14. Dezember 2019

Netzfundstücke (36) – Metropol, Korn, Waldstein

Jonas Schick / 24 Kommentare

Im Dresdner »Buchhaus Loschwitz« stehen die Zeiten ganz auf Weihnachten. 

Sezession-Literaturredakteurin Ellen Kositza und Susanne Dagen stellen beim Weihnachtsspezial von »Aufgeblättert. Zugeschlagen« eine ganze Reihe an Büchern vor.

Darunter ist auch »Metropol« von Ernst Ruge, das Kositza unter »Wahres« bereits in ihre Weihnachtsempfehlungen auf Sezession im Netz aufgenommen hatte, Peter Handkes »Versuch über den geglückten Tag: Ein Wintertagtraum« oder »Tausend Zeilen Lüge« von Juan Moreno – also von jenem Kollegen von Claas Relotius, der dessen Lügengebäude zum Einsturz brachte.

Wenn Sie noch auf der Suche nach einem Buchgeschenk für Weihnachten sind, werden Sie sicherlich entweder in der Sendung oder bei unseren Weihnachtsempfehlungen auf Sezession im Netz hier von Ellen Kositza, hier von Benedikt Kaiser, hier von Götz Kubitschek, hier von Sigrid Wirzinger und hier von Caroline Sommerfeld fündig.

Und das ganze gibt es portofrei bei Antaios bis 31.12.2019!


Währenddessen arbeitet die Bürgerinitiative »Ein Prozent« unermüdlich weiter an einer patriotischen Gegenkultur:

Bisher stehen auf der Habenseite beispielsweise das beliebte Medienformat »Laut Gedacht«, die Unterstützung der Dresdener Obdachlosenhilfe (ein Video zur Vorbereitung des 4. Dresdener Weihnachtsessens für Bedürftige finden Sie hier), die Wahlbeobachtungsinitiative, der Bürgertreffpunkt »Mühle« in Cottbus, solidarische Hilfe für Opfer und Hinterbliebene wie Karsten Hempel oder die Nähmanufaktur.

Nun wagt man den Schritt in den musischen Bereich und präsentiert mit dem Brandenburger Sacha Korn den ersten Künstler patriotischer Musikförderung. Der passende Titel der Erstauskopplung »Unsere Kraft«:

Denn wir kennen unsre Kraft,
die aus Nöten neues schafft.
Heute heißt die erste Pflicht,
unser Land das kriegt ihr nicht!

 


Abschließend sei auf den zweiten bei YouTube veröffentlichten Vortrag vom Marburger Forum »Junges Europa II« hingewiesen. Antaios- und Sezession-Autor Dr. Dr. Thor v. Waldstein stellte anläßlich des Konferenztages erstmalig seine »Thesen zum Volk« vor:

Auch dieser Vortrag stellt wieder einmal unter Beweis: Waldstein bleibt eine nicht zu missende Größe unseres Milieus.



Kommentare (24)

Laurenz

14. Dezember 2019 14:14

Sehr geehrte Frau Kositza,

diese Buchbesprechung hat mich sehr beeindruckt, vor allem wohl deswegen, weil das Buch von Herrn Ruge historisch so greifbar erscheint.
Und ich danke Ihnen ganz persönlich für Ihre Sätze ab "Helsinki-Syndrom" bei ca. 06:38.
Auch wenn sich der Marxismus rein materialistisch verkauft, basiert er doch auf einem religiösen Glauben und erhöht eben die Bereitschaft die Ungläubigen in ein Umerziehungs-Lager zu stecken. Daß Frankenkönig Karl aus dem Hause der Karolinger den Sachsen-Adel mit dem Schwerte messen ließ, mag vielleicht Zeitersparnis gebracht haben, kommt aber auf dasselbe hinaus.

Was ich am Buch von Herrn Ruge nicht ganz verstanden habe, ist die Roman-Form? Welcher historischen Bezug ist denn tatsächlich, bis auf die große Säuberung an sich?

Andreas Walter

14. Dezember 2019 15:27

Bitte zulassen, wichtig.

Ein Nachtrag auf den von Herrn Schick letzte Woche vorgestellten und verknüpften ARTE-Film über Phosphat/Phosphor.

Der Film ist im Grunde genommen nichts weiter als grünes Greenwashing. Es genügt sich einmal etwas näher mit dem Thema Sammelquoten und Recyclingquoten zu beschäftigen um zu verstehen warum. Die Musik gegen Ende des Films (der grünen Propaganda) verrät allerdings auch so seine Absicht. Nur mal bewusst auch darauf achten. Auf den Aufbau des Films und seine emotionale (musikalische) Untermalung.

Recyclingquoten (in Englisch recycling rates) von bis zu 99% im Labor haben nämlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun, in der auch 90% eher eine Seltenheit sind, die man nur in hoch entwickelten Ländern und dort auch nur zum Teil erreicht (bei manchen Stoffen). Über die Bildersuche von Google bekommt man auch dazu recht schnell einen recht guten Eindruck und Überblick. Eines der Probleme dabei ist übrigens die 80%-Regel der Ökonomie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip

Dazu lege ich noch folgenden Netzrechner jedem ans Herz, mit dem man sehr schnell Wachstums- und Abnahmeraten errechnen kann, auch ohne Vorkenntnisse in Mathematik:

https://rechneronline.de/summe/wachstum.php

Für Abnahmerechnungen einfach das Vorzeichen auf - umstellen. Ausserdem "alle Schritte anzeigen" aktivieren, dann bekommt man auch noch den Verlauf über die Schritte angezeigt (was dann den Jahren oder Monaten entspricht, je nach dem, was man eben gerade ausrechnet).

Dann, nur als Beispiel, mal -0,25% eingeben, die aktuelle jährliche Abnahmerate der japanischen Bevölkerung. Die auch die Deutsche wäre, wenn Deutschland nicht auch schon ein Masseneinwanderungsland hier für Muslime und Afrikaner wäre.

Die derzeitige Wachstumsquote der Welt beträgt übrigens +1%.

Eine Recyclingquote von sagen wir mal sehr optimistisch 90% bei Phosphat bedeutet darum trotzdem eine Abnahme der Gesamtmenge pro Jahr von -10%, wenn sonst keines mehr da ist.

