialismus; das Werk stellt auch den gefährlich trügerischen Charakter eines «Idealismus» bloss, hinter dem sich abstrakte Ideen über eine geplante Zukunft des Menschengeschlechts verbergen und der auf den Geist derjenigen, die jeden Sinn für Ziel und Richtung verloren haben, wie eine Fata Morgana wirkt.
Orwells Erfahrung als sozialistischer Freischärler im Spanischen Bürgerkrieg befreite ihn radikal von seinen Illusionen. Er, ein Mann von beträchtlichem natürlichem Talent, vermochte die Fesseln eines ganzen Systems falscher Ideen und Überzeugungen mit einem Schlage zu sprengen.
Orwell unternimmt keinen Versuch, diesen Idealismus zu erklären, in dem Intellektuelle Zuflucht vor einer unerbittlichen Wirklichkeit suchen; er begnügt sich in Animal Farm damit, ein lebendiges Bild zu zeichnen, in dem der Idealismus und seine Folgen auf faszinierende und erheiternde Weise dargestellt werden. Ein wichtiges Element der Geschichte, das man leicht übersieht, besteht darin, dass die Herren und Meister auf der Farm der Tiere allesamt derselben Rasse angehören, jener der Schweine nämlich, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten und alle anderen nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Das rebellische Schwein Snowball spielt dabei die gleiche Rolle wie Leo Trotzki nach der Oktoberrevolution; die Parallelen zum bolschewistischen Drama könnten schlagender kaum sein.

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