Erinnerungen an Jean Raspail (1925–2020)

Kubitschek hat in seinem Nachruf auf Jean Raspail erzählt, wie er eine seiner Töchter nach Paris entsandte, um ein seltenes Buch in Empfang zu nehmen:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die fran­zö­si­sche Erst­aus­ga­be des Heer­la­gers der Hei­li­gen mit hand­schrift­li­chen Anmer­kun­gen des Autors, die die­sem zu wert­voll erschien, um sie dem Risi­ko einer Post­sen­dung aus­zu­set­zen. Schließ­lich gelang­te sie in mei­ne Hän­de, per­sön­lich im Schloß Pik­ken­dorff von Schnell­ro­da abge­holt, um mir bei mei­ner Neu­über­set­zung sei­nes berühm­tes­ten Romans zu Diens­ten zu sein.

Ich plan­te, Ras­pail die­ses Exem­plar nach Abschluß der Arbeit per­sön­lich zurück­zu­brin­gen. Einen Ter­min im Novem­ber 2015 sag­te Ras­pail brief­lich ab, da er sich nicht gut fühl­te. Just an dem Wochen­en­de, an dem ich ihn besu­chen soll­te, am Frei­tag, dem 13. Novem­ber 2015, ermor­de­ten Isla­mis­ten in Paris 130 Men­schen und ver­letz­ten hun­dert weitere.

Ras­pail war sich im Unge­wis­sen, wann er wie­der Besu­cher emp­fan­gen kön­ne, und viel­leicht hat er bereits damals über sei­nen Tod nach­ge­dacht, was ange­sichts sei­nes hohen Alters nicht ver­wun­der­lich gewe­sen wäre. Er schrieb mir, ich sol­le das Buch behal­ten, er mache es mir zum Geschenk. So bin ich heu­te stol­zer Erbe die­ses ein­zig­ar­ti­gen Exem­plars. Die­se ers­te, kaum auf­find­ba­re Aus­ga­be sei­nes Romans aus dem Jahr 1973 ent­hält Ras­pails hand­schrift­li­che Strei­chun­gen und Ver­än­de­run­gen, die (mei­nes Wis­sens) ab der drit­ten Auf­la­ge (1985) über­nom­men wurden.

Mei­ne Neu­über­set­zung ent­stand im Schick­sals­jahr 2015 unter fieb­ri­gem Zeit­druck. Sie erschien Ende Juli, drei Wochen nach Ras­pails 90. Geburts­tag, und zwei Mona­te vor Öff­nung der deut­schen Gren­zen durch Ange­la Mer­kel. Es war das rich­ti­ge Buch zur rich­ti­gen Zeit, und wur­de zu einem der größ­ten Erfol­ge unse­res Verlages.

Es war nicht unser ers­ter Ras­pail: 2013 war der Roman Sie­ben Rei­ter ver­lie­ßen die Stadt erschie­nen, 2014 hat­te ich die (ver­grif­fe­ne) Kom­pi­la­ti­on Der letz­te Fran­zo­se zusam­men­ge­stellt, über­setzt von Bene­dikt Kai­ser und mir. Sie ent­hielt meh­re­re Inter­views mit dem Autor aus den Jah­ren 1993 bis 2016 sowie zwei Essays: “Die Tyran­nei des Duzens” und “Big Other” über die Wir­kungs­ge­schich­te des Heer­la­gers der Hei­li­gen und sei­ne Bedeu­tung für die heu­ti­ge Zeit, eine Bei­ga­be zur fran­zö­si­schen Neu­auf­la­ge im Jahr 2011, die in Frank­reich gro­ßen Erfolg hatte.

Ursprüng­lich war nur vor­ge­se­hen, die alte deut­sche Über­set­zung aus dem Jahr 1985 zu “fri­sie­ren”. Die­ses Buch hat­te mir um 2005 einen schwe­ren Schock ver­setzt, und mei­ne Welt­sicht wohl für immer ver­än­dert. Als ich es wie­der auf­schlug, und mit der Ori­gi­nal­fas­sung ver­glich, ent­deck­te ich etli­che Kür­zun­gen, Strei­chun­gen und Über­set­zungs­feh­ler, die mit­un­ter ziem­lich skur­ril waren: so wur­de aus einem Rot­wein namens “Julié­nas”, mit dem sich Machefer, der Her­aus­ge­ber einer kon­ser­va­ti­ven Zei­tung, trös­tet, ein nicht wei­ter beschrie­be­ner Mensch, der all­abend­lich zu Besuch kommt. Dar­um beschlos­sen wir, das Buch kom­plett neu zu übersetzen.

Zusätz­lich ver­wir­rend war, daß die Hohen­rain-Aus­ga­be aus irgend­ei­nem Grund etli­che Pas­sa­gen aus der ers­ten Fas­sung, die von Ras­pail ent­fernt wor­den waren, bei­be­hal­ten hat­te; ande­re Tei­le des Buches ent­spra­chen wie­der­um sei­nen Kor­rek­tu­ren. Dabei hat­te er etwas geschlam­pert, denn er ließ eini­ge Sät­ze wie lose Fäden übrig, die ohne die gestri­che­nen Stel­len kei­nen Sinn erge­ben. Die­se habe ich dann still­schwei­gend aus­ge­las­sen. Unse­re Aus­ga­be ent­spricht der fran­zö­si­schen von 2011 und ist etwa 30–40 Sei­ten län­ger als die alte deut­sche Übersetzung.

Ange­sichts der etli­chen Abschnit­te und Sei­ten, die Ras­pail gestri­chen hat, bedau­re ich es, daß wir nicht die ers­te Fas­sung von 1973 her­aus­ge­bracht haben, die stel­len­wei­se die spä­te­re an poli­tisch unkor­rek­ter Schär­fe über­trifft. Am liebs­ten hät­te ich das Bes­te bei­der Ver­sio­nen kom­bi­niert, aber das wäre nicht im Sin­ne des Autors gewe­sen. Stark gekürzt wur­de von ihm etwa die Geschich­te des Abtes Dom Mel­chi­or, der mit sei­nen alters­schwa­chen Mön­chen an den Strand auf­bricht, an dem die “Arma­da der letz­ten Chan­ce” lan­den wird, um gemäß der alten bibli­schen Pro­phe­zei­ung den Anti­chris­ten zu kon­fron­tie­ren, die Mons­tranz mit der hei­li­gen Hos­tie in den zit­tern­den Händen.

