Sezession
27. März 2018

Nationalmasochismus und „Anschluß“

Martin Lichtmesz / 26 Kommentare

Mein zusammen mit Michael Ley herausgegebener Sammelband Nationalmasochismus ist nun bereits in der 2. Auflage lieferbar.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das Schlagwort "Nationalmasochismus" hatte Armin Mohler bereits in den sechziger Jahren in seinem Buch Was die Deutschen fürchten geprägt. Er bezeichnete damit eine eigenartige "tiefe Wollust" im "Verachten und Verneinen der eigenen Nation", die man am treffendsten mit dem Namen "Nationalmasochismus" charakterisiere.

Der unüberhörbare Anklang in diesem Namen meint, daß in unserer verkehrten Welt das deutsche Sendungsbewußtsein zwar nicht mehr vom Nationalsozialismus, aber von etwas verräterisch Stilgleichem verkörpert wird. Etwa von jenen jungen Leuten, die ingrimmig zu beweisen versuchen, daß ihre eigene deutsche Nation eine Art von Auswurf sei und das eigentliche Menschsein anderen Völkern zukomme.

Mohler sah darin einen "negativen Messianismus" am Werk, eine Umkehrung jenes Messianismus, der im Nationalsozialismus zum Vorschein gekommen war: "Der Nationalmasochismus ist nur die Kehrseite dessen, was unter dem Etikett ›Nationalsozialismus‹ an die Oberfläche kam." Es handele sich bei ihm letztlich um einen »verzweifelten Versuch«, aus dem eigenen Volk »auszutreten«, wie man ihn historisch vor allem von den Juden kennt (der "jüdische Selbsthaß", von dem Theodor Lessing sprach, ist ebenfalls eine Form des "Nationalmasochismus", mit einer ähnlichen Auserwähltheits-Verworfenheits-Dialektik im Hintergrund).

Dieser Kerngedanke Mohlers liegt auch der vorliegenden Aufsatzssammlung zugrunde - weitere Beiträger sind Caroline Sommerfeld, Tilman Nagel, Michael Mannheimer, Michael Klonovsky, Siegfried Gerlich und Andreas Unterberger - wobei die besagte Disposition inzwischen eine Lage geschaffen hat, die das Finis Germaniae in greifbare Nähe rücken läßt. Der Wunsch, "aus dem eigenen Volk auszutreten" hat sich inzwischen in die Politik der Volksauflösung und des Bevölkerungsaustausches umgemünzt.

Rolf Peter Sieferle sprach angesichts der deutschen Politik der vorbehaltslos offenen Grenzen im Namen eines blinden, verabsolutierten Humanitarismus von einem »Volk von Geisterfahrern«, das einer irrationalen »Politik des Verschwindens« verfallen sei:

Der mentale Hintergrund für diese merkwürdige Verirrung liegt wohl in der deutschen Vergangenheit und in den Versuchen, diese moralisch zu bewältigen. Die Deutschen erfahren sich seit 1945 als singuläres Tätervolk, und je intensiver die Versuche der Besserung waren, desto unerbittlicher wurden die Anklagen, von innen wie von außen. Wer möchte unter diesen Bedingungen ein Deutscher sein? Dazu ist schon eine gehörige Portion von Masochismus erforderlich.

Die Sehnsucht nach der Erlösung vom "schmutzigen Deutschsein" in einer völkerlosen "Menschheit" sah Sieferle "im gesamten politischen Spektrum" wirksam, vom "linksradikalen Kampfruf ›Deutschland verrecke‹ bis hin zu harmloseren Varianten, etwa der Ersetzung des Begriffs ›Volk‹ durch ›Bevölkerung‹ seitens der Bundeskanzlerin". Nicht von ungefähr werden seit einiger Zeit Kritiker dieser Politik die NS-konnotierte Kampfvokabel "völkisch" angehängt, womit schon jeder gemeint ist, der der Ansicht ist, daß es überhaupt Völker mit einer spezifischen Identität gibt.

Schon an dieser Stelle sollte deutlich werden, daß der Begriff "Nationalmasochismus" in erster Linie als Metapher zu verstehen ist - wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, das zwar psychologisch und wohl auch psychopathologisch sehr ergiebig ist, das sich allerdings nicht in Psychologie erschöpft und schon gar nicht mit ihr beizukommen ist. Wir haben es hier vielmehr mit einer "großen Erzählung" mit religiösen und mythologischen Zügen zu tun, deren sinnstiftende Wirkmacht letzten Endes gegen so gut wie jeden rationalen Einwand immun ist. Man könnte hier ein weiteres Mal Theodor Lessing bemühen, der von der Geschichte als "Sinngebung des Sinnlosen" sprach. Vergessen ist heute, daß bereits der Ausgang des ersten Weltkrieges in Deutschland so etwas wie einen "Nationalmasochismus" hervorgebracht hat, also radikale Selbstverwerfungen, die in der traumatischen Niederlage des Reiches einen quasi-theologischen Sinn und Möglichkeiten der Buße suchten.

Max Weber spottete im Januar 1919 in der Frankfurter Zeitung über die "Literaten, die das Bedürfnis ihrer durch die Furchtbarkeit des Krieges zerbrochenen oder der Anlage nach ekstatischen Seele im Durchwühlen des Gefühls einer ›Kriegsschuld‹ befriedigten":

Wir haben in Deutschland zwei Monate hinter uns, deren vollendete Erbärmlichkeit im Verhalten nach außen alles überbietet, was die deutsche Geschichte aufzuweisen hat Eine solche Niederlage mußte ja die Folge einer ›Schuld‹ sein, – dann nur entsprach sie jener ›Weltordnung‹, welche alle solche schwachen, dem Antlitz der Wirklichkeit nicht gewachsenen Naturen allein ertragen (...) daß der kriegerische Erfolg schlechterdings nichts für oder gegen das Recht beweist, gilt es ein- für allemal, wie ungezählte Leichenfelder der Geschichte auch dem Blödesten beweisen können.