Ich hoffe, die Botschaft ist hiermit also angekommen, auch wenn sie keine Gute ist. Für Christen und Humanisten ist sie sogar zerschmetternd und auch für alle Anhänger der Friedensbewegung kein Anlass zur Freude. So etwas bespricht man daher zu Weihnachten und auch die Feiertage darauf darum nicht mit jedem. Ein ernster Blick in den Abgrund, den nicht jeder nämlich verträgt, beziehungsweise, ertragen und tragen kann.

Aus dem Grund sprechen auch die meisten Politiker oder Unternehmen nicht über solche Themen, oder auch Wissenschaftler nur vereinzelt, und machen alle lieber das CO2 für alles verantwortlich. Ihr Feind sind allerdings die Massen selbst, obwohl sie die auch bewusst als Waffe gegen die Völker untereinander einsetzen.

Bleibt daher gesund, flexibel und wehrhaft, kann ich da jedem nur wünschen, der auch noch 2050 am Leben sein könnte und das auch möchte. Oder sogar 2100, wenn er jetzt geboren wird.

(Ja, meine mögliche, natürliche Abnahmequote für die ganze Menschheit neulich war darum auch viel zu optimistisch, ist mir leider gestern auch erst bewusst geworden. Theorie und Wirklichkeit sind eben zwei sehr unterschiedliche Dinge, die vor allem die Grünen aber auch Linken notorisch ignorieren. Das soll uns darum nicht passieren, und darum auch dieser Kommentar)

Gracchus

14. Dezember 2019 15:30

The importance of being earnest - Ernst heisst hier allerdings Eugen. Dem (auch sehr schönen) Versuch über den geglückten Tag ziehe ich den über die Jukebox vor, der profane Gegenstand "erdet" Handkes Schreiben in gewisser Weise. Wie Kositza bin ich auch nicht frei davon, dass mich das Leben des Autors interessiert, jedenfalls dann, wenn in den Texten eine geistige Haltung zum Ausdruck gelangt. Sollte die nicht existentiell beglaubigt sein? Oder anders gesagt: wenn Poesie etwas Existentielles ist, dann muss sich das auch auf die Lebensform auswirken, Scheitern natürlich inbegriffen.

Am meisten Neugier geweckt hat das Buch von Raymond Unger, mir bis dato unbekannt. Interessant auch, wo das Gespräch ins Allgemeine ausgreift. Geändertes Leseverhalten. Bringt mich zu Frage, ob konservativ nicht auch heisst, am Medium Buch festzuhalten - und damit am Buch als Welt und der Welt als Buch und der Lesbarkeit der Welt: Aber die Welt entzieht sich immer mehr der Lesbarkeit. Was literarisch u. a. bei Kafka und Beckett reflektiert wurde. Die Gestalten Kafkas verzweifeln ja geradezu daran, sich einer unlesbaren Situation ausgesetzt zu finden, die zu unendlichen Deutungen führen. Roberto Bolano, ein zweifellos linker Autor, hat das mit seinen begrifflosen Intellektuellen-Figuren fortgeführt ("Die wilden Detektive", "2666").

Maiordomus

14. Dezember 2019 22:15

@Gracchus. Was Sie über Ihr Verhältnis zum Buch schreiben, ist wohl noch tiefer als rein politische Perspektiven ein verbindendes Moment in einer geistigen Republik. Auch in einem Europa jenseits von Globalisierung und "Euromarkt". Mit Recht verweisen Sie auf das Wesentliche von Handke, der unbedingt über Biertischniveau beim Wort seiner Werke genommen werden sollte. Darum verweise ich die Leserschaft dieser Spalte auf den schon über 50 Wortmeldungen, auch von Ihnen, umfassende, von Herrn Kubitschek initiierten "Handke"-Gesprächskreis zum Thema "Gerechtigkeit für Peter Handke".

Sie verwiesen in diesem Sinn dann auch auf Hebel, Kleist und Robert Walser, unter den Neueren den frühverstorbenen, einem Autounfall zum Opfer gefallenen W.G. Sebald. Dieser interessierte natürlich auch, weil er unter den feuilletonistisch geförderten Autoren früher als andere das Thema "Bombenkrieg" bzw. den Luftkrieg gegen Deutschland thematisiert hat. Ich hörte Sebald in Zürich lesen und stellte auch an Londons Universität bei den dortigen Germanisten fest, dass er dort als der sozusagen bedeutendste lebende deutsche Autor galt, der sich bei Lesungen natürlich zum Thema Coventry äusserte. Ehrlich gesagt machte er mir als Lebender noch nicht den Eindruck, über den heute sein Werk als das eines Toten verfügt.

Ob man, siehe oben, dem Thor von Waldstein einen grossen Gefallen tut, wenn man ihn "als nicht zu missende Grösse unseres Milieus" anpreist. Obwohl ich diesen Autor als Anwalt der Meinungsfreiheit sehr respektiere, bleibt seine Analyse mit der These, dass 1968 konsequent 1945 fortsetze, zumal im Hinblick auf die Geschichte des Liberalismus im 20. Jahrhundert, die immer auch Liberalismuskritik war, als politphilosophischer Journalismus unter den notwendigen Grundlagenkenntnissen zur einschlägigen Geistesgeschichte. Ab der Hegelschen Rechten bis hin zur tatsächlichen Bedeutung, welche Carl-Schmitt-Schüler noch zum Beispiel für die Formulierung und Interpretation des Grundgesetzes erlangten. Dass es sogar eine Art liberale Carl-Schmitt-Rezeption gab, wie der für Waldstein offenbar nicht in Betracht fallende Hermann Lübbe in seiner ergiebigen wiewohl knappen Studie über "Dezisionismus, eine kompromittierte politische Theorie" (Reclam) ausführte usw. , nicht mal so bedeutende historisch-philosophisch-soziologische Liberalismus-Kritiker wie Eric Voegelin, George Santayna, James Burnham, Helmut Schoeck kommen zur Sprache, und gerade als aufmerksamer Leser von Carl Schmitt müsste man sich mit den Theologen befassen, dem im Kern antiliberalen Ratzinger inbegriffen, wenn man schon auf die Säkularisationsthese von Böckenförde immerhin eingeht. Philosophischen Ansprüchen wird in diesem Sinn trotz vielfach zutreffender und im Einzelfall notwendiger zeitkritischer Ansprüche, auch noch guten Zitaten von Jünger, Botho Strauss und anderen im Buch "Die entfesselte Freiheit - Vorträge und Aufsätze wider die liberalistische Lagevergessenheit", meines Erachtens wenig genügt.Eher müsste man von Liberalismusvergessenheit sprechen, weil viele der bedeutendsten Denker, übrigens und nicht zuletzt auch Popper und der nur einmal, wegen der "Verhaustierung" positiv zitierte Röpke, nicht getroffen werden. Die früheren klugen, stets auch das Mass reflektierenden, oftmals grundsätzlich gegen Keynes eingestellten Liberalen waren nun mal das Gegenteil der 68er, die ein "pfingstlicher Mensch" (Nachruf) wie Theodor Heuss glücklicherweise nicht mehr erleben musste. Trotzdem war das Buch von Waldstein vor zwei Jahren hochaktuell und es blieb im Sinn der Meinungsäusserungsfreiheit auch mutig, vor gut zwei Jahren dieses Buch herauszugeben. Und für heute bleibt es sicher richtig, sich mit dem Volksbegriff auseinanderzusetzen, zu dem historisch die Abstammungsgemeinschaft und anderes mitgehört, in der Schweiz zum Beispiel der Begriff der Willensnation. Es ist gewiss richtig, dass man da dran bleibt, vielleicht vermehrt mit ergebnisoffenen ernsthaften volkskundlichen Untersuchungen.

