Sezession
4. Juli 2019

Mordfall Lübcke: Sinkende Hemmschwellen

Martin Lichtmesz / 45 Kommentare

"Die Hemmschwelle sinkt, weil sich die Rechten ermutigt fühlen", las man am 21. 6. im Wiener Standard in einem Interview zum Mordfall Lübcke.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Etwa eine Woche später publizierten die Oberösterreichischen Nachrichten eine Karikatur, die Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) beim fröhlichen Vergasen von identitärem Ungeziefer zeigt.

Damit feierte das Blatt die vereinten Initativen der Blauen und Türkisen gegen die geplante Einrichtung eines identitären Zentrums in Linz. Diese drastische Schädlingsvernichtungsmetaphorik war dann selbst antifantisch inspirierten Linksportalen wie FPÖ Fails oder Stoppt die Rechten nicht ganz geheuer. Im Gegensatz zu dem im Laufe des EU-Wahlkampfs hochgejazzten "Rattengedicht" hielten sich Empörung und mediale Aufmerksamkeit allerdings in engen Grenzen. Die OÖN publizierten schließlich eine kleinlaute Entschuldigung. Wenn sich ausschließlich Rechte beschwert hätten, wäre wohl gar nichts passiert.

Unterdessen fand bei Martin Sellner eine erneute (!) Hausdurchsuchung statt, der weitere Repressionsmaßnahmen folgten. In einem Schreiben der Grazer Staatsanwaltschaft wird von der IBÖ als "terroristische Vereinigung" gesprochen, als handele es sich dabei um eine zweifelsfrei festgestellte Tatsache.

Auch in der Bundesrepublik wurden identitäre Aktivisten Zielscheiben von Razzien: in Augsburg traf es eine 19jährige Schülerin, die eine Protestaktion für die "Opfer von Multikulti" veranstaltet hatte, in Nordrhein-Westfalen den Aktivisiten Kai von "Ruhrpott Roulette", der mit Gesicht und Namen für seine Überzeugungen einsteht, ebenfalls für die Teilnahme an einer Protestaktion, die über ein Jahr zurückliegt, und dies am Geburtstag seiner kleinen Tochter.

Ich kann mir kaum vorstellen, daß die Verantwortlichen tatsächlich glauben, es gäbe hier justiziables Material zu holen. Es geht hier wohl in erster Linie um den abschreckenden, erzieherischen Wert. Oder um es drastischer zu sagen: um Staatsterror. Politische Oppositionelle werden aus den nichtigsten Gründen grob in ihrer Intimsphäre verletzt, kriminalisiert, erniedrigt, eingeschüchtert. Legaler, friedlicher Protest soll verunmöglicht werden, und wer sich daran beteiligt, läuft in Gefahr, von der Justiz wie ein Verbrecher behandelt zu werden.

Die andere Backe der Zange ist die auch physische Bedrohung durch Linksextremisten. An der Uni Leipzig wurde ein 21jähriger Aktivist von drei vermummten Antifas hinterrücks attackiert, die ihm ins Gesicht schlugen und die Nase brachen. Als sie davonliefen, riefen sie: "Da ist ein Nazi! Da ist ein Nazi!" Auch in Leipzig arbeiten sogenannte "linke und antirassistische Aktivisten", etablierte linke Parteien (Grüne, Linke, SPD), Kirchen und Kulturschaffende in einem Anti-AfD-Bündnis Hand in Hand, um "immer wieder offensiv deutlich machen, dass Hass keine Alternative für diese Gesellschaft ist".

Antifa-Attacken auf echte oder vermeintliche Rechte aller Art sind sehr häufig, und fast jeder, der im rechten Spektrum aktiv ist, hat sie schon erlebt. Die Bandbreite reicht von Beschimpfungen, Drohungen und Morddrohungen im Netz, Privatadressen-Leaks, Denunziationen beim Arbeitgeber über angefackelte Autos, beschmierte Häuserwände, eingeschlagene Fensterscheiben bis hin zu Pöbeln, Bespucken, Treten, Prügeln, Schlagen und Niederschlagen.

Dabei gibt es Exemplare, die mit einer verblüffenden Hemmungslosigkeit vorgehen. Ihr gutes Gewissen, gegen das absolut Böse und absolut böse Menschen vorzugehen, erlaubt es ihnen offenbar, ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen. Normale Anstandsregeln im zwischenmenschlichen Umgang gelten nicht mehr. In den Objekten ihrer Gewalt sehen sie Un- und Untermenschen, denen keinerlei Grundrechte zustehen, da diese ja angeblich selbst die Grundrechte anderer aufheben wollen, wenn nicht Schlimmeres.

Ich bin mir nicht sicher, was wirklich in diesen Köpfen vorgeht, und gewiß gibt es hier unterschiedliche Typen und Motivlagen. Manche scheinen die moralische Erlaubnis geradezu zu genießen, eine Opfergruppe unter dem Beifall und mit der Erlaubnis des Establishments hassen und angreifen zu dürfen. Im Namen des Anti-Faschismus "darf" man sich verhalten wie der schlimmste "Faschist" (gemäß ihrem eigenen Klischee-und Feindbild), und wird dafür auch noch gesellschaftlich belohnt.

Andere wiederum scheinen ernsthaft Angst zu haben vor "Rechten". Sie sehen in quasi jedem Rechten einen potenziellen Nazimörder, der sich nur gut getarnt hat, und der kurz vor der Machtergreifung steht. Ihr Weltbild hat infantile Züge, ist manichäisch und stark emotionalisiert. Auch das ist Ergebnis einer jahrzehntelangen Propaganda, die Schicht um Schicht, Hetzkampagne um Hetzkampagne aufgetragen wird, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen ist und Affekte erzeugt, die so gut wie jederzeit abrufbar sind.

Hier wird nichts anderes als eine Art moderner Dämonologie betrieben, ein Mythos von Werwolfmenschen in die Welt gesetzt, die "mitten unter uns" seien, "unsere Demokratie" bedrohen, und von einem völlig irrationalen "Haß" angetrieben werden.

Ich erinnere nur an die "Kunstaktion" mit dem Titel "Die Wölfe sind zurück", die unter anderem in Berlin, Hamburg, Chemnitz und Dresden zu sehen war. Darin wurde die "rechtspopulistische Gefahr" durch bewaffnete und den Arm hebende Horrorskulpturen dargestellt, namentlich genannt wurden etliche AfD-Politiker.

Wenn das nicht Hetze, Verhetzung, Aufhetzung ist, was dann?

Die, so vermute ich mal ganz forsch, Folge dieser Beschwörungen ist eine außerordentlich hohe Zahl an Übergriffen auf AfD-Einrichtungen und -politiker. Sogar der linke "Faktenerfinder" Patrick Gensing mußte im Januar einräumen, daß die AfD am weitaus häufigsten attackiert wird. Die Zeit berichtete im selben Monat über Verwüstungen von AfD-Büros, "nun sogar mit Bomben", während "im Internet weiter zu Angriffen aufgerufen" werde.

Das ist keine Neuigkeit: Bereits 2016 war der Aggressionspegel teilweise so hoch, daß sich etwa in Brandenburg acht von zwölf politischen Angriffen gegen die AfD richteten. "Die Gewalt gegen AfD-Mitglieder durch Linksextreme hat erschreckende Ausmaße angenommen", schrieb Markus Wehner im Mai 2016 in der FAZ, doch "eine öffentliche Debatte darüber findet nicht statt." Er kam zu dem Fazit: "Wenn es gegen rechts geht, gelten andere Maßstäbe", und nannte auch einen Schreibtischtäter:

Allerdings hat auch die AfD ein Recht, als demokratische Partei ungehindert agieren zu können. Das sehen anscheinend nicht alle Politiker anderer Parteien so. „Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind!“, twitterte etwa der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner am 8. Mai. Dabei müsste Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ausnahmslos geächtet werden.

War das nun unfair?  Hat indes ein AfD-Vertreter von Bedeutung einmal Ähnliches gesagt oder geschrieben? „Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Linksversifften attackieren, weil sie Volksverräter, intolerant, linksaußen und gefährlich sind!“

Es kann keinen Zweifel geben, daß das hohe Ausmaß an Gewalt gegen die AfD mit der permanenten medialen Zeichnung der Partei und ihrer Protagonisten als "Nazis", als "braune Gefahr", als "Rechtsextremisten" usw. zusammenhängt. Dies schafft ein Klima, das Antifanten, die ohnehin schon wenig Skrupel kennen, ermutigt, zu Taten zu schreiten. (Man sieht, daß ganz nach "Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz" sämtliche sprachlichen Phrasen "gegen rechts" faktisch auf ihre Urheber zurückfallen).

Jedesmal, wenn ein Journalist X in einem Artikel Person Y als "Rechtsextremisten" bezeichnet, erhöht er die Gefahr, daß Y eines Tages von Antifas terrorisiert wird, bis hin zur Gefährdung von Leib und Leben.

Was die laufende Kampagne an den Mordfall Lübcke anhängt, wurde bereits 2011/12 vollorchestriert durchgespielt. Damals gab es noch keine AfD, der man die Morde des angeblichen "NSU" anlasten konnte, aber das Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäppe wurde von den staatlichen Hohepriestern als böser Spiegel präsentiert, in dem sich jeder nicht auf globalistisch-multikulturalistische Linie gebrachte Linie Deutsche und "Alltagsrassist" wiederzuerkennen habe.

Merkel äußerte damals in einer Rede:

Doch Intoleranz und Rassismus äußern sich keineswegs erst in Gewalt. Gefährlich sind nicht nur Extremisten. Gefährlich sind auch diejenigen, die Vorurteile schüren, die ein Klima der Verachtung erzeugen. Wie wichtig sind daher Sensibilität und ein waches Bewusstsein dafür, wann Ausgrenzung, wann Abwertung beginnt.

Die Melodie ist dieselbe wie heute (es lohnt sich vielleicht, meine Analysen von damals nachzulesen: Hier, hier, hier, hier, hier, hier).  Jeder "Haßrede"-Poster, der aus diesem oder jenem Grund mit der Einwanderungspolitik der Regierung unzufrieden ist, wäre demnach nur ein paar Intensitätsgrade vom NSU entfernt, ebenso wie er heute nur ein paar Intensitätsgrade von dem Mordverdächtigen Stephan E. entfernt ist. Und das Schöne an dem "Haßrede"-Begriff ist, daß er keine klare Definition hat, nahezu beliebig ausgedehnt und eingesetzt werden kann.

Daß diese Vorstellungen in den Köpfen so vieler so rasch und scheinbar so schlüssig einrastet, hat mit einer viel umfassenderen Erzählung zu tun. Ihr Fluchtpunkt ist ein bestimmtes, unterkomplexes, entkontextualisiertes und dämonologisches Bild des historischen Nationalsozialismus, der als eine Art Quintessenz, Reinform des "Rechten" gehandelt wird, während alle weiteren Positionen des rechten Spektrums als bloße Verdünnungen oder homöopathische Hochpotenzen angesehen werden.

Im Gegensatz dazu sieht man linkstotalitäre Pendants zum Nationalsozialismus wie den Stalinismus als Entgleisungen, Verzerrungen, Entartungen, Verfälschungen des "eigentlich" Linken. Die Verhandlungsbasis ist also so ungleich, wie sie nur sein kann.

Wie mächtig sie ist, zeigt sich darin, daß selbst Rechte die Sprache und die Kategorien des politischen Gegners übernommen haben - etwa wenn sie Antifanten oder Heiko Maas als "Faschisten" oder "die wahren Faschisten" bezeichnen, womit eine bestimmte repressiv-fanatische Grundhaltung gemeint ist, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Man könnte die fraglichen Tendenzen mit ebenso großem, wenn nicht größerem historischen Recht als "bolschewistisch", "kommunistisch" oder "stalinistisch" brandmarken. Damit gewönne man aber keinerlei Debattenvorteil. Diese Begriffe taugen nicht zur Ächtung, weil sie im Bewußtsein der Massen so gut wie keine affektive Verankerung haben, nicht Teil der Dämonologie der globalistisch-liberalen Welt sind. Deren metaphysischer Satan ist der "Faschist", weshalb auch jeder seinen "Faschisten" hat und jeder dem anderen diesen unüberbietbaren schwarzen Peter zuzuschieben sucht.

Je mehr sich jedenfalls die Sicht durchsetzt, daß jeder Konservative oder Rechte nur Potenzgrade von der Ur-Essenz des NS entfernt ist, umso weniger Toleranz ist selbst gegenüber den mildesten und "vercucktesten" Formen des Konservativen möglich: Enthalten doch auch diese Viren und Infektionsherde, Moleküle des absoluten Bösen, die nicht toleriert werden dürfen.

Damit wird jedem Rechten qua Rechtssein ein grundsätzlicher ethischer Defekt und Webfehler unterstellt. Er steht damit jenseits der herrschenden universalistisch-humanitären Moral (oder Hypermoral) und darum auch potenziell hors la loi. So wird über Rechte in einer Form gesprochen, als hätte man ihnen bereits jetzt de facto alle Grundrechte, die geschriebenen wie ungeschriebenen, aberkannt.  An dieser Tendenz ändern auch gelegentliche Interventionen wie jene von Gauck wenig, der hier offenbar versucht hat, den "guten Polizisten" zu spielen.

Im Rahmen dieser Erzählung waren schon die Morde des angeblichen "NSU" eine Art "Mikroholocaust", aus dem man quasi eine neue, frische Kollektivschuld schöpfen konnte. Ebenso wird der Mord an Lübcke als eine Art "Nanoholocaust" gehandelt. Voraussetzung ist eine sakrale Hierarchie der Opfer und Täter, wie ich sie in diesem Kaplakenband dargestellt habe. Es handelt sich hierbei im Grunde um metaphysische, wenn nicht religiöse Kategorien. Der Rechte, der darüber klagt, wenn ihm jemand den Schädel eingeschlagen hat, "stilisiert sich zum Opfer", weil er qua Rechtssein ein "Täter" ist, und es nicht anders verdient hat.

Dieses "Mindset" fand ich (unfreiwillig) karikaturhaft bei einem ganz gescheiten Twitter-User dargestellt:

Mehr noch als bei dem Fall "NSU" (ich erspare mir hier weitere Ausführungen), ist die Basis für die Kollektivbezichtigung der Gesamtrechten, expressis verbis bei Erika Steinbach und Max Otte angefangen, äußerst dünn. Es heißt, Lübcke wäre ermordet worden, weil er sich für Flüchtlinge engagiert und Dinge gesagt habe, die von der AfD kritisiert worden sind. Unter anderem folgendes:

Da muss man für Werte (Aufnahme von Geflüchteten) eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er will. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.

Das war in der Tat eine unverschämte Provokation, beispielhaft für die Arroganz des Establishments, und hat zu Recht Empörung und Kritik ausgelöst. Diese Empörung und Kritik sollen nun nicht mehr erlaubt sein, weil sie angeblich zur Ermordung Lübckes geführt haben. Aber sein furchtbarer Tod ändert nichts an der Kritikwürdigkeit dieser Aussage. Umgekehrt kann wohl nur ein vollendet perverser Mensch auf die Idee kommen, jemanden deshalb umzubringen (ein Grund mehr, warum der Täter kaum als exemplarisch anzusehen ist - oder warum das angegebene Tatmotiv eine Lüge sein könnte.)