Das Thema des Bandes Nationalmasochismus ist an sich nichts Neues - in der Tat war es seit eh und je ein Dauerbrenner der konservativen Publizistik in Deutschland, vor allem unter dem aus der Mode gekommenen Titel der "Vergangenheitsbewältigung", deren Kritik Armin Mohler drei heute noch lesenswerte Bücher widmete (Vergangenheitsbewältigung 1968/1981 sowie Der Nasenring).


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (26)

Caroline Sommerfeld
27. März 2018 09:52

Die deutschnationale Idee braucht dringend ihre Aktualisierung in Form eines anklagend festgemauerten Deutschnationalmasochismus. Ohne ein eigenes "Denkmal der Schande" sind die Österreicher keine richtigen Deutschen ...

Gustav Grambauer
27. März 2018 09:56

Eine vertiefende Literaturempfehlung, wenn auch nicht von Antaios:

http://www.denkschule-hamburg.de/code/buch_umstuelpung.htm

Auf dieser Grundlage findet man allerorten die Umstülpungen als Erscheinungen. Es liegt nebenbei gesagt im Wesen der Apokalypse, daß einmal das Unterste nach oben gestülpt wird und dort das Hohe verdrängt. Hebbel hat dazu gesagt:

"Es ist möglich, daß der Deutsche doch einmal von der Weltbühne verschwindet, denn er hat alle Eigenschaften, sich den Himmel zu erwerben, aber keine einzige, sich auf Erden zu behaupten und alle Nationen hassen ihn, wie die Bösen den Guten. Wenn es ihnen aber wirklich einmal gelingt, ihn zu verdrängen, wird ein Zustand entstehen, in dem sie ihn wieder mit den Nägeln aus dem Grabe kratzen mögten." - Tagebücher / Rilke-Ausgabe, 4. Januar 1860

Das durch diese Verdrängung entstehende Vakuum wird ja pointiert gefüllt: wer sonst als der umgestülpte Deutsche ist Heiko Maas? War dessen Wergegang als Saarländer, katholischer Meßdiener, Triathlet und Sozialdemokrat ins Justiz- und dann ins Außenministerium nicht vom Weltenhumor begleitet, gerade auch wenn man Physiognomie, Habitus und LAP (Lebensabschnittspartnerin, Schauspielerin > 10 Zentimeter) anschaut, und ist es nicht in diesem Weltenhumor angelegt, daß er noch Bundeskanzler oder Bundespräsident wird? (Wobei ja der Bundeskanzler, ergo der "Bundesbüroleiter", was ist eine Kanzlei anderes als ein Büro, auch wieder nur die Umstülpung des Kaisers ist - bzw. die Macht der Kanzlei die Umstülpung der Macht des Kaiserlichen Palastes ist).

Freuen wir uns erstmal auf köstliche realsatirische Berichte von den Begegnungen zwischen Lawrow und Maas, zwischen Löwen-Alpha-Exemplar und Zwergitaliener in freier Wildbahn!

- G. G.

Andreas Walter
27. März 2018 12:21

Wow, was für ein fulminantes Crescendo. Von Seite zu Seite steigert sich der Artikel zu einem wahrhaft beindruckenden Feuerwerk der Majestätsenthüllung. Nur schade, dass auch 90% der Deutschen gar nicht verstehen, worum es in dem Artikel überhaupt geht.

"Vergessen wir nicht, dass am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft nicht Ausschwitz, sondern die Ausgrenzung von Menschen, die als störend, als schädlich betrachtet wurden, stand."

Wie könnten wir. Wer wenn nicht wir haben uns intensiv auch mit diesem Thema beschäftigt. Ich weiß über Auschwitz mehr als selbst die meisten Juden, über Sobibor sogar mehr als der britischer Historiker Martin Gilbert.

Das die Kleine Zeitung Österreich übrigens nicht einmal weiß, wie man Auschwitz überhaupt richtig schreibt betrachte ich auch als bezeichnend.

Wir sollten darum den "Süßwarengroßindustriellensohn" Heller unbedingt auch mal zu einem Bundesparteitag der AfD einladen. Dort könnten seine Worte womöglich ein wenig Trost spenden, angesichts der massiven Anfeindungen, die sich diese Menschen beinahe täglich gefallen lassen müssen. Oder auf einer europäischen Versammlung der IB.

Doch der Heller nimmt dafür bestimmt eine Menge Geld, für seine gesalbten Worte. So einen Schmonzes können wir uns darum nicht leisten.

https://www.youtube.com/watch?v=0WPzFnZkZmI

("WIERD AL YANKOVIC - Money For Nothing/Beverly Hillbillies", auf YouTube TV)

0002
27. März 2018 15:47

„Aus der fixen Idee, sich ständig in derselben historischen Zeitschleife zu befinden, und ja nicht denselben Irrtum nochmal zu begehen, werden neue, und im Endeffekt noch folgenreichere Irrtümer begangen.“

Den Mechanismus auf den Punkt gebracht.

Der Gehenkte
27. März 2018 16:48

Man darf freilich die Dialektik hinter der Gedenkkultur nicht übersehen: mit jedem Denkmal - insbesondere wenn es pompös ist und durch Individualisierung die psychische Auffassungsgabe des Rezipienten übersteigt - wird der Prozeß der Ermüdung, des Überdrusses und der Ignoranz verstärkt. Nichts hat in diesem Sinne stärker gewirkt als das Stelenfeld; damit war das Ende des Sagbaren erreicht, von hier aus gibt es kein Weiter mehr, denn ein Mehr/Meer wäre Nonsens.

In diesem Sinne sollte man der Entwicklung gelassen affirmativ zusehen.

Der_Juergen
27. März 2018 18:57

Lichtmesz lehnt sich, mit seiner üblichen sprachlichen Brillanz, ziemlich weit aus dem Fenster.