quarz

15. Dezember 2019 00:54

@nom de guerre

"wenn man angeschaut wird, als hätte man den Verstand verloren"

Ich würde mir in solchen Situationen, wenn nicht Zustimmung, dann wenigstens klaren und entschiedenen Widerspruch wünschen. Den könnte man dann wenigstens Punkt für Punkt durchargumentieren und seinen Proponenten in neuralgischen Punkten festnageln.

In meinen einschlägigen Gesprächen stoße ich aber fast immer auf verlegene Ambivalenz. Von Unbehagen zeugendes Lächeln, das milde Zustimmung signalisiert, zugleich aber keinen Zweifel daran lässt, dass es dem Lächler höchst unangenehm ist, auf das Thema angesprochen zu werden. Auch bei Eher-Gegnern: abwiegendes Kopfschiefhalten, Zurdeckeschauen, vorsichtiges Zubedenkengeben, auf das Urteil der Tonangeber vertrauen.

Alles in allem: wenig Überzeugung, noch weniger Argumente, am wenigsten aber Bereitschaft, sich mit der Sache in dem Maß auseinanderzusetzen, in dem sie unser Dasein bedroht.

Maiordomus

15. Dezember 2019 10:32

@quarz und "nom de guerre": die geistige Situation der Zeit, wie sie s i c h im Privaten manifestiert, welches das Historische im Kleinen und im Alltag ist. Wie weit wir es in dieser Sache schon gebracht haben, dokumentiert schon der grundlegende Artikel von René Zeyer "Achtung, Faschismus!" in der Neuen Zürcher Zeitung vom 14. Dezember, welcher gegen Schluss der Foristen-Erörterungen "Gerechtigkeit für Peter Handke" noch angesprochen wurde.

nom de guerre

15. Dezember 2019 12:15

@ quarz

„Ich würde mir in solchen Situationen, wenn nicht Zustimmung, dann wenigstens klaren und entschiedenen Widerspruch wünschen. Den könnte man dann wenigstens Punkt für Punkt durchargumentieren und seinen Proponenten in neuralgischen Punkten festnageln.“

Den hat es bei mir durchaus gegeben, das Gespräch hat ca. vier Stunden gedauert, es war noch eine dritte Person dabei, der das alles eher unangenehm war, nur bringen Argumente nichts, wenn das Gegenüber sich wörtlich auf „das ist doch alles Unsinn, in der Süddeutschen steht was ganz anderes“ zurückzieht und dies entsprechend ausführt. Beispiele: Menschen seien alle gleich (also gleichartig, nicht nur gleichwertig), überall auf der Welt; kulturelle Prägungen, die bspw. zu gewalttätigerem Verhalten, als man es in Mitteleuropa gewöhnt ist, oder Frauenunterdrückung führten, gebe es nicht bzw. könnten auch bei Erwachsenen aufgebrochen werden, indem man „es den Leuten halt erklärt“. Dass multiethnische Gesellschaften einen geringeren Zusammenhalt und mehr Kriminalität aufweisen als ethnisch eher homogene (ich hatte als Beispiele Brasilien und Island einander gegenübergestellt), könne ja sein, aber davon seien wir doch ganz weit entfernt und würden niemals dort hinkommen. Wenn „Menschen mit Migrationshintergrund“ in Deutschland irgendwann die Mehrheit stellten, dann sei das eben so, er sehe da kein Problem.

In Bezug auf meine Aussage, dass unsere Kultur einen Eigenwert hat, den es zu erhalten gilt, dann das Großanschauen, als wollte er fragen, ob ich sie noch alle habe – was allerdings das ganze Gespräch durchzog, an der Stelle war es jedoch besonders deutlich.

Ich bin nicht so vermessen zu glauben, dass meine Argumente jemanden, der die Dinge dezidiert anders sieht, überzeugen müssen, nur weil ich sie für die besseren halte, aber bei einer dermaßen konträren Sicht bringt eine Auseinandersetzung einfach nichts. Es frustriert nur. Für mich war die Erkenntnis besonders krass – und der Grund, weshalb mich dieses Gespräch immer noch beschäftigt und ich es hier wiedergegeben habe –, dass jemand, der nicht zur Grünen-Wähler/irgendwas-mit-Medien-Blase gehört, all das wirklich glaubt und für selbstverständlich hält.

Was Sie beschreiben, dieses verlegene Lächeln, Zurdeckeschauen usw., kenne ich allerdings auch, nur habe ich bei diesen Reaktionen den Eindruck, dass das jeweilige Gegenüber sich, wenn auch in Abstufungen, sehr wohl dessen bewusst ist, dass die „korrekte Haltung“ inhaltlich nicht tragfähig ist.