Lübcke soll postum zur unangreifbaren, numinosen Figur, zum Märtyrer erklärt werden. Man nennt das "Instrumentalisierung". Mit schlechtem Gewissen und Androhung von Stigmatisierung soll die Opposition mundtot gemacht werden, während das Establishment weiterhin keinen Genierer haben muß, wenn es darum geht, große Teile der eigenen Bevölkerung zu ächten, zu verhöhnen und zu verleumden.

Schon lange, bevor ein Täter präsentiert wurde, las man in einigen Medien, daß "Rechtsextreme" das Opfer "verhöhnen" würden. Da konnte man die Nachtigall bereits trapsen hören. Mir persönlich war jedenfalls Lübcke bislang kein Begriff, und in meiner rechten Info-Blase gab es niemanden, der seinen Tod bejubelt hätte.

Zwei Wochen nach dem Mord wurde ein vorbestrafter, 45 Jahre alter Veteran der Neonazi-Szene verhaftet. Angeblich hat er Kontakte zu einer militanten Gruppe namens "Combat 18" (eine auch via ARD-Monitor verbreitete Meldung, er wäre erst kürzlich auf einem Treffen dieser Gruppe gewesen, erwies sich als "Fake News"), mithin einem Verein, der eine geradezu klassische V-Mann-Spielwiese bietet, wenn er nicht überhaupt ein Geheimdienstkonstrukt ist.

Teile der radikalen Linken fordern bekanntlich eine Veröffentlichung der für 40 (vor kurzem noch: 120) Jahre gesperrten "NSU"-Akten. Sie erwarten sich davon eine Bestätigung ihrer ernsthaft gehegten Phantasie, daß der Verfassungsschutz von Nazis geleitet wird, die einen faschistischen tiefen Staat bilden. Dabei ist vermutlich das genaue Gegenteil der Fall: Nazi-Organisationen werden von Verfassungsschützern geleitet, denn man weiß nie, wann man wieder einmal ein Krokodil braucht, das die Strategie der Spannung befeuern soll.

Dieser Stephan E., der seit den neunziger Jahren aktiv ist, und wohl kaum durch Alice Weidel und Erika Steinbach radikalisiert wurde, wurde blitzartig als Vorwand benutzt, um das komplette rechte Lager von der Werte-Union abwärts in Geiselhaft zu nehmen. (Einige versuchten bereits, die Meute nach Schnellroda zu locken - so Sigmar Gabriel und Karin Göring-Eckardt.)

Ehe noch irgendeine Verbindung zur AfD nachgewiesen werden konnte (abgesehen von einer angeblichen Spende in der Höhe von 150,- im Jahr 2016, woher kennen wir das bloß?) wurde die gesamte Partei beschuldigt, mitgeschossen zu haben. Ein vollkommenes Gleichsetzungsdelirium: Dieser Stephan E. wurde nun als die Quintessenz und letzte Konsequenz des rechten Denkens hingestellt.

Jeder AfD-Vertreter, -Sympathisant und -Wähler sollte sich nun in einer obskuren Figur wiedererkennen, die einem notorisch V-Mann-durchseuchten Subkulturghetto entstammt, mit dem die meisten Menschen keine Berührung haben. 1993 wurde Stephan E. wegen eines gescheiterten Sprengstoffanschlags auf ein Flüchtlingsheim zu sieben Jahren Haft, 2010 "zu sieben Monaten Freiheitsstrafe wegen Landfriedensbruch und versuchter gefährlicher Körperverletzung verurteilt" (Quelle, Quelle). Denoch wurde er angeblich seit 2009 nicht mehr als extremistischer Gefährder auf dem Schirm des VS geführt.

Zusätzlich soll 2015 sein Datensatz "im NABIS-System (Die digitale Terror-Kartei der NATO) gelöscht worden sein". Und rein zufällig hockt im Regierungspräsidium von Kassel, bei der Behörde, deren Chef Lübcke war, ein gewisser Andreas Temme (Quelle), ein ehemaliger (?) V-Mann, der 2006 bei einem der "NSU"-Morde in einem Nebenzimmer ANWESEND war (Quelle).

Die einzige Verbindung dieses Stephan E. zu Lübcke war ein DNS-Fussel, der auf der Kleidung des Ermordeten entdeckt wurde. Es kursierten weitere Details, die Hadmut Danisch so zusammenfaßt:

Es geht wohl im wesentlichen um diesen Rettungssanitäter, der da den Tatort gereinigt hat. Was mir bisher nicht bekannt war: Der erste Verdächtige, den man auf einer Fähre festgenommen, aber wieder freigelassen hatte, soll eben jener Rettungssanitäter sein. Man habe verhindern wollen, dass die Tatwaffe per Fähre in der Nordsee verschwindet. Habe sie aber nicht gefunden. Auch habe der keine Schmauchspuren an den Händen gehabt. Deshalb habe man ihn wieder freigelassen.

Der habe bosnische Wurzeln, sei mit Lübckes Sohn befreundet und habe eine „Schrottimmobilie” gekauft, die vorher Lübcke gehört habe. Der sei auf einer Kirmes 100 Meter vom Grundstück entfernt gewesen, während Lübckes Sohn selbst den Vater gefunden und den Kumpel von der Kirmes gerufen habe. Und der habe dann noch vor dem Eintreffen der Polizei den Tatort mittels eines „Felgenreinigers” (ist ein Hochdruckreiniger gemeint?) von Spuren gereinigt.

Am 25. Juni gestand Stephan E. die Tat und bestätigte die bisherigen Mutmaßungen:

Über sein Motiv sagte er nach SPIEGEL-Informationen, seine Tat sei eine Reaktion auf Lübckes Äußerungen über Flüchtlinge im Oktober 2015 im hessischen Lohfelden gewesen.

Er beteuerte, als Einzeltäter gehandelt zu haben, und die Generalbundesanwaltschaft erklärte, daß es noch keine Hinweise darauf gebe, daß „der Beschuldigte in eine rechtsterroristische Vereinigung eingebunden gewesen sein könnte“.

Mithin wäre Stephan E. zu jener seltsamen Sorte der bundesdeutschen Rechtsterroristen zu zählen, die wie der "NSU" darauf verzichten, durch ein offenes Bekenntnis zu ihren Taten Terror zu verbreiten, und die stattdessen offenbar aus reinem privaten Blut- und Vergeltungsdurst morden, zum Teil vier Jahre, nachdem jemand etwas gesagt, das ihnen nicht gefallen hat.

Die Hexenjagd war aber schon lange vor dem Geständnis eröffnet worden; Peter Taubers Kriegserklärung gegen "rechts" war am 19. Juni erschienen (Kubitscheks Kommentar hier). Nach E.s Geständnis meldete sich Wolfgang Schäuble zu Wort:

"Das Machtmonopol des Staates ist dazu da, dass es auch angewandt wird. Konsequent und durchschlagend", sagte der CDU-Politiker am Mittwoch im Bundestag. Sollten sich die Vermutungen der Bundesanwaltschaft über die Tatmotive bestätigen, wofür nach dem Geständnis des Tatverdächtigen vieles spreche, "haben wir es mit einem erschreckenden Ausmaß an rechtsextremistischer Gewalt zu tun", betonte Schäuble. "Es ist am Rechtsstaat, die weiteren Hintergründe zügig und umfassend aufzuklären - und an der Politik und den Sicherheitsbehörden, dafür zu sorgen, dass sich beweist, wovon beim Grundgesetz-Jubiläum so viel die Rede war: die wehrhafte Demokratie".

Nach dem gewalttätigen Antifa-Überfall auf den AfD-Politiker Magnitz hatte Schäuble geäußert:

Bundespräsident Schäuble wünschte Magnitz im Namen des Bundestages eine schnelle und vollständige Genesung. Schäuble empfahl jedoch auch Zurückhaltung bei Mutmaßungen über Tathergang und -motive bis die Ermittlungsarbeit abgeschlossen sei. Gerade weil Gewalt kein Mittel der Politik sein dürfe, sollte eine kriminelle Straftat nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden.

Gewiß, Magnitz wurde "nur" verletzt, und nicht ermordet. Aber diese noble Zurückhaltung kennt man auch aus anderen Zusammenhängen, etwa im immer gleichen Nachspiel zu islamistischen Attentaten und ähnlichen "Einzelfällen", die um gar keinen Preis verallgemeinert werden dürfen.

Drastisch, aber wohl treffend hat unser geschätzter Freund Raskolnikow diese "Hierarchie der Opfer" in Aktion kommentiert:

Seit Jahren werden tausende Deutsche von denen, die die CDU hierhergeholt hat, vergewaltigt & ermordet. CDU: "Müssen wir aushalten, Arschloch, wander' doch aus, wenn es Dir nicht passt!" Es trifft einen (1) Bonzen. CDU: "Ermächtigungsgesetze her! Staatsgefahr. Endlich handeln!"

Am 2. Juli widerrief Stephan E. sein Geständnis. Wie es weitergeht, ist zu diesem Zeitpunkt unabsehbar.  Fest steht lediglich, daß sich Medien und Politik von ihrem einmal in Umlauf gebrachten Narrativ nicht abbringen lassen werden.

Die Trompeter der öffentlichen Meinung verhalten sich wie NKWD-Kommissare in der Zeit der stalinistischen Schauprozesse: Die Angeklagten, die "unsere freie Gesellschaft" wie "Krebs" befallen haben oder ihr "demokratisches Grundwasser" ein "Ölfleck" verschmutzen (Polenz) sind "guilty by accusation"- das Urteil steht von vornherein fest, der Verdacht genügt, alles, was dagegen spricht, ist Mimikry und Camouflage, die "entlarvt" und "decodiert" werden muß, während jeder Versuch der Angeklagten, sich gegen die ungeheuerlichen Anschuldigungen und Unterstellungen zu wehren, als frecher, infamer Versuch gewertet wird, "sich und andere Nazis" - Sie haben es erraten - "als das eigentliche Opfer darzustellen" (exemplarischer O-Ton eines Twitter-Antifas).

Daß der AfD-Politiker Uwe Junge in der Manege "Hart, aber fair" die Chance bekam, sich einem Hyänenrudel von vier linken Opponenten mit Einheitsmeinung in einer öffentlichen Diskussion zu stellen, wurde mit mehrschichtiger Empörung quittiert. Was war schlimmer, daß dieser widerliche Faschist überhaupt sein widerliches Faschistenmaul aufmachen durfte (da sei der Staatsfunk vor!), oder daß er (vermeintlich) überproportional Redezeit für sich beansprucht hatte (was den Moderator Frank Plasberg den Kommissaren langsam verdächtig macht)?

Was war das größere Versagen dieser Show, daß man das festgelegte Debattenziel nicht erreicht hatte, "eine Verbindung zwischen rechtem Terror und der AfD herzustellen" (Spiegel Online), oder daß "Junge als Vertreter des gemäßigten Flügels die AfD über eine Stunde als 'bürgerlich demokratische Partei' anpreisen konnte" (Tagesspiegel)?

Nein, nicht die Einladung eines AfD-Vertreters muss kritisiert werden, vielmehr sollte es dann aber auch ein ausgemachter Brandstifter sein, dem dann von einem angriffslustigen Moderator mit der ganzen Härte der Fakten seine Verantwortung nachgewiesen werden kann.

Man hat Junge also nicht genug fertig gemacht und vorgeführt, noch jemanden ausgesucht, der sich zum Buhmann eignet, um ihn dann fertigmachen und vorführen zu können. Und zu keinem anderem Zweck, also zum Fertigmachen und Vorführen, sollen AfD-Vertreter nach dieser Logik eingeladen werden. ("Härte der Fakten" ist auch insofern besonders witzig, als die "Verantwortung" und "Brandstifung" rein durch den nebulosen Begriff der "Haßrede" konstruiert wird.)

Die nazidürstigen Kommissare sind derart verzweifelt auf der Suche nach ihrem braunen Monster, daß am Ende ein unbeteiligter junger Mann aus dem Publikum auf Zupfiff eines pseudonymen Berufsdenunziaten aus dem Umfeld der Amadeu-Stiftung seine fünfzehn Minuten Rufmord erleben durfte - wegen einer vermeintlichen Handgeste (!), die auch in ihrer beabsichtigten Form niemals anders denn als Witz und Getrolle benutzt wurde, insbesondere, um die Nazidürstigen ad absurdum zu führen.

Übrigens wurde Uwe Junge 2016 selbst Opfer einer Antifa-Attacke. Der Angreifer schlug Junge "mit der Faust ins Gesicht und trat nach ihm. Junge erlitt je ein Hämatom (Bluterguss) unter einem Auge und an einem Schienbein." Er mußte im Krankenhaus operiert werden. Spiegel Online kommentierte dies spöttelnd (ist ja nur ein Rechter, der sich zum Opfer stilisiert und es eigentlich verdient hat):

Dabei legt Junge nur die übliche Strategie an den Tag, von Anfang an. Gewiss berühre ihn der Mord, er sei schließlich schon selbst Opfer von Gewalt geworden; die Redaktion unterstützt dieses Manöver, indem sie ein Bild von Junge im Krankenhaus einblendet. Armer Junge.

In diesen Tagen haben selbst manche kluge Kommentatoren jegliche Bodenhaftung verloren. So beklagte Marc Felix Serrao in der NZZ  die "enthemmte Sprache" der AfD, die ein "Dünger für Gewalt" sei, wobei er blindlings das eilig lancierte Mordnarrativ für bare Münze nimmt:

Schäuble hat recht: Wer nach dieser Tat noch die oben beschriebene Sprache benutzt, macht sich mitschuldig, nicht zwingend strafrechtlich, aber als Bürger. Den Acker der Gewalt kann man düngen, von rechts wie von links. Man muss aber versuchen, ihn auszutrocknen. Es ist höchste Zeit.

Als Beispiele für schreckliche, unbürgerliche Sprachenthemmungen, die den Keim von Kopfschußprojektilen schon in sich tragen, nennt Serrao:

Der Evangelische Kirchentag? Eine «schizophrene Irrsinnsveranstaltung». Angela Merkel? Eine ins «linksgrüne Lager abgedriftete Kanzlerdarstellerin». Die CDU-Chefin? «Meinungsdiktatorin AKK». So geht das ohne Unterlass.

Das ist, mit Verlaub, jenseits von Gut und Böse.

Man muß hier gar nicht die einschlägigen Pendants der Gegenseite bemühen, die über ungleich größere politische, mediale, finanzielle und juristische Macht verfügt, was die Vertreter der AfD unter einen ständigen Ächtungs-, Ausgrenzungs- und Verleumdungsdruck stellt. Auch nicht die mitunter irrsinnige, empörende Realität, auf die eine solche Sprache antwortet. Man muß nur das ohrenbetäubende Getöse des Niagarafalls hören, der gerade ohne Damm und Bremse auf das Land niederprasselt und jedes rationale Denken überflutet.