Auf eine Unsauberkeit sei allerdings doch hingewiesen. Wenn er schreibt, die Auseinandersetzung mit alliierten Verbrechen an Deutschen werde heute ansatzweise auch in den Mainstream-Medien geführt, "während Themen wie die Kriegsschuldfrage oder die Präventivkriegsthese weiterhin in der Quarantäne bleiben", so gilt es darauf hinzuweisen, dass diese Themen zwar in der Systempresse nicht erörtert werden dürfen und Historiker, die dies doch tun, von besoldeten Schmierfinken, von denen einer der allerwiderlichsten in der "Welt" schreibt, mit Schmutz beworfen werden, es in diesen Fragen aber keine staatlichen Verbote gibt.


M.L.: Na, z.B. "Der Brand" von Jörg Friedrich war 2002 ein vieldiskutierter Bestseller, und es gab in den Jahren nach "Der Untergang" etliche Dokumentar- und Spielfilme, die etwa die Themen Dresden, Flucht & Vertreibung, Vergewaltigung durch Rote Armee etc. behandelten, wenn ich auch in arg weichgespülter Form. "Ansatzweise" ist zumindest ein bißchen etwas in den Mainstream eingesickert.

Ich erinnere daran, dass z. B. die vom Verlag "Pour le Merite" erschienenen Sammelbände "Überfall auf Europa" und "Die rote Walze", in denen vor allem russische Geschichtsforscher (der hervorragendste ist der Militärhistoriker Michael Meltjuchow) massenweise gewichtige Argumente zugunsten der Präventivkriegsthese anführen, ebenso frei verkauft werden können wie die Bücher von Joachim Hoffmann oder Stefan Scheil.

Noch zum leidigen Thema Strache/Kurz: Die Unterwerfungsrituale dieser beiden Herren - von denen Strache der noch würdelosere ist - rufen Brechreiz hervor. Selbstverständlich erfolgen sie, wie Lichtmesz festhält, weil die österreichische "Rechte" sich "einen Persilschein verschaffen" will. Bisher ohne sonderlichen Erfolg übrigens.

Andreas Walter
27. März 2018 19:26

Wobei ich die interessantesten Entdeckungen oft ganz nebenbei, fast wie durch Zufall mache. So wie gerade eben auch wieder. Steht alles im Wikipedia-Artikel über "Beverly Hills, California":

Unter "20th century"

"Beverly Hills was one of many all-white planned communities started in the Los Angeles area around this time.[17] Restrictive covenants prohibited non-whites from owning or renting property unless they were employed as servants by white residents.[12]:57 It was also forbidden to sell or rent property to Jews in Beverly Hills.[18]"

Dieser Abschnitt bezieht sich auf die Zeit um etwa 1907 bis ... - bis wann steht leider nicht in dem Artikel.

Doch weiter unten, unter "2010"

The largest religious community are Persian Jews, who make up 26% of the population of Beverly Hills.[54] The Iranian Jewish community in Beverly Hills, numbering over 8,000, is the second largest Iranian Jewish community in the United States, after Great Neck, New York.[55][56]

1/4 der Bevölkerung von Beverly Hills sind also persische Juden? (Iran, Irak, was noch?) So wie Sassoon. Grosse Lust auf Integration scheinen die wohl auch nicht zu haben, auch nicht in den VSA. Sind wohl auch lieber unter sich.

Der Artikel liefert aber noch eine Menge weitere interessante Details, die ich hier aber gar nicht alle aufzählen will und kann.

Eine beeindruckende Geschichte, von "Juden unerwünscht" selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Land der fast unbegrenzten Möglichkeiten, bis hin zur Mehrheit in einer der wohlhabendsten und auch deshalb weltbekannten Stadt.

https://www.youtube.com/watch?v=SKABPEK1dhc

("Los Angeles: Beverly Hills (Deutsch)", auf YouTube)

Der Gehenkte
27. März 2018 20:20

Es gibt ja noch ein weiteres Paradox: Durch die Entheroisierung der Geschichte, die einen historischen Helden nach dem anderen vom Sockel stößt, wird der nachkommenden Jugend ein intuitiver Abwehrreflex gegen alle Denkmäler und Statuen eingeimpft, der sich letztlich auch gegen "nationalmasochistische" Piedestale richten muß. Wie gesagt, die liberale Geschichts- und Gedenkpolitik frißt sich selber auf.

0002
27. März 2018 21:36

„Grosse Lust auf Integration scheinen die wohl auch nicht zu haben, auch nicht in den VSA. Sind wohl auch lieber unter sich.”

Zusammen mit den anderen 3/4

links ist wo der daumen rechts ist
28. März 2018 07:04

Zu ebener Erde und erster Stock 1

Ein bißchen muß ich bei derartigen Diskussionen an die berühmte, von Grace Kelly überlieferte Hitchcock-Anekdote denken. „Hitch“, berüchtigt für seine manchmal anzüglichen Witze, wollte gerade einen derselben zum besten geben, als ihn Grace Kelly unterbrach: „Ach Hitch, darüber habe ich doch schon in meiner Klosterschulzeit gelacht.“

Vieles von dem, was M.L. hier beredt beschreibt, ist z.t. schon bzw. wieder historisiert und damit ent-moralisiert oder fand einen nachhaltigen Eingang in das Mainstream-Bewußtsein.
Der Rest verdeutlicht gerade die brüchige, i.e. behelfsmäßige Struktur von Narrativen.

Beispiele?

1977 erschien der Sachbuch-Bestseller von Sebastian Haffner „Anmerkungen zu Hitler“ mit Ausführungen, die heute manchen als „rechtsextrem“ erscheinen mögen.
1979 wurde im öffentlichen TV die US-amerikanische Serie „Holocaust“ gezeigt, fünf Jahre später die Folgen von Edgar Reitz’ „Heimat“ (usprünglich „Made in Germany“), beides „Straßenfeger“ und Narrative, die, da eben filmisch mainstreamtauglich, einander nicht widersprachen. Von deutscher Seite gab es davor noch als filmtechnische Antwort auf Hollywood den Blockbuster „Das Boot“.
Reitz’ „Heimat“-Trilogie endet übrigens mit dem gemeinsamen Weinen von Mutter und Tochter in einem eigens für den Film gebauten „Günderrode“-Haus mit Blick auf den Rhein. Loreley ums Eck; deutscher geht’s nimmer.

