17. Juni 2020

Erinnerungen an Jean Raspail (1925-2020)

Martin Lichtmesz / 34 Kommentare

Kubitschek hat in seinem Nachruf auf Jean Raspail erzählt, wie er eine seiner Töchter nach Paris entsandte, um ein seltenes Buch in Empfang zu nehmen:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die französische Erstausgabe des Heerlagers der Heiligen mit handschriftlichen Anmerkungen des Autors, die diesem zu wertvoll erschien, um sie dem Risiko einer Postsendung auszusetzen. Schließlich gelangte sie in meine Hände, persönlich im Schloß Pikkendorff von Schnellroda abgeholt, um mir bei meiner Neuübersetzung seines berühmtesten Romans zu Diensten zu sein.

Ich plante, Raspail dieses Exemplar nach Abschluß der Arbeit persönlich zurückzubringen. Einen Termin im November 2015 sagte Raspail brieflich ab, da er sich nicht gut fühlte. Just an dem Wochenende, an dem ich ihn besuchen sollte, am Freitag, dem 13. November 2015, ermordeten Islamisten in Paris 130 Menschen und verletzten hundert weitere.

Raspail war sich im Ungewissen, wann er wieder Besucher empfangen könne, und vielleicht hat er bereits damals über seinen Tod nachgedacht, was angesichts seines hohen Alters nicht verwunderlich gewesen wäre. Er schrieb mir, ich solle das Buch behalten, er mache es mir zum Geschenk. So bin ich heute stolzer Erbe dieses einzigartigen Exemplars. Diese erste, kaum auffindbare Ausgabe seines Romans aus dem Jahr 1973 enthält Raspails handschriftliche Streichungen und Veränderungen, die (meines Wissens) ab der dritten Auflage (1985) übernommen wurden.

Meine Neuübersetzung entstand im Schicksalsjahr 2015 unter fiebrigem Zeitdruck. Sie erschien Ende Juli, drei Wochen nach Raspails 90. Geburtstag, und zwei Monate vor Öffnung der deutschen Grenzen durch Angela Merkel. Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit, und wurde zu einem der größten Erfolge unseres Verlages.

Es war nicht unser erster Raspail: 2013 war der Roman Sieben Reiter verließen die Stadt erschienen, 2014 hatte ich die (vergriffene) Kompilation Der letzte Franzose zusammengestellt, übersetzt von Benedikt Kaiser und mir. Sie enthielt mehrere Interviews mit dem Autor aus den Jahren 1993 bis 2016 sowie zwei Essays: "Die Tyrannei des Duzens" und "Big Other" über die Wirkungsgeschichte des Heerlagers der Heiligen und seine Bedeutung für die heutige Zeit, eine Beigabe zur französischen Neuauflage im Jahr 2011, die in Frankreich großen Erfolg hatte.

Ursprünglich war nur vorgesehen, die alte deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1985 zu "frisieren". Dieses Buch hatte mir um 2005 einen schweren Schock versetzt, und meine Weltsicht wohl für immer verändert. Als ich es wieder aufschlug, und mit der Originalfassung verglich, entdeckte ich etliche Kürzungen, Streichungen und Übersetzungsfehler, die mitunter ziemlich skurril waren: so wurde aus einem Rotwein namens "Juliénas", mit dem sich Machefer, der Herausgeber einer konservativen Zeitung, tröstet, ein nicht weiter beschriebener Mensch, der allabendlich zu Besuch kommt. Darum beschlossen wir, das Buch komplett neu zu übersetzen.

Zusätzlich verwirrend war, daß die Hohenrain-Ausgabe aus irgendeinem Grund etliche Passagen aus der ersten Fassung, die von Raspail entfernt worden waren, beibehalten hatte; andere Teile des Buches entsprachen wiederum seinen Korrekturen. Dabei hatte er etwas geschlampert, denn er ließ einige Sätze wie lose Fäden übrig, die ohne die gestrichenen Stellen keinen Sinn ergeben. Diese habe ich dann stillschweigend ausgelassen. Unsere Ausgabe entspricht der französischen von 2011 und ist etwa 30-40 Seiten länger als die alte deutsche Übersetzung.

Angesichts der etlichen Abschnitte und Seiten, die Raspail gestrichen hat, bedaure ich es, daß wir nicht die erste Fassung von 1973 herausgebracht haben, die stellenweise die spätere an politisch unkorrekter Schärfe übertrifft. Am liebsten hätte ich das Beste beider Versionen kombiniert, aber das wäre nicht im Sinne des Autors gewesen. Stark gekürzt wurde von ihm etwa die Geschichte des Abtes Dom Melchior, der mit seinen altersschwachen Mönchen an den Strand aufbricht, an dem die "Armada der letzten Chance" landen wird, um gemäß der alten biblischen Prophezeiung den Antichristen zu konfrontieren, die Monstranz mit der heiligen Hostie in den zitternden Händen.

Dabei trifft die humpelnde, teilweise senile Greisenprozession auf den abgefallenen progressiven Priester Chassal, der ebenfalls an den Strand eilt, um die "eine Million Christusse" willkommen zu heißen. Nun entspinnt sich ein Dialog zwischen Dom Melchior und Chassal, in dem deutlich wird, daß der Abt gar nicht an Gott glaubt, daß seine Treue allein der Tradition gilt, die es bis zum letzten Atemzug aufrechtzuerhalten gilt:

Man muß das Stück, so wie es geschrieben wurde, bis zu Ende spielen. Wir sind die Kirche der letzten Tage. Nicht zahlreicher als am Anfang.