@ Maiordomus

Ihre Ausführungen zu dem Text in der NZZ habe ich mit Interesse gelesen, allerdings war der Artikel gestern noch nicht online und an die Printausgabe komme ich hier nur schwer heran. Diese Strömung, sog. Rechtspopulisten und ihren Anhängern einen nicht nur psychischen, sondern physischen Defekt zu unterstellen, scheint leider verbreitet zu sein. PI-News berichtete im Herbst (auf dem dort üblichen Niveau, weshalb ich es damals unter Vorbehalt gelesen habe) über eine italienische Wissenschaftlerin, die meinte, man könne und solle „rassistische Vorurteile“, etwa einen Mann nordafrikanischen Phänotyps für bedrohlicher zu halten als einen blonden Skandinavier, durch unmittelbare Einwirkung auf das Gehirn des Rassisten beseitigen. Wie dies konkret aussehen soll, stand dort nach meiner Erinnerung nicht.

quarz

15. Dezember 2019 21:34

@nom de guerre

"in der Süddeutschen steht was ganz anderes“

Für solche Fälle habe ich immer konkrete Studien von Forschern an renommierten Institutionen parat (auch auf dem Handy gespeichert und somit an jedem Ort außer der Sauna vorweisbar), die es erschweren, die wissenschaftliche Autorität von Journalisten der Süddeutschen höher einzustufen als die der Studienautoren.

Ich gebe aber zu, dass gegen ein Dogma selbst damit schwer anzukommen ist. Dem Gesichtsausdruck des damit Konfrontierten ist dann oft abzulesen, dass jetzt in dessen Kopf ein Alarm-Abwehrreflex abläuft (wie auf der Kommandobrücke des unter Beschuss stehenden Raumschiffs Enterprise): "Rationalisierungsschutzschilde ausfahren, Mr. Spock!". Vermutlich wird die Erinnerung an einen Hinweis darauf abgerufen, dass besonders perfide Faschos mit "Pseudowissenschaft" zu täuschen versuchen und man deshalb im Anlassfall darauf vertrauen kann, es mit solcher zu tun zu haben. Bei nächster Gelegenheit kann man sich das dann ja von einem ideologisch unverdächtigen Zeitgenossen bestätigen lassen und damit Ansätze von kognitiven Dissonanzen beseitigen.

Cugel

15. Dezember 2019 22:36

@nom de guerre
Ihr Kassandraerlebnis dürfte den meisten Foristen vertraut sein, mir ebenso (wenn auch glücklicherweise nicht im familiären Umfeld, wo das besonders bitter ist). Das Problem liegt in vielen Fällen auf zwei Ebenen, der emotionalen und der pekuniären, nicht selten auf beiden zugleich. Mit Wahrheit und Ratio ist dann kaum ein Stich zu machen, eher lehrt man der Sau das Rechnen. Wie sagte der Bademeister unlängst: "Die Leute *wollen* betrogen werden." Ohne die Schleifung und Verschwefelung der völkischen und der nationalen Bezüge wäre das unmöglich gewesen. Vorzüglich eingestielt. Die dafür Verantwortlichen denken in langen Zeiträumen. In sehr langen.

Gracchus

15. Dezember 2019 23:11

@nom de guerre, quarz: Mir geht es ja im Grunde gegen den Strich, hier anonym zu kommentieren. Privat mache ich ähnliche Erfahrungen wie quarz. Den meisten geht das alles letztlich am Arsch vorbei. Sie lassen ihren PC-Sermon ab (wie ein Schüler vor einem imaginären Klassenlehrer, um nicht zu sagen wie ein Papagei) - und das war's dann. Wahrscheinlich liegt das ausserhalb ihrer Vorstellungswelt, dass sich das auf ihr Leben auswirken könnte.

Kositzas/Dagens Buchtipp "Die Wiedergutmacher" folgend, habe ich mir einen Vortrag und ein Interview des Autors Raymond Unger angeschaut und finde meine sozialpsychologischen Beobachtungen bestätigt. Den hier schon erwähnten W. G. Sebald ins Boot nehmend, der eine frappierende Leerstelle bzgl. der literarischen Verarbeitung des Luftkriegs konstatiert hat, würde ich sagen: Die tonangebenden Baby-Boomer haben mehr zu verteidigen als eine Gesinnung, sie verteidigen die Tabus, die sie um vererbte Traumata herum errichtet haben, und dazu gehört, dass die Deutschen durch den Krieg, durch Vertreibung und Luftkrieg eben auch gelitten haben. Dieses Leid wurde verdrängt, um überleben zu können, später aber auch nicht hervorgeholt und angesehen, weil die Deutschen ja selber schuld waren. Daraus resultiert die seltsame Empathielosigkeit unserer ach so empathischen Hypermoralisten, wenn Deutsche Opfer von Migrantengewalt werden. Es erklärt m. E. auch den moralischen Narzissmus: Es fällt doch jedem auf, dass es den Baby Boomern nicht wirklich um die Verbesserung der Zustände geht, denn dann müsste man sich mit der Situation realistisch auseinandersetzen. Es geht doch darum, ein moralisch sauberes Selbstbild aufrechtzuerhalten. Und damit ist m. E. auch erklärt, weshalb solche Gespräche derart kraftraubend sind.

Maiordomus

16. Dezember 2019 09:38

@nom de guerre: "die unmittelbare Einwirkung auf das Gehirn des Rassisten" ist mehr oder weniger bereits anschaulich verfilmt in Stanley Kubricks berühmtem etwas brutalem Film "A Clockwork Orange", wobei die Einwirkungen via Augenbehandlung erfolgen. Der Artikel "Achtung, Faschismus!" von René Zeyer, der in Sachen Meinungfreiheitsbedrohung bedeutendste in der deutschsprachigen und europäischen Presse des Jahres 2019, ist zwar auf NZZ online, untersteht jedoch der Bezahlschranke.

Maiordomus

16. Dezember 2019 14:12

An die von ganz oben in dieser Spalte: Das gedruckte Heft "Sezession" macht einmal mehr in Form und Gehalt ansprechenden Eindruck. Für mich ganz besonders das Zitat von Wilhelm Röpke auf Seite 40, welches grösstmöglichen Abstand markiert von einer Wirtschaftsideologie des reinen Materialismus und der identitäts- und gottlosen Ausrichtung des "modernen kollektivistisch-totalitären Massenstaates".

Auf Seite 38 schliesslich, Strassenszene in Sarajevo 1940, ist, neben einer verhüllten Muslima ein blondes gutangezogens Mädchen abgebildet, welches fast wie eine Jugendausgabe von Frau Kositza ausschaut und einherkommt. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge scheint mir markant. Selber glaube ich zwar eher nicht an Wiedergeburten. Die Person, auf dem Bild krass hübscher als Greta, müsste heute um die 95 Jahre alt sein.