Dabei trifft die hum­peln­de, teil­wei­se seni­le Grei­sen­pro­zes­si­on auf den abge­fal­le­nen pro­gres­si­ven Pries­ter Chassal, der eben­falls an den Strand eilt, um die “eine Mil­li­on Chris­tus­se” will­kom­men zu hei­ßen. Nun ent­spinnt sich ein Dia­log zwi­schen Dom Mel­chi­or und Chassal, in dem deut­lich wird, daß der Abt gar nicht an Gott glaubt, daß sei­ne Treue allein der Tra­di­ti­on gilt, die es bis zum letz­ten Atem­zug auf­recht­zu­er­hal­ten gilt:

Man muß das Stück, so wie es geschrie­ben wur­de, bis zu Ende spie­len. Wir sind die Kir­che der letz­ten Tage. Nicht zahl­rei­cher als am Anfang.

Die­se Sze­ne ist nun in der Hohen­rain-Ver­si­on fast voll­stän­dig erhal­ten, wäh­rend sie in der Antai­os-Ver­si­on nach den Vor­ga­ben Ras­pails stark gekürzt ist. Ich den­ke, er woll­te hier den Ein­druck abschwä­chen, daß er die Reli­gi­on gene­rell für eine rei­ne Mas­ke­ra­de hält. Die­ser Ein­druck wird sicher­lich rela­ti­viert durch den Roman Der Ring des Fischers. Für Ras­pail war im reli­giö­sen Bereich vor allem der Sinn für das Hei­li­ge und Schö­ne und die Treue zur Tra­di­ti­on ent­schei­dend. Das Hei­li­ge aber ist im Heer­la­ger abwe­send, umso prä­sen­ter sind uner­klär­li­che, dämo­ni­sche Mäch­te, die eine sata­ni­sche Par­odie der christ­li­chen Heils­ge­schich­te in Gang setzen.

Aller­dings könn­te man bei der Lek­tü­re den Ein­druck bekom­men, daß das Chris­ten­tum selbst der Teu­fel ist, vor allem im Sta­di­um sei­ner Deka­denz und Alters­schwä­che. Es erscheint einer­seits als Quel­le eines mes­sia­ni­schen Mas­sen­wahns und einer patho­lo­gi­schen Mit­leids- und Skla­ven­mo­ral, wie sie ein Nietz­sche kaum gna­den­lo­ser anpran­gern hät­te kön­nen, ande­rer­seits als edler Buden­zau­ber, des­sen Inhalt man nicht all­zu ernst neh­men sollte.

Die­ser “Buden­zau­ber” hat­te jedoch für Ras­pail eine tie­fe­re Bedeu­tung, denn es war ihm eine Fra­ge der Ehre, Treue und Pflicht, wenn nicht des Glücks, für die­ses Thea­ter mit uner­schüt­ter­li­cher Hal­tung zu leben und zu ster­ben, ent­spre­chend einer mar­kan­ten Stel­le des Romans, die man als sein per­sön­li­ches Cre­do anse­hen könnte:

Die ihre Tra­di­tio­nen wirk­lich lie­ben, neh­men sie nicht all­zu ernst. Sie rei­ßen Wit­ze, wäh­rend sie ins offe­ne Feu­er mar­schie­ren, weil sie wis­sen, daß sie für etwas kaum Greif­ba­res ster­ben wer­den, etwas, das ihren Fan­tas­te­rei­en ent­sprun­gen ist, das halb Spaß, halb Hum­bug ist. Oder viel­leicht sub­ti­ler aus­ge­drückt: Die Fan­tas­te­rei­en ver­ber­gen eine aris­to­kra­ti­sche Scheu, die sich nicht dabei erwi­schen las­sen will, für so etwas Lächer­li­ches wie eine Idee zu kämp­fen. Dar­um dra­piert sie sich mit herz­zer­rei­ßen­dem Trom­pe­ten­ge­blä­se, hoh­len Phra­sen und nutz­lo­sem Gold­flit­ter und gestat­tet sich damit die höchs­te Freu­de, das Leben für eine Mas­ke­ra­de zu opfern.

Das hat die Lin­ke nie ver­stan­den, und dar­um ist sie so sehr von Haß und Ver­ach­tung erfüllt. Wenn sie auf eine Fah­ne spuckt, auf eine Gedenk­flam­me pißt oder ein paar alte Säcke in Bas­ken­müt­zen ver­höhnt (um nur ein paar Bei­spie­le zu brin­gen), dann nimmt sie sich selbst furcht­bar ernst, und wenn sie sich dabei sehen könn­te, wür­de sie mer­ken, daß sie schlim­mer ist als jene, die sie als »reak­tio­nä­re Arsch­lö­cher« beschimpft.

Die wah­re Rech­te ist nie­mals so ver­bis­sen. Dar­um wird sie von der Lin­ken so geh­aßt, etwa so wie der Hen­ker einen Ver­ur­teil­ten haßt, der auf dem Weg zum Gal­gen lacht und sich über ihn lus­tig macht. Die Lin­ke ist ein düs­te­rer Brand, der ver­zehrt und zer­stört. Sogar ihre Fei­ern sind, dem äuße­ren Anschein zum Trotz, eine grau­si­ge Sache, wie etwa die Mario­net­ten­pa­ra­den von Nürn­berg und Peking. Die Rech­te ist eine fröh­lich tan­zen­de Flam­me, ein fla­ckern­des Irr­licht in einem dunk­len, aus­ge­brann­ten Wald.