Diese Szene ist nun in der Hohenrain-Version fast vollständig erhalten, während sie in der Antaios-Version nach den Vorgaben Raspails stark gekürzt ist. Ich denke, er wollte hier den Eindruck abschwächen, daß er die Religion generell für eine reine Maskerade hält. Dieser Eindruck wird sicherlich relativiert durch den Roman Der Ring des Fischers. Für Raspail war im religiösen Bereich vor allem der Sinn für das Heilige und Schöne und die Treue zur Tradition entscheidend. Das Heilige aber ist im Heerlager abwesend, umso präsenter sind unerklärliche, dämonische Mächte, die eine satanische Parodie der christlichen Heilsgeschichte in Gang setzen.

Allerdings könnte man bei der Lektüre den Eindruck bekommen, daß das Christentum selbst der Teufel ist, vor allem im Stadium seiner Dekadenz und Altersschwäche. Es erscheint einerseits als Quelle eines messianischen Massenwahns und einer pathologischen Mitleids- und Sklavenmoral, wie sie ein Nietzsche kaum gnadenloser anprangern hätte können, andererseits als edler Budenzauber, dessen Inhalt man nicht allzu ernst nehmen sollte.

Dieser "Budenzauber" hatte jedoch für Raspail eine tiefere Bedeutung, denn es war ihm eine Frage der Ehre, Treue und Pflicht, wenn nicht des Glücks, für dieses Theater mit unerschütterlicher Haltung zu leben und zu sterben, entsprechend einer markanten Stelle des Romans, die man als sein persönliches Credo ansehen könnte:

Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst. Sie reißen Witze, während sie ins offene Feuer marschieren, weil sie wissen, daß sie für etwas kaum Greifbares sterben werden, etwas, das ihren Fantastereien entsprungen ist, das halb Spaß, halb Humbug ist. Oder vielleicht subtiler ausgedrückt: Die Fantastereien verbergen eine aristokratische Scheu, die sich nicht dabei erwischen lassen will, für so etwas Lächerliches wie eine Idee zu kämpfen. Darum drapiert sie sich mit herzzerreißendem Trompetengebläse, hohlen Phrasen und nutzlosem Goldflitter und gestattet sich damit die höchste Freude, das Leben für eine Maskerade zu opfern.

Das hat die Linke nie verstanden, und darum ist sie so sehr von Haß und Verachtung erfüllt. Wenn sie auf eine Fahne spuckt, auf eine Gedenkflamme pißt oder ein paar alte Säcke in Baskenmützen verhöhnt (um nur ein paar Beispiele zu bringen), dann nimmt sie sich selbst furchtbar ernst, und wenn sie sich dabei sehen könnte, würde sie merken, daß sie schlimmer ist als jene, die sie als »reaktionäre Arschlöcher« beschimpft.

Die wahre Rechte ist niemals so verbissen. Darum wird sie von der Linken so gehaßt, etwa so wie der Henker einen Verurteilten haßt, der auf dem Weg zum Galgen lacht und sich über ihn lustig macht. Die Linke ist ein düsterer Brand, der verzehrt und zerstört. Sogar ihre Feiern sind, dem äußeren Anschein zum Trotz, eine grausige Sache, wie etwa die Marionettenparaden von Nürnberg und Peking. Die Rechte ist eine fröhlich tanzende Flamme, ein flackerndes Irrlicht in einem dunklen, ausgebrannten Wald.

Als ich Raspail im März 2016 endlich begegnete, und ihn im Zuge eines Interviews, das gefilmt wurde, auf die gestrichenen Bekenntnisse des traditionstreuen, aber ungläubigen Dom Melchior in der ersten Fassung des Heerlagers ansprach, reagierte er etwas gereizt und abwehrend, wie er auch überhaupt keine Fragen mochte, die ihm als Geschichtenerzähler zu theoretisch, zu philosophisch, zu "intellektuell" erschienen. Dies war seine Antwort:

Hören Sie, ich werde auf all das nicht eingehen, ich finde das sehr ermüdend und außerdem bin ich weder ein Philosoph noch ein Experte noch ein Denker und so weiter; das ist nicht meine Aufgabe. Aber in allen meinen Büchern gibt es in der Tat eine Sache, auf die man mich immer wieder hingewiesen hat, und von der ich weiß, daß sie eine große Rolle spielt, und das ist die Haltung. H-a-l-t-u-n-g. Die Haltung. Nicht die Pose, das ist nicht dasselbe. Die Haltung. Alle meine Figuren haben eine Haltung. Es ist nicht erforderlich, Überzeugungen zu haben, um Haltung zu besitzen; die Haltung erzeugt oft die Überzeugung. Warum glauben Sie, daß man die Soldaten in schöne Uniformen einkleidet und ihnen Musik vorspielt, und warum glauben Sie, daß man recht schöne Hochzeiten veranstaltet, warum? Die Haltung ist fundamental. Das ist es, was für mich den Menschen ausmacht, ich habe das immer und immer wiederholt in meinen Büchern.

Das Interview ist in der Sezession 73 vom August 2016 nachzulesen. Ein paar Monate zuvor, am 6. April 2016, war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein ausführlicher Bericht meines Begleiters Konrad Weiß über unseren Besuch bei Raspails erschienen; eine Kurzfassung kann man hier lesen. Weiß sollte später für Antaios Die blaue Insel und für seinen eigenen Verlag Karolinger Die Axt aus der Steppe übersetzen.

Was die FAZ angeht, so hat sie dank der Initiative von Lorenz Jäger immer wieder das Werk Raspails kontinuierlich ins Gedächtnis gerufen. Es war Jäger, der 2005 das Heerlager aus der Versenkung holte, während Jürg Altwegg den Autor 2011, anläßlich der Neuauflage des Buches in Frankreich, vom Vorwurf des Rassismus freisprach. Ein Jahrzehnt später, gerade eben also, läßt die FAZ Simon Strauß Raspail ins Grab nachspucken, mit einem Nachruf, der nur allzu deutlich verrät, daß der Autor seine Kenntnisse lediglich aus zweiter Hand bezogen hat (alles, was man über das Heerlager wissen müsse, sei, daß Marine Le Pen und Steve Bannon es genannt haben).