Deutschland bekommt nicht zum ersten Mal eine massive Angst-, Haß-, Frust-, Aggressions-Injektion verabreicht, von denselben Leuten, die vorgeben, als vermeintlich haß- und angstlose Musterdemokraten gegen die Dämonen "Angst" und "Haß" zu kämpfen. Es ist Volksverhetzung im reinsten Wortsinn. Es sieht beinahe danach aus, als wolle der politisch-mediale Komplex die "Radikalisierung" der Linken wie der Rechten mit allen psychoterroristischen Mitteln herbeischreiben. Oder ist es nur ein wahnhafter Blindflug?

Hier habe ich für die Nachwelt eine kleine Collage aus Zeitungsmeldungen und Twitter- & Facebookdemoskopie gebastelt, die den laufenden Wahnsinn vielleicht besser vermittelt, als es mir hier gelungen ist. Wegen ihrer Größe mußte ich sie in zwei Hälften teilen. Man kann sie anklicken, vergrößern, und, so man will, eingehend darüber meditieren, welches Menetekel hier wohl allmählich sichtbar wird.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (45)

MARCEL
4. Juli 2019 08:53

"Bestrafe einen, erziehe hundert" (Mao Zedong). Danke für diese detaillierte Übersicht, die man sonst kaum zu lesen bekommt! Kampf gegen Rechts, Klimarettung, "Seenotrettung" u.ä. sind Vehikel zur Errichtung eines autoritären Regimes, das alles als Notverordnung ausgeben wird, was zu einer waschechten Diktatur gehört. Aus Sicht des Systems durchaus logisch, weil nur so gewährleistet wird, dass das Volk (zumal das deutsche) alle kommenden Qualen (EU, Euro, Target-2, Enteignungen, Abgabenlasten, Baby-Boomer-Rente etc. etc.) demütig ertragen wird. Ich hoffe, das Kalkül geht nicht auf!

Maiordomus
4. Juli 2019 09:01

Lichtmesz' Ausführlichkeit ist mehr als angebracht und insofern fundiert. Treffend wird auch die Neue Zürcher Zeitung genannt, wo unlängst die Identitären einschliesslich Sellner als "Brandstifter" verleumdet wurden, was in dieser Form als Lügenpresse zu bezeichnen ist. Meines Erachtens profiliert sich Sellner durch seine täglichen Rundumkommentare, teils Selbstverteidigung, teils politische Agitation, eher als Politiker denn als Metapolitiker, für welch letztere Aktivität ihm nicht die Intelligenz, eher schon das ruhige langfristige Studium fehlt; ohnehin scheinen mir seine philosophischen Grundlagen, zum Teil bei einem ziemlich schwachköpfigen Heidegger-Dozenten, Herausgeber der Schwarzen Hefte, angeeignet, noch nicht so, dass er sich als Intellektueller auf der notwendigen Höhe qualifiziert hätte, was ich Lichtmesz gegenüber weit eher einräumen würde. Im Ernst bin ich aber der Meinung, dass Sellner geistig, moralisch, politisch mehr drauf hat als etwa Strache und Co. und wenn schon, eigentlich dort einsteigen sollte, zumal er sich mit einem politischen Mandat auch immerhin so etwas wie die sog. parlamentarische Immunität, die natürlich nur begrenzt gilt, aneignen könnte.

Wie auch immer, Lichtmesz gibt ein korrektes und denkwürdiges Psychogramm des derzeitigen politischen Klimas. Was dessen Kollegen Sellner betrifft, neige ich unbeschadet von Selnners Neigung zu geschwätzigem Übereifer zu Solidarität mit ihm vor allem deswegen, weil ich einst in seinem Alter bzw. eher noch jünger damals selber Opfer eines rein politischen Haussuchungsterrors wurde, einschliesslich Schikanisierung meiner Braut und Haussuchung noch kurz nach der Hochzeit usw. , auch absolut grundloser Fichierung als Rechtsextremist usw. Unter solchen "Startbedingungen" war auch vor bald 5 Jahrzehnten an eine akademische Karriere im deutschen Sprachraum als Geisteswissenschaftler nicht zu denken, schon die Anstellung als Lehrer stets ein Spiessrutenlaufen.

Selber habe ich die innerrechte Auseinandersetzung, die ich nach wie vor notwendig halte, nie gescheut; würde mich selber wohl nicht einer Gruppe anschliessen, deren Definitionsmerkmale das "Identitäre" und der "Ethnozentrismus" sind, weil mir dies trotz eines anerkennenswerten Engagements als eine Engführung des politischen Programms vorkommt. Ich halte es nun aber völlig daneben, wenn eine Schweizer Rechtspostille, für die ich früher geschrieben habe, das Engagement zum Beispiel der Jungen Freiheit mit der "Harzburger Front" vergleicht. Und obwohl ich längst vor David Berger als Katholik auf geistesgeschichtlicher platonischer Basis für die Menschenwürde der Homosexuellen plädiert habe, halte ich dessen neuestes Engagement mit der entsprechenden Distanzeritis etwa gegenüber Schnellroda für einen Akt der Selbstbornierung. "Philosophia perennis" wäre eigentlich eine ehrwürdige Formel, denen das gedruckte Heft Sezession jenseits eines Sektiererblättchens in den letzten Jahren vielfach nachzuleben versuchte, zum Beispiel auch mit ausgezeichneten, breit gestreuten Buchrezensionen. Eine würdige Nachfolge von "Criticon", das ich vor Jahrzehnten ebenfalls abonniert hatte. Wie schon in früheren Blogs angedeutet, war mir etwa die hohe Qualität des Soziologen und Demographie-Forschers Rolf Peter Sieferle schon vor dessen Entdeckung durch die deutsche Rechte ein Begriff, auch wenn ich den Autor leider nicht mehr persönlich kennenlernen durfte. Denker dieser Art können meines Erachtens vor dem Gericht der Geschichte bestehen. In diese Richtung ist eine metapolitische Aufklärung zu erhoffen.

quarz
4. Juli 2019 09:50

Angesichts der statistisch belegten Tatsache, dass mehr politisch motivierte Gewalttaten gegen AfD-Politiker ausgeübt werden als gegen Politiker aller anderen Parteien zusammen schlage ich die Zuspitzung der Argumentation auf folgende Frage vor:

"Ist an einer politisch motivierten Gewalttat die Politik (Mit-)Schuld, gegen die sie sich richtet (weil die sie provoziert hat) oder ist daran die Kritik an dieser Politik (Mit-)Schuld (weil die sie dazu verhetzt hat)?"

Je nach dem, wie die Frage beantwortet wird, folgt daraus, entweder dass die Regierungspolitik (Mit-)Schuld am Lübke-Mord trägt oder dass die Kritik der Regierungsarteien an mehr Gewalttaten (Mit-)Schuld trägt als die oppositionelle Kritik. Tertium non datur.

Die Linke will natürlich ein "Weder noch" haben, aber das geht logisch nicht. Und das sollte man möglichst deutlich explizieren, damit eine Doppelstandard-Argumentation à la carte ("An linken Gewalttaten sind die Rechten Schuld, weil sie eine Notwehr gegen deren politischen Projekte darstellen, aber an rechten Gewalttaten sind auch die Rechten Schuld, weil sie durch ihre Ideologie, ihren Hass und ihre Hetze dazu getrieben werden") nicht mehr durchgeht.

Gustav Grambauer
4. Juli 2019 10:05

Mit dem Seitenzähler 13 Treffer für "mord" gezählt, teilweise aus den Systemquellen, teilweise von M. L. Bitte die Dogmatik der Tötungsdelikte und den Richtervorbehalt bei der Qualifizierung des Totschlags zu Mord beachten. Hitze rausnehmen!

"Wahnorama" - herrlich!

https://www.youtube.com/watch?v=AAD-VPi_CxI

Sehen wir die Raserei als Symptom der sich exponentiell steigernden Panik. Die Jahrtausendwende mit ihrem satanischen Hype ist vorbei. (Sie haben gedacht, das ginge ewig so weiter.) Aber jetzt haben sie die Hegemonie verloren. Mehr noch: sie sind eingekreist. Sie sind erkannt. Sie werden plötzlich nur noch mit dem sterilen Gummihandschuh angefaßt. Ihre "internationale Gemeinschaft" gibt ihnen immer drastischer die Abwendung vom Prinzip "Aus Gold Sch... machen" zu verstehen. Auch in in "ihrem" "Europa", wo sie einst in maßloser Arroganz den außerdeutschen Gurken den Krümmungswinkel prädiktieren konnten, sind sie nur noch isoliert, geschmäht und gehaßt. Mit ihrer Geldkofferonkel-Unsitte zur Lösung aller Probleme ist es mangels finanzieller Masse vorbei (sie werden jetzt u. a. nach dem bewährten Muster des Kalten Krieges "totgerüstet"). Sie sind gespalten. Sie werden von ihren eigenen Silowiki sabotiert und unentwegt auflaufen gelassen. Sie werden bei jeder Gelegenheit diplomatisch gedemütigt. Ihre "Operationen" mißlingen nur noch, was jedesmal hämisch und genüßlich in den Foren in allen Einzelheiten breitgeteten wird. Sie ersticken an ihren eigenen Lügen. Sie haben sich mit ihren gutmenschlich verbrämten Herrschaftssdiskursmethoden selbst schachmatt gesetzt (noch mal, weil er so köstlich ist, Danisch: "... Die haben sich die Sprache selbst so demoliert und kaputtgemacht, dass sie sich nicht mehr artikulieren können ...")

https://www.danisch.de/blog/2017/01/14/wenn-man-sich-selbst-die-sprache-kaputt-gemacht-hat/

Ihre Leitwölfin, in Osaka jetzt an den äußersten Rand des Gruppenbildes quarantänisiert, ist schon vom biblischen Zittern erfaßt. Ihnen dräuet die Wucht des bösen Schicksals. Das eingefangene und angestochene Tier mit seinen stinkenden Wunden schlägt nur noch wild um sich.

Also - Kopf nicht hängen lassen!

- G. G.

Der_Juergen
4. Juli 2019 10:15

Ein Kommentar, wie ihn mit dieser Prägnanz wohl nur Lichtmesz schreiben kann.

Die Höllenfahrt des Staates BRD vollzieht sich folgerichtig, wie in einer griechischen Tragödie, und die Bundesrepublik Österreich hinkt auf dem Weg zum Höllenschlund nicht weit hinterher.

Auch wer nicht an eine Rettung durch Wahlen glaubt, wird die enorme Bedeutung der Landtagswahlen im Herbst nicht verkennen. Wenn es der AFD gelingt, in den betreffenden östlichen Bundesländern jeweils um die 25% der Stimmen einzuheimsen, wird sie endgültig zu einer politischen Kraft, gegen die blosse Totschlagvokabeln nicht mehr weiterhelfen, und dass gerade im Osten der sozialpatriotische Flügel dominiert, muss das System in helle Panik versetzen. Ein neuer Fall Lübcke, nur um eine oder zwei Nummern grösser, käme dem deutschfeindlichen Parteienkartell da wie gerufen, und wer noch daran zweifelt, dass der VS einen solchen Fall notfalls selbst schaffen kann, der leidet fürwahr an Begriffsstutzigkeit.

Wenn der eine oder andere Vertreter der CDU oder einer anderen Systempartei den Terror der Antifa und anderer linker Krimineller beklagt, ist das blosse Heuchelei. Diese Brut wurde vom System selbst herangezüchtet, denn wem eine konzertierte Lügenpropaganda von Kindheit an eintrichtert, dass er einem Verbrechervolk angehört, der kann nur allzu leicht zum Schluss gelangen, dass dieses Verbrechervolk seine Taten nur durch sein Verschwinden zu sühnen vermag. Die Antifa, die Anschläge auf Identitäre oder auf AFD-Politiker, der allgegenwärtige Gesinnungsterror z. B. an den Universitäten - all das ist das Werk der herrschenden Clique.

In der Schweiz, wo ich diese Zeile schreibe, ist die Lage natürlich weitaus besser bzw. weniger schlecht, aber das liegt vor allem daran, dass die radikale Linke als Stosstrupp des Systems bei uns keine Opposition einzuschüchtern braucht, weil es - von winzigen Grüppchen wie der PNOS abgesehen - keine Opposition gibt. Die SVP, die gerne eine Opposition mimt, ist Regierungspartei und somit für die auch hier auf Hochtouren laufende Umvolkungspolitik ebenso verantwortlich wie für die ständige weitere Erosion der Grundrechte (nächstes Jahr wird mit 99%-Wahrscheinlichkeit auch die "Homophobie" strafbar werden, dank einer von den SVP-Bundesräten mitgetragenen Gesetzrevision, die vom verdummten Stimmvolk zweifellos abgesegnet werden wird).

RMH
4. Juli 2019 11:14

Völlig ohne intellektuelle Bemühungen geschrieben:

Dieses ewige Mantra der Linken, die rechten würden eine Täter-Opfer-Umkehr betreiben ist noch weniger stimmig, als der (gerne rechten unterstellten) Vorwurf an ein weibliches Opfer von sexueller Belästigung/Vergewaltigung im Sinne von "selber schuld, warum hast Du auch einen so kurzen Rock getragen".

Diese ganzen, fortlaufenden Selbstentblödungen der herrschenden Klassen und ihrer Medien führen immerhin dazu, dass man mittlerweile keine Lust mehr darauf verspürt, sich in jeden Disput zu verwickeln und man lieber immer öfter einfach schweigt.

Die Logik, wie sie @quarz fast schon lehrbuchmäßig an den Tag gelegt hat, werden diese Kreise nie im Leben kapieren, da sie bar jeglicher formalen Logik rein zweckgesteuert handeln.

Lichtmesz trifft mit jedem Wort. Die Bankrotterklärung des Rechtsstaates Österreich (Deutschland ist mit Sicherheit auch nicht besser) im Falle der fast schon immerwährenden Hausdurchsuchungen bei M. Sellner zeigen, dass Begrifflichkeiten wie "Übermaßverbot", "Verhältnismäßigkeit" etc., also Begriffe, die zum kleinen 1x1 eines jeden Juristen seit Semester Nr. 1 gehören, schon lange in den Orkus der Heiligung des Mittels durch den ach so guten Zweck des Kampfes gegen Rechts gespült wurden.

Gäbe es keine Rechten, ja man müsste Sie erfinden und selbst dann fällt mittlerweile fast jedem auf, dass die Demokratie-Simulation, in der wir offenkundig leben, nicht einmal mehr schlüssig aufrechterhalten werden kann, das Theater also noch nicht einmal mehr sauber zu Ende gespielt wird, was ganz aktuell der Postenschacher um das Amt des Präsidenten der EU-Kommission mehr als deutlich zeigt.

Erinnern wir uns kurz:

Vor der EU-Wahl:
Liebe rechts-konservative, konservative und Christen, bitte wählt Manfred Weber, einen gestandenen Niederbayern mit Herz für Europa, der, wenn die EVP die Mehrheit gewinnt oder zumindest stärkste Fraktion wird, dann als Kandidat für das Amt des Kommissionspräsidenten ins Rennen gehen wird, da dies dann dem Wählerwillen entspräche.

Nach der Wahl:
Der Kandidat Weber darf noch nicht einmal an den Startblock und wird gleich kalt gestellt (der Herr macht dazu natürlich rollenkonform gute Mine und wird mit einem anderen Posten abgespeist - scheint ihn ja auch nicht zu interessieren, was er selber vor der Wahl gesagt hat). Es wird gemauschelt, die Wahl ist vollkommen egal und am Ende wird die wohl qualifizierteste aller möglichen Personen präsentiert - immerhin, endlich eine Frau!