Als ich Ras­pail im März 2016 end­lich begeg­ne­te, und ihn im Zuge eines Inter­views, das gefilmt wur­de, auf die gestri­che­nen Bekennt­nis­se des tra­di­ti­ons­treu­en, aber ungläu­bi­gen Dom Mel­chi­or in der ers­ten Fas­sung des Heer­la­gers ansprach, reagier­te er etwas gereizt und abweh­rend, wie er auch über­haupt kei­ne Fra­gen moch­te, die ihm als Geschich­ten­er­zäh­ler zu theo­re­tisch, zu phi­lo­so­phisch, zu “intel­lek­tu­ell” erschie­nen. Dies war sei­ne Antwort:

Hören Sie, ich wer­de auf all das nicht ein­ge­hen, ich fin­de das sehr ermü­dend und außer­dem bin ich weder ein Phi­lo­soph noch ein Exper­te noch ein Den­ker und so wei­ter; das ist nicht mei­ne Auf­ga­be. Aber in allen mei­nen Büchern gibt es in der Tat eine Sache, auf die man mich immer wie­der hin­ge­wie­sen hat, und von der ich weiß, daß sie eine gro­ße Rol­le spielt, und das ist die Hal­tung. H‑a-l-t-u-n‑g. Die Hal­tung. Nicht die Pose, das ist nicht das­sel­be. Die Hal­tung. Alle mei­ne Figu­ren haben eine Hal­tung. Es ist nicht erfor­der­lich, Über­zeu­gun­gen zu haben, um Hal­tung zu besit­zen; die Hal­tung erzeugt oft die Über­zeu­gung. War­um glau­ben Sie, daß man die Sol­da­ten in schö­ne Uni­for­men ein­klei­det und ihnen Musik vor­spielt, und war­um glau­ben Sie, daß man recht schö­ne Hoch­zei­ten ver­an­stal­tet, war­um? Die Hal­tung ist fun­da­men­tal. Das ist es, was für mich den Men­schen aus­macht, ich habe das immer und immer wie­der­holt in mei­nen Büchern.

Das Inter­view ist in der Sezes­si­on 73 vom August 2016 nach­zu­le­sen. Ein paar Mona­te zuvor, am 6. April 2016, war in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung ein aus­führ­li­cher Bericht mei­nes Beglei­ters Kon­rad Weiß über unse­ren Besuch bei Ras­pails erschie­nen; eine Kurz­fas­sung kann man hier lesen. Weiß soll­te spä­ter für Antai­os Die blaue Insel und für sei­nen eige­nen Ver­lag Karo­lin­ger Die Axt aus der Step­pe übersetzen.

Was die FAZ angeht, so hat sie dank der Initia­ti­ve von Lorenz Jäger immer wie­der das Werk Ras­pails kon­ti­nu­ier­lich ins Gedächt­nis geru­fen. Es war Jäger, der 2005 das Heer­la­ger aus der Ver­sen­kung hol­te, wäh­rend Jürg Alt­wegg den Autor 2011, anläß­lich der Neu­auf­la­ge des Buches in Frank­reich, vom Vor­wurf des Ras­sis­mus frei­sprach. Ein Jahr­zehnt spä­ter, gera­de eben also, läßt die FAZ Simon Strauß Ras­pail ins Grab nach­spu­cken, mit einem Nach­ruf, der nur all­zu deut­lich ver­rät, daß der Autor sei­ne Kennt­nis­se ledig­lich aus zwei­ter Hand bezo­gen hat (alles, was man über das Heer­la­ger wis­sen müs­se, sei, daß Mari­ne Le Pen und Ste­ve Ban­non es genannt haben).

Was nun mei­nen Besuch bei Jean Ras­pail angeht, so habe ich ihn in der 73. Druck­aus­ga­be der Sezes­si­on geschil­dert. Da mein münd­li­ches Fran­zö­sisch mise­ra­bel ist, bat ich Kon­rad Weiß, sei­nes Zei­chens Abge­sand­ter des fran­ko­phi­len Karo­lin­ger-Ver­lags, mich als Dol­met­scher zu begleiten.

Im März 2016, weni­ge Mona­te vor sei­nem 91. Geburts­tag, stan­den also die bei­den cava­liers aus Wien, durch­näßt von einem spät­win­ter­li­chen Hagel­sturm, end­lich vor Ras­pails Woh­nung im noblen 17. Bezirk, unweit des Tri­umph­bo­gens. Zuvor hat­ten wir noch mit etwas Lam­pen­fie­ber in einem Café bera­ten, wel­che Fra­gen wir ihm stel­len woll­ten. Unver­geß­lich wird mir der Moment blei­ben, als sich die Tür öff­ne­te und der Kon­sul von Pata­go­ni­en per­sön­lich vor mir stand und mich mit sei­nen leuch­ten­den blau­en Augen freund­lich anstrahl­te, mit auf­rech­ter Hal­tung, beklei­det mit einem alpi­nen Trachtenjanker.

Im Lau­fe des Abends, den wir mit ihm und sei­ner nicht min­der rüs­ti­gen Gat­tin Ali­et­te ver­brach­ten, mit der er seit 65 Jah­ren ver­hei­ra­tet war, und die er nach alter fran­zö­si­scher Art siez­te, zeig­te sich Ras­pail gut gelaunt, rüs­tig und hei­ter. Kurz zuvor hat­te er Besuch von sei­nem japa­ni­schen Über­set­zer erhal­ten, wes­halb er immer wie­der die japa­ni­sche Natio­nal­hym­ne vor sich hin­trö­te­te. Sein Wohn­zim­mer glich dem eines Kapi­täns im Ruhe­stand: über­all hin­gen Gemäl­de und Zeich­nun­gen mit mari­ti­men Moti­ven, und eine Wand war für eine impo­san­te Samm­lung von Bud­del­schif­fen reserviert.

Ras­pails Arbeits­zim­mer war rand­voll mit unzäh­li­gen Erin­ne­rungs­stü­cken, Rei­se­sou­ve­nirs und Rari­tä­ten aus zehn Jahr­zehn­ten, inklu­si­ve Spiel­zeug­ei­sen­bah­nen, Schiffs­mo­del­len und Zinn­sol­da­ten. Eine far­bi­ge Zeich­nung von Jac­ques Ter­pant zeig­te den jun­gen Ras­pail, schon damals mit sei­nem cha­rak­te­ris­ti­schen gal­li­schen Schnauz­bart, in Pfad­fin­der­mon­tur, in jenem Kanu, mit dem er die „Was­ser­we­ge des Königs“ bereis­te, die ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Besit­zun­gen in Nord­ame­ri­ka von Que­bec bis New Orleans. Es hing zwi­schen dem Ori­gi­nal­ti­tel­bild von Heer­la­ger der Hei­li­gen, des­sen Auf­la­gen, Über­set­zun­gen und Raub­dru­cke einen Regal­me­ter füll­ten, und einem Por­trät Lud­wigs XVI.

Sei­ne Biblio­thek wur­de bewacht von einer klei­nen Spiel­zeug­ar­mee von Chou­ans, den königs­treu­en Rebel­len, die sich in der Ven­dée gegen die Jako­binerherr­schaft erho­ben, wäh­rend über der Tür die Fah­ne des von Antoi­ne de Tou­nens erträum­ten König­reichs Pata­go­ni­en prang­te. Er zeig­te uns auch das Modell eines klei­nen schwar­zen Citro­en etwa aus dem Jah­re 1930, der Dienst­wa­gen sei­nes Vaters, der im Saar­land Gene­ral­di­rek­tor für Berg­bau war.