Was nun meinen Besuch bei Jean Raspail angeht, so habe ich ihn in der 73. Druckausgabe der Sezession geschildert. Da mein mündliches Französisch miserabel ist, bat ich Konrad Weiß, seines Zeichens Abgesandter des frankophilen Karolinger-Verlags, mich als Dolmetscher zu begleiten.

Im März 2016, wenige Monate vor seinem 91. Geburtstag, standen also die beiden cavaliers aus Wien, durchnäßt von einem spätwinterlichen Hagelsturm, endlich vor Raspails Wohnung im noblen 17. Bezirk, unweit des Triumphbogens. Zuvor hatten wir noch mit etwas Lampenfieber in einem Café beraten, welche Fragen wir ihm stellen wollten. Unvergeßlich wird mir der Moment bleiben, als sich die Tür öffnete und der Konsul von Patagonien persönlich vor mir stand und mich mit seinen leuchtenden blauen Augen freundlich anstrahlte, mit aufrechter Haltung, bekleidet mit einem alpinen Trachtenjanker.

Im Laufe des Abends, den wir mit ihm und seiner nicht minder rüstigen Gattin Aliette verbrachten, mit der er seit 65 Jahren verheiratet war, und die er nach alter französischer Art siezte, zeigte sich Raspail gut gelaunt, rüstig und heiter. Kurz zuvor hatte er Besuch von seinem japanischen Übersetzer erhalten, weshalb er immer wieder die japanische Nationalhymne vor sich hintrötete. Sein Wohnzimmer glich dem eines Kapitäns im Ruhestand: überall hingen Gemälde und Zeichnungen mit maritimen Motiven, und eine Wand war für eine imposante Sammlung von Buddelschiffen reserviert.

Raspails Arbeitszimmer war randvoll mit unzähligen Erinnerungsstücken, Reisesouvenirs und Raritäten aus zehn Jahrzehnten, inklusive Spielzeugeisenbahnen, Schiffsmodellen und Zinnsoldaten. Eine farbige Zeichnung von Jacques Terpant zeigte den jungen Raspail, schon damals mit seinem charakteristischen gallischen Schnauzbart, in Pfadfindermontur, in jenem Kanu, mit dem er die „Wasserwege des Königs“ bereiste, die ehemaligen französischen Besitzungen in Nordamerika von Quebec bis New Orleans. Es hing zwischen dem Originaltitelbild von Heerlager der Heiligen, dessen Auflagen, Übersetzungen und Raubdrucke einen Regalmeter füllten, und einem Porträt Ludwigs XVI.

Seine Bibliothek wurde bewacht von einer kleinen Spielzeugarmee von Chouans, den königstreuen Rebellen, die sich in der Vendée gegen die Jakobinerherrschaft erhoben, während über der Tür die Fahne des von Antoine de Tounens erträumten Königreichs Patagonien prangte. Er zeigte uns auch das Modell eines kleinen schwarzen Citroen etwa aus dem Jahre 1930, der Dienstwagen seines Vaters, der im Saarland Generaldirektor für Bergbau war.

Um seinen deutschsprachigen Besuchern eine Freude zu machen, verwies er auf zwei seiner Lieblingsbücher, die mit Deutschland und Österreich zu tun haben, und wie nicht anders zu erwarten, vom Untergang einer Welt handeln: Marion Gräfin Dönhoffs Abgesang auf Ostpreußen, Namen, die keiner mehr nennt, und Joseph Roths Roman Radetzkymarsch, den er nach eigener Auskunft zehnmal gelesen hatte.

Wir beschlossen den Abend mit Champagner, Wein aus dem Sancerre, Foie gras (Gänsestopfleber) und Bouillabaisse, einem aus Marseille stammenden Fischgericht. Zuletzt baten wir Raspail noch, uns einen Turm mitgebrachter Bücher zu signieren. Auch dieser Bitte kam er geduldig nach, „denn das gehört zum Beruf“. Als mein frankophoner Begleiter und ich wieder in das Paris des Jahres 2016 zurückkehrten, allmählich aus unserer Audienz beim Markgrafen wie aus einem Traum erwachten und in die überfüllte Métro stiegen, fühlten wir uns ein wenig wie Silvius von Pickendorff und Maximilian Bazin du Bourg in der letzten Szene der Sieben Reiter.

Zum Abschied sagte Raspail zu uns: „In fünf Jahren werde ich tot sein. O doch! Ich hoffe.“ Vier hatte er noch vor sich.

Zu Raspails Status als Fabeltier gehörte nicht nur sein "Prophetentum", sondern auch sein hohes Alter. Sein bloßes Dasein hatte etwas von einem Wunder. Er lebte lange genug, um mitzuerleben, wie seine makabren Visionen und satirischen Zuspitzungen Wirklichkeit wurden. Als Royalist und romantischer Abenteurer, geboren in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, erschien er wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, die schon in seiner Jugend lange vorbei waren. Dennoch war er eine lebendige Verbindung in das Frankreich von gestern, nicht nur des Kolonialreiches, sondern des Ancien Régime, der Helden und Heiligen. Es tat gut zu wissen, daß er immer noch am Leben war und rege die Entwicklungen der Weltgeschichte verfolgte.