Ich denke, mehr "Offenbarung" als hier, hat man in der letzten Zeit selten geboten bekommen.

Caroline Sommerfeld
4. Juli 2019 11:19

@Marcel
Schauen Sie, was Österreich vorantreibt: den "Klimanotstand", FFF setzt sich durch bzw., da es eine Revolution von oben ist, FFF wird exekutiert: https://kurier.at/politik/inland/vorarlberg-ruft-als-erstes-bundesland-den-klimanotstand-aus/400542539.
Das lichtmeszsche "Wahnorama" und die Klima-"Notverordnungen" zum "Menschenschutz" (so ein Grün-Abgeordneter im verlinkten Artikel) passen bruchlos ineinander. Bleibt uns, auszubuchstabieren, wem und wozu diese Manöver dienen sollen.

zeitschnur
4. Juli 2019 12:35

Ausgezeichneter Kommentar zur mentalen Situation in der niedergehenden Bundesrepublik Deutschland. Mich erinnert dieses Treiben, das Herr Lichtmesz sehr treffsicher und mit teilweiser beißender Ironie schildert, an die Vorgänge im 16./17. und ausgehenden 18. Jh. Eine Hexenjagd, an Irrationalität und Wahnhaftigkeit kaum mehr zu überbieten, erfasst nach und nach selbst ansonsten halbwegs vernünftig denkende Menschen.

Vorgestern rief mich Infratest Dimap zu einer Umfrage an. Ich wurde u.a. gefragt, wie hoch ich die Gefahr von links, vom Islamismus und rechts einschätze auf einer Skala von vier Stufen. Ich sagte "eher gering" bei allen dreien.

Denn dieser Affenzirkus, den uns das System inzwischen seit Jahrzehnten vorspielt, wird als Dauertrigger inzwischen ohne jede Hemmung ausgewalzt: Erst wurden wir in meiner Kindheit und Jugend davon überzeugt, dass linke Terroristen "die Demokratie" bedrohen und hysterisch aufgeladen. Aber dann sickerte allmählich durch, dass die RAF ein staatlich inszeniertes Phantom war, der Filz zwischen Roten Brigaden und Kirche und Staat möglichst nicht ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung rücken sollte und mit eventuellen echten, gläubigen Linksradikalen nichts zu tun hatte. Auch diese Terroristen hinterließen bereits pflichtschuldigst ihre Pässe am Tatort. Die jeweils ermordeten Männer steckten in ganz anderen Problemen - meist mit dem System... das könnte auch bei diesem aktuellen Mord der Fall sein...
Dann kamen die "islamistischen Terroristen". Zuerst lernten wir aus Israel, dass sie Intifadas machen, mit Patronengürteln Kinder zum Selbstmord bringen und immer islamischer ticken. Man brachte uns bei, dass "der" Islam sowieso so ist und seine Kinder in die Luft jagt, schon immer und immer mehr. Als ob es keine Kamikazeflieger gegeben hätte und keine Kinderkreuzzüge, die aber natürlich nur Einzelfälle der eigenen Geschichten waren, die mit unserer Eigentlichkeit gaaar nichts zu tun haben, während beim Islam dies alles lautere Eigentlichkeit bzw Antieigentlichkeit im satanischen Sinne ist. Und schwupp häuften sich die islamistischen Terrorakte, wurden immer futuristischer und irrer, passierten immer kurz vor Wahlen und bereits geplanten Kriegen - und stets wusste man sofort, wer es war, Pässe waren meist wieder hinterlegt.
Leider fällt ein großer Teil der Rechten auf diesen Blödsinn immer noch herein. Doch dann war da diese Pressekonferenz mit dem Innenministerium, einmal kurz auf Phoenix übertragen, aber ich habs gesehen (!), und Journalisten fragten, wieso der VS den Amri eigentlich am Tag vor dem Attentat aus Dortmund nach Berlin gefahren habe, und noch andere stellten fest, dass mit dem ganzen Attentat irgendetwas nicht stimmt, genauso wie bei Charlie Hebdo, dem schlimmen Attentat in Paris 2015, mit 9-11, an dessen Ungereimtheiten inzwischen Tausende puzzeln und deren Filme YT nun allesamt als "Hatespeech" löscht, 2000 amerikanische Architekten und Bauingenieure nach einer erneuten Untersuchung verlangen (per Petition), und kein vernünftiger Mensch mehr an einen islamistischen Terrorakt glaubt, bei dem auch sauber Pässe hinterlassen wurden. Man hörte, dass Bin Laden auf der CIA-Gehaltsliste gestanden habe und vieles mehr. Desungeachtet gibt es natürlich radikale und sektiererische, und vor allem ungebildete, ungute Muslime! In diesem Wahn, der aber immer noch von links viel Gegenwehr erhielt, kam der seit Jahrzehnten aufrechterhaltene dritte Wahn immer stärker ins Spiel, wir seien unterwandert von "Rechten" und "Nazis", die nun "die Demokratie" bedrohen. Bloß: wo sind die eigentlich alle im wirklichen Leben? Stehen sie hinter Metzgerstheken, bauen Kühlschränke zusammen, spielen Klavier, schreinern Tische, arbeiten in Callcentern?

Vor allem habe ich schon im Studium versucht, so etwas wie eine "nationalsozialistische Ideologie" zu rekonstruieren und langsam begriffen, dass es sie nicht gibt. Was hier "Ideologie" genannt wird, ist eine klassische Collage aus wabernden Versatzstücken aus dem Sozialismus, faschistischen Elite-Volk-Rhizomgesellschaft-Idealen, darwinistischem Wahn, esoterischen Ideen vom Deutschtum, die alsbald irgendwelchen letztendlich wieder antivölkischen Universalismen weichen durften, klassischem Antijudaismus, Antikapitalismus, Zorn über das Versailler Diktat und die englische Geopolitik, nachdem Hitler gerade sie erst mal jahrelang als Lieblingspartner gehyped hatte, dazu ein Schuss Rosenberg und sublimierter Katholizismus (fast alle Nazigrößen waren bezeichnenderweise Katholiken), Verbindungen in Geheimlogen und theosophische Gruppen und vor allem eine Steuerung aus den USA und ihren geldschweren Patronen der "Bewegung", die ein erstes Riesenexperiment iS Edward Bernays wurde. Mal propagierte man Lebensraum im Osten, mal nicht, mal wollte man traditionelle Frauenbilder, mal ultramoderne, das alles ist "Nazi", mal wollte man das Handwerk und das Regionale stärken, dann zertrat man es zugunsten der Großindustrie - da ist so gut wie nichts in sich konsistent, und eigentlich erinnert mich diese Phase in dieser Inkonsistenz und Widersprüchlichkeit an die BRD unter Merkel, in der kein roter Faden mehr erkennbar ist und täglich der Widerspruch zum gestern Gesagten zelebriert wird. Auch war der WK II in sich absurd geführt, geht wohl nach den genaueren angelsächsischen Hochschulforschungen, aber auch deutschen Arbeiten wie der von Schulze Rhonhof eh nicht auf Deutschland zurück. Bis heute unklar ist geblieben, wann und wie und von wem die Absicht, die Juden zu deportieren in eine Vernichtung umschlug. Das hat bisher noch kein Mensch rational nachvollziehbar und mit Beweisen wirklich rekonstruieren können - selbst Hannah Arendt berichtet in ihrem Interview mit Gaus, dass sie und ihr Mann damals nicht geglaubt haben, dass das geschieht, eben weil es angesichts der Kriegslage im Osten strategisch völlig absurd war. Ich kann mich auch erinnern, dass einer meiner eher linken Professoren öffentlich sagte, dass er den Holocaust als reale Tat bis heute nicht versteht. Weder der Eichmannprozess noch die Nürnberger Prozesse konnten diese Frage beantworten. Er ist passiert, aber das Warum und die Spitzen einer anscheinend segmentierten Befehlskette, die nicht bei Hitler war, sind bis heute nicht geklärt.

Nun weiß aber der verbildete deutsche Michel nichts von dieser merkwürdigen Phänomenologie des NS und wie Lichtmesz es schreibt, wird eine Art dämonologisches Konzept des "Rechten" evoziert, das irgendwie immer und zwingend zum "Nazi" führen muss, dem Oberteufel inmitten seiner "kleineren" rechten Unterteufellegionen. Warum gerade in Deutschland wieder eine solche Empfänglichkeit für diesen Hexenwahn vorhanden ist (wie einst im 16./17. Jh)?

Wenn überhaupt etwas unsere Demokratie bedroht, dann ist es das politische und mediale Establishment unseres Staates und derer, denen sie verpflichtet sind. Alles andere ist verglichen damit geringfügig - ja, auch die linken Träumer, freudlos aus ihren Kopftüchern starrende Muslimfrauen samt ihren undisziplinierten und frustrierten Gebietern und irgendwelchen Altnazis. Der Terror ist Strategie und verkleidet sich nur. Frage ist, wie man diesen Wahnsinn wieder loswird.

Elvis Pressluft
4. Juli 2019 12:41

Danke an ML für die (bedrückende) Materialfülle, die aber das schon Bekannte grundsätzlich nur bestätigt. Traurige Ironie: Der Mord an einem „C“DU-Mann wäre noch in den 70ern den Linksextremisten Anlaß zu „klammheimlicher Freude“ gewesen. Linke Diskursethik ist eine contradictio in adiecto und war es immer. Das a priori gewünschte Ergebnis wird allenfalls durch autorotierendes Gelaber geadelt; es wird dadurch nur endgültig sakrosankt, einschließlich der Gewalt im Interesse der "Sache" (MIssion). Mit Linken ist kein Gespräch möglich – dies nochmals gegen sporadische Fantasien einer „Querfront“. Für Rechte kann es momentan nur um den Selbstschutz gehen: das Messer, das einem nicht in den Rücken plaziert wird, der Stein, der nicht im Wohnzimmerfenster landet, die Möglichkeit, sich im öffentlichen Raum annähernd sicher zu bewegen. Ich fürchte, diese Punkte sind zunächst vorrangig. Das ist gebotene Vorsicht, keine Paranoia. Laßt uns möglichst wenig Märtyrer haben; daran hängt das Weitere.

Laurenz
4. Juli 2019 13:33

Detaillierter Beitrag ... was die Mechanik der panischen Propaganda unserer medialen Einheitsfront angeht, so hat Herr Goergen auf Tichys heute einen trefflichen Artikel geschrieben, auch wenn das für uns hier keine neue Info ist, aber die Reichweite von Tichys ist höher. https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/goergens-feder/die-eu-demontiert-sich-selbst/

Mir redet Jasinna immer zu langatmig, aber das macht Ihre Gedanken zum Lübcke-Mord nicht schlecht, sondern immer noch überdenkenswert, da Bilder oft wirkungsvoller als Texte sind.
https://youtu.be/9K9JkbPArCg

@Maiordomus ... Ex-Kanzler und Kanzler-in-spe Kurz ist nur 4 Jahre älter als Herr Sellner und ein abgebrochener Jurist. Sie sehen, die Zertifizierung einer Person durch Ausbildung hat nicht direkt etwas mit irgendeiner Leistung oder Befähigung zu tun. Das mögen Sie, als pensionierter Beamter, gerne anders sehen, was aber Ihren Beitrag keinesfalls zu mehr als zu einer persönlichen Wahrheit macht. Anstatt im Modus der Alternativlosigkeit zu schreiben, wäre es nicht angemessener im Ton einer persönlichen Meinungsäußerung zu verbleiben?
Mir wäre es lieber, wenn Herr Sellner Politiker würde, weil es im Grunde nicht um geistige Masturbation mit folgendem Erguß inklusive Beifall klatschender Voyeure geht, sondern um politische Einflußnahme und Machtergreifung. Aber, wissen Sie, das ist nur meine persönliche Sicht.

Niekisch
4. Juli 2019 14:46

Gute Analyse und: A l l e s früher schon dagewesen und von uns gerade noch geduldeten AltRechtsLinken erlebt und durchgestanden.

quarz
4. Juli 2019 14:56

@zeitschnur

"Vor allem habe ich schon im Studium versucht, so etwas wie eine "nationalsozialistische Ideologie" zu rekonstruieren und langsam begriffen, dass es sie nicht gibt. Was hier "Ideologie" genannt wird, ist eine klassische Collage aus wabernden Versatzstücken ... "

Das ist ein äußerst interessanter Gesichtspunkt, steht er doch in diametralem Kontrast zu der Sichtweise, die uns üblicherweise eingetrichtert wird. Nach dieser hat der NS einen Wesenskern, den wir wie eine Elementarsubstanz handhaben und einfach so gut wie möglich als Ingrediens für unser Denken, Trachten und Handeln vermeiden müssen.

Wenn er nun aber das Ergebnis des Zusammentreffens von ideologischen und situativen Kompenenten ist, wie Sie es darstellen, dann verliert die übliche Rede vom "Nie wieder" und "Wehret den Anfängen" fast vollständig ihren Sinn, da eine erneute Bündelung all dieser Umstände extrem unwahrscheinlich ist. Wir haben es dann eben nicht mit einem Dämon zu tun, der zu verschiedenen Zeiten auferstehen und wirksam werden kann, sondern eher mit einem Haufen von weltanschaulichen Mikadostäben, deren Reetablierung in dieser Kombination nicht ernsthaft zu erwarten ist.

Aber von der essentialistischen Zombie-Konzeption des NS lebt der landläufige Antifaschismus. Fällt diese Prämisse weg, dann bricht seine Mission zusammen wie ein Kartenhaus.

Als notorischer Quantifizierer denke ich bereits an den Versuch, das Problem einer (im technischen Sinne) Faktorenanalyse zu unterziehen und zu sehen, ob der NS als eigenständiger Faktor auftaucht oder nicht, aber ich will den Bogen nicht überspannen.

Thymotiker
4. Juli 2019 16:00

Repression ist schrecklich aber normal, gehört zur politischen Erfahrung. Repression heißt, der Gegner nimmt uns (die Rechte, die Patrioten) ernst. Seine Maßlosigkeit zeigt, wie blank seine Nerven liegen.

Die Eliten sind so investiert in Globalismus, Bevölkerungsaustausch, radikale Diversität, ins Anywhere, dass es natürlich kein Zurück mehr gibt für sie.
Wahlstrategisch, koalitionsstrategisch steht die CDU gerade in den Bundesländern der ehemaligen DDR mit dem Rücken zur Wand. Wenn sie nicht mit der AfD koalieren will bleibt ihr nur solche Bündnispolitik, die sie mittelfristig aufreiben wird, ähnlich wie Linke+Grüne die SPD zerrieben haben. Deutschland wird zeitgleich immer linker und rechter. Das ist die Zuspitzung der Lage.