Kositza: Sie sind ein guter Beobachter. Ich fand die Ähnlichkeit auch gleich!

@Sommerfeld als Rezensentin. Klar, dass Sie sich über ein Buch mit dem Titel "konservativ" ärgern, in welchem sogar Ralf Stegner u. Co. noch ein bisschen konservativ sein wollen. Man hätte auch Veteranen des Politbüros der DDR ins genannte Buch schreiben lassen können. Der von Ihnen apostrophierte sogenannte Grandseigneur des Konservativismus in Deutschland, Hermann Lübbe, war aber länger Mitglied der SPD als Thilo Sarrazin; kann und muss im Gesamtkonzept des Konservatismus als einer der hartnäckigsten Verteidiger des sozialen und gesellschaftlichen Fortschritts bezeichnet werden. Zugleich war er aber der deutsche Denker, der sich am deutlichsten gegen die seit 1968 noch potenzierten Rituale von "Ich entschuldige mich" (Buchtitel Lübbe) gewandt hat. Er nannte es den "Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft". Rein intellektuell ist der seit rund 60 Jahren der argumentationsstärkste Gegner von Jürgen Habermas und überdies als messerscharfer Analytiker der Begriffs- und Geistesgeschichte der Sökularisierung auch als Religionsphilosoph der heute wohl weltweit gewichtigste Kritiker jeglicher politischer Theologie. Die Abneigung gegen ihn in deutschen theologischen Seminarien, bis hin zum Totschweigen, ist beinahe flächendeckend. Der brillante Formulierer und Wortkünstler im Bereich der politisch-historischen Analyse, von "Gegenwartsschwund" bis "Naherwartungsneurose", war derjenige Denker, der die gesinnungstotalitären Strukturen der 68er am exaktesten und und mit luzider Deutlichkeit aufgezeigt hat, auch zum Beispiel als "Rückblick durch lange Märsche" (Untertitel des Buches "Endstation Terror" aus der Baader-Meinhof-Zeit). Als Universitätsgründer hat Lübbe indes mit diversen Ministerpräsidenten deutscher Länder konstruktiv zusammengearbeitet. Seit seinem Standardwerk "Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse", 2. Auflage Basel 2012, kann kein Wissenschaftler im Ernst mehr von "Gesetzmässigkeiten der Geschichte", "historischer Notwendigkeit" oder gar einem "Ende der Geschichte" sprechen. Der letztere Buchtitel von Fukuyama entspricht wissenschaftlich etwa einem Physikbuch, in dem Einstein, Max Planck und Heisenberg noch keinen Platz haben. Diese nüchternen Analysen beweisen nichts für Lübbes Konservatismus. Eher schon seine bildungsbürgerliche humanistische Orientierung, die ihn veranlasste, seine hochbegabten Töchter ans damalige Gymnasium der Stiftsschule Einsiedeln zu schicken.

nom de guerre

16. Dezember 2019 20:45

@ Maiordomus

Vielen Dank, habe den Artikel jetzt gelesen (https://www.nzz.ch/feuilleton/faschismus-die-medien-warnen-vor-ihm-wenn-es-passt-ld.1527505), er steht nicht mehr (oder dann nicht, wenn man mit einer deutschen IP-Adresse liest?) hinter einer Bezahlschranke. Was da in Bezug auf die "zu große Amygdala" etwa von Trump-Wählern vertreten wird, ist ein überraschend offenes Bekenntnis, dass man sich vom demokratischen Diskurs endgültig verabschieden möchte. Dass diese Leute sich außerdem nicht mehr mit unterstellten psychischen Defekten aufhalten, sondern zu angeblichen physischen Anomalien übergehen, versuche ich noch für mich einzuordnen.

Interessant ist allerdings, dass wer so argumentiert, offenbar nicht darauf kommt, dass man "Trump-Wähler = zu große Amygdala = krank", veränderte Macht- und Einflussverhältnisse vorausgesetzt, auch genauso gut umdrehen kann, wonach dann Befürworter einer unbegrenzten Einwanderung eine zu kleine Amygdala hätten und demnach therapiebedürftig wären. Gleichzeitig haben politische Gegner, die man für "krank" erklärt, nichts mehr zu verlieren und können gefährlicher werden als bei einer weiter betriebenen Demokratiesimulation. So etwas zu propagieren, ist jedenfalls ein Spiel mit dem Feuer.

@ quarz

„Dogma […] Alarm-Abwehrreflex“ Das ist wohl so. Dazu der sinnvollerweise mit Humor zu nehmende Abschluss der Geschichte: Als kurz nach dem Gespräch der Geburtstag des Betreffenden anstand, habe ich ihm eine Ausgabe von Tichys Einblick geschenkt und dabei mit Bedacht keine Zeitung ausgesucht, bei der der Mainstream reflexartig „Nazi“ schreit. Glaubte ich jedenfalls. Nach kurzem Durchblättern wurde ich – nur halb scherzhaft – gefragt, wie verfassungsfeindlich (!) das denn sei. Auch dieses völlig absurde Narrativ, dass nämlich jede von der vorgegebenen Meinung abweichende Sicht die Beweislast dafür trägt, dass sie nicht „gegen das Grundgesetz verstößt“, wird mithin ohne weiteres geschluckt. @ Cugel, Sie und Herr Kubitschek haben wahrscheinlich Recht, die Leute wollen betrogen werden. Aber gefallen muss mir das nicht.

@ Gracchus

„Wahrscheinlich liegt das ausserhalb ihrer Vorstellungswelt, dass sich das auf ihr Leben auswirken könnte.“ – Ich denke, hier liegt der Hund begraben. Ansonsten müsste man, wenn schon keine Empathie für andere aufgebracht wird, wenigstens aus Eigeninteresse von bestimmten linken Lebenslügen Abstand nehmen.

Zu den Babyboomern: Das Buch von Raymond Unger ist unbedingt zu empfehlen, ebenso die „Die Deutschen und ihre verletzte Identität“ von Gabriele Baring (geht in eine ähnliche Richtung wie der Titel von Unger, beschäftigt sich aber stärker mit der transgenerationalen Weitergabe von Traumata). Beide habe ich letztes Jahr gelesen und hatte danach das Gefühl, dass ich vieles, was ich etwa bei meinen eigenen Eltern schon immer irgendwie „komisch“ fand, zum ersten Mal verstehe.