Die erste Hommage schrieb ich 2010, anläßlich seines 85. Geburtstages. Hartnäckig blieb er noch ein Jahrzehnt lang unter uns, und bekam gerade in seinen letzten Lebensjahren vermehrte Aufmerksamkeit als "prophetischer" Autor. Von der Jungen Freiheit bis zum Spiegel stattete man ihm Hausbesuche ab, und selbst letzterer brachte einen vergleichsweise fairen Artikel. Es war schwer, sich seinem persönlichen Charme zu entziehen oder ihm den Respekt zu versagen. Er selbst verkörperte in hohem Maße die "Haltung" und aristokratische Tugend, die in seinen Büchern eine so große Rolle spielt.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (34)

Der_Juergen

17. Juni 2020 08:15

Dieser wunderbare Artikel erweckt in mir den Wunsch, nach dem "Heerlager" und den eben bestellten "Sieben Reitern" alle anderen Werke dieses grossen Mannes zu lesen - gemächlich, ohne Hast, so wie man eine gute Flasche Wein nicht in ein paar hastigen Schlucken leert.

Was Lichtmesz über die Raspail-Rezension in der FAZ schreibt, spricht Bände über den Niedergang einer Zeitung, die man nicht unbedingt lieben musste, aber doch achten konnte. War einmal. Mit demselben Recht könnte man sagen, alles, was man über Brecht wissen müsse, sei, dass Ulbricht und Honecker ihn irgendeinmal lobend erwähnt hätten. Kann ein Rezensent noch viel tiefer sinken?

Kositza: Beide Einlassungen von S. Strauß in der FAZ (2019 und 2020) zum "Heerlager" zeugen zwar davon, daß er kein begeisterter Raspail-Leser ist. Das muß man aber nicht sein. Ich bins auch nicht. Die FAZ ist irgendwann vor vielen Jahren gewiß abgesunken, aber grad an diesem Rezensenten liegt das sicher nicht.

ML: Diese beiden platten, zum Teil verleumderischen und konformistischen Einlassungen im Vergleich zu Jäger, Altwegg und Weiß sind Absinker genug, wenn man mich fragt.

Ein gebuertiger Hesse

17. Juni 2020 09:50

Wunderbar haptischer Rückblick. Um Dinge wie das hier beschriebene Zusammentreffen mit Raspail zu erleben, ist man überhaupt auf Erden. Und sowas bleibt, eingeschrieben ins Gemüt. Da kommt kein äußeres Tatoo mit.

RMH

17. Juni 2020 10:00

Danke für diesen persönlichen Nachruf. Er bringt einem den Autor noch einmal näher. "Haltung" ist eben nicht das, was ein "Dschornalist" in den Wahrheitsmedien zum Zwecke des Broterwerbs auf Bestellung liefert, sondern Ausdruck einer in der Tiefe einer Person angelegten Ehre. Raspail war ein Gentleman und ein Ehrenmann alter Schule. Gerade die Begriffe der Ehre und des Ehrenmannes unterliegen seit einiger Zeit der Trivialisierung und insbesondere der Kanakisierung, vor allem bei Jugendlichen.

Zeit, sich an den alten Herren zu orientieren, Haltung zu bewahren, zu zeigen und die Begriffe rund um die Ehre für das Abendland zurück zu erobern.

Monika

17. Juni 2020 10:05

Ganz wunderbar !!! Diese Erinnerungen von Herrn Lichtmesz bewegen mich deutlich mehr als das Buch von Jean Raspail „Das Heerlager der Heiligen“. Ich habe in den 80 er Jahren die Ausgabe des Hohenrain Verlages gelesen, die zum Kultbuch in rechten ( nicht ! konservativen Kreisen) avancierte. Und umso begehrter wurde, als es die Ausgabe nicht mehr gab. Da hatte ich mein Exemplar allerdings schon entsorgt. Mich störte genau! die Verächtlichmachung eines schwachen Christentums, dargestellt im Bild der „senilen Greisenprozession“. Oder genauer, dass die Rechte das Buch dazu nutzte, das Christentum verächtlich zu machen. Meine Aversion gilt seit jeher Neuheidentum und einem Traditionalismus, der nur die äußere Form sieht. Die Aussage von Raspail: „Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst“, hat für mich was unendlich Befreiendes. Und natürlich kann auch „die Rechte schon sehr verbissen sein“. Der Text war für mich erhellend. Ich werde nun zwar nicht zum Raspail-Fan, jedenfalls nicht, was seine Bücher betrifft, aber seine Haltung und seinen Weingeschmack. Ich werde mir den Lichtmesz Text ausdrucken. Und dann  eine Flasche Sancerre öffen !!!

Auf Jean Raspail RIP

Maiordomus

17. Juni 2020 10:58

Auf die Auseinandersetzung mit grossen und vielleicht bleibenden, jedenfalls sogar auch historisch bedeutsamen Autoren kommt es an. Man  erinnere sich an Orwell, von dem die 68er sagten, er würdei "Vorurteile gegen den Marxismus" bedienen (übrigens nicht nur in der "Farm der Tiere", auch in "Mein Katalonien", dem unabhängigsten Buch über den von Linken mythologisierten span. Bürgerkrieg.). Fürwahr, solche Literatur soll und muss in den Vordergrund gestellt werden. Bringt mehr, als sich mit mittelmässigen eigenen zum Beispiel lyrischen Versuchen in die Literatur hineinschreiben zu wollen, wofür im Moment die Zeit ohnehin nicht ist.