Um sei­nen deutsch­spra­chi­gen Besu­chern eine Freu­de zu machen, ver­wies er auf zwei sei­ner Lieb­lings­bü­cher, die mit Deutsch­land und Öster­reich zu tun haben, und wie nicht anders zu erwar­ten, vom Unter­gang einer Welt han­deln: Mari­on Grä­fin Dön­hoffs Abge­sang auf Ost­preu­ßen, Namen, die kei­ner mehr nennt, und Joseph Roths Roman Radetz­ky­marsch, den er nach eige­ner Aus­kunft zehn­mal gele­sen hatte.

Wir beschlos­sen den Abend mit Cham­pa­gner, Wein aus dem Sancer­re, Foie gras (Gän­se­stopf­le­ber) und Bouil­la­baisse, einem aus Mar­seil­le stam­men­den Fisch­ge­richt. Zuletzt baten wir Ras­pail noch, uns einen Turm mit­ge­brach­ter Bücher zu signie­ren. Auch die­ser Bit­te kam er gedul­dig nach, „denn das gehört zum Beruf“. Als mein fran­ko­pho­ner Beglei­ter und ich wie­der in das Paris des Jah­res 2016 zurück­kehr­ten, all­mäh­lich aus unse­rer Audi­enz beim Mark­gra­fen wie aus einem Traum erwach­ten und in die über­füll­te Métro stie­gen, fühl­ten wir uns ein wenig wie Sil­vi­us von Picken­dorff und Maxi­mi­li­an Bazin du Bourg in der letz­ten Sze­ne der Sie­ben Reiter.

Zum Abschied sag­te Ras­pail zu uns: „In fünf Jah­ren wer­de ich tot sein. O doch! Ich hof­fe.“ Vier hat­te er noch vor sich.

Zu Ras­pails Sta­tus als Fabel­tier gehör­te nicht nur sein “Pro­phe­ten­tum”, son­dern auch sein hohes Alter. Sein blo­ßes Dasein hat­te etwas von einem Wun­der. Er leb­te lan­ge genug, um mit­zu­er­le­ben, wie sei­ne maka­bren Visio­nen und sati­ri­schen Zuspit­zun­gen Wirk­lich­keit wur­den. Als Roya­list und roman­ti­scher Aben­teu­rer, gebo­ren in den zwan­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts, erschien er wie ein Relikt aus längst ver­gan­ge­nen Zei­ten, die schon in sei­ner Jugend lan­ge vor­bei waren. Den­noch war er eine leben­di­ge Ver­bin­dung in das Frank­reich von ges­tern, nicht nur des Kolo­ni­al­rei­ches, son­dern des Anci­en Régime, der Hel­den und Hei­li­gen. Es tat gut zu wis­sen, daß er immer noch am Leben war und rege die Ent­wick­lun­gen der Welt­ge­schich­te verfolgte.

Die ers­te Hom­mage schrieb ich 2010, anläß­lich sei­nes 85. Geburts­ta­ges. Hart­nä­ckig blieb er noch ein Jahr­zehnt lang unter uns, und bekam gera­de in sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren ver­mehr­te Auf­merk­sam­keit als “pro­phe­ti­scher” Autor. Von der Jun­gen Frei­heit bis zum Spie­gel stat­te­te man ihm Haus­be­su­che ab, und selbst letz­te­rer brach­te einen ver­gleichs­wei­se fai­ren Arti­kel. Es war schwer, sich sei­nem per­sön­li­chen Charme zu ent­zie­hen oder ihm den Respekt zu ver­sa­gen. Er selbst ver­kör­per­te in hohem Maße die “Hal­tung” und aris­to­kra­ti­sche Tugend, die in sei­nen Büchern eine so gro­ße Rol­le spielt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (34)

Der_Juergen

17. Juni 2020 08:15

Dieser wunderbare Artikel erweckt in mir den Wunsch, nach dem "Heerlager" und den eben bestellten "Sieben Reitern" alle anderen Werke dieses grossen Mannes zu lesen - gemächlich, ohne Hast, so wie man eine gute Flasche Wein nicht in ein paar hastigen Schlucken leert.

Was Lichtmesz über die Raspail-Rezension in der FAZ schreibt, spricht Bände über den Niedergang einer Zeitung, die man nicht unbedingt lieben musste, aber doch achten konnte. War einmal. Mit demselben Recht könnte man sagen, alles, was man über Brecht wissen müsse, sei, dass Ulbricht und Honecker ihn irgendeinmal lobend erwähnt hätten. Kann ein Rezensent noch viel tiefer sinken?

Kositza: Beide Einlassungen von S. Strauß in der FAZ (2019 und 2020) zum "Heerlager" zeugen zwar davon, daß er kein begeisterter Raspail-Leser ist. Das muß man aber nicht sein. Ich bins auch nicht. Die FAZ ist irgendwann vor vielen Jahren gewiß abgesunken, aber grad an diesem Rezensenten liegt das sicher nicht.

ML: Diese beiden platten, zum Teil verleumderischen und konformistischen Einlassungen im Vergleich zu Jäger, Altwegg und Weiß sind Absinker genug, wenn man mich fragt.

Ein gebuertiger Hesse

17. Juni 2020 09:50

Wunderbar haptischer Rückblick. Um Dinge wie das hier beschriebene Zusammentreffen mit Raspail zu erleben, ist man überhaupt auf Erden. Und sowas bleibt, eingeschrieben ins Gemüt. Da kommt kein äußeres Tatoo mit.

RMH

17. Juni 2020 10:00

Danke für diesen persönlichen Nachruf. Er bringt einem den Autor noch einmal näher. "Haltung" ist eben nicht das, was ein "Dschornalist" in den Wahrheitsmedien zum Zwecke des Broterwerbs auf Bestellung liefert, sondern Ausdruck einer in der Tiefe einer Person angelegten Ehre. Raspail war ein Gentleman und ein Ehrenmann alter Schule. Gerade die Begriffe der Ehre und des Ehrenmannes unterliegen seit einiger Zeit der Trivialisierung und insbesondere der Kanakisierung, vor allem bei Jugendlichen.