Andreas Walter

16. Dezember 2019 21:08

@Maiordomus

Bezahlschranke? Jetzt anscheinend nicht mehr:

https://www.nzz.ch/feuilleton/faschismus-die-medien-warnen-vor-ihm-wenn-es-passt-ld.1527505

Ja, guter Artikel, bis auf den Absatz mit der Rassenforschung. Da kann (oder will) sich Herr Zeyer nicht in eine andere Zeit hineinversetzen, in der es zudem auch noch keine Laserscanner und DNA-Forschung gab. Die übrigens auch die Juden selbst in Israel heutzutage ganz munter und ohne jegliche Gewissensbisse betreiben. Da wird auch alles erforscht, was schon vor 100 Jahren die Menschen interessiert hat. Identität, IQ, Abstammung, Herkunft, Zugehörigkeit, Eigenarten, Besonderheiten, Gemeinsamkeiten, selbst die mit Affen und anderen Lebewesen. Warum auch nicht. Die Biowaffenforschung kann man eh nicht aufhalten, das zu glauben wäre naiv. Allein schon nur der Abwehr halber.

Ratwolf

16. Dezember 2019 21:14

Was Ellen Kositza über zweifelhafte Künstler sagt, die man nicht genießen kann, finde ich richtig. Den Lebensstil wird man letztendlich auch in den Werken wiederfinden. Natürlich können Menschen sich ändern. Dann muss man schauen, wie er sich entwickelt hat. Verbieten sollte man auch keine Kunstwerke, solange sie nicht gegen Gesetze verstoßen.

Ich kann Viktor von Weizsäcker, Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler oder Heidegger aufnehmen, aber bei Goethe, Grass oder Hemingway habe ich Probleme. Es ist mein persönliches ästhetisches Situationsurteil und ich kann es jeweils begründen.

Kositza: Danke! Es ist bei mir leider wie eine Allergie, ich hätte sie lieber nicht. Furtwängler bspw. tät ich gern verehren (tue es natürlich insgeheim auch), aber sein fahrlässiges Privatleben kommt mir immer in die Quere, wenn ich nicht nur vor seinen Dirigaten, sondern auch vor seinen Texten dahinschmelzen will. Vermutlich ein weibischer Zug!

RMH

17. Dezember 2019 08:15

"… oder Heidegger … fahrlässiges Privatleben … Vermutlich ein weibischer Zug"

Heidegger war bekanntermaßen auch kein treuer Ehemann sondern eher ein Schürzenjäger. Seine Frau war aber offenbar gleichfalls kein Kind von Traurigkeit und schenkte ihm u.a. einen Sohn, dessen Erzeuger er nicht war.

Was soll also bitte das Ganze?

Das ist alles eine Frage des Abstraktionsvermögens, ein Werk erst einmal für sich zu nehmen und es zunächst so stehen zu lassen, wie es ist und nicht immer sofort das kleine menschliche Ferkelchen, welches evtl. dahinter stecken könnte, bei jeder Zeile mit im Raum stehen zu haben.

Das hat auch rein gar nichts mit weibisch zu tun, so etwas ist ausnahmsweise einmal schlichte Denkschulung verbunden mit einer ganz kleinen Portion gedanklicher Disziplin. Mehr nicht. Gut, eine gewisse akademische Ausbildung, insbesondere Literaturwissenschaftliche, die bei Werken immer gleich den ganzen Kontext mit heranziehen muss, kann einem hier schon den unvoreingenommenen Blick auf Literatur wieder ein gutes Stück verbauen, aber auch hier gilt dann: Erst das Lesen, Denken, dann das akademisch Analytische.

Der einzige Vorwurf oder die einzige Kritik oder den einzigen ästhetischen Einwand, den man ab und an bringen kann ist der Folgende: Ein Autor, der eigentlich nur Schwänke aus seinem eigenen Leben bringen kann und diese mit etwas Phantasie auskleidet, bringt oftmals auch nur ein entsprechendes Œuvre hervor, bei dem dann ein oder evtl. zwei Bücher dabei sind, die man lesen kann, aber den Rest sich nicht mehr antun muss, da es langweilig wird. Hier vermag es ggf. bei dem einen oder anderen eine gewisse Tendenz zu geben, aber selbst wenn ein Autor nur einen "Meilenstein" geschrieben hat und der handelt von ihm selber, dann hat genau dieser Meilenstein seine Berechtigung in der Ruhmeshalle der Literatur. Dann gibt es eben nur ein gutes Buch von ihm, was dann immerhin mehr ist, als die meisten Autoren in ihrem Leben erreichen.

Aber im Übrigen hat solch eine Ferkelchen-Denke eine gleiche Tendenz wie "Ist von Deutschen, muss also Nazi sein" … und dagegen kämpfen doch gerade hier alle an.

(Jetzt war ich aber im Oberlehrer-Modus … ).

Andreas Walter

17. Dezember 2019 13:48

So ein Zufall. Mir ist erst gestern das hier über Lion Feuchtwanger auf den Schirm geraten:

https://www.zeit.de/2018/51/lion-feuchtwanger-schriftsteller-exil-usa-sex-tagebuecher

Dem Bewunderer und Befürworter von Hitler, wollte ich beinahe schon schreiben, doch das war er ja gar nicht. Ehrenburg soll aber auch ein ganz "Grosser" gewesen sein. Doch gibt es das überhaupt, Künstler, die sich für Nieten halten oder sogar wissen, dass sie Nieten sind? Im Grunde glaubt doch jeder Künstler, dass er nur ein verkanntes Genie ist, bis ihm welcher Erfolg auch immer das lang ersehnte und erheischte Wunschdenken bestätigt. Kleine Napoleons oder Muttersöhne lediglich mit einer Feder und ihrem Schw. in der Hand statt einem Schwert.

Moment, ich schau' mal kurz nach.

“Über Lions Mutter ist nur wenig bekannt; er beschrieb sie als streng, engherzig, von kleinstädtischer Herkunft, pedantisch über die häusliche Ordnung wachend.“

Nach viel Liebe klingt das leider nicht.

Doch dass er Jud Süß geschrieben hat wundert mich. Ich dachte immer, das wäre das böse Werk eines Nazis gewesen. Muss wohl am Titel liegen, der gleich mehreren Werken vorsteht:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jud_Süß_(Feuchtwanger)

Reinlesen kann man ja mal, aus Neugier. Wenn's nichts kostet und einem das Gehirn nicht vernebelt.