Franz Bettinger

17. Juni 2020 12:52

@Monika: Die Aussage von Raspail: „Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst“, hat mich nachdenklich gemacht. Muss es nicht besser heißen: „Die ihre Traditionen wirklich LEBEN, nehmen sie nicht allzu ernst“ ? Denn ich dachte an die Kindheit, als wir Jungs in kurzen Lederhosen durch den Sommer schlitterten. Wir liebten sie nicht eigentlich, wir lebten und erlebten die Tradition und nahmen sie locker. Das Lieben des Tradierten kam später und wurde dann auch mit einem traurigen bis trotzigen Ernst durchgehalten - als es so aussah, dass man der alten Traditionen verlustig ginge. - Schade übrigens, dass Raspails Christen-Bashing Sie blockiert und Ihnen den Genuss an seinem Werk raubt (obwohl ich’s Ihnen nachfühlen kann). 

quarz

17. Juni 2020 13:01

"Es ist nicht erforderlich, Überzeugungen zu haben, um Haltung zu besitzen"

Ob Raspails Katholizismus ein bloßes Kulturchristentum war, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls vermag Haltung zwar eine vorübergehende Stütze in Zeiten der Haltlosigkeit zu sein oder sogar eine Kraftreserve für einen Neustart; wenn aber die Wurzel verdorrt ist, trägt auch die schönste Haltung nicht dauerhaft.

heinrichbrueck

17. Juni 2020 13:52

Angela Merkel hatte die deutschen Grenzen nicht geöffnet. Solche Dinge werden an anderer Stelle entschieden. Sie hatte die Grenzen nicht geschlossen. Merkel: „Und jetzt will ich vielleicht noch mal deutlich machen, es liegt ja nicht in meiner Macht, es liegt überhaupt in der Macht keines Menschen aus Deutschland, wie viele zu uns kommen.“ Sie ist eine Verräterin, ganz klar; aber in solchen Sätzen zeigen sich Machtstrukturen, die im Hintergrund vorhanden sind. Hier leistet sich eine Diktatur demokratische Inszenierungen. Und das Christentum ist wenig hilfreich.

Gegen die Haltung von Raspail, Schriftsteller und Monarchist, ist nichts einzuwenden; aber mich würde eine Systembeschreibung interessieren, die schlußendlich politisch auf die Siegerstraße führt. Was politisch öffentlichkeitstauglich ist, scheint mir überhaupt nicht mehr politisch zu sein.

Monika

17. Juni 2020 14:28

@ Franz Bettinger 

Nicht Raspail betreibt Christen bashing ( das hat Herr Lichtmesz ja klar herausgearbeitet), sondern ein Teil der Neurechten hat/hatte mithilfe von Raspails „Heerlager“ Christen verächtlich gemacht. Das macht den Unterschied. Als Theologin ist mir  Nietzsches Religionskritik vertraut. Dessen Argument gegen das Christentum ist ja weniger der Verstand als das Leben. Das sentimentale und moralisierende Christentum, mit dem er in der engen Atmosphäre eines Pfarrhauses aufwuchs, war ihm zuwider. Diese Lebensfeindlichkeit kann auch ein Christ kritisieren. Raspail scheint da genussfreudiger. Ansonsten ist Raspail Geschmacksache ( huch). Zum Thema: Wie als kleine Gruppe in einer feindlichen Umwelt Haltung bewahren , spricht mich das Buch „Der letzte Mönch von Tibhirine“ mehr an als die sieben Reiter. Verfilmt unter dem Titel: VON MENSCHEN UND GÖTTERN.

https://www.youtube.com/watch?v=MWc8yCsP5Ls

Maiordomus

17. Juni 2020 14:30

@Bettinger. Mich erstaunt, und zwar eher im positiven Sinn, dass Sie das Christen-Bashing nicht gerade bedingungslos als Vorzug von Raspail rühmen wollen, zumindest nicht @Monika gegenüber, der klugen Mitkommentatorin, die auf diesem Gebiet wohl nicht mehr bekehrbar ist, zwar aber durchaus belehrbar. Meine eigene Haltung, die vergleichsweise hier derjenigen von @Monika wohl am nächsten steht, gilt immer noch als Kirchen-Bashing genug, dass ich für einschlägige Bildungshäuser seit Jahrzehnten als Referent nicht mehr in Frage komme: 50 Jahre einschlägige Archiv-Forschungen hin oder her.

Gunnar

17. Juni 2020 14:45

Dunkel entsinne ich mich an die Buchvorstellung der Sieben Reiter bei der Gothia (?) in Berlin. Indes gut in Erinnerung blieb, daß der Schluß des Werkes entwickelt wurde (War es Kubitschek oder Lichtmesz?), was ich damals als sehr enttäuschend empfand,  wußte man bei der Lektüre dann ja bereits, wo die Reise enden würde. 

Maiordomus

17. Juni 2020 15:01

Gunnar Kaiser schreibt, zwar in der Absicht, die Bildersturmwut zu parodieren und zu kritisieren, über Albertus Magnus alle Klischees der Feministinnen und auch aller, die sein Buch, zu deutsch "Über die Heimlichkeiten der Frauen" weder lateinisch noch deutsch im Original studiert haben, mit Einfluss z.B. auf Paracelsus' durchaus weiterführende, stärker "frauenfreundliche" Perspektiven. Es bleibt jedoch von Bedeutung, dass sowohl für Albertus Magnus als auch für Thomas von Aquin die Aussagen über die Frauen sehr stark noch auf antiker, zum Teil auch arabischer medizinischer Literatur beruhen und über weite Strecken bloss damaliger Standard waren, also nicht die wesentliche Aussage. Es handelt sich übrigens durchwegs um Werke, die ich zum grossen Teil schon vor der Geburt der von Sellner gerühmten rechten "Intelligenz-Bestien" gelesen habe, welch letztere zwar bei Sellner sich noch anregend über die Lieblingsbücher derselben, oft von Kositza trefflich vorgestellt, äussert. Über Kaiser habe ich mich aber geärgert. Er  ist wie das Idiotenlager der Gegner auf diesem Gebiet kein Fachmann.

