1. Oktober 2019

Wagenknecht, die »soziale Frage« und wir (7)

Benedikt Kaiser / 60 Kommentare

Diese in unregelmäßigen Abständen fortgesetzte Serie trägt den Namen Sahra Wagenknechts – aus Gründen – im Titel. Nun ist ihre Biographie erschienen.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der Autor Christian Schneider, ein Sozialpsychologe aus Frankfurt am Main, ist ohne Zweifel ein Sympathisant Wagenknechts, doch seine pünktlich zur Buchmesse vorgelegte Biographie (hier bestellen) ist, so viel kann vorweggenommen werden, mehr als eine unkritische Eloge; sie beinhaltet ein eindrückliches und überaus lesenswertes Porträt einer vielschichtigen, umstrittenen und – gesundheitlich wie politisch – angeschlagenen Ausnahmefigur.

Eine Biographie über eine politische Persönlichkeit von fünfzig Lebensjahren zu schreiben, ist im Normalfall begründungspflichtig. Nicht im Falle Wagenknechts. Ihr Leben, ihr Wirken, ihre Erscheinung – »rätselhaft« für viele Menschen, wie Schneider mit Recht anmerkt. Dabei ist Wagenknecht keine Charismatikerin und doch charismatisch.

Quer über alle Lager hinweg hat sie sich über die Jahrzehnte Sympathien verdient, und selbst in rechtsorientierten Kreisen heißt es bisweilen, Wagenknecht sei »anders« als die bundesdeutsche Mehrheitslinke und daher respektabel. Quer über alle Lager hinweg hat sie sich jedoch auch einen ansehnlichen Stamm an fundamentalen Gegnern und gar Feinden aufgebaut; sie kommen primär aus dem eigenen linken Milieu.

Diesen Umstand – die linke Ikone Wagenknecht als meistgehaßte Person innerhalb der Linken – habe ich ausführlich in meinem kaplaken-Band Blick nach links nachgezeichnet. Wichtig ist an dieser Stelle folgender Part:

In ihrem neusten Buch Reichtum ohne Gier hat Wagenknecht soziale Programmpunkte mit konservativen Argumenten verwoben. Leitsätze wie »Demokratie lebt nur in Räumen, die für Menschen überschaubar sind«, die Maxime »Nicht Bindungslosigkeit, sondern Bindung macht frei, weil nur sie Halt gewährt« oder ihr Standpunkt »Wer Gastrecht mißbraucht, hat Gastrecht verwirkt« atmen den Geist einer realistischen Linken, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Realitätssinn ist in der heutigen Linken aber gefährlich: Es klafft eine ansehnliche Kluft zwischen den antideutschen Befindlichkeiten vieler Parteiaktivisten und der Wahrnehmung der deutschen Wähler, die Wagenknecht als authentische und aufrichtig um Bürger-, nicht um Konzernwohl bemühte Linke akzeptieren. Nur deshalb ist Wagenknecht geduldet. Wie lange man das zum Wohle der Wahlergebnisse durchhält, wird sich zeigen.

Einige Monate später ist Wagenknecht innerhalb der Linkspartei weitgehend Geschichte. Ihr Projekt »Aufstehen« ist am Ende, aus der Spitze der Bundestagsfraktion zieht sie sich zurück, und die Kipping-Riexinger-Clique führt die Linke 2019 dorthin, wo sie ohne Wagenknechtsche Positionen verdientermaßen hingehört: in den Bereich um bundesweit 5 bis 8 Prozent, weil man Wagenknecht demontierte, weil der Nimbus der Ostpartei verloren ging. 

Ist eine Beschäftigung mit Wagenknecht daher nur etwas für hartgesottene Anhänger, Politikwissenschaftler oder Historiker? Mitnichten. Zum einen ist der Prozeß des Politischen kontingent, ergebnisoffen, und es ist möglich, daß eine genesene Wagenknecht eines Tages zurück auf die wirkmächtige politische Bühne gelangt; dann ist es nützlich, die Person besser einschätzen und »lesen« zu können. Zum anderen werden anhand der Person Wagenknecht interessante Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte verständlicher und plastischer.

Wagenknechts Lebensweg, und das zeigt Schneider eindrücklich auf, ist ein stetes Ringen, Verschnaufpausen kennt sie – zum Leid ihrer Gesundheit – kaum. 1969 in Jena geboren, muß sie mit zweieinhalb Jahren den Weggang ihres persischen Vaters verkraften; Mutter und Großmutter (bei Geburt Sahras erst 39) versuchen, das entstandene Vakuum zu füllen. Das gelingt nicht immer, und sicherlich ist der Verlust der väterlichen Bezugsperson eine Konstante, die Wagenknechts Bewußtsein bis heute begleitet. Als Kind verkleidet sie sich »orientalisch«, schreibt unbeantwortete Briefe an ihn, versucht sich an persisch anmutender Handschrift.

Hinzu kommt, daß sie als fremd anmutendes Kind in der DDR durchaus auffällt; sie ist einfach »anders« und wird häufig angefeindet (»Chinesin!«) oder zumindest abschätzig beäugt. Dies führt unter anderem auch dazu, daß sich Wagenknecht bereits als Kind ein eigenes Reich der Bücher gestaltet; für Schneider sind die zahllosen Lektürestunden als Kind der »Zugang zu der unerschöpflichen Lustquelle ihres Lebens«. Man kann auch autistische Züge konstatieren, die damit verbunden sind, und in unterschiedlichsten Lebensphasen wird