Maiordomus

17. Dezember 2019 14:27

@nom de guerre/Walter: Gut für den für alle empfehlenswerten Hinweis, dass der Artikel von René Zeyer nunmehr offenbar für "ganz Deutschland" lesbar ist. Müsste auch von ganz Deutschland gelesen werden, weil man nämlich sieht, in welchen Kreisen der Totalitarismus sich unverfroren und offenbar unkritisiert etabliert. Damit liegt, bis zum Beweis des Gegenteils, am Tage, wo das Monopol für die Entfachung von Skandalen liegt.

@Rotwolf. Goethe und sein "Privatleben", über das Sie sich wohl ein bisschen spiesserisch aufhalten. Dabei gibt es etwa sieben Bände mit rund 12 000 Seiten "Goethes Leben von Tag zu Tag", in denen Sie mal blättern sollten.

Dann würde Sie etwas vielleicht stutzig machen: schon bei 15% der durchschnittlichen Arbeitsleistung von Goethe, zu schweigen von der Qualität, wäre unsereiner kaum je "zum Herumvögeln" gekommen. Zu schweigen davon, dass das Sexualleben von Goethe, das in den ersten knapp 40 Jahren vermutlich auch wegen Phimose fast nur in Form von Fetischismus stattfand, eine höchst komplexe und von aussen nicht als beneidenswert anzusehende Sache war, was über weite Strecken sogar für den mit Goethe nicht vergleichbaren Giacomo Casanova gilt. Am besten ging es ihm noch mit seinem Eheleben mit Christiane, trotz vieler toter Kinder, was in diversen guten Biographien schon dargestellt ist.

Über alles gesehen war Goethe ein Arbeitsfreak. Gegen Schluss des Lebens bekannte er in einem Brief, es sei ihm die "meiste Zeit seines Lebens zumute gewesen wie einer Ratte, die Gift gefressen hat." Das war indes eine punktuell resignative Aussage. Thomas Mann hat mit Recht bei Goethe ein hohes bürgerliches Ethos ausgemacht, das war keineswegs eine Idealisierung. Um seine Homosexualität und Pädophilie unter Kontrolle zu bringen, hat der Nobelpreisträger aus Lübeck ähnlich fleissig geschuftet. Kein anderer Deutscher ausser vielleicht Johann Sebastian Bach und Jacob Grimm hat das von Max Weber geschilderte protestantische Arbeitsethos mit innerweltlicher Askese in einem gewissen Wohlstand so exemplarisch über ein ganzes Menschenleben durchgehalten wie der Alte von Weimar. Er bleibt bis heute ein Netto-Zahler der deutschen Kulturgeschichte, nach Nietzsche "ein europäisches Phänomen".

Trotz Charakterfehlern und Kleinlichkeiten, die auch bei Goethe vorgekommen sind, bei ihm besser dokumentiert als bei uns allen, ist es schon ein Witz, ihn mit Günther Grass zu vergleichen, der Genre-Figur eines deutschen Studenten in der Lokalgeschichte der Stadt Lenzburg, das kann man noch ein wenig mit Goethes Aufenthalt in Sesenheim/Elsass vergleichen. Aber sonst?! Ich fürchte, Sie haben den Roman von Martin Walser über den alten Goethe und dessen Erektionen gelesen, das mieseste Stück Schund von einem historischen Roman, das mir bekanntgeworden ist von einem Möchtegern-Goethe. Erlauben Sie mir bitte diesen "Oberlehrer-Modus", mit dem Sie Ihre letzte Wortmeldung geschlossen haben. Dabei ist Goethe freilich auf keinerlei Apologie angewiesen. Hingegen auf das mit dem protestantischen Arbeits-Ethos dürfte im Hinblick auf unsere Zeit doch hingewiesen werden.

Maiordomus

17. Dezember 2019 14:36

PS. Derjenige, der mit "Grass, Goethe, Hemingway" Probleme bekundete, war Ratwolf, nicht RMH, der jedoch am Beispiel von Heideggers Privatleben die ganze Thematik, bei Thomas Mann zum Problem "Bürger und Künstler" idealisiert, angeschnitten hat.

heinrichbrueck

17. Dezember 2019 23:27

@ Maiordomus
Die Wehling ist eine total unwichtige Person, intellektuell systemverdorben und fern jeder Machtposition, mit Zeyer in einer Demokratieshow eingebunden; stets in einer gelungenen Ablenkung deutsche Verdächtigungsschuld totalitaristischer Prägung hochzukochen. Wehling arbeitet für die Demokraten, Zeyer für die Demokratie (und manche für das Grundgesetz). Das Zusammenspiel ist eine Ablenkung. Der Totalitarismusvorwurf scheint der Feind der Demokratie zu sein, mit deren Hilfe noch jede Sauerei umgesetzt werden konnte, Hauptsache die Deutschen werden nicht demokratiefeindlich und verschwinden demokratisch. Inzwischen halte ich die Demokratieform für eine geschichtsverfälschende Indoktrinationsmaschine, deren Gehirnwäschemöglichkeiten im Zentrum des politischen Geschehens ins Werk gesetzt werden, damit der Demokrat politikblind aus dem Leben geführt werden kann.

Maiordomus

18. Dezember 2019 17:05

@heinrichbrück. Wehling schent mir in Sachen Einflussmöglichkeiten und tatsächlicher Position doch noch wichtiger als zum Beispiel der weitestgehend isolierte Wolfgang Gedeon, den ich mir als Expertise-Verfasser für eine deutsche Fernsehanstalt nicht vorstellen könnte. Ihre Vorhaltungen zur Kritik des Totalitarismus machen, gelinde gesagt, einen unpolitologischen Eindruck. Wahrscheinlich sind Ihnen die grassierenden Fernanalysen von Psychiatern über Geisteskrankheit bei Donald Trump nicht bekannt, die in diversen Mainstream-Medien veröffentlicht wurden. Auch nicht das heutige Ausmass an pseudowissenschaftlichen Analysen an Hochschulen. Das Beispiel der genannten Frau, die ich nicht überschätze, steht pars pro toto. Wenn solchen Aussagen nicht einmal in wenigstens einem ernst zu nehmenden Organ publizistisch widersprochen wird, mutiert Opposition wie in der einstigen Sowjetunion zur Geisteskrankheit.