notker balbulus

17. Juni 2020 15:07

Das Dilemma heutiger Menschen mit innerem Adel ist, dass sie in der postmodernen Massengesellschaft dazu gezwungen sind, unter Camouflage oder rein esoterisch zu wirken. Beispielgebend wird ihr Verhalten - pardon: ihre Haltung - nur selten sein können. Aber das unterscheidet unsere Gesellschaft nicht wesentlich von den früheren; auch damals herrschte Konformitätsdruck, zum Beispiel innerhalb des Bürgertums, und auch nicht jeder Landgraf oder gar Kaiser war seinen Aufgaben gewachsen. Gleiches gilt natürlich für Literatur und Wissenschaft: Dass Galilei nicht verbrannt wurde, verdankte er gerade seiner mangelhaften Haltung. Raspail dagegen war privilegiert: Er durfte schreiben und wurde sogar dafür geehrt. Vielleicht lag das daran, dass er nichts ändern wollte (wie jeder Konservative) und damit den Herrschenden nur verdächtig, aber nicht gefährlich wurde. Die anderen aber, die dem Zeitgeist offensiv widerstehen und deren Haltung darum anstößig wirkt, werden zu jeder Zeit auf Oberkante Rasenfläche gestutzt oder kaltgestellt. Hier gelten heute wie immer Fausts Worte: "Die wenigen, die was davon erkannt, / Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, / Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, / Hat man von je gekreuzigt und verbrannt." (590-93)

Monika

17. Juni 2020 15:45

„Dieser Budenzauber hatte für Raspail eine tiefere Bedeutung“ - Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst.“ Daraus spricht eine heitere Gelassenheit. Das klingt im ersten Moment erschreckend nach einer „Häresie der Formlosigkeit“ ( Martin Mosebach) . Aber, die Form ist nicht alles und sie ersetzt auch nicht den verlorengegangenen Inhalt. Irgendwo sprach Ernst Jünger davon, wie nahe erhabene Formen, Feierlichkeit und Lächerlichkeit zusammenhängen. Jüngst zu beobachten im Hype um G. Floyd. Trotzdem hat eine „Imposante Inszenierung“ ( Alice Schwarzer über  die Totenmesse für Kardinal Meisner) eine tiefere Bedeutung. Man staune über die Feministin und den Kardinal.https://www.youtube.com/watch?v=GB7YwwuE4BM

Laurenz

17. Juni 2020 17:48

@ML .... ich danke Ihnen für Ihren Artikel. Mir war bisher das Thema Raspail völlig fremd & Sie haben es mir hiermit (mit Herz) näher gebracht. Ich kannte das Thema nur von den doch recht extremen Arbeiten von Dr. Pierre Krebs, der tatsächlich ein deutsch-franz. Schicksal darstellt. 

Laurenz

17. Juni 2020 17:49

@quarz & Monika

Das Heil oder das Heilige, also die innere "Haltung", welche ML im Artikel anspricht, zitiert, entstammen aus vor-christlicher Zeit. Man folgte dem Herzog (der vor dem Heer daher zog) dann, wenn offensichtlich das Heil mit ihm war.

Daß die frühe christliche Administration das Heil oder das Heilige übernahmen, adaptierten, aber es mit einer orientalischen Weltsicht paarten, die unser "primus inter pares" mit von "Gottes Gnaden" Verführten vernichtete, und dem Vorgang der Heiligsprechung artfremd karikierten, macht das Christentum sehr wohl würdig, es einer Fundamental-Kritik auszusetzen.

Wenn Sie so wollen, müßte man das Christentum nochmals neu beginnen.

Allzu deutlich zeigt sich immer wieder der innere Widerspruch zur theologischen Realität in Schnellroda, offensichtlich hin - und her gerissene  Gemüter vor Ort (die Mosaik-Rechte im Ursprung). Die vernünftige Sezession, die deutsche Föderalisierung widerspricht dem christlich inspirierten Wessels-Reichs-Gedanken diametral.

Deswegen hat die Rechte natürlich mehr an Vielfalt zu bieten als die Linke (Einfalt). Aber ab & an einen Konsens hinzukriegen, wäre nicht das Verkehrteste. Um das zu erzielen könnte man doch auf das Religiöse in der Debatte verzichten, aber sich auf die Haltung einigen.

(Schreibe über das Heidentum auf SiN immer nur reaktionär.)

Nemo Obligatur

17. Juni 2020 20:39

Zu all den Schilderungen von Herrn Lichtmesz nur ein Wort: beneidenswert!

Der_Juergen

17. Juni 2020 22:28

Bin noch am Anfang der "Sieben Reiter", aber bereits beeindruckt, auch von der vorzüglichen Übersetzung, für die Horst Föhl herzlich gedankt sei. Dieser Übersetzer versteht sein Handwerk.

Ratwolf

18. Juni 2020 00:18

Raspails Dystopie Heerlagers der Heiligen von 1973 beschreibt so genau und in allen Facetten die unvernünftige und überraschende Haltung der Migrationsbefürworter von 2015, dass man ungläubig vor diesem Buch steht und sich fragt: Wie kann das sein? Wie ist das nur möglich?

Er muss also schon 1973 mit seinen feinen Antennen in die Gesellschaft hineingehorcht haben und gesehen haben, wie es sich entwickeln würde.

Die Frage bleibt, warum es nur er gewesen ist, der es gesehen hat und es publiziert hat.

Dieses Buch ist ähnlich prophetisch für die Jetztzeit, wie die Bücher von Orwell und Kafka.

Es muss wohl etwas mit „Haltung“ zu tun haben.

Ein schöner Bericht von der Begegnung mit diesem großen Franzosen.