Denkt dran, wir - die wir eine Alternative anstreben - stehen nicht allein in Europa, im Westen und in der Welt. Rechtspopulisten kommen überall.
Denkt dran, jede Krise - Wirtschaftskrise, neue Flüchtlingskrise oder was anderes, z.B. ernste militärische Spannung - kann dem juste milieu den Todesstoß versetzen. Und sowas können die kaum beeinflussen.
Ich überlege mir auch, wie wohl Taubers Grundrechteentzug auf Millionen von ehemaligen DDR-Bürgern wirken muss?
Wer Courage behält, geht gestärkt an rechter Solidarität und politischem Wille aus solcher Repression hervor. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Und was ist mit den Sonntagsumfragen der Demoskopen? Die AfD steht trotz größenwahnsinniger Hetze aus Politik und Presse überall fest bei 12-14%. Viele Wähler/Sympathisanten wurden nun durch diese bodenlose Hetze und Repressionsandrohung feuergetauft, denke ich! Man sieht jetzt - wie 2015 - mit offenerem Auge als zuvor. Auch eine noch weitere Radikalisierung der Linken, die ich u.a. aus der Tweet-Colage entnehme, wird sich eher als Eigentor erweisen. Ob sich die Strategen der Altparteien diesmal nicht einen Bärendienst erwiesen haben? Wir haben nicht mehr das Jahr 2000, wie beim "Aufstand der (Un)Anständigen". Es ist in Deutschland und in der Welt zuviel passiert. Die Problemlage ist nunmal objektiv.

Ruhe bewahren, an die Lage angepasst mit noch mehr Elan weitermachen! Das Establishment verschießt sein (vor)letztes Pulver. Wir gewinnen!

Waldgaenger aus Schwaben
4. Juli 2019 16:50

Werden mir Verbrechen von Rechtsextremen oder problematische Aussagen rechter Politiker, vorgehalten, erwidere ich stereotyp:

Das ist ein Einzelfall, den man nicht verallgemeinern darf. Es gibt Statistiken, die belegen, dass Menschen mit rechtem Hintergrund nicht krimineller sind, als Menschen ohne solchen Hintergrund. Solche schrecklichen Einzelfälle dürfen nicht dazu instrumentalisiert werden, um Hass und Hetze gegen rechte Menschen zu verbreiten. Hass und Hetze müssen wir alle entschieden entgegen treten.

marodeur
4. Juli 2019 16:59

Auf genau diesen Kommentar von Lichtmesz warte ich schon seit Tagen. Ihre geschliffene Sicht kombiniert mit diesem Fleiß bei der Zusammenstellung von treffendem Material ist immer wieder beeindruckend.

@zeitschnur:
Ihre These vom fehlenden Wesenskern des Nationalsozialismus macht mich neugierig. Haben sie dazu weiterführende Literaturtipps? Ich bin noch etwas skeptisch, aber im Grunde wegen dieser frischen und unvernagelten Sichtweisen bei Sezession hängengeblieben. Ich würde mich freuen, wenn sie den Gedanken noch etwas ausführen.

Monika
4. Juli 2019 17:37

Wie immer die klare Analyse eines politischen Ereignisses.
Könnte man diese Lichtmesz‘chen Analysen nicht auch in Buchform zusammenfassen ? Als eine „Chronik der laufenden Ereignisse ?“ Als Zeitdokument ?
Zu diesem Thema drei Ergänzungen
1. Es gibt in diesen hysterischen Zeiten auch immer wieder Stimmen der Vernunft. Etwa Kristina Schröder, die ehemalige Familienministerin. Sie betont, dass nicht „rechts“ das Problem ist, sondern der Rechtsextremismus und dass beim Kampf gegen Rechts der Kampf gegen den Rechtsextremismus vernachlässigt wird.
2. Nach dem Tod von Walter Lübcke demonstrierte die Antifa in Hamburg gegen „rechten Terror und Rassismus“. Dazu ein Twitterer süffisant:“Walter Lübcke wird von der Linken geehrt, als wäre der CDU-Mann einer von ihnen gewesen. Das ist doch Menschlichkeit in seiner schönsten Form.“ Dem linksradikalen Joschka Fischer ging 1978 diese Menschlichkeit allerdings ab. Ihm kam „bei den drei hohen Herren ( die von der RAF ermordeten Herren Schleyer, Buback, Ponto) keine rechte Trauer auf.“ Warum wohl ?
3. Ein mehr als seltsamer Kommentar findet sich in der FAZ vom 30.6.19 von Claudius Seidel „Wessen Moral“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/mord-an-luebcke-wer-hat-dem-taeter-eingeredet-es-gehe-um-widerstand-16260363.html
Seidel sinniert darüber, dass Attentate auf Politiker als Akt des Terrors oder als Tyrannenmord gesehen werden können und dass darüber die Geschichte entscheidet. Eine Überlegung, auf die unsereins im Falle Lübcke erst mal kommen muss. „Die Annahme, der Mörder von Kassel könnte sich selbst mit Stauffenberg, sein Opfer Walter Lübcke mit Hitler und, womöglich, Alexander Gauland mit Stefan George verwechseln“ , erscheint Claudius zwar gar zu absurd. ( Allerdings nicht, weil der mutmaßliche Mörder höchstwahrscheinlich weder Stauffenberg noch George kennt). Trotzdem überlegt er:
Wenn es aus Sicht des Mörders aber doch eine Widerstandshandlung gewesen sein könnte ? Dann, ja dann, so Seidel „dann muss man nicht lange suchen, woher der Täter seine Legitimation bezieht. Zitat:
„Man braucht noch nicht einmal Höckes schwärzeste Sätze zu zitieren. Es war der Bürgerlichkeitsdarsteller Alexander Gauland, der die Kanzlerin eine „Kanzlerdiktatorin“ nannte und deren Politik den „Versuch, das deutsche Volk allmählich zu ersetzen durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeigekommene Bevölkerung“. Als was soll man solche Sätze lesen, wenn nicht als Ausdruck einer paranoiden Vernunft? Und als Aufforderung zum Widerstand ?“
Zitatende.

Niekisch
4. Juli 2019 18:15

"Haufen von weltanschaulichen Mikadostäben, deren Reetablierung in dieser Kombination nicht ernsthaft zu erwarten ist."

@ quarz 14:56: Wegen § 130 IV StGB -Volksverhetzung, Strafandrohung bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe- kann diese Frage hier nicht diskutiert werden, deswegen nenne ich für meine Gegenbehauptung einer systemischen Weltanschauung des Nationalsozialismus lediglich Literatur:

1. Steding, Christoph, Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 5. Auflage 1943, 772 Seiten.

2. Beck, Friedrich Alfred, Aufgang des germanischen Weltalters, Carl Feldmüller, Bochum, 1944, 292 Seiten und 20 weitere Werke weltanschaulich-politischen, philosophischen und psychologischen Inhalts.

3. Huber, Ernst Rudolf, Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches, Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 2. Auflage 1939, 527 Seiten.

4. Hartung, Fritz, Deutsche Verfassungsgeschichte, 5., neubearbeitete Auflage, K.F. Koehler Verlag Stuttgart, 1950, S. 343-356.

Der Nationalsozialismus als Idee des 19. und 20. Jahrhunderts ist nie untergegangen, mit seiner erneuten politischen Wirksamkeit ist leider zu rechnen, da dieser Idee aus Rechts- und Machtgründen keine Gelegenheit zur zeit- und zukunftsgemäßen Revision gegeben wird.

Laurenz
4. Juli 2019 19:21

@marodeur & zeitschnur .... Ihr Thema ist immer schwierig öffentlich zu debattieren. Man steht leicht mit einem Bein im Knast. Ich muß mal schauen, ob ich nicht eine recht neutrale ideologische Zusammenfassung des Nationalsozialismus finde.

Fakt ist, daß offiziell die Endlösung während des Wannsee-Konferenz Ende Januar 42 beschlossen wurde. Allerdings sind vom Protokoll nur noch Fragmente von Kopien erhalten.

Die Geschichte, die Sie ansprechen, ist vielleicht aus dem Verlust des 1. Weltkriegs, den Geschehnissen während der Versailler Vertragsverhandlungen, den ökonomischen Zuständen der Weimarer Zeit im Bezug zum Ausland, den Sanktionen gegen das Reich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und letztendlich aus dem (wahrscheinlich vorausgesehenen) Scheitern des Unternehmens Barbarossa zu erklären und natürlich mit der persönlichen Perspektive der Machthaber, die ja dann auch eintrat.

Für manchen mag es daher nachvollziehbar sein, daß, wenn der eigene Untergang droht, ein Mitnahme-Effekt vonstatten geht.

Wie sagte mal Präsident Putin einst? Wenn Er Massenvernichtungswaffen im Irak gesucht hätte, dann hätte Er auch welche gefunden.

Es ist leichter, die Geschichte aus der Sicht ausländischer Autoren zu betrachten, aber auch das beschützt einen nicht unbedingt, wenn man in die historische Kopfschuß-Zone gerät, wie das Beispiel David Irving zeigt.

zeitschnur
4. Juli 2019 19:31

@ quarz

Sie haben mich richtig verstanden: wenn das so sein sollte, wie ich schreibe, wird der NS nie mehr so wiederkehren, ja: er kann es gar nicht.
Was aber wiederkehren kann, ist eine neue Collage mit bestimmten, "maßnahmen"orientierten Administrationsformen.
Ich sehe dieses Detail eher in unserem derzeitigen System des Establishments aufsteigen, etwa dieser sich potenzierende Rechtsbruch trotz weiterbestehender Verfassung - auch der NS fußte formal auf der Weimarer Verfassung, die niemals abgeschafft, nur punktuell modifiziert wurde und hebelte das Recht immer dreister aus.
Eine typische "Maßnahme" anstelle einer präzisen Rechtsnorm ist das ominöse "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" vom 30.6.2017, das der damalige Justizminister Heiko Maas, der mich frappierend physiognomisch, aber auch vom Gehabe her an einen der Schreibtischtäter der damaligen Zeit erinnert, und mit diesem Gesetzesschwamm eine ähnlich weit auffassbare Keule wie die Revision des Heimtückegesetzes von 1934 schuf - beides Gesetze, die faktisch die Notwendigkeit juristischer Prüfung angeblicher Straftaten aushebelt.
Auch Macron wartete im Wahlkampf mit solchen "Maßnahmen"-Vorstellungen auf, etwa dass die Polizei mutmaßliche Täter an Ort und Stelle und ohne juristische Prüfung mit Bußgeldern abkassiert, weswegen ihn sinnigerweise LePen an die mangelnde Rechtsstaatlichkeit solcher Vorschläge erinnern musste...

Noch ein Wort zum "Faschismus": an der Stelle stimme ich ML nicht zu. Faschismus ist die Bündelung aller elitären gesellschaftlichen und politischen Kräfte zur Herrschaft über das kollektivierte Volk, hat also immer eine quasisozialistische Komponente. Unten wuchert das "Rhizom", von dem derzeit so gerne im Establishment schwadroniert wird, ganz im Sinne der Quantenphysik, oben reißen die ans Licht strebenden Führer des Rhizoms das Maul auf und sorgen dafür, dass das Wurzelgeflecht schön unten und unterbelichtet bleibt.

Für solche faschistischen Gebilde brauchen Sie keine Ideologie mehr - was die Elite ansagt, wird gemacht, und sie sagt es nicht als Befehl, sondern mittels Manipulation an, heute diese Sau, morgen jene, die sie durch Dorf schickt, dann hie und da ein nettes Kriegchen oder eine schmackhafte Hexenjagd auf ahnungslose, nun dämonisierte Rhizomabweichler... und wenn es ganz wild kommt, wendet man die Haltet-den-Dieb-Taktik an. Ansonsten bestickt man mit Moralismus und Frontalunterricht des Volkes, das man gegen den gemeinsamen Feind einschwört.

Und genau dieses Phänomen legte bereits der NS-Staat an den Tag, der aber seinerseits unter der Knute seiner angelsächsischen Geldgeber und Erpresser gestanden haben dürfte, die wiederum ihn manipulierten, wo es ging.

Es gibt also neue Collagen, aber niemals Wiederauflagen der alten.

Laurenz
4. Juli 2019 20:30

@Niekisch .... betrachten Sie doch China. Ein autoritäres politisches System, mit relativ freier Wirtschaft unter staatlicher Kontrolle, wie Einflußnahme. Deng Xiaoping wußte genau, was Er tat und ist bis heute, auch 21 oder 22 Jahre nach Seinem Tod damit noch außerordentlich und wirtschaftswunderlich erfolgreich. Er hatte nur vergessen, den Namen der Partei zu ändern, aber überflüssige Marx-Figuren verschenkt man nach Deutschland.
Die linke deutsche Presse schreibt schon seit 1979 bis heute über den inneren Widerspruch der KP Chinas. Es gibt keinen inneren Widerspruch.

zeitschnur
4. Juli 2019 21:58

@ Laurenz

Fakt ist, dass selbst in den Protokollüberresten der Wannseekonferenz keine Vernichtung geplant wurde, sondern eine Evakuierung.
Das sind nun mal kategorisch verschiedene Dinge. Es ist zu einfach zu sagen, das sei halt dann irgendwie umgeschlagen, weil die Nazis ja eh böse, irrational und monströs waren.
Über die Frage wird immer wieder geschrieben, und Martin Broszat hat schließlich erklärt, die Untat müsse dann irgendwie dezentral und schubweise halt irgendwie sich ereignet haben.
Das kann aber kein vernünftiger Mensch annehmen, der die hochgradige und natürlich perverse Effizienz, die sich hier in kürzester Zeit vollzog, ernsthaft und mit logistischem Verstand und Realitätssinn betrachtet: so etwas funktioniert ausschließlich durch eine extrem hierarchische Befehlskette. Nun konnte aber genau sie nicht rekonstruiert werden - wie ich sagte weder in Nürnberg noch in Jerusalem. Einer der Ankläger damals, Gabriel Bach, flüchtete sich in die Meinung, dann müsse eben Eichmann selbst der Kopf des Unternehmens gewesen sein. Dagegen sprechen aber so viele Indizien und Tatsachen, dass mir das abwegig erscheint. Hier sind objektiv Fragen offen - und nicht nur hier. Worauf Sie möglicherweise anspielen: eine Leugnung ist genauso abwegig, damit habe ich nichts zu tun und lehne solche Ideen ab, denn wir wissen, dass diese vielen Menschen umgekommen sind, sogar in der eigenen Familie. Wer das leugnet, müsste erklären, wo all die Menschen sonst geblieben sein sollten. An dem Verbrechen ist nicht zu zweifeln.

@ Niekisch

Ich habe nicht behauptet, dass nicht so etwas wie Ideologeme im NS kursierten, über die man Forschungsarbeiten produziert hat! Nur waren sie nicht konsistent. Es gibt ja im übrigen auch keinen basalen Ideengeber, wie aufseiten des Sozialismus und Kommunismus Marx.
Wenn Sie etwa die große Forschungsarbeit Gisela Bocks über Frauen im NS-Staat lesen, wird Ihnen ein Licht drüber aufgehen, dass hier keine konsistente Ideologie vorlag. Tatsächlich wandelten sich die "Maßnahmen" und Konzepte etwa der Stellung der Frau für die NS-Gesellschaft ständig bis hin zum Gegenteil.
Oder nehmen Sie ein Phänomen wie die Beziehung des NS zu Schiller: Noch 1942 kam Lotte Neumanns Film über den jungen rebellischen Schiller in die Kinos ("Triumph eines Genies"), der einen aufmüpfigen, genialen und aufklärerischen Helden zeigt. Der Film war ein Erfolg... aber ein Jahr später wurden dennoch an sämtlichen deutschen Bühnen "Wilhelm Tell" und "Don Karlos" verboten, geschweige denn eine genauere Befassung mit Schillers merkwürdigem Ende, über das Mathilde Ludendorff ein Buch geschrieben hatte. MW hat Goebbels dieses Buch Ls sogar verboten. Versteht sich von selbst, dass auch eine Befassung mit "Demetrius" absolut nicht erwünscht war. Der Kinofilm steht aber all diesen Texten Schillers sehr nahe...
So könnte ich Ihnen viele, viele Beispiele anführen.