Zeit, sich an den alten Herren zu orientieren, Haltung zu bewahren, zu zeigen und die Begriffe rund um die Ehre für das Abendland zurück zu erobern.

Monika

17. Juni 2020 10:05

Ganz wunderbar !!! Diese Erinnerungen von Herrn Lichtmesz bewegen mich deutlich mehr als das Buch von Jean Raspail „Das Heerlager der Heiligen“. Ich habe in den 80 er Jahren die Ausgabe des Hohenrain Verlages gelesen, die zum Kultbuch in rechten ( nicht ! konservativen Kreisen) avancierte. Und umso begehrter wurde, als es die Ausgabe nicht mehr gab. Da hatte ich mein Exemplar allerdings schon entsorgt. Mich störte genau! die Verächtlichmachung eines schwachen Christentums, dargestellt im Bild der „senilen Greisenprozession“. Oder genauer, dass die Rechte das Buch dazu nutzte, das Christentum verächtlich zu machen. Meine Aversion gilt seit jeher Neuheidentum und einem Traditionalismus, der nur die äußere Form sieht. Die Aussage von Raspail: „Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst“, hat für mich was unendlich Befreiendes. Und natürlich kann auch „die Rechte schon sehr verbissen sein“. Der Text war für mich erhellend. Ich werde nun zwar nicht zum Raspail-Fan, jedenfalls nicht, was seine Bücher betrifft, aber seine Haltung und seinen Weingeschmack. Ich werde mir den Lichtmesz Text ausdrucken. Und dann  eine Flasche Sancerre öffen !!!

Auf Jean Raspail RIP

Maiordomus

17. Juni 2020 10:58

Auf die Auseinandersetzung mit grossen und vielleicht bleibenden, jedenfalls sogar auch historisch bedeutsamen Autoren kommt es an. Man  erinnere sich an Orwell, von dem die 68er sagten, er würdei "Vorurteile gegen den Marxismus" bedienen (übrigens nicht nur in der "Farm der Tiere", auch in "Mein Katalonien", dem unabhängigsten Buch über den von Linken mythologisierten span. Bürgerkrieg.). Fürwahr, solche Literatur soll und muss in den Vordergrund gestellt werden. Bringt mehr, als sich mit mittelmässigen eigenen zum Beispiel lyrischen Versuchen in die Literatur hineinschreiben zu wollen, wofür im Moment die Zeit ohnehin nicht ist.

Franz Bettinger

17. Juni 2020 12:52

@Monika: Die Aussage von Raspail: „Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst“, hat mich nachdenklich gemacht. Muss es nicht besser heißen: „Die ihre Traditionen wirklich LEBEN, nehmen sie nicht allzu ernst“ ? Denn ich dachte an die Kindheit, als wir Jungs in kurzen Lederhosen durch den Sommer schlitterten. Wir liebten sie nicht eigentlich, wir lebten und erlebten die Tradition und nahmen sie locker. Das Lieben des Tradierten kam später und wurde dann auch mit einem traurigen bis trotzigen Ernst durchgehalten - als es so aussah, dass man der alten Traditionen verlustig ginge. - Schade übrigens, dass Raspails Christen-Bashing Sie blockiert und Ihnen den Genuss an seinem Werk raubt (obwohl ich’s Ihnen nachfühlen kann). 

quarz

17. Juni 2020 13:01

"Es ist nicht erforderlich, Überzeugungen zu haben, um Haltung zu besitzen"

Ob Raspails Katholizismus ein bloßes Kulturchristentum war, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls vermag Haltung zwar eine vorübergehende Stütze in Zeiten der Haltlosigkeit zu sein oder sogar eine Kraftreserve für einen Neustart; wenn aber die Wurzel verdorrt ist, trägt auch die schönste Haltung nicht dauerhaft.

heinrichbrueck

17. Juni 2020 13:52

Angela Merkel hatte die deutschen Grenzen nicht geöffnet. Solche Dinge werden an anderer Stelle entschieden. Sie hatte die Grenzen nicht geschlossen. Merkel: „Und jetzt will ich vielleicht noch mal deutlich machen, es liegt ja nicht in meiner Macht, es liegt überhaupt in der Macht keines Menschen aus Deutschland, wie viele zu uns kommen.“ Sie ist eine Verräterin, ganz klar; aber in solchen Sätzen zeigen sich Machtstrukturen, die im Hintergrund vorhanden sind. Hier leistet sich eine Diktatur demokratische Inszenierungen. Und das Christentum ist wenig hilfreich.

Gegen die Haltung von Raspail, Schriftsteller und Monarchist, ist nichts einzuwenden; aber mich würde eine Systembeschreibung interessieren, die schlußendlich politisch auf die Siegerstraße führt. Was politisch öffentlichkeitstauglich ist, scheint mir überhaupt nicht mehr politisch zu sein.

Monika

17. Juni 2020 14:28

@ Franz Bettinger 

Nicht Raspail betreibt Christen bashing ( das hat Herr Lichtmesz ja klar herausgearbeitet), sondern ein Teil der Neurechten hat/hatte mithilfe von Raspails „Heerlager“ Christen verächtlich gemacht. Das macht den Unterschied. Als Theologin ist mir  Nietzsches Religionskritik vertraut. Dessen Argument gegen das Christentum ist ja weniger der Verstand als das Leben. Das sentimentale und moralisierende Christentum, mit dem er in der engen Atmosphäre eines Pfarrhauses aufwuchs, war ihm zuwider. Diese Lebensfeindlichkeit kann auch ein Christ kritisieren. Raspail scheint da genussfreudiger. Ansonsten ist Raspail Geschmacksache ( huch). Zum Thema: Wie als kleine Gruppe in einer feindlichen Umwelt Haltung bewahren , spricht mich das Buch „Der letzte Mönch von Tibhirine“ mehr an als die sieben Reiter. Verfilmt unter dem Titel: VON MENSCHEN UND GÖTTERN.

https://www.youtube.com/watch?v=MWc8yCsP5Ls

Maiordomus

17. Juni 2020 14:30

@Bettinger. Mich erstaunt, und zwar eher im positiven Sinn, dass Sie das Christen-Bashing nicht gerade bedingungslos als Vorzug von Raspail rühmen wollen, zumindest nicht @Monika gegenüber, der klugen Mitkommentatorin, die auf diesem Gebiet wohl nicht mehr bekehrbar ist, zwar aber durchaus belehrbar. Meine eigene Haltung, die vergleichsweise hier derjenigen von @Monika wohl am nächsten steht, gilt immer noch als Kirchen-Bashing genug, dass ich für einschlägige Bildungshäuser seit Jahrzehnten als Referent nicht mehr in Frage komme: 50 Jahre einschlägige Archiv-Forschungen hin oder her.