Maiordomus

18. Juni 2020 13:27

@Laurenz. "Die schon damals mächtige jüdische Minderheit", gemeint 1969. Auf diese machte bereits 1952 der hier immer wieder mal zu Unrecht schlecht gemachte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Zusammenhang mit "Wiedergutmachung" bei nichts "Unauffälligerem" als einem Fernseh-Interview aufmerksam (es gab damals zwar weniger Empfänger). Offen erklärte er, dass wegen dieser in den USA mächtigen Minderheit die Wiedergutmachung auch angesichts der Weltlage einfach eine politische Notwendigkeit sei. Also jenseits von "Zerknirschung" und Kollektivschuld nur politischer Pragmatismus, eine Begründung, die, würde sie von Gauland wiederholt, heute als reiner Antisemitismus gelten würde.

sokrates399

18. Juni 2020 18:24

Es wundert mich ein wenig, daß in diesem Forum viele Raspail so wenig kennen.

Es wundert mich nicht, daß die "Staatspresse", bis auf die Unsäglichkeiten des Herrn Strauss in der FAZ und der JF, uns seinen Tod verschweigt. Heute allerdings in der erzkatholischen 'Tagespost' ein ausführlicher Artikel, der mir durchaus zwiespältig erscheint ("Die Rechte ist eine menschenverachtende, revolutionäre Bewegung, die an der Vernichtung der Eliten arbeitete und arbeitet und die mit Gott wenig am Hut hat").

Aber man sollte ihn lesen und vielleicht hier kommentieren.

https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/der-koenig-von-patagonien;art310,209388

links ist wo der daumen rechts ist

18. Juni 2020 21:56

Patagonien 1 – Komplementarität

 

Vermutlich gehöre ich auch zu der verschwindenden Minderheit, die bei der Lektüre des „Heerlagers der Heiligen“ steckenblieben, nicht vor noch zurück konnten; hier fehlte etwas in diesem Bild einer absoluten Ausweglosigkeit…

Und dann wirkt da aktuell gerade die Lektüre von „Ein Buch im Haus nebenan“ nach (Dank an CS für die schöne Widmung).

Spannend neben einem persönlichen Abgleichen von Leseerfahrungen für mich die Wahrnehmung, daß die Lektüre-Eindrücke der Autoren manchmal Komplementarität zu suchen scheinen; am deutlichsten bei Lichtmesz mit seinem expliziten Vergleich von Ernest Beckers „Dynamik des Todes“ und Hans Blühers „Die Achse der Natur“, am scheuesten bei Kubitschek mit seinem impliziten Vergleich von Jüngers „Abenteuerlichem Herz“ und Kästners „Stundentrommel vom heiligen Berg Athos“ (heute übrigens antiquarisch Kästners „Lerchenschule“ entdeckt; selten habe ich mich nach einem Blick ins Inhaltsverzeichnis so auf eine Nachtlektüre gefreut…).

Aber genügt Komplementarität, und warum ist Roths „Radetzkymarsch“ eines der Lieblingsbücher sowohl von Lichtmesz als auch von Raspail?

links ist wo der daumen rechts ist

18. Juni 2020 22:00

Patagonien 2 - Vierklang

 

Und nun der Verweis in Lichtmesz‘ Raspail-Text auf einen Artikel von Konrad Weiß; dabei stieß ich auf diesen hausinternen Text (vermutlich auch von K.W.)

https://sezession.de/57428/jean-raspails-patagonismus

und auf den grandiosen letzten Absatz darin:

Mit seinen entsprechenden Schriften hat Raspail todgeweihte Völker
vor dem vollständigen Vergessen bewahrt – nicht aber vor ihrem lange zuvor besiegelten Untergang. Mit seinem Heerlager als Menetekel verließ er
vor Jahrzehnten endgültig die unter akademischen Ethnologen so verbreitete Gattung des fernstenliebenden, aber heimatvergessenen Nekrologs.
Mit seinem Patagonismus konterkariert sie Jean Raspail: kein Abgesang
auf Untergegangene, sondern stolz-zärtlich-melancholisch-ironische Bewahrung eines niemals gewesenen Reichs.

links ist wo der daumen rechts ist

18. Juni 2020 22:04

Patagonien 3 – Souveränität

 

Und jetzt schienen sich einige Knoten zu lösen, kein Steckenbleiben mehr im Text, Vieles klarte auf, als ich erkannte, warum der gute K.W. immer wieder auf diesen „Vierklang“ „Zärtlichkeit, Ironie, Stolz und Melancholie« anspielt.

Er scheint tatsächlich nicht nur ein Leitmotiv, sondern ein geheimer Leitfaden des Gesamtwerkes zu sein.

Meine Interpretation:

Stolz wird durch Zärtlichkeit nicht zu Trotz, Melancholie endet dank Ironie nicht im unerlösbaren „Schmerz ohne Marter“.

Die daraus sich ergebende Haltung eines bewahrenden Dennoch, Verluste als solche und Kämpfe auch als vergebliche zu erkennen, ohne daraus endgültige Niederlagen abzuleiten, könnte man auch Souveränität nennen.

 

Nath

19. Juni 2020 05:16

@Sokrates399

"("Die Rechte ist eine m e n s c h e n v e r a c h t e n d e.....")."

Kaum ein Wort kompromittiert denjenigen Menschen, der es freigiebig verwendet, intellektuell mehr als das letztgenannte. Wo immer ich es höre oder lese, werde ich in der Tat, wenn auch nur für kurze Zeit, zum "Menschenverächter". Beinahe möchte man ausrufen, Gott gebe uns die alten Marxisten zurück, denn in deren Vokabular kam wenigstens dieser unsägliche moralinsaure Begriff nicht vor, nicht einmal bei den Hippies...

quarz

19. Juni 2020 10:04

@Nath

Überall, wo Verachtung am Platz ist, sind Menschen die adäquaten Adressaten. Stühle oder Zahnpasta zu verachten, wäre ja wenig sinnvoll.