Und wer mischte alles mit in diesem Staat? Das war auch nicht konsistent. Ein Franz von Papen, der im übrigen Päpstlicher Geheimkämmerer auch schon zu NS-Zeiten war, also Mitglied der Päpstlichen Familie und v.a. dem Vatikan verpflichtet, im Prinzip ein Politiker Roms und Berlins, der so überraschend ungeschoren freigesprochen wurde in Nürnberg. Was hatte der mit einem Himmler zu schaffen und seinen esoterischen Ritualen?
Auf den ersten Blick nichts, ein zweiter Blick wird uns ja meist verwehrt...
Wo war das Tertium? Ich sehe es wirklich nicht, und die "Rassepolitik" war nicht spezifisch NS, sondern ein in der Zeit liegender eugenischer Wahn, dem auch die Fabian Society anhing, der in der USA ebenfalls ausgelebt wurde (Zwangssterilisationen von Personen, die sich nicht fortpflanzen sollten, Lynchjustiz gegen Schwarze in den Käffern, ohne dass Behörden eingegriffen hätten, Errichtung von "Reservaten" für die Ureinwohner und nicht zuletzt eine starke Hetze gegen die Deutschen inklusive örtlichen Verfolgungen — natürlich lange vor Hitler), die Gaskammer erfand, soweit ich weiß, begrifflich George Bernard Shaw („letal chamber“) und die NS-Rede von "Untermenschen" ist eine Übersetzung des rassistischen amerikanischen Wortes "Undermen", das dort schon lange vor 1930 aufgekommen und angewendet worden war.
Was bleibt an Spezifischem, an "Alleinstellungsmerkmal" also übrig, das den NS im Kern durchweg von Anfang an bis heute ausmachte?
Wer es weiß, möge es mir gerne mitteilen.

Atz
4. Juli 2019 22:49

Eine eher unbekannte Fußnote der Geschichte ist, dass die Faschisten für Ernst Thälmann die Leute der SPD waren. Die sogenannte Sozialfaschismusthese. Den so verlautbarte Onkel Jo: "Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus."

Die Frage ist zu erforschen, warum die "Linke" immer nur noch ihre Gegner kleinmachen und gesellschaftlich ausgrenzen will, aber ganz unklar geworden ist, was sie eigentlich will.

Marx hat man sich in der DDR ins Regal gestellt, aber die Wirtschaft nicht nach ihm organisiert. Das ginge auch gar nicht, weil er nichts hinterlassen hat in dieser Hinsicht.

Gustav Grambauer
5. Juli 2019 08:01

Atz

"Eine eher unbekannte Fußnote der Geschichte ist, dass die Faschisten für Ernst Thälmann die Leute der SPD waren. Die sogenannte Sozialfaschismusthese. Den so verlautbarte Onkel Jo ..."

Höre manchmal den Spruch "Wer hat uns verraten - Sozialdemokraten". Vorsicht damit, er ist explizit im Kontext der verkrachten kommunistisch-sozialdemokratischen Beziehungskiste zu sehen. Die Sozialfaschismus-Doktrin wurde im Radikalinski-Deutschland besonders dankbar aufgenommen, denn - unbestreitbar - sind die Sozen als Mörder von "Karl & Rosa" in mittelbarer Täterschaft zu sehen ("Einer muß der Bluthund sein"). Dieser Tatbestand ist heute nach hundert Jahren noch das unausgesprochen im Raum stehende Kompromat wenn z. B. Gysi mit der SPD verhandelt, zumal dies der Masse der einfachen Sozialdemokraten gar nicht klar ist.

Vorsicht auch mit Onkel Jo. Die Sozialfaschismus-Doktrin wurde nicht von ihm sondern von der KOMINTERN lanciert, auch wenn beide sehr taktiert und Nebel verbreitet haben und insofern das Zitat wohl über seine Lippen (!) kam. Die KOMINTERN war das Instrument, mit dem der Globale Prädiktor die kommunistische Bewegung und die Sowjetregierung steuern wollte, was ihm aber nur phasenweise (insbesondere 1925 bis 1935) gelungen ist. Stalin hat die KOMINTERN gleich nach dem Sieg `45 zerschlagen können. Der Globale Prädiktor hat damals alles getan, um Hitler hochzuzüchten, wozu die Sozialfaschismus-Doktrin ja diente, während Stalin nicht spalten (das ist ihr Kern!) sondern die Volksfront bzw. Einheitsfront (- eben, wir sind im Zäsur-Jahr 1935 der bereits halben Entmachtung der KOMINTERN -) hervorbringen wollte und spiritus rector des sehr im russischen Chauvinalinteresses stehenden Molotow-Ribbentrop-Paktes war, mit welchem er die Fremdsteuerung der Sowjetunion durch die globale Steuerungsstruktur aushebeln und den Krieg hinauszögern wollte.

Schöne Anekdote: Frau Enkelmann, die Chefin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hat an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, der Staatsideologiebrutstätte, höher ging`s nicht, promoviert und war Dozentin im Fach Geschichte an der nach dem EKKI-Mann Wilhelm Pieck benannten FDJ-"Hoch"(???)schule - aber nicht mal sie durfte wissen, daß es einen Molotow-Ribbentrop-Pakt gab. Das war das prahlerische "hohe Bildungsniveau"! (ab 16:24)

https://www.youtube.com/watch?v=1cNXI6YSStM

- G. G.

Valjean72
5. Juli 2019 08:27

Zitat von Thymotiker:

“Repression ist schrecklich aber normal, gehört zur politischen Erfahrung. Repression heißt, der Gegner nimmt uns (die Rechte, die Patrioten) ernst. Seine Maßlosigkeit zeigt, wie blank seine Nerven liegen.
Die Eliten sind so investiert in Globalismus, Bevölkerungsaustausch, radikale Diversität, ins Anywhere, dass es natürlich kein Zurück mehr gibt für sie...“

Ich teile diese Einschätzung und daher traue ich den übergeordneten „Eliten“ nicht nur zu, Ereignisse in ihrem Sinne umzudeuten und (im Kampf gegen „rechts“) auszuschlachten, sondern diese auch willentlich herbeizuführen, um medial wirksame Kampagnen gegen den politischen Gegner mit dem Ziele der Zerschlagung fahren zu können.

Daneben wird das „Nazi-Gespenst“ aufrechterhalten und somit das Gros der Unbedarften aber auch der „überzeugten Antifaschisten“ eingefangen und weiterhin fest an den Meinungs-Mainstream gebunden.

Helmut Schmidt tätigte im Jahr 2007 in einem Interview mit seiner Hauszeitung folgende erstaunliche Aussage:

ZEIT: Gab es denn eine besondere Form des Terrorismus in Deutschland durch Baader, Meinhof und die anderen?

Schmidt: Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terrorismen, egal, ob die deutsche RAF, die italienischen Brigate Rosse, die Franzosen, Iren, Spanier oder Araber, in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus.

ZEIT: Ist das Ihr Ernst? Wen meinen Sie?

Schmidt: Belassen wir es dabei. Aber ich meine wirklich, was ich sage.

(Quelle: ZEIT.de; 30.08.2007)

Zitat von Zeitschnur:

“Erst wurden wir in meiner Kindheit und Jugend davon überzeugt, dass linke Terroristen "die Demokratie" bedrohen und hysterisch aufgeladen. Aber dann sickerte allmählich durch, dass die RAF ein staatlich inszeniertes Phantom war, ...“

Mindestens für die sogenannte Dritte Generation der RAF – auf deren Konto die Morde an Herrhausen und Rohwedder gingen - trifft mE das Etikett Staatsterrorismus (d.h. von staatlichen, bzw. staatsnahen Strukturen gelenkter Terrorismus) zu.

Und dass mit der offiziellen Version der NSU-Morde etwas gewaltig nicht stimmt, sollte hier Konsens sein.

Schließen will ich mit meiner Zustimmung zu der von Martin Lichtmesz am Ende seines Artikels dargelegten Auflassung, dass eine zunehmende Radikalisierung der politischen Kräfte seitens des „politisch-medialen Komplexes“ offenbar angestrebt wird.

Monika
5. Juli 2019 09:00

Wenn die Kommentare länger sind als der Gastbeitrag und sich kaum mehr auf diesen beziehen,
wenn Altphilologen, Oberstudienräte und Ornithologen sich ihr Expertenwissen um die Ohren hauen als ginge es darum, das Geheimnis um die Vorhaut Jesu zu lösen,
dann bist du bei SiN !!!
Ich empfehle dringend das Buch von Carolo Winterfeld:
Wir erziehen - 10 Grundsätze für Kommentatoren
Die dürft ihr formulieren:))

H. M. Richter
5. Juli 2019 09:10

@ zeitschnur

[...] das der damalige Justizminister Heiko Maas, der mich frappierend physiognomisch, aber auch vom Gehabe her an einen der Schreibtischtäter der damaligen Zeit erinnert [...]
_______________________________________________

Spätestens dann, wenn eine ohnehin gegebene, ganz außergewöhnliche Ähnlichkeit bis in die gewählte Brillenform hineinreicht, wird es unheimlich. Es gibt bei Jünger eine Stelle, wo er auf derartige Pänomene eingeht. Dort heißt es, wenn ich mich recht erinnere, daß es mit diesen, wo sie ein gewisses Maß überschreiten, stets eine tiefere Bewandtnis hat.
____

Ganz unabhängig davon las ich Ihre hiesigen Einlassungen mit stetig wachsendem Interesse. Dank dafür an dieser Stelle.

Gustav
5. Juli 2019 10:03

Elizabeth Becker, die ein sehr beeindruckendes Buch über Kambodscha und das Herrschaftssystem von „Bruder Nr. 1“, also Pol Pot, geschrieben hat, stellte die Achtundsechziger-Generation als politisch-ideologische Strömung damit wie folgt in Verbindung: „Der Unterschied zwischen den Roten Khmer und den meisten ihrer revolutionären romantischen Zeitgenossen, der einem das Herz stillstehen lässt, besteht darin, dass die Kambodschaner tatsächlich gewonnen haben und ihre revolutionären Ideen umsetzten“.

Kann man wirklich davon ausgehen, dass die Achtundsechziger, wie Elizabeth Becker in ihrem Buch über Kambodscha unterstellt, Pol Pot-artige Verhältnisse verwirklicht hätten, wenn es ihnen auch außerhalb dieses asiatischen Landes, etwa in der Bundesrepublik Deutschland, gelungen wäre, die Macht zu übernehmen? Diese Frage ist zumindest auf einer ideologischen Ebene eindeutig zu bejahen. Wie sich dies realpolitisch dargestellt hätte, kann nicht gesagt werden. Hingewiesen sei auf die berühmte „Fischmehlfabrik“, die unter K-Gruppen-Anhängern angedroht wurde – wobei sich die damaligen Protagonisten noch immer darüber streiten, ob damit nur ein Arbeitslager, also KZ-Einweisung, gemeint war oder doch ein Vernichtungslager.

Wie konnte eine derartige mörderische Polit-Figur wie Ernesto Che Guevara zum Gegenstand eines weltweit blühenden, aber insbesondere in der BRD wirkenden Jugendkults werden, der vor allem dem toten „Che“ galt und sogar Anzeichen eines quasireligiösen Auferstehungsglaubens zeitigte?

Enzensberger schrieb seinerzeit vom „rücksichtslosen manichäischen Blick“, den die Weltvölker auf ihre Unterdrücker würfen. Die manichäische Weltbrand- und Reinigungs-Lehre hat der jugendlich wirkende, Christus-Ikonen imitierende „Che“ für ein westliches Publikum am besten verkörpert: Nach Sven G. Papcke hat „Che“ eine „Lehre vom Menschen“ entworfen, die „die Annihilation des anderen fordert, um jenseits aller Egozentrik neue, menschliche Zustände zu schaffen“. Dass diese Selbsterschaffung des „neuen Menschen“ nur durch den „absoluten Krieg“ möglich wäre, den ein früherer Vertreter des manichäischen Typus als „totalen“ angesehen hatte, der nichts anderes als „die Erlösung der Menschheit“ zum Ziele hat, ist natürlich klar. Um diese Menschheitserlösung zu erreichen, müssten – so „Che“ – die „Soldaten der Revolution“ beseelt sein vom „unbeugsamen Hass dem Feind gegenüber“, der die Menschheitserlöser „in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt“.

Über den SPD-Gründer Ferdinand Lassalle schreibt sein Biograph Thilo Ramm: „Es führt doch der Weg in die Freiheit durch den denkbar größten Zwang, wird doch der Friede der Menschheit durch Vernichtungskriege erreicht, das irdische Paradies durch Betrug und Mord verwirklicht und im Namen des Glücks und der Wohlfahrt der Menschheit unzählige Familien zerstört, Menschenleben vernichtet und Völker ausgerottet. "

Da braucht man sich über die Zukunft keine Illusionen zu machen.....

Niekisch
5. Juli 2019 10:47

@ zeitschnur 4.7. 21:58: Wie Sie schnell feststellen können, habe ich mich explizit mit @ quarz auseinandergesetzt, der(oder die) von "weltanschaulichen Mikadostäben" sprach, wohl im Sinne von einem wirr durcheinanderliegenden Haufen. Dem habe ich widersprochen und durch die Auswahl der Literatur das damalige philosophisch-weltanschauliche Bemühen zu belegen versucht. Weniger bei Steding, mehr bei Beck ist eine begriffliche Systematik zu erkennen, die bis in die Weltpolitik reicht. Daß dieses Weltanschauungsgerüst selbst Mitte 1944 nicht ans Haus gestellt war, ist erklärlich. Denn eine tatsächliche politische Wirkkraft des Nationalsozialismus hat sich frühestens 1930 mit dem Einzug von 107 Abgeordneten der NSDAP in den Reichstag entfaltet und ist als politische Bewegung schon 15 Jahre später untergegangen. Man vergleiche diese kurze Wegstrecke mit dem Ultramarathon der SPD.
Die von Ihnen völlig zu Recht genannten Widersprüchlichkeiten, ja Absurditäten der NS-Wirklichkeit verunmöglichen m.E. nicht ein Aufblühen aus dem insbesondere bei Beck niedergelegten Wesenskern, wenn er zeit- und wissenschaftsgemäß gehärtet wird. Nicht umsonst hat Peter Glotz auf die von nur 1000 jungen Leuten ausgehende Gefahr hingewiesen, falls diese ein in sich schlüssiges und effektiv zu vermarktendes Konzept finden und als Gegenöffentlichkeit präsentieren. Da könnte der Konservatismus, der sich kühn als "Neue Rechte" bezeichnet, schnell zur Randerscheinung werden. Den heutigen globalistischen Liberalextremismus durch einen von "Antisemitismus", Autokratischem, Imperialismus, Militarismus freien systemisch- sozialistischen Bund identitär lebender Völker zu überwinden, schwebt mir schon lange vor.