Gunnar

17. Juni 2020 14:45

Dunkel entsinne ich mich an die Buchvorstellung der Sieben Reiter bei der Gothia (?) in Berlin. Indes gut in Erinnerung blieb, daß der Schluß des Werkes entwickelt wurde (War es Kubitschek oder Lichtmesz?), was ich damals als sehr enttäuschend empfand,  wußte man bei der Lektüre dann ja bereits, wo die Reise enden würde. 

Maiordomus

17. Juni 2020 15:01

Gunnar Kaiser schreibt, zwar in der Absicht, die Bildersturmwut zu parodieren und zu kritisieren, über Albertus Magnus alle Klischees der Feministinnen und auch aller, die sein Buch, zu deutsch "Über die Heimlichkeiten der Frauen" weder lateinisch noch deutsch im Original studiert haben, mit Einfluss z.B. auf Paracelsus' durchaus weiterführende, stärker "frauenfreundliche" Perspektiven. Es bleibt jedoch von Bedeutung, dass sowohl für Albertus Magnus als auch für Thomas von Aquin die Aussagen über die Frauen sehr stark noch auf antiker, zum Teil auch arabischer medizinischer Literatur beruhen und über weite Strecken bloss damaliger Standard waren, also nicht die wesentliche Aussage. Es handelt sich übrigens durchwegs um Werke, die ich zum grossen Teil schon vor der Geburt der von Sellner gerühmten rechten "Intelligenz-Bestien" gelesen habe, welch letztere zwar bei Sellner sich noch anregend über die Lieblingsbücher derselben, oft von Kositza trefflich vorgestellt, äussert. Über Kaiser habe ich mich aber geärgert. Er  ist wie das Idiotenlager der Gegner auf diesem Gebiet kein Fachmann.

notker balbulus

17. Juni 2020 15:07

Das Dilemma heutiger Menschen mit innerem Adel ist, dass sie in der postmodernen Massengesellschaft dazu gezwungen sind, unter Camouflage oder rein esoterisch zu wirken. Beispielgebend wird ihr Verhalten - pardon: ihre Haltung - nur selten sein können. Aber das unterscheidet unsere Gesellschaft nicht wesentlich von den früheren; auch damals herrschte Konformitätsdruck, zum Beispiel innerhalb des Bürgertums, und auch nicht jeder Landgraf oder gar Kaiser war seinen Aufgaben gewachsen. Gleiches gilt natürlich für Literatur und Wissenschaft: Dass Galilei nicht verbrannt wurde, verdankte er gerade seiner mangelhaften Haltung. Raspail dagegen war privilegiert: Er durfte schreiben und wurde sogar dafür geehrt. Vielleicht lag das daran, dass er nichts ändern wollte (wie jeder Konservative) und damit den Herrschenden nur verdächtig, aber nicht gefährlich wurde. Die anderen aber, die dem Zeitgeist offensiv widerstehen und deren Haltung darum anstößig wirkt, werden zu jeder Zeit auf Oberkante Rasenfläche gestutzt oder kaltgestellt. Hier gelten heute wie immer Fausts Worte: "Die wenigen, die was davon erkannt, / Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, / Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, / Hat man von je gekreuzigt und verbrannt." (590-93)

Monika

17. Juni 2020 15:45

„Dieser Budenzauber hatte für Raspail eine tiefere Bedeutung“ - Die ihre Traditionen wirklich lieben, nehmen sie nicht allzu ernst.“ Daraus spricht eine heitere Gelassenheit. Das klingt im ersten Moment erschreckend nach einer „Häresie der Formlosigkeit“ ( Martin Mosebach) . Aber, die Form ist nicht alles und sie ersetzt auch nicht den verlorengegangenen Inhalt. Irgendwo sprach Ernst Jünger davon, wie nahe erhabene Formen, Feierlichkeit und Lächerlichkeit zusammenhängen. Jüngst zu beobachten im Hype um G. Floyd. Trotzdem hat eine „Imposante Inszenierung“ ( Alice Schwarzer über  die Totenmesse für Kardinal Meisner) eine tiefere Bedeutung. Man staune über die Feministin und den Kardinal.https://www.youtube.com/watch?v=GB7YwwuE4BM

Laurenz

17. Juni 2020 17:48

@ML .... ich danke Ihnen für Ihren Artikel. Mir war bisher das Thema Raspail völlig fremd & Sie haben es mir hiermit (mit Herz) näher gebracht. Ich kannte das Thema nur von den doch recht extremen Arbeiten von Dr. Pierre Krebs, der tatsächlich ein deutsch-franz. Schicksal darstellt. 

Laurenz

17. Juni 2020 17:49

@quarz & Monika

Das Heil oder das Heilige, also die innere "Haltung", welche ML im Artikel anspricht, zitiert, entstammen aus vor-christlicher Zeit. Man folgte dem Herzog (der vor dem Heer daher zog) dann, wenn offensichtlich das Heil mit ihm war.

Daß die frühe christliche Administration das Heil oder das Heilige übernahmen, adaptierten, aber es mit einer orientalischen Weltsicht paarten, die unser "primus inter pares" mit von "Gottes Gnaden" Verführten vernichtete, und dem Vorgang der Heiligsprechung artfremd karikierten, macht das Christentum sehr wohl würdig, es einer Fundamental-Kritik auszusetzen.

Wenn Sie so wollen, müßte man das Christentum nochmals neu beginnen.

Allzu deutlich zeigt sich immer wieder der innere Widerspruch zur theologischen Realität in Schnellroda, offensichtlich hin - und her gerissene  Gemüter vor Ort (die Mosaik-Rechte im Ursprung). Die vernünftige Sezession, die deutsche Föderalisierung widerspricht dem christlich inspirierten Wessels-Reichs-Gedanken diametral.

Deswegen hat die Rechte natürlich mehr an Vielfalt zu bieten als die Linke (Einfalt). Aber ab & an einen Konsens hinzukriegen, wäre nicht das Verkehrteste. Um das zu erzielen könnte man doch auf das Religiöse in der Debatte verzichten, aber sich auf die Haltung einigen.

(Schreibe über das Heidentum auf SiN immer nur reaktionär.)