Sie sehen aber richtig, dass ich, wie Herr Zeyer, der in Zürich lebt, einen anderen Demokratiebegriff vertrete als Sie. Gegen die bekämpfenswerte Ideologie des Antifaschismus wende ich mich ähnlich, wie zum Beispiel der einstige Historiker des Nationalsozialismus, Walther Hofer, auf der Basis der Kritik des Totalitarismus. (Hofers Einschätzung des Reichstagsbrandes teile ich aber nicht.)

Ich bin mir völlig bewusst, dass trotz zum Teil noch beachtlicher intellektueller Leistungen, das Problemfeld von Demokratie und Föderalismus, Staat und Gesellschaft, nicht nur bei der deutschen Linken, sondern auch bei der Rechten noch vielfach und bei vielen sogar geistig hochstehenden Repräsentanten ungenügend durchdacht bleibt. Es stimmt wohl, dass Sie und ich nicht übereinstimmen. Auf einer für mich noch wählbaren Liste der Rechten würde ich Sie wohl streichen, so wie Sie mit mir, was ihr wohlverstandenes Recht ist, sicher nicht genügend Übereinstimmung hätten. Mir scheint auch völlig klar, warum ein gewisser Herr hier bei einem Weihnachtslied mit "Heja Zion" oder "Tochter Zion" auf keinen Fall mitsingen würde. Da geht es nicht um Politik, nicht mal herkömmlichen Antisemitismus, sondern um innerste Emotionen. So wie ein guter Freund von mir aus dem sozialistischen Lager bei der "Internationalen" immer dann verstummte, wenn die Roten sangen, dass "kein Gott uns retten" könne. Diese Stelle würde gewiss Martin Lichtmesz ebenfalls auslassen, hat er doch zu dieser Thematik ein Buch geschrieben.

Über alles gesehen scheint heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine Art Kulturkampf zu herrschen. Mit zum Teil höchst komplex verteilten Fronten.
Am Ende aber gibt man sich oft lagerintern "mehr auf den Geist" als dies die öffentliche Konfrontation denken lässt. Das war schon, wie Orwell beschrieben hat, schon zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges vielfach der Fall.

Ratwolf

18. Dezember 2019 23:55

Bei Wilhelm Furtwängler dachte ich eher an seine Arbeit als Dirigent während der Zeit des Nationalsozialismus und an seinen Flug mit einen Flugzeug der russischen Besatzer. Beides keine Argumente gegen das Hören von Furtwänglers Aufnahmen.

heinrichbrueck

19. Dezember 2019 05:11

@ Maiordomus
In einer Multikultigesellschaft, offengehaltenen Grenzen, Umvolkungsgebiet also, sind negative Emotionen an der Tagesordnung. Ein Bürgerkrieg würde die deutsche Seite vernichten. Deshalb mein ungezwungenes Demokratiemißtrauen, eigentlich eine Ablehnung (Demokratie als falsche Hirnstimulation).
Ich bleibe dabei, die Wehling ist schon in eine falsche Realitätssicht hineingeboren worden, deshalb eine Pseudowiderlegung noch lange keine Opposition ist. Für mich, der auf keiner Wahlliste seinen Namen sehen möchte, sind die meisten Politfiguren, darunter auch ein Trump, für ihre Länder zugeschnittene Schauspieler, deren Erpreßbarkeit mit zunehmender Bedeutung steigt. Ein bißchen Opposition gibt es, wenn auch keine Parteiopposition, durch die ehemalige DDR. Wird von Politikern Angst geschürt, Amygdala hin oder her, muß nicht unbedingt die Wahrheit gemeint sein, sondern eher die verfolgten politischen Ergebnisse. Zeyer hat einer Vermutung widersprochen, als ob durch offenes Denken das System aufrechtzuerhalten wäre. Politische Ethik ist wichtig; gleichwohl darf der Feind nicht gewinnen. Politische Reden erzeugen Handlungen, die sich in Taten manifestieren, deren Zukunftstauglichkeit schon im vorhinein berechnet werden kann. Mangelnde Handlungskontrolle kann sprachlich gesteuert werden, also sind Politiker, die an ihren Verlautbarungen gemessen werden können, verantwortlich zu machen, wenn es ihre Verlautbarungen sind. Werden schon die Politiker gesteuert, befinden wir uns in einer anderen demokratischen Situation. Wahlverhalten spielt in diesem Kontext keine Rolle, was sowohl Wehling als auch Zeyer nicht beanstanden. In diesem Fall gibt es keine echte Opposition. Soll der Geist Schillers triumphieren, muß die Politikersprache die richtigen Ergebnisse liefern. In Sachen "mehr auf den Geist" wird es in erster Linie zu leisten sein.

Maiordomus

19. Dezember 2019 13:48

@hbrück. Sie bestätigen, dass Sie argumentieren können, und zwar ernsthaft, auch ernst zu nehmend, darum ist mein Widerspruch an Sie keine Feinderklärung. Rein negative Aussagen treffen leider auch bei Mephistopheles oft zu. Nur ist damit kein Problem gelöst. Faust hat mit Hilfe des Teufels dann trotzdem das Papiergeld erfunden, wiewohl Sie und andere ihn sicher davor gewarnt hätten!

Natürlich kommt es vor dem politischen Handeln, das hat Marx sinngemäss richtig gesehen, noch darauf an, wie man die Wirklichkeit interpretiert. Sein berühmter Satz über die Weltveränderung bedeutet gerade bei ihm, dass er die Welt veränderte, indem er sie interpretierte. Darum sind solche Debatten kein Luxus. Ihren Ausführungen fehlt ein handlungskompatibler Ausweg, weswegen Sie tatsächlich nicht richtig in ein Wahlkampfteam passen würden, vielleicht nicht mal in ein Abstimmungskomitee. In der Schweiz können wir sensationellerweise darüber abstimmen, schon nächstes Jahr, ob wir die Personenfreizügigkeit kündigen wollen, was natürlich Konsequenzen hätte bis hin zu allenfalls realen Opfern. Dagegen warnt der prominente SVP-Politiker und Bahnunternehmer Peter Spuler, der unterdessen schon die populärste ehemalige Bundesrätin in seinen Verwaltungsrat genommen hat. So eine Sache ist nun mal, ähnlich wie der Brexit, eine Knacknuss für praktisches politisches Denken. Reine Fundamentalisten kann man in diesen Fragen nicht gebrauchen, zumal nicht, wie Sie selber andeuten, auf einer Wahlliste.