In dem Werk von Friedrich Alfred Beck sind verwertbare Ansätze ersichtlich.

links ist wo der daumen rechts ist
5. Juli 2019 11:31

Terror und Gemeinschaft

@ zeitschnur

Vielen Dank erst einmal für Ihre Beiträge; in Ihrer Art erinnern Sie mich ein bißchen an den geschätzten Kollegen @ Der Gehenkte. Beide wissen sie klug und bedächtig zu formulieren (und publizieren dankenswerterweise auch außerhalb des Kommentarstrangs) und meiden zudem die eine odere andere dunkle neurechte Sackgasse.

Zwei Punkte:

Sie haben recht. Während man im neurechten Lager linken und rechten Terror durchaus unter der Rubrik „Staatsterrorismus“ subsumiert (also z.b. Herrhausen, Rohwedder bzw. vom Oktoberfestanschlag bis zum „NSU“; Italien ist ein eigens Thema) ), tut man sich beim „islamistischen“ Terror verdammt schwer. Nicht nur das, vieles wird sogar in den Rang eines Dogmas erhoben: zweifelst du an der Alleinschuld Amris, bist du ein unverbesserlicher Sympathisant des „linksliberalen Mainstreams“ und damit Wegbereiter weiterer Mordtaten. Weiche von mir, Satan! Usw. usf. ad inf.
Eigenartig, denn das sind dieselben Leute, die gegen jede Art von Ersatzreligion wie dem „Schuldkult“ wettern. Oder von „Nationalmasochismus“ sprechen, aber den Polen Schlesien, Pommern und Teile Ostpreußens von Herzen gönnen.
Aber Widersprüche dieser Art scheinen nicht einmal unserem Forumsfachmann für Neopositivismus und empirische Psychologie aufzufallen.
Es sind halt immer nur die doofen Linken, denen das tertium non datur im verbohrten Kampf gegen rechts nicht bewußt werde.

Auch haben Sie recht, wenn sie vom fehlenden Wesenskern des NS sprechen.
Für mich immer noch am erhellendsten die Äußerungen Hitlers in seinen Monologen im FHQ.
Das Kernproblem des NS war halt, formale Machtansprüche durch Affektmaximierung zu erreichen bzw. zu sichern. Das beste Beispiel ist die „Volksgemeinschaft“ als Kampfformation. Unterschiede werden durch Zwang zum Verschwinden gebracht, um die potentielle Schlagkraft, Wehrhaftigkeit usw. – unter Ausschaltung möglicher Feinde in spe - zu erhöhen.
Hitler wußte um dieses Dilemma, wenn er z.B. über „entartete Kunst“ sprach und meinte, natürlich könne man sich damit ernsthaft auseinandersetzen, aber eben nicht jetzt (!).
Oder man denke an die von Henriette Schirach auf dem Obersalzberg beschriebene Szene, als ihr plötzlich das Wohl der holländischen Juden naheging und Hitler relativ sachlich erwiderte: Sie müssen hassen lernen. Als die Debatte emotionaler wurde („aber die armen Kinder...“), folgte der bekannte Vergleich Hitlers mit seinen zu Waagschalen geformten Händen: wenn die besten an der Front fallen, dürften die potentiellen Rächer nicht ungeschoren davonkommen. Affekt oder Kalkül?
Daß letztendlich der Affekt das Kalkül zerstört hat bzw. gegen Ende des Regimes das Kalkül das durch den Affekt Zerstörte nicht mehr ungeschehen machen konnte (vgl. Görings und Himmlers „Angebote“ an die Alliierten), macht das eigentlich Monströse des NS aus.
Oder auch das Beispiel der verfehlten Ostpolitik (ich folge hier dem alten Büchlein von Thorwald über Wlassow): zuerst rotten wir ein paar Millionen aus und dann machen wir uns Gedanken über eine mögliche Einbindung patriotischer (i.e. antistalinistischer) Kräfte. Als auch hier das Kalkül Oberhand gewann, war es bekanntlich zu spät.

Und nocheinmal zum Begriff der „Volksgemeinschaft“ und etwaigen Versuchen einer (vorsichtigen) Reaktualisierung.
Unser o.a. Experte spricht immer wieder von empirischem Material, das er „tonnenweise“ abladen könne, um die These zu belegen, daß ausschließlich relativ homogene Gesellschaften relative Sicherheit, Wohlstand usw. gewährleisten könnten. Natürlich kann ich einer Erkenntnis huldigen, wie sie Nietzsche verspottet hat, indem ich belege was ich glaube.
Das alles ist aber spätestens seit Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ die falsche Fragestellung (und ein Peter Sloterdijk denkt hier z.B. konsequent das Erbe der Philosophischen Anthropologie weiter).
Kleinste Empathie-Einheiten bruchlos auf größere Gemeinschaften zu übertragen, ohne der immensen Gewalt dieser Formierung inne zu werden, ist halt ein altes rechtes Sehnsuchtsmodell.
Und natürlich sehnt man sich nach den idyllischen Dorfgemeinschaften seiner Kindheit zurück, nur um dann irgendwann zu realisieren, daß sie gar so idyllisch nicht waren und es in erster Linie die einheimischen „Großkopfeten“ waren, die letztendlich alles zerstört haben.

Venator
5. Juli 2019 11:38

Monika:
Vermutlich ist mein Kommentar zu kurz, aber trotzdem: DANKE!

RMH
5. Juli 2019 13:04

... und weiter wird an der Empörungsschraube gedreht:

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/pegida-demo-staatsanwaltschaft-leitet-verfahren-ein-a-1275971.html

Seit wann geben eigentlich Teilnehmer von Pegida-Demos den Staatsmedien wieder Interviews bzw. gegenüber diesen Statements ab?

War doch lange Zeit so, dass das nicht gemacht wurde ...

Atz
5. Juli 2019 13:19

Nun ist die 68er Realität durch die Erzählung überformt, dass es nur um die Überwindung autoritärer Strukturen und unbewältigter nationalsozialistischer Prägungen gegangen sei. Wir wissen freilich, dass es unwahr ist, aber es hat doch erheblich zur Resozialisierung und Umprogrammierung der Menschen aus den damaligen Verirrungen beigetragen. Die ältere Generation ist abgetreten und widerspricht nicht mehr.

Was dagegen bis heute wirkt ist die Erzählung vom Anfang der 90er Jahre einer ziellosen Linken, die Hysterie um eine politisch gewalttättige Rechte. Gemeint waren Kostümnazis. Was Privatsender mit wie wir später erfuhren gefälschter Berichterstattung sendeten über Neonazis und Satanisten. Alles verbunden mit den zu diesen Zeitpunkten wichtigen Zeitzeugenerinnerungen und Erinnerungskitsch. Und dem Unbehagen über Deutschlandflaggen.

Daher kommen auch die bis heute wirksamen weil wiederholten Lügen, etwa in der DDR sei man nicht gründlich gegen Nazis vorgegangen. In Wahrheit schützte die Bevölkerung die Mitmenschen nur, weil man um die Konsequenzen wusste. Im Stalinismus wurden ja massenhaft Leute umgebracht. Später gab es ernste Konsequenzen durch einen weltfremden Repressionsapparat aber auch für alle im Umfeld. Darum lieber Schwamm drüber. Wer Vorfälle meldete, riskierte dass sein Betrieb von der Stasi auseinander genommen wurde, und am Ende er selbst vom leitenden Posten geworfen wurde.

Der Mythos um Lichtenhagen hat sich eingebrannt. Die Emotionalisierung und die Hysterie reicht bis heute fort. Es gibt eben keine andere Geschichtsschreibung als die der Linksextremen mehr darüber. Und immer ist da das Wir der Anständigen, das sich schämen muss und sich seiner Mit-Täterschaft versichert. Wir sind alles eins und gleich bis es den anderen durch "uns" trifft. Dann kommt es zu den pathologischen Entschuldigungsreflexen. Vor 10 Jahren etwa bei der Ermordung einer jungen ägyptischen Frau in einem Dresdner Gerichtsgebäude durch einen Russen. Noch heute wird dieser Fall generalisierend politisiert. Jede "rechte Tat" mit anderen rechten Taten und Handeln in einen Beziehungsstrom gesetzt. Das Ziel ist Angstmache und Stabilisierung der herschenden Ordnung.

Was wir jetzt kriegen sind die Goldstein-Hassorgien wie sie Orwell sie in 1984 unvergleichlich aufs Papier pinselte. Der vielgestalte "Kampf gegen rechts" als sich immer weiter intensivierende Farce der Bunten, Vielfältigen und Toleranten. Wer schon mal gesehen hat, wie hunderte junge Frauen hasserfüllt eine schweigende jämmerliche Kundgebung von 25 pummelig-asozial-böstätowierten Rechtshools niederbrüllen, sieht die Parallelen zu Orwell. Die einen generieren Gemeinschaft durch die Hassdusche. Die anderen durch die Erlaubnis so ganz gegen ihre sonstige Zivilität mal die Sau gegen den Satan rauszulassen. Was Leo Strauss dazu geschrieben hätte? Vielleicht brauchen wir das, in der einen oder anderen Form?

Niekisch
5. Juli 2019 16:22

"Die ältere Generation ist abgetreten und widerspricht nicht mehr."

Da liegen Sie daneben, atz, sie widerspricht schon, aber sie findet kein Gehör mehr, nicht einmal bei der "Neuen Rechten", die sie sogar hin und wieder trotz opferbereiten Lebens verhöhnt und irgendeine Lobby hat sie schon gar nicht.

Amos
5. Juli 2019 17:08

Dem Gegner ist es gelungen, Stalin, PolPot und Mao als Betriebsunfall des absolut Guten (der linken Idee der Gleichheit) darzustellen und gleichzeitig alles noch so zaghaft Konservative geradewegs auf das Ziel des Hitlerismus, des absolut Bösen, als dessen Steigerungs- und Endzustand zu beziehen. Das ist in der Tat ein wichtiger Gedanke. Er erklärt die Auswüchse, die aktuell zu erleben sind und die man nicht glauben mag. In "Inglorious Bastards" dürfen wir dann auch die Konsequenz dieses Konsensus Magnus der westlichen Welt erleben. "Nazis", oder wer immer erfolgreich dazu gemacht werden kann, dürfen LUSTVOLL gequält, gefoltert und getötet werden. Dies ist der letzte Akt im Kampf der Menschenrechte gegen die Bürgerrechte, des Verfassungsstaates gegen den Ordnungsstaat, der sentimentalen Utopie gegen den gesunden Menschenverstand. Unsere Chance besteht villeicht darin, wie beim Aikido, den Schwung des Gegners bei diesem ungeheurlichen Angriff zu nutzen, Ihn immer wieder mit seinen Widersprüchen, den jeden Tag sichtbaren Verwerfungen, seinen offenkundigen Lügen auf die Matte zu legen. Oder aber: das Schrille, das Irre, das Masslose zur Kenntlichkeit steigern, den Wahnsinn offensichtlich machen, bis es kein Wegschauen und kein Wegducken mehr gibt, bis jeder sich entscheiden muss....

qvc1753
6. Juli 2019 16:24

Es scheint inzwischen eine Moralisierung von Debatten statt zu finden. Unter „Keine Macht den Faschisten“ oder „Verhindert den Volkstod (oder Bevölkerungstausch)“ scheint es nicht zu gehen. Das man Leuten deren Meinung man nicht teilt weder die Autos anzündet, die Büros verwüstet oder mit Hohn und Spott überkübelt, das scheint immer weniger Konsens zu sein, wie auch die Tatsache, das man Leuten, die einem nicht passen keine Kugel in den Kopf schiesst. Vielleicht bin ich da aber wenig altmodisch.
Vielleicht darf man aber doch ein wenig träumen und hoffen, das wir es schaffen ein Gemeinwesen zu haben, in dem man nicht auf den jeweils anderen zeigt, der allein verhindert, das es besser wird.
Was das konkret bedeutet:
Wenn im Diskant und mit verbaler Wucht entweder vom drohenden Bevölkerungsaustausch oder den Anfängen einer weiteren Nazidiktatur gesprochen wird, dann ist schon nicht mehr viel zu verhandeln. Dann werden Fronten aufgerichtet.
Da hört bei mir dann die Zustimmung auf.
Am Ende schmeisst dann einer Gehwegplatten auf die Polizei, springt einem AfD Politiker ins Kreuz oder meint die Weltlage mit einem Kopfschuss bei einem CDU Politiker verbessern zu müssen. Nun ja.

Gustav Grambauer
6. Juli 2019 16:46

Atz

"... sieht die Parallelen zu Orwell."

Der hochgeschätzte Hagen Grell hatte dazu neulich einen fragwürdigen, wie er sagt, "hoffnungsvollen, geradezu spirituellen Gedanken". Schwelgerisch wie wir ihn gar nicht kennen meint er, Orwell hätte womöglich "eine höhere Inspiration gehabt, von der er selbst nichts wußte, sei es Gott, sei es das Universum, sei es die Summe des Geistes der Menschheit oder sei es das morphoegnetische Feld", vielleicht habe "ein höherer Geist ihm ... die entscheidenden Gedanken eingegeben". (Wenn ich so etwas höre, schrillen bei mir schon die Alarmglocken!) Es könne sein, daß "die Eliten" mit Orwell auf ein "trojanisches Pferd hereingefallen" seien:

https://www.youtube.com/watch?v=e0qbPRZmGCQ

Nun, ihn scheint gar nicht klar zu sein, daß der trotzkistisch sozialisierte Orwell, wie auch H. G. Wells und Aldous Huxley, für das Tavistock Institute tätig waren, er auch für die BBC, welche beide in der schnöden Open-Society-Tradition Poppers

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Totalitarismusdoktrin?title=Totalitarismusdoktrin&redirect=no

standen und stehen, ohne welche z. B. Soros heute gar nicht zu verstehen ist. Wie bei Poppers "Die offene Gesellschaft" gibt es auch bei "1984" den Verdacht, daß es sich um strukturell-elaborierte, d. h. kollektive Einflußagenturwerke aus Psy-Op-Labs handelte. Man könnte "1984" auf die Formel bringen: ein Propagandawerk des liberalen (britischen) Totalitarismus gegen den antiliberalen (kontinentalen) Totalitarismus.