Nemo Obligatur

17. Juni 2020 20:39

Zu all den Schilderungen von Herrn Lichtmesz nur ein Wort: beneidenswert!

Der_Juergen

17. Juni 2020 22:28

Bin noch am Anfang der "Sieben Reiter", aber bereits beeindruckt, auch von der vorzüglichen Übersetzung, für die Horst Föhl herzlich gedankt sei. Dieser Übersetzer versteht sein Handwerk.

Ratwolf

18. Juni 2020 00:18

Raspails Dystopie Heerlagers der Heiligen von 1973 beschreibt so genau und in allen Facetten die unvernünftige und überraschende Haltung der Migrationsbefürworter von 2015, dass man ungläubig vor diesem Buch steht und sich fragt: Wie kann das sein? Wie ist das nur möglich?

Er muss also schon 1973 mit seinen feinen Antennen in die Gesellschaft hineingehorcht haben und gesehen haben, wie es sich entwickeln würde.

Die Frage bleibt, warum es nur er gewesen ist, der es gesehen hat und es publiziert hat.

Dieses Buch ist ähnlich prophetisch für die Jetztzeit, wie die Bücher von Orwell und Kafka.

Es muss wohl etwas mit „Haltung“ zu tun haben.

Ein schöner Bericht von der Begegnung mit diesem großen Franzosen.

Maiordomus

18. Juni 2020 13:27

@Laurenz. "Die schon damals mächtige jüdische Minderheit", gemeint 1969. Auf diese machte bereits 1952 der hier immer wieder mal zu Unrecht schlecht gemachte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Zusammenhang mit "Wiedergutmachung" bei nichts "Unauffälligerem" als einem Fernseh-Interview aufmerksam (es gab damals zwar weniger Empfänger). Offen erklärte er, dass wegen dieser in den USA mächtigen Minderheit die Wiedergutmachung auch angesichts der Weltlage einfach eine politische Notwendigkeit sei. Also jenseits von "Zerknirschung" und Kollektivschuld nur politischer Pragmatismus, eine Begründung, die, würde sie von Gauland wiederholt, heute als reiner Antisemitismus gelten würde.

sokrates399

18. Juni 2020 18:24

Es wundert mich ein wenig, daß in diesem Forum viele Raspail so wenig kennen.

Es wundert mich nicht, daß die "Staatspresse", bis auf die Unsäglichkeiten des Herrn Strauss in der FAZ und der JF, uns seinen Tod verschweigt. Heute allerdings in der erzkatholischen 'Tagespost' ein ausführlicher Artikel, der mir durchaus zwiespältig erscheint ("Die Rechte ist eine menschenverachtende, revolutionäre Bewegung, die an der Vernichtung der Eliten arbeitete und arbeitet und die mit Gott wenig am Hut hat").

Aber man sollte ihn lesen und vielleicht hier kommentieren.

https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/der-koenig-von-patagonien;art310,209388

links ist wo der daumen rechts ist

18. Juni 2020 21:56

Patagonien 1 – Komplementarität

 

Vermutlich gehöre ich auch zu der verschwindenden Minderheit, die bei der Lektüre des „Heerlagers der Heiligen“ steckenblieben, nicht vor noch zurück konnten; hier fehlte etwas in diesem Bild einer absoluten Ausweglosigkeit…

Und dann wirkt da aktuell gerade die Lektüre von „Ein Buch im Haus nebenan“ nach (Dank an CS für die schöne Widmung).

Spannend neben einem persönlichen Abgleichen von Leseerfahrungen für mich die Wahrnehmung, daß die Lektüre-Eindrücke der Autoren manchmal Komplementarität zu suchen scheinen; am deutlichsten bei Lichtmesz mit seinem expliziten Vergleich von Ernest Beckers „Dynamik des Todes“ und Hans Blühers „Die Achse der Natur“, am scheuesten bei Kubitschek mit seinem impliziten Vergleich von Jüngers „Abenteuerlichem Herz“ und Kästners „Stundentrommel vom heiligen Berg Athos“ (heute übrigens antiquarisch Kästners „Lerchenschule“ entdeckt; selten habe ich mich nach einem Blick ins Inhaltsverzeichnis so auf eine Nachtlektüre gefreut…).

Aber genügt Komplementarität, und warum ist Roths „Radetzkymarsch“ eines der Lieblingsbücher sowohl von Lichtmesz als auch von Raspail?

links ist wo der daumen rechts ist

18. Juni 2020 22:00

Patagonien 2 - Vierklang

 

Und nun der Verweis in Lichtmesz‘ Raspail-Text auf einen Artikel von Konrad Weiß; dabei stieß ich auf diesen hausinternen Text (vermutlich auch von K.W.)

https://sezession.de/57428/jean-raspails-patagonismus

und auf den grandiosen letzten Absatz darin:

Mit seinen entsprechenden Schriften hat Raspail todgeweihte Völker
vor dem vollständigen Vergessen bewahrt – nicht aber vor ihrem lange zuvor besiegelten Untergang. Mit seinem Heerlager als Menetekel verließ er
vor Jahrzehnten endgültig die unter akademischen Ethnologen so verbreitete Gattung des fernstenliebenden, aber heimatvergessenen Nekrologs.
Mit seinem Patagonismus konterkariert sie Jean Raspail: kein Abgesang
auf Untergegangene, sondern stolz-zärtlich-melancholisch-ironische Bewahrung eines niemals gewesenen Reichs.

links ist wo der daumen rechts ist

18. Juni 2020 22:04

Patagonien 3 – Souveränität

 

Und jetzt schienen sich einige Knoten zu lösen, kein Steckenbleiben mehr im Text, Vieles klarte auf, als ich erkannte, warum der gute K.W. immer wieder auf diesen „Vierklang“ „Zärtlichkeit, Ironie, Stolz und Melancholie« anspielt.

Er scheint tatsächlich nicht nur ein Leitmotiv, sondern ein geheimer Leitfaden des Gesamtwerkes zu sein.

Meine Interpretation:

Stolz wird durch Zärtlichkeit nicht zu Trotz, Melancholie endet dank Ironie nicht im unerlösbaren „Schmerz ohne Marter“.

Die daraus sich ergebende Haltung eines bewahrenden Dennoch, Verluste als solche und Kämpfe auch als vergebliche zu erkennen, ohne daraus endgültige Niederlagen abzuleiten, könnte man auch Souveränität nennen.