Die Zeit der Moralisierungen begann nachhaltig erst mit Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985 (familiendynamisch sicher nicht uninteressant), zeitgleich sprach aber auch ein gewisser Rudolf Augstein in einem Spiegel-Editorial davon, dass man Churchill, Stalin und Roosevelt mindestens ebenso als Kriegsverbrecher bezeichnen müsse.
Es folgten der sog. „Historikerstreit“ 1987 und Jenningers Rede 1988; eigentlich die letzten Rückzugsgefechte der alten BRD.
Nach der Wiedervereinigung galt es, um dem Rest der Welt die „Angst vor den Deutschen“ zu nehmen (die Regierung Thatcher zerbrach darüber, Mitterand rang Kohl die spätere Abschaffung der DM ab), einen opferorientierten Gründungsmythos zu installieren. Kohl wollte ursprünglich mit der Gedenkstätte der „Neuen Wache“ an Adenauers „Heimkehrer-Mahnmal“ anknüpfen, es kam zu den bekannten langwierigen Diskussionen - mit dem Abschluß des Holocaust-Mahnmals.
Daß aber dieses Narrativ bereits in der Diskussionsphase brüchig wurde, verdeutlichte nichts so sehr wie Martin Walsers zehn Jahre nach Jenninger gehaltene Paulskirchen-Rede.

Und in den letzten 20 Jahren kam diese Auseinandersetzung nicht mehr zur Ruhe, wie sich relativ materialreich auch von liberaler Seite in Aleida Assmanns Buch „Das Unbehagen an der Erinnerungskultur“ nachlesen lässt.

Was wäre nun gewonnen, ein ohnehin brüchiges Narrativ durch ein anderes zu ersetzen, das sich zudem auch wieder nicht positiv begründen ließe, da man ja GEGEN Nationalmasochismus auftritt?
Warum nicht diese unterschiedlichen Stränge und Unvereinbarkeiten (nicht nur innerhalb von Familien) betonen, wie z.B. in den verqueren Texten von Alexander Kluge seit seiner „Schlachtbeschreibung“, den Gesprächen Kluge/Heiner Müller, den Arbeiten von W.G. Sebald, der immerhin die Luftkriegsdebatte angestossen hatte oder – jüngeren Datums – Enzensbergers „Hammerstein“. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Oder anders formuliert: die Lektüre von Hannsferdinand Döbler und Ruth Klüger muß kein Widerspruch sein.

M.L.: Das ist auch mein Ansatz in "Besetztes Gelände", die "Stereoskopie" nach Jünger, oder die Polyphonie der Erzählungen.

Nebenbei:
Helden- oder Nationalepen wie das Nibelungenlied eignen sich schon gar nicht für positive Helden- oder Treuebestimmungen oder was auch immer, denn legt man – wie das Franz Borkenau auf kongeniale Weise gezeigt hat – die historischen Tiefenschichten frei, dann landen wir wieder, ganz nach Hitchcock, bei zu vertuschenden, peinlichen „family plots“.
Daß Hitchcock witzigerweise in seiner Zeit in Berlin bei Dreharbeiten in den Babelsberger Studios zum Entsetzen aller Anwesenden die monumentalen Baum-Requisiten aus Fritz Langs „Nibelungen“ absägte, nur als Anekdote am Rande.

Und abschließend:
Hand aufs Herz, ist das gegenwärtige Deutschland wirklich eine Nation, die in Sack und Asche geht? Eigenartig nur, daß z.B. jahrzehntelang links und rechts treu vereint mächtig stolz vom „Exportweltmeister Deutschland“ sprachen. Vom Medaillenspiegel bei den Olympischen Spielen oder den Teilnahmen an Fußballweltmeisterschaften spreche ich gar nicht.

M.L.: "Sack und Asche" nicht mehr, aber das nationalmasochistische "Syndrom" wirkt weiterhin, verinnerlicht und kaum mehr reflektiert.

Vielleicht fand aber auch der frankophile Armin Mohler in dem erwähnten schönen alten Ullstein-Bändchen mit dem ansprechenden Cover (mein Exemplar habe ich derzeit einem befreundeten Schriftsteller überlassen) eine Antwort, indem er auf den prototypischen Franzosen verwies: im Erdgeschoß Universalist und Anhänger der Französischen Revolution, im ersten Stock Chauvinist oder Gaullist.
Möglicherweise hatte Max Scheler in seiner berüchtigten Schrift „Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg“ Ähnliches im Sinn, wenn er von der Überlegenheit des deutschen Kosmopolitismus (!) sprach.
Oder weniger hochtrabend: Gerhard Henschel erzählt in seiner Kempowski-Biographie, daß der gute Walter sich nächtens einmal unvermutet ans Klavier setzte und die Bundeshymne - um die zwei Strophen ergänzt – zu intonieren begann. Henschel zeigte sich „entsetzt“, worauf Kempowski meinte: „Ach, lassen Sie mir doch meine nationalen Anwandlungen!“

Immer noch S.J.
28. März 2018 08:37

Aus gegebenem Anlass sei, wenn auch vergeblich, auf eine Anekdote aus der Feder des in Wien geborenen Publizisten Gerd-Klaus Kaltenbrunner verwiesen. Ein Kaiser im alten China habe auf die Frage, wie er sein Reich befrieden wollen, geantwortet, er werde vor allem die Bedeutung der Wörter wiederherstellen. Davon sind wir weit entfernt. Wer in der Gegenwartspolitik etwas werden will, ist gehalten, jede Möglichkeit zu nutzen, das Hier und Jetzt mit der NS-Vergangenheit zu verbinden. Es ist zulässig, vage Assoziationen zu wecken, eine formlose Bedrohung zu verspüren oder primitive Unterstellungen in die Welt zu setzen. Notgedrungen entstehen so die „Wortkonfusionen“, die Gerd-Klaus Kaltenbrunner als Unfrieden stiftendes Politikum ausmachte. Schließlich platzt jedem irgendwann der Kragen, der einigermaßen wert auf die richtige Verwendung von Worten legt und der darauf beharrt, richtig verstanden werden zu wollen. Dass kein vernünftiger Mensch – erst recht kein konservativ denkender – sich die NS-Zeit herbeisehnt, wiederholt man umsonst. Vermutlich ist es schlimmer als 1998, als Martin Walser in seiner Dankesrede bekannte, er schalte im Fernsehen weg, wenn ihm überall unsere Vergangenheit zu zweifellos „ehrenwerten Zwecken“ präsentiert werde. Ein Beispiel: Unser neuer Außenminister hat gerade bei seinem Antrittsbesuch in Israel verlauten lassen, er sei „wegen Auschwitz“ in die Politik gegangen (Netanjahu nahm es lobend zur Kenntnis). Es ist doch selbstverständlich, gegen das Monströse von Auschwitz zu sein. Wozu sagt der 1966 geborene neue Außenminister das?