Ein gebuertiger Hesse

19. Juni 2020 11:02

@ Nath

Eine der großen Perfidien dieser Zeit ist die, daß das Wort "Mensch" kaum mehr aufs Geratewohl, ohne Hintergedanken, ohne Hinterfragung gebrauchen kann. Der Gegner hat es derart mit falschem Moralin vollgepumpt, daß man es bei Gebrauch wie einen übervollen Ballon über einen Abgrund balancieren muß (oder glaubt balancieren zu müssen, was aufs Gleiche rauskommt). Das Wort ist der Dekonstruktion ausgesetzt. Wer es auf diese Weise benutzt - wenn auch aus gutem Grund -, wird nicht überzeugen können.

Laurenz

19. Juni 2020 11:26

@sokrates399

https://www.shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/marseille-kaserne-ist-die-umbenennung-richtig-id28679582.html

https://www.shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/keine-ehre-mehr-fuer-hitlers-kampfpiloten-appener-marseille-kaserne-braucht-neuen-namen-id28657227.html

Jeder aktive Soldat weiß nun, daß sich Deutschland um Sein Schicksal im Einsatz keinen einzigen Gedanken macht. Mehr krankes Hirn, was das Militär angeht, hat es auf dem Planeten nie gegeben. 

sok

19. Juni 2020 17:00

@ heinrichbrueck: Mich würde eine Systermbeschreibung interessiern, die schllußendlich auf die Siegerstraße führt.

Eine solche Systembeschreibung hat der Systemtheoretiker und Idenditätsforscher Schnmidt-Denter in einem Mammutprojekt geliefert. Er  hat aufgezeigt, dass die Holocaust-Erziehung dazu genutzt wird, die derzeitigen Machtverhältnisse zu stabilisieren. Er fordert eine Evaluation der Holocust-Erziehung und hat durch gigantische Umfragen abgesichert, dass es dafür Mehrheiten  gibt.

Schlußendlich kann man auf die Siegerstraße kommen, wenn man aufzeigt, wie die Idenditätslosen ihre Macht erschlichen haben und sie stabilisieren.

H. M. Richter

19. Juni 2020 20:57

Eineinhalbstündige Ausschnitte aus dem bewegenden dreistündigen Trauergottesdienst, der von einer Beifallskundgebung abgelöst wird, als der Sarg die Kirche verläßt, finden sich hier ...:

https://video.lefigaro.fr/figaro/video/adieu-a-jean-raspail-les-moments-forts/

 

Nath

20. Juni 2020 00:01

@quarz - nicht nur bei Kochtöpfen und Lampenschirmen, auch bei Göttern, Dämonen und Tieren kann der Verachtungsaffekt kaum einschnappen.

Unsere modernen Humanitarier wollen zwei Dinge gleichzeitig, die nicht zusammengehen: Einerseits jegliche metaphysische Bestimmung "des" Menschen aufgeben (wie es z.B. die kantische Bestimmung des Zweck an sich selbst war) und nur noch positivistisch von "den" Menschen im Plural reden, sie andererseits aber willkürlich mit dem Etikett der Würde versehen und gegen alle Verachtung in Schutz nehmen. Wo in aller Welt nimmt man die Begründung für einen solchen Wert-Setzungsakt her? De facto läuft es auf einen moralischen Sensualismus hinaus, letzten Endes auf Sentimentalität. Deswegen neuerdings das Gerede von Emp a t h i e - ein wichtigtuerisches Fremdwort, mit dem man die eigene Verlegenheit zu kaschieren sucht. Gleichzeitig brauen sich bereits dunkle Wolken über solcher zur Schau getragener Philantropie zusammen, etwa in Gestalt einiger Öko-Feuerköpfe, die ihr moralisches Zelotentum gegen "den" Menschen richten (hier also doch wieder Metaphysik). Für sie ist er nicht mehr die Krone der Schöpfung, sondern ein Betriebsufall der innigst geliebten "harmonischen Natur".

 

Franz Bettinger

20. Juni 2020 12:07

Herzlichen Dank, Herr @Richter, für den Link zur Trauer-Messe von Jean Raspail.  Hätte nicht gedacht, dass mich das so berührt.  Was für ein grandioser Abschied von dieser Welt!

Augustinus

20. Juni 2020 17:49

@Monika

"Mich störte genau! die Verächtlichmachung eines schwachen Christentums, dargestellt im Bild der 'senilen Greisenprozession'. Oder genauer, dass die Rechte das Buch dazu nutzte, das Christentum verächtlich zu machen."

Das sehe ich genau andersherum. Als Anhänger einer traditionellen Gesellschaft, würde ich in einer solchen alle christlichen Gebräuche und Riten (sonntägliche Kirchenbesuche, Prozessionen ...) mitmachen, ohne an sie im tiefsten Inneren zu glauben. Das Gemeinschaftsgefühl spricht mich an.

Ich hab' mal in Köln gewohnt und zu der Zeit immer wieder den Dom aufgesucht. Nicht um im engeren Sinne zu beten, sondern um zu meditieren und um die erhabene Atmosphäre dieser grandiosen Kathedrale zu genießen. Diese Aufenthalte führten mich als eingefleischten Atheisten beinah zu Gott.

Insofern würde ich die Form oder wie Raspail es nennt, die Haltung nicht geringschätzen.

notker balbulus

21. Juni 2020 01:12

Auch von mir, H.M.Richter, herzlichsten Dank für die große Freude, die Sie meiner Frau und mir heute, an unserem Hochzeitstag, bereitet haben!

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