 

Nath

19. Juni 2020 05:16

@Sokrates399

"("Die Rechte ist eine m e n s c h e n v e r a c h t e n d e.....")."

Kaum ein Wort kompromittiert denjenigen Menschen, der es freigiebig verwendet, intellektuell mehr als das letztgenannte. Wo immer ich es höre oder lese, werde ich in der Tat, wenn auch nur für kurze Zeit, zum "Menschenverächter". Beinahe möchte man ausrufen, Gott gebe uns die alten Marxisten zurück, denn in deren Vokabular kam wenigstens dieser unsägliche moralinsaure Begriff nicht vor, nicht einmal bei den Hippies...

quarz

19. Juni 2020 10:04

@Nath

Überall, wo Verachtung am Platz ist, sind Menschen die adäquaten Adressaten. Stühle oder Zahnpasta zu verachten, wäre ja wenig sinnvoll.

Ein gebuertiger Hesse

19. Juni 2020 11:02

@ Nath

Eine der großen Perfidien dieser Zeit ist die, daß das Wort "Mensch" kaum mehr aufs Geratewohl, ohne Hintergedanken, ohne Hinterfragung gebrauchen kann. Der Gegner hat es derart mit falschem Moralin vollgepumpt, daß man es bei Gebrauch wie einen übervollen Ballon über einen Abgrund balancieren muß (oder glaubt balancieren zu müssen, was aufs Gleiche rauskommt). Das Wort ist der Dekonstruktion ausgesetzt. Wer es auf diese Weise benutzt - wenn auch aus gutem Grund -, wird nicht überzeugen können.

Laurenz

19. Juni 2020 11:26

@sokrates399

https://www.shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/marseille-kaserne-ist-die-umbenennung-richtig-id28679582.html

https://www.shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/keine-ehre-mehr-fuer-hitlers-kampfpiloten-appener-marseille-kaserne-braucht-neuen-namen-id28657227.html

Jeder aktive Soldat weiß nun, daß sich Deutschland um Sein Schicksal im Einsatz keinen einzigen Gedanken macht. Mehr krankes Hirn, was das Militär angeht, hat es auf dem Planeten nie gegeben. 

sok

19. Juni 2020 17:00

@ heinrichbrueck: Mich würde eine Systermbeschreibung interessiern, die schllußendlich auf die Siegerstraße führt.

Eine solche Systembeschreibung hat der Systemtheoretiker und Idenditätsforscher Schnmidt-Denter in einem Mammutprojekt geliefert. Er  hat aufgezeigt, dass die Holocaust-Erziehung dazu genutzt wird, die derzeitigen Machtverhältnisse zu stabilisieren. Er fordert eine Evaluation der Holocust-Erziehung und hat durch gigantische Umfragen abgesichert, dass es dafür Mehrheiten  gibt.

Schlußendlich kann man auf die Siegerstraße kommen, wenn man aufzeigt, wie die Idenditätslosen ihre Macht erschlichen haben und sie stabilisieren.

H. M. Richter

19. Juni 2020 20:57

Eineinhalbstündige Ausschnitte aus dem bewegenden dreistündigen Trauergottesdienst, der von einer Beifallskundgebung abgelöst wird, als der Sarg die Kirche verläßt, finden sich hier ...:

https://video.lefigaro.fr/figaro/video/adieu-a-jean-raspail-les-moments-forts/

 

Nath

20. Juni 2020 00:01

@quarz - nicht nur bei Kochtöpfen und Lampenschirmen, auch bei Göttern, Dämonen und Tieren kann der Verachtungsaffekt kaum einschnappen.

Unsere modernen Humanitarier wollen zwei Dinge gleichzeitig, die nicht zusammengehen: Einerseits jegliche metaphysische Bestimmung "des" Menschen aufgeben (wie es z.B. die kantische Bestimmung des Zweck an sich selbst war) und nur noch positivistisch von "den" Menschen im Plural reden, sie andererseits aber willkürlich mit dem Etikett der Würde versehen und gegen alle Verachtung in Schutz nehmen. Wo in aller Welt nimmt man die Begründung für einen solchen Wert-Setzungsakt her? De facto läuft es auf einen moralischen Sensualismus hinaus, letzten Endes auf Sentimentalität. Deswegen neuerdings das Gerede von Emp a t h i e - ein wichtigtuerisches Fremdwort, mit dem man die eigene Verlegenheit zu kaschieren sucht. Gleichzeitig brauen sich bereits dunkle Wolken über solcher zur Schau getragener Philantropie zusammen, etwa in Gestalt einiger Öko-Feuerköpfe, die ihr moralisches Zelotentum gegen "den" Menschen richten (hier also doch wieder Metaphysik). Für sie ist er nicht mehr die Krone der Schöpfung, sondern ein Betriebsufall der innigst geliebten "harmonischen Natur".

 

Franz Bettinger

20. Juni 2020 12:07

Herzlichen Dank, Herr @Richter, für den Link zur Trauer-Messe von Jean Raspail.  Hätte nicht gedacht, dass mich das so berührt.  Was für ein grandioser Abschied von dieser Welt!

Augustinus

20. Juni 2020 17:49

@Monika

"Mich störte genau! die Verächtlichmachung eines schwachen Christentums, dargestellt im Bild der 'senilen Greisenprozession'. Oder genauer, dass die Rechte das Buch dazu nutzte, das Christentum verächtlich zu machen."

Das sehe ich genau andersherum. Als Anhänger einer traditionellen Gesellschaft, würde ich in einer solchen alle christlichen Gebräuche und Riten (sonntägliche Kirchenbesuche, Prozessionen ...) mitmachen, ohne an sie im tiefsten Inneren zu glauben. Das Gemeinschaftsgefühl spricht mich an.

Ich hab' mal in Köln gewohnt und zu der Zeit immer wieder den Dom aufgesucht. Nicht um im engeren Sinne zu beten, sondern um zu meditieren und um die erhabene Atmosphäre dieser grandiosen Kathedrale zu genießen. Diese Aufenthalte führten mich als eingefleischten Atheisten beinah zu Gott.

Insofern würde ich die Form oder wie Raspail es nennt, die Haltung nicht geringschätzen.

notker balbulus

21. Juni 2020 01:12

Auch von mir, H.M.Richter, herzlichsten Dank für die große Freude, die Sie meiner Frau und mir heute, an unserem Hochzeitstag, bereitet haben!

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