Da der liberale Totalitarismus auch auf dem Kontinent gesiegt hat, ist das Orwell-Szenario hierzulande, in Asien und später mag es anders sein, vorerst komplett obsolet:

Solange jemand hier unter einer gewissen Einflußschwelle bleibt, ist er für die Machtstrukturen so uninteressant wie die Stubenfliege. Jeder kann nach Herzenslust alles denken, sagen und tun solange er nicht die Machtstrukturen unmittlbar angreift. Keinesfalls würde in der Open-Society-Welt - wie Winston - ein devianter Mitarbeiter einer Bildagentur verfolgt und einer aufwändigen Umerziehung durch ein Umerziehungs-Offizierskorps unterzogen werden. Er wird einfach gefeuert, es warten draußen genug andere auf den "Job", als Hartz-IV-Bezieher kann er dann im Abseits denken, sagen und tun was er will. Er kann auch einfach unter einer Brücke erfrieren, es interessert das System nicht im Geringsten. Es gibt außer im Knast nicht mal mehr eine Arbeitspflicht bzw. eine grundsätzliche Pflicht, ESt. zu zahlen. (Vielmehr scheint es geradezu eine staatsbürgerliche Pflicht zur Verwahrlosung zu geben.)

Insofern war die westliche Welt noch nie so weit entfernt vom 1984-Szenario wie heute und entfernt sich auch immer weiter davon solange die Open-Society-Kabale regiert.

Und die elektronische Totalüberwachung betrifft nur die, die sich in der elektronischen Sphäre bewegen, aber das muß ja niemand. Im Gegenteil, die nicht-elektronische Sphäre bietet immer größere Freiräume und immer größere Immunität, weil in ihr Schnüffler, Spitzel, Kripo-Ermittler, Denunzianten, Finanzamts- und sonstige Detektive, Profiler, Rollkommandos usw. zunehmend weniger agieren. Straftäter, die nicht in "sozialen Netzwerken" "vernetzt" sind, nur bar oder in Naturalien zahlen, keine konfiszierbaren Digitalgeräte bzw. Datenträger besitzen, somit z. B. auch keine GPS-Bewegungsprofile hinterlassen, keine Laserdrucker

https://de.wikipedia.org/wiki/Machine_Identification_Code

benutzen usw. können sich heute und in Zukunft ganz beruhigt zurücklehnen und sich mit Schampus zuprostend gegenseitig angrinsen wenn draußen die Toniwagen mit Blaulicht in die Irre rasen.

Wie gesagt, dies gilt nicht für diejenigen, die die Machtstrukturen unmittelbar und vielleicht noch organisiert angreifen, aber das war schon immer so und wird immer so sein, völlig unabhängig von Orwell.

- G. G.

heinrichbrueck
7. Juli 2019 01:46

@ G. G.
„1984“ ist die perfekte Beschreibung der Demokratie. Orwell formulierte fiktional; Horst Mahler sachlicher: „Das Wesen des Krieges sind nicht Feuer und berstende Granaten, nicht zerfetzte Leiber und zerstörte Häuser. Krieg ist die Brechung des Willens einer Nation und dessen Ersetzung durch den Willen des Feindes. Die reine Form des Krieges ist die Durchsetzung des feindlichen Willens ohne die Gegenwehr des Vergewaltigten, sei es, daß dieser zu schwach ist, sei es, daß er durch Täuschung und anderweitige Manipulation seines Bewußtseins nicht in der Lage ist, den feindlichen Angriff als solches wahrzunehmen.”
In einer Demokratie ist jedermann Teil der Machtstrukturen. Wer soll die Machtstrukturen organisiert angreifen können? Salvini gegen Rackete? 'Er hätte keine Angst vor ihr, Küsschen.' Sehr staatsmännisch geschrieben. Für jeden etwas dabei, Bewußtseinsmanipulation à la carte. Orwell muß sehr klar gesehen haben, besonders die Vorbereitungen hinter den Kulissen.
Die Angst vor dem Totalitarismus schützt nicht, sie hilft nur in ihm zu leben. Totalitarismus ist Freiheit, das perfekte System. Wer kann sich denn ein besseres System vorstellen? Die Korrekturforderungen der Opposition sind nicht gemeint. Und wer im falschen Bewußtsein, siehe “1984”, ein eigenes Bewußtsein entwickeln möchte, siehe wieder “1984”.

Lotta Vorbeck
7. Juli 2019 07:18

@qvc1753 - 6. Juli 2019 - 04:24 PM

"... Wenn im Diskant und mit verbaler Wucht entweder vom drohenden Bevölkerungsaustausch ... gesprochen wird ..."

******************************

Uff ... das 'Grand Remplacement' [R. Camus] ist nichts weiter als eine Drohung?

Na dann, wohlan!

RMH
7. Juli 2019 08:42

"Solange jemand hier unter einer gewissen Einflußschwelle bleibt, ist er für die Machtstrukturen so uninteressant wie die Stubenfliege. Jeder kann nach Herzenslust alles denken, sagen und tun solange er nicht die Machtstrukturen unmittlbar angreift. "

@GG,
grundsätzlich richtig, aber ihr Satz 2 schränkt Satz 1 schon wieder ein und wir erleben gerade - das ist ja das Wesen einer Hexenjagd - dass die von Ihnen beschriebene Einflussschwelle immer niedriger definiert wird und gleichzeitig die von Ihnen beschriebenen Entzugsmöglichkeiten durch Meidung Daten- und Internetbasierter Handlungen und Verwendung von Bargeld mehr und mehr beschränkt werden. Zumindest für Menschen, die auch einer normalen Erwerbsarbeit nachgehen, wird es deutlich enger. Übrigens: Auch bei Orwell gab es mit den Proles eine Schicht, die mehr "Freiheit" (wie auch immer) hatte (dort sah er ja die "Hoffnung") - also auch in diesem System gab es eine Erheblichkeitsschwelle. Ähnlich gibt es bei brave new World es ja auch die Wilden.

Beiden Autoren wird gerne unterstellt, dass sie ein Stück weit Einblick in die Visionen/Pläne von wie auch immerzu definierenden Eliten von der "Zukunft" gehabt haben sollen, also ein bisschen Insiderwissen mit den Werken verarbeitet und ausgebreitet hätten.

Orwells linke Ausrichtung wird übrigens sehr weit aufgehellt (und gerade gerückt) in seinem lesenswerten Buch "Mein Katalonien".

Der Gehenkte
7. Juli 2019 09:46

Die vor Kurzem getroffene Einschätzung, daß das Niveau in Blog und Forum in letzter Zeit zu wünschen übrig ließen, muß ich nun revidieren und tue es gern. Auf diesem Strang habe ich sehr viel gelernt und das ist (für mich) das entscheidende Kriterium.

Einerseits waren die Vorlagen von Lichtmesz, Gruber und Bosselmann sehr gut, andererseits profitiert das Forum von neuen Impulsen und schließlich scheinen mir auch einige habituelle Hüftschützen die Botschaft gehört zu haben, daß Schweigen und Lauschen manchmal Gold sind.

Wäre ich wachhabender Sezessionist, dann würde ich den neuen Klang der virtuosen Stimme hören und versuchen, diese evtl. fürs Offizielle zu gewinnen. So weit ich eruiert habe - dank @ links ist wo der daumen rechts ist - dürfte sich das gleich mehrfach lohnen. Ich jedenfalls habe mir das letzte Buch gleich bestellt und sehe ihm mit Spannung entgegen. Auch für @ Monika wäre das ganz sicher von Interesse.

Gustav Grambauer
7. Juli 2019 12:49

Was Sie charakterisieren hat mit Orwell nicht das Geringste zu tun. Das gab es alles vorher auch schon und wird es b. a. w. immer geben, für das Erfassen der phylogenetischen Dimension genügt die kurze Beobachtung eines beliebigen Ameisenhaufens im Wald. Die Mechanismen der Propagandalügen sind jünger, aber auch sie gab es schon zwanzig, dreißig Jahre vor Orwell. Wer sich mit den Moskauer Prozessen oder mit dem NS auch nur ein klein wenig näher auseinandergesetzt hat, findet bei Orwell keine Neuigkeiten mehr. Vielmehr wäre doch die Frage interessant, warum "1984" ausgerechnet mit der Initiation des Kalten Krieges (und nicht ein paar Jahre früher in der Hochphase des kontinentalen Totalitarismus) herausgekommen ist.

M. E. ist der liberale Abscheu gegenüber dem kontinentalen Totalitarismus vor allem mit der hiesigen immer noch starken Gewöhnung an die Leibeigenschaft verständlich. Sie wurde in England mit der Glorious Revolution - allerdings nur vordergründig - abgeschafft, auf dem Kontinent erst viel später, in Sachsen erst 1831, in Rußland erst 1861.

Ist der liberale / britische Totalitarismus besser? Hier ein winziger Einblick in seinen Abgrund:

Habe oft darauf hingewiesen, daß die liberale, kaschierte Form der Leibeigenschaft in der Abstraktion der Person vom Menschen liegt, deren Besitztitel = Wertpapier Geburtsurkunde bzw. Einbürgerungsurkunde sind (und beide sind und bleiben im Eigentum des Staates, wie ja auch der sogenannte, sic!, Personalausweis). KGE irrt, wenn sie sagt, "uns" (der Oligarchie) würden Menschen geschenkt, korrekt müßte es heißen: uns werden Personen geschenkt. Es wird gemunkelt und ich gehe davon aus, daß unsere Geburtsurkunden als Wertpapiere des betreffenden Staates bei der BIZ notiert sind und hinter unserem Rücken ein schwunghafter Handel mit dem jeweiligen Börsenwert betrieben wird, bis hin zur Verpfändung usw. Allein damit wären das Sträuben gegen den Altersnachweis von "Flüchtlingen" (denn selbstverständlich erzielt ein jüngerer "Flüchtling" einen höheren Börsenwert als ein älterer) und die Förderung der Mehrehe sowie der Sozialhilfedynastien bis tief nach Anatolien hinein, Registrieren heißt Unterwerfen, erklärbar. Damit der "soziale Frieden" des Geschachers nicht gestört wird, wird kollateral einkalkuliert, daß diejenigen, die die "Werte" (???) nicht "vertreten" (großteils Ältere mit ohnehin geringem Börsenwert), "gern das Land verlassen dürfen" (- Lübcke).

- G. G.

Laurenz
7. Juli 2019 14:16

@Gustav .... Peter Scholl-Latour war der Meinung, daß nur die radikale Umwälzung Maos, inklusive der Morde an ganzen Bevölkerungsteilen, die Jahrtausende anhaltende verkrustete Mandarin-Kultur beiseite fegen konnte. Für mich ist Scholl-Latours Sichtweise etwas weit hergeholt, aber an den Fakten läßt sich wenig drehen.

Auch bei Pol Pot war es nicht nur die Linke, sondern auch konservative Politiker, weltweit, machten diesen Steinzeit-Kommunisten hoffähig und agitierten gegen die Vietnamesen (damals mit der Sowjetunion verbündet), die das arme Kambodscha endlich von dieser, von China unterstützten Katastrophe erlösten.

@Atz, @ Gustav Grambauer & heinrichbrueck ... mein strenger APO-Deutsch- & Politik-Lehrer unterschlug wider besseren Wissens die historische Wahrheit um Orwells persönliche Historie, als ich von meinem Lehrer dazu angehalten war, 1984 zu lesen. Orwell war Sozialist, klar. Aber es waren nicht die Franquisten, die für Seine gesellschaftlichen Visionen sorgten, sondern sein häufiger Aufenthalt bei den mehrheitlich jüdischen Freiwilligen-Verbänden Stalins im Spanischen Bürgerkrieg. Daß dieses politische Dilemma Orwell sogar krank machte und zu seinem recht jungen Tod führte, bleibt da nicht abwegig.

Ratwolf
7. Juli 2019 23:02

Für mich bleibt Martin Lichtmesz zu sehr auf der beschreibenden Ebene. Die Welt wird aus seiner Sicht als ungerecht oder absurd dargestellt. Hier sprechen unterbewusst eingeübte Routinen. (Wie ungerecht diese Welt doch ist)

Das reicht nicht.

Beschreibung ist der erste Schritt
Dann muss die Analyse kommen
Und dann das, was man dann zu tun gedenkt.

Schritt zwei und drei werden verweigert.
In den schönen Gesprächen mit Martin Sellner ist mir eine Stele aufgefallen:

ML sagte: "Mache glauben ja, daß Merkel an einem seidenden Faden gesteuert wird" (o.ä.)

Wie kann man so etwas sagen?
Die Frau hat sogar ihre Privatwohnung neben der Atlantik Brücke! Deutlicher geht es doch nicht.

Gustav
8. Juli 2019 08:00

@ Laurenz

Interessant ist, was der Globalist David Rockefeller von Massenmörder Mao hielt. Seine Aussage über Mao Tse-Tung in der New York Times, am 10. August 1973:

“Wie hoch auch immer der Preis der chinesischen Revolution war, so war sie doch ganz offensichtlich erfolgreich und zwar nicht nur in Hinsicht auf eine effizientere Verwaltung, sondern indem sie die Moral und Gemeinsinn zu neuen Höhen führte. Das soziale Experiment in China unter der Führung von Mao Tse Tung ist eines der wichtigsten und erfolgreichsten in der menschlichen Geschichte.”

Mit "sozialen Experimenten" ist "man" großzügig:

Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, «sozialistische Experimente» in Russland zu veranstalten.

Oder, ein wenig aktueller:

https://sezession.de/58253/yascha-mounk-und-ein-einzigartiges-historisches-experiment

Gustav
8. Juli 2019 08:14

@ Laurenz

George Orwell hat mit seinen beiden Büchern Animal Farm (Farm der Tiere) und 1984 den Menschen des abendländischen Kulturkreises das Verständnis dessen erleichtert, was auf dem Schlachtfeld des Geistes vor sich ging. Diese Bücher spiegeln seinen eigenen geistigen und intellektuellen Werdegang wider; in der Gestalt von modernen Parabeln berichtet er von seinen Erlebnissen und seinen Einsichten. Wie die meisten Angehörigen seiner Generation westlicher Intellektueller war er eines der «Tiere», denen wir in Animal Farm begegnen: leicht zu täuschen und stets zur Selbsttäuschung bereit. Animal Farm ist nicht nur eine plastische Schilderung des marxistischen Sozialismus; das Werk stellt auch den gefährlich trügerischen Charakter eines «Idealismus» bloss, hinter dem sich abstrakte Ideen über eine geplante Zukunft des Menschengeschlechts verbergen und der auf den Geist derjenigen, die jeden Sinn für Ziel und Richtung verloren haben, wie eine Fata Morgana wirkt.
Orwells Erfahrung als sozialistischer Freischärler im Spanischen Bürgerkrieg befreite ihn radikal von seinen Illusionen. Er, ein Mann von beträchtlichem natürlichem Talent, vermochte die Fesseln eines ganzen Systems falscher Ideen und Überzeugungen mit einem Schlage zu sprengen.
Orwell unternimmt keinen Versuch, diesen Idealismus zu erklären, in dem Intellektuelle Zuflucht vor einer unerbittlichen Wirklichkeit suchen; er begnügt sich in Animal Farm damit, ein lebendiges Bild zu zeichnen, in dem der Idealismus und seine Folgen auf faszinierende und erheiternde Weise dargestellt werden. Ein wichtiges Element der Geschichte, das man leicht übersieht, besteht darin, dass die Herren und Meister auf der Farm der Tiere allesamt derselben Rasse angehören, jener der Schweine nämlich, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten und alle anderen nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Das rebellische Schwein Snowball spielt dabei die gleiche Rolle wie Leo Trotzki nach der Oktoberrevolution; die Parallelen zum bolschewistischen Drama könnten schlagender kaum sein.

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