Der_Juergen
28. März 2018 08:53

@Martin Lichtmesz

Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe ja ausdrücklich festgehalten, dass Verbrechen an Deutschen auch in den Mainstreammedien manchmal erörtert werden; dabei dachte ich an das von Ihnen genannte Buch "Der Brand". In den Mainstreammedien nicht diskutiert werden, wie ich festhielt, die Frage nach der Kriegsschuld sowie die Präventivkriegsfrage. Aber gesetzlich verboten ist weder die Bestreitung der deutschen Allein- oder Hauptschuld am Zweiten Weltkrieg noch die Bestreitung der These von heimtückischen Überfall auf die UdSSR.

M.L: Ganz komme ich immer noch nicht mit. Als ich schrieb, Kriegsschuld und Präventivkriegsfrage seien "in der Quarantäne", meinte ich nicht, daß Publikationen dazu verboten seien, sondern, daß sie isoliert blieben, im Mainstream nicht diskutiert werden (außer, daß sie als "rechtsextreme" Thesen verworfen werden).

Republikfluechtling
28. März 2018 11:36

Andreas Walter spricht mir aus der Seele, auch wenn ich aufgrund selbst gemachter Erfahrungen auf 95% erhöhen würde. Wen die armselige, kriecherische Hutgrüsserei eines HC Strache überrascht, der erwartet wohl auch in der AfD oder gar den letzten “konservativen” Mohikanern in einer der C-Parteien die Rettung des Abendlandes. Diese haben bereits gegenüber den wahlweise aggressiv-kämpferisch auftretenden oder allmählich und so leise wie ohne Gegenwehr vertretbar durch die Institutionen marschierenden 68ern versagt und mangels eigenem Willen, eine rote Linie zu ziehen und zu verteidigen, Zentimeter um Zentimeter preisgegeben. Die alten weissen Männer in Schland vertrauen entweder nach wie vor auf den guten Willen derer von “oben” und glauben den Leidmedien oder haben resigniert. Erst wenn ihnen persönlich jemand die Wurst vom Brot nimmt, sind sie unter Umständen bereit ihren eigenen Garten zu verteidigen, falls nicht auch dies aus Trägheit oder falsch verstandener christlicher Nächstenliebe unterbleibt. Ein gemeinsamer Kampf für höhere Ziele (welche auch, nachdem Familie spiessig und Volk pfui sind) ist bei einem solchen “mindset” nicht zu erwarten. Die Halben (sie hole derselbige), welche mittels willigem oder auch widerwilligem Apportieren der Stöckchen - gleichgültig ob auf dem Gebiet der “Erinnerungskultur”, der Anpassung an politisch korrekte Sprachregelungen oder anderswo - glauben, mitspielen zu dürfen, haben schon verloren. Für jeden Gegner verachtenswert, werden sie höchstens Mittel zum Zweck, um einen Keil in die Reihen der Schmuddelkinder zu treiben und dem Anbiederer winkt kein Platz am Tisch der Mächtigen, sondern allenfalls deren Essensreste, wie es einem Angehörigen einer Köterrasse geziemt.

bb
28. März 2018 13:22

Wer Auschwitz instrumentalisiert, hätte damals mitgemordet. Da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher. Schade, daß die heuchlerische Erinnerungskultur eine wirkliche Aufarbeitung und Völkerverständigung für die Betroffenen, wenn nicht unmöglich gemacht, so doch sehr erschwert hat.

heinrichbrueck
28. März 2018 14:32

Die BRD ist eine antideutsche Republik. Jeder kann diskutieren, bis er schwarz wird!

Nach 1945 wurde ein anderes System installiert. Der 'homo americanus' schuf die fleischgewordene brd. Kulturvolk - Geldhaufen. Bildung - Political correctness. Naturvorgaben - Konstruktion. Ehe - Ehe für alle. Gott - Menschenrechtsphilosoph. Arbeit - Job. Liebe - Lebensabschnittspartner. Seele - Gender Studies. Heimat - Wirtschaftsstandort. Vaterland - EU. Regierung - Verwaltungseinheit der Weltregierung. Mensch - Geldsklave. Etc. Alles wurde einer Vergeldlichung unterworfen. Anstatt ein Kulturvolk zu repräsentieren, darf gegen Betrug und Verrat gekämpft werden.

Volk der Dichter und Denker - Demokratie - Autogenozid oder Mord? Mord! Und mit der NS-Zeit, in Auschwitz simplifiziert, soll von der NWO-Zeit abgelenkt werden. Weil diese die schlimmsten Verbrechen auf dem Kasten hat, dagegen der NS nur ein Baustein im Puzzle der Weltgeschichte darstellt. Ohne demokratische Uneinigkeit keine verlogene Vergangenheitsbewältigung! Aus der Perspektive einer Weltregierung... Wer regiert das Geld?

Wahrheitssucher
28. März 2018 14:54

@links ist wo der daumen rechts ist

Sie schreiben, daß das angesprochene Narrativ brüchig sei und wir demgemäß nicht mehr "in Sack und Asche" gingen.
Nun hat jeder seine eigene Wahrnehmung, aber mir scheint, daß Sie das Ganze weitaus zu "optimistisch/ positiv" sehen und daß das genaue Gegenteil zutreffend ist. Alles wird in diesem Zusammenhang im medialen Bereich, in der veröffentlichten Meinung wie auch im Straßenbild (Mahnmale, Gedenk- und Stolpersteine etc. ) eher immer noch "schlimmer". Beweise dafür sind so zahlreich, daß sie an dieser Stelle zu nennen nicht besonders klug und ratsam erscheint und zudem zuviel Platz, Zeit und Aufmerksamkeit der Leserschaft kosten würde.
Zweischneidige Exporterfolge der Wirtschaft und einige Sporterfolge sind da überhaupt kein Widerspruch, mögen eher eine kleine Ventilfuntion haben.
Was die Köpfe der Menschen betrifft, da mögen Sie vielleicht recht haben (es wäre zu hoffen), aber in die können wir nicht schauen.
Nach meinem Eindruck besteht da aber auch wenig Anlaß zur Hoffnung...

Scholasticulus Paracelsi
28. März 2018 19:27

Lichtmesz: "Schon an dieser Stelle sollte deutlich werden, daß der Begriff "Nationalmasochismus" in erster Linie als Metapher zu verstehen ist - wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, das zwar psychologisch und wohl auch psychopathologisch sehr ergiebig ist, das sich allerdings nicht in Psychologie erschöpft und schon gar nicht mit ihr beizukommen ist. Wir haben es hier vielmehr mit einer "großen Erzählung" mit religiösen und mythologischen Zügen zu tun..."
Doch, all diese Gefühle des Unwertseins finden in den Seelen statt und können - müssen vielleicht sogar - auch psychologisch bearbeitet werden. Dazu gib Gabriele Baring in ihrem Buch "Die Deutschen und ihre verletzte Identität" viele erhellende Hinweise. Die gedankliche Klärung löst die Bindung an den Nationalmasochismus noch nicht ausreichend, das seelische, emotionale Verstricktsein sitzt tief und äußert sich nicht nur nationalmasochistisch, sondern auch anti-nationaslasochistisch.

RMH
29. März 2018 08:30

Noch nicht einmal den Nationalmasochismus haben wir deutsche exklusiv, auch wenn er bei uns vermutlich mit am stärksten ausgeprägt ist (wie es sich für eine Nation mit "excellence" ja auch gehört).

Die Menschen weißer Hautfarbe scheinen unter einem Selbstverleugnungs- und Schuldmasochismus weltweit zu leben bzw. diesen zu zelebrieren (vgl. auch die damals hier bei SiN geführte Debatte über "Wakanda"). Das berühmte Feindbild, Mann, weiß, am besten noch über 45, findet man überall, wo einstmals genau dieser Typus tonangebend war - also faktisch weltweit.

Da das Osterwochenende begonnen hat als kleine Anregung zum Nachdenken:

Das Ideal des sich für die Menschheit durch die Menschheit kreuzigen lassenden Gottessohnes, welches ja gerade vom alten, weißen Europa fortentwickelt und entscheidend geprägt wurde, scheint mir auch ein kleiner, tragender Baustein des Nationalmasochismus zu sein ---- man macht sich "klein" (sehr gut zu erkennen in dem widerlichen Gepreiße der "kleinen Leuten" durch die katholischen Herzu-Jeus-Sozialisten) man vergeht, man gibt alles von sich, man löscht sich aus, damit die armen, unterdrückten Menschen von uns "erlöst" werden, fast wie beim Opfergang von Jesus Christus.

Das das Christentum lebensfeindliche Züge haben kann, ist ein alter Hut und wurde von Nietzsche (und auch vielen anderen großen Denkern) wiederholt dargelegt.

Gustav Grambauer
29. März 2018 13:19

RMH

Für mich liegt der Knackpunkt darin, daß das Christentum zunächst im Römischen Imperium und dann weit darüber hinaus aus Machtkalkül zur Staatsreligion gemacht geworden ist. Man lasse diese Rotzfrechheit einmal auf sich wirken. Dies ist ein Paradoxon (vgl. Joh. 18 / 36), welches mit all den sich zwingend-ergebenden und über 2.000 Jahre angestauten massenpsychologischen Verwerfungen, zu denen auch die hier in Rede stehende Sado-Maso-Konsequenz und die, wie Sie sagen, "lebensfeindlichen Züge" gehören, nach einem Sprengsatz zur Aufsprengung schreit, und nichts als die Aufsprengung dieses Paradoxons geschieht jetzt.

Große Farce ---> große Kompensationsnot ---> große Lügen ---> große Verwirrung (die von Ihnen angesprochenen Herz-Jesu-Sozialisten usw.) ---> große Verwerfungen ---> umso größerer Knall.

Klar wird es wieder Christenverfolgungen wie zu Zeiten der Katakomben geben, wobei aber jeder Christ die Wahl haben wird, diese Art von Fegefeuer im Innen oder im Außen zu erleben.

Man kann dies auch aus dem Blickwinkel des Imperiums sehen: es hatte das Christentum äußerlich vereinnahmen können, aber dennoch und gerade dadurch war es dessen Stachel geblieben. Es will sich schon sehr lange dieses Stachels entledigen, und dies versucht es, indem es das öffentliche Bild von diesem Stachel allmählich so pervertiert, daß sich möglichst viele davon angewidert abwenden, so daß diese Stachel möglichst kraftlos und die Auseinandersetzung damit möglichst unattraktiv und nicht mehr erfolgversprechend wird. Am Ende wird es sich des kleinen Häufleins der übriggebliebenen echten Christen entledigen wollen.

(Aber weder das Imperium noch die Masse werden den Stachel jemals loswerden ...)

All dies wiederum geht einher, wenn Sie Nietzsche anführen, unabhängig davon oder verbunden damit, mit der sowieso anstehenden Umwerthung aller Werthe, den das Pseudo-Christentum ist zwar die größte, aber nicht die einzige Farce der heutigen Zivilisation.

Man könnte sich noch wie bei Henne und Ei darüber streiten, ob die Kompensationsnot des Imperiums oder die Bequemlichkeit der Masse für die Perversion des Christentums ausschlaggebend sind, beides geht auch einher.

Perspektivisch hat es sicher nicht geschadet, daß das Christentum sozusagen als "Stachel" unter die Masse gebracht wurde.

Freue mich, daß Sie mir auch die Gelegenheit zu einer kleinen Osterbetrachtung geboten haben. Frohe Ostern allen!

- G. G.

links ist wo der daumen rechts ist
29. März 2018 20:42

@Wahrheitssucher

Ich sehe die Problemlage nicht ganz so ausweglos bzw. das Zerwürfnis eher produktiv.

Es gibt einerseits eine Gedenkkultur, die sich je erfolgreicher desto inhaltsleerer abspielt bzw. abspult.
Bezeichnend dafür sind Mahnmale und Rituale, vormals auch sog. „Kranzabwurfstellen“.

Daneben gibt es aber eine Erinnerungspolitik, die genau den o.a. Punkt thematisiert und alle, wirklich alle Endspiel-Debatten produktiv unterläuft, also ein Beton gewordenes Monument der Schuld ebenso wie jede Schlußstrich-Frömmigkeit.
Wer sich dabei in Ihrem Erinnerungspantheon tummelt, bleibt Ihnen allein überlassen.

In den Kulturwissenschaften sind diese beiden Pole durch das Verhältnis Monument (Verfestigung) und Lebenswelt (Verflüssigung) gekennzeichnet bzw. durch den Gegensatz kalte und heiße Kulturen.

Zwei Beispiele:

Ad Monument:
Allein die Geschichte des Holocaust-Mahnmals zeigt doch den „geltungsverbürgenden“ Primat der Erinnerungspolitik und den etwas selbstgefälligen Lehrlauf der Gedenkkultur.
Zum Ablauf: Erstmals 1988 in die Debatte geworfen, also noch in der Dekade des Moralisierens, in der Ära Kohl ab 1990 zuerst abgelehnt, dann nach einem „Interessensausgleich“ akzeptiert, 1999 unter rot-grün beschlossen. Im selben Jahr begann aber auch die Debatte um das „Zentrum gegen Vertreibungen“.
Details am Rande:
Neben Erika Steinbach war der vor Sarrazin bekannteste SPD-Dissident; Peter Glotz, der prominenteste Fürsprecher.
Ein Gegner von Steinbach, Micha Brumlik, hatte naturgemäß seine Vorbehalte, wollte aber die Thematik mit dem Palästinenser-Konflikt verknüpft sehen. Interessant, nicht?
Zugespitzt wurde die Gesamtsituation dadurch, dass rot-grün – wie vielleicht bekannt – Deutschland zum Einwanderungsland erklärte und das Ius sanguinis tlw. durch das Ius soli ersetzte; Nebeneffekt: die „abstammungsmäßige“ Schuld lässt sich in the long run argumentativ natürlich nicht mehr aufrechterhalten. War das der gewünschte Effekt?
Weiter: Nachdem der negative Gründungsmythos des wiedervereinigten Deutschland auch für das vereinte Europa gelten sollte, wurde spätestens mit dem Auftauen der osteuropäischen Erinnerungsarsenale die Frage virulent: Wie hältst du es mit dem Stalinismus?
Vorläufiger Zwischenstand ist diese Formel:
1. Die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus darf die Erinnerung an den Holocaust nicht relativieren.
2. Die Erinnerung an den Holocaust darf die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus nicht trivialisieren.
open end?

Ad Schlußstrich:
Als Rudolf Burger vor geraumer Zeit eine Schlußstrich-Debatte anstieß, war ich so dreist, seine Wortwahl genauer unter die Lupe zu nehmen und ihn damit ein bisschen zu drangsalieren. Konkret ging es um die Formulierung: Irgendwann einmal wird Auschwitz so weit entfernt sein wie die Punischen Kriege. Nonaned, wie der Wiener sagt. Interessant nur, dass „Karthago“ eben nicht so weit entfernt ist, sondern z.B. in der Goebbels-Propaganda ab Herbst 1944 eine bedeutende Rolle spielte oder Berlin nach Kriegsende mit Karthago verglichen wurde oder…
Im selben Text Burgers findet sich auch der alte Schmäh mit der sogenannten Kriegserklärung Hitlers an das „Weltjudentum“, weshalb alles Folgende Kriegshandlungen gewesen seien. Erfinder dieser Abwegigkeit war Burgers Landsmann Peter R. Hofstätter, der das Anfang der 60er prominent publizierte. Zufälligerweise befindet sich ein Teil des Hofstätter-Nachlasses in meinem Besitz, darunter auch seine Briefe aus dieser Zeit an seinen Vater, in denen es ausführlich um diese Angelegenheit geht. Als ich Henryk Broder in dieser Sache kontaktierte (er hatte in den 80ern zum „Fall Hofstätter“ publizert) hieß es nach zwei Monaten: Ich überleg’s mir. Gut, zwischenzeitlich hat er eh andere Interessensschwerpunkte.
Pantha rei.

Es geht mir nun nicht darum, dass ich es besser wüsste, sondern darum, dass es eben auf beiden Seiten des Vergangenheitsdiskurses keine Schlusspunkte geben kann

Und abschließend:
Es tut mir leid, aber die Vereinseitigung in Richtung „Nationalmasochismus“ kann bzw. will ich nicht nachvollziehen.
Ich halte es lieber mit einem bestimmten (deutschen) Hang zur Tragik.
Als Teil der Erinnerungspolitik finden sich daher in meinem Pantheon – neben vielen anderen – die Überlegungen Thomas Manns zu „Bruder Hitler“, Sebastian Haffners Aufsätze für den „Observer“ während der Kriegszeit, Hillgrubers „Zweierlei Untergang“ oder Syberbergs Filme und Bücher.
Oder – kürzer – die Frage, warum ich die Königsberger Jüdin Hannah Arendt für die bedeutendste deutsche Denkerin des 20. Jahrhunderts halte.

Wahrheitssucher
30. März 2018 20:03

@ links ist wo der daumen rechts ist

Dank für Ihre ausführliche und bemühte Antwort.
Obwohl ich es mir wirklich anders gewünscht hätte und ich danach gesucht habe, kann ich in Ihren Zeilen keine Widerlegung dessen erkennen, was so treffend mit dem Begriff "Nationalmasochismus" ausgedrückt ist.
Seine Wirkungsmächtigkeit erscheint mir ungebrochen, immer stärker werdend mit dem immer größer werdenden zeitlichen Abstand zu jener Zeit.
Sie zu brechen erforderte eine Neuschreibung der jüngeren deutschen Geschichte, die zu großen Teilen bereits erfolgt und hier bereits angesprochen worden ist, jedoch keine notwendige (= die Not wendende) Verbreitung erfährt.
Zu andern Teilen droht der Konflikt mit der Strafgesetzbarkeit.
Dennoch allen Frohe Ostern!

Patriotin
31. März 2018 14:52

@Der_Juergen

Staatliche Verbote gibt es indirekt – die nennen sich z. B. “Volksverhetzung”. Und das ist beinahe nach Gutdünken auslegbar.

Ein Volk kann demzufolge offenbar auch von der (zutreffenden) eigenen Geschichte "verhetzt" werden, nämlich indem er erfährt, was er besser gar nicht zu wissen brauchte... die Gefahr, dass er sich aus der ihm zugewiesenen Büßerrolle emanzipiert, wird offenbar als hoch eingeschätzt.

@Gustav Grambauer:

Vollzieht sich die Umstülpung von allein? Ich denke, es bedarf eines Anstoßers – oder mehrerer - und hinter diesen stehen Interessen. Ist dann dieser Anstoß wirksam erfolgt und entspricht er der Mode (dem politischen Trend), entwickelt er Sogkraft. Mir ist bis heute nicht anders (als dass ganz andere Interessen dahinter stehen) begreiflich, dass von Entscheidungsträgern in Dtl. trotz aller Warnungen aus versch. Richtungen (demnach wider besseren Wissens) toleriert wird, dass der Islam sich in Dtl. ungehindert entfalten kann, dass es verantwortet werden konnte und weiterhin wird, dass mit der Migrationsflut zahlreiche Terroristen und Mörder importiert werden, und dass unter diesen Umständen Merkel ein weiteres Mal Kanzlerin wurde. Wie glaubwürdig ist es, erst das Kind mit dem Bade auszuschütten, um es anschließend aus dieser Misere retten zu wollen? Haben wir keine anderen Probleme?
Wieviel Dummheit und Duldsamkeit gehört (leider) zum Deutschen, dass er das alles mit sich geschehen lässt? Und wieviel Unterwürfigkeit und Berechnung (eigener Vorteil)?
Leute wie Maas sind nicht anderes als kleine Untertanen. Den Untertan gab es nicht erst bei Heinrich Mann, das ist nichts Neues. Ich glaube aber nicht, dass Maas sich selbst als umgestülpt sieht – im Gegenteil – sein Selbstgefühl wird ähnlich sein wie das einst von Goeppels oder Hitler. Er hat eine gewisse Macht und nimmt diese wahr. Dass diesmal das eigene Volk geopfert wird, ist nur ein kleiner Unterschied (das gab’s auch schon bei Stalin und Mao).
Allerdings - und da gebe ich Ihnen völlig Recht: Es ist wohl so, dass ein drastischer Richtungswechsel, eine Umkehr zum Positiven, nicht aus der Wohlfühl- und Komfortzone (die den Deutschen klugerweise gelassen wird) heraus passieren wird, der Leidensdruck muss und wird noch größer werden, ehe etwas passiert, ehe sich die Umstülpung vom saugenden schwarze Loch wieder in strahlende, Leben spendende Energie zurückvollzieht.

links ist wo der daumen rechts ist
31. März 2018 16:23

@Wahrheitssucher

Ich schließe mich den Osterwünschen an.

Gerne antworte ich beizeiten ausführlicher, ins Tabernakel bin ich ja noch gar nicht vorgedrungen.
Die nächsten Tage bin ich voraussichtlich ohne Internet (auch diese abgeschiedenen Orte gibt es noch).

Als kleine Osterbotschaft einen Text von Klonovsky, Eintrag vom 28. März, beginnend mit:
Still! Hören Sie das Knirschen der Scharniere?
https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

Und damit es spannend bleibt auch noch einen "Cliffhanger":
Lichtmesz sprach im Artikel von den Quarantäne-Themen, dazu s.o. demnächst mehr, aber auf einen Autor möchte ich in dem Zusammenhang hinweisen und auch auf den - leider kaum bekannten - Autor dieses Nachrufs:
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/archiv/170754_Ernst-Topitsch-ist-tot.html

heinrichbrueck
1. April 2018 16:27

@ Patriotin
"Wieviel Dummheit und Duldsamkeit gehört (leider) zum Deutschen, dass er das alles mit sich geschehen lässt?"
Was soll er denn tun?
Untertan: http://www.wilhelm-der-zweite.de/essays/deruntertan.php
"Leidensdruck" ist auch so eine falsche Vokabel. Also in der Ecke kauern, leiden, dann passiert etwas?
Eigentlich sollten Patrioten ihr Volk lieben...

Gustav Grambauer
3. April 2018 05:55

Netanjahu: 1,84 cm
Maas: 1,57 cm

Aber er wird auf "Augenhöhe" geplatformt:

https://www.bild.de/politik/ausland/headlines/maas-iran-abkommen-55268566.bild.html

Hier muß Abbas vortreten, um auf dem Bild protokollgemäß kleiner als Netanjahu zu erscheinen, er ist also in Wahrheit größer als 1,84:

https://il.boell.org/en/2018/03/12/netanjahu-und-abbas-auf-ungewolltem-kollisionskurs

Aber hier ist Maas größer als Abbas:

https://www.deutschland.de/de/news/maas-zu-antrittsbesuch-in-israel

Ohne Kommentar.

- G. G.

Gustav Grambauer
3. April 2018 06:17

Nachtrag:

Bei 14:57:

https://www.youtube.com/watch?v=8_3f2PMZn9w

- G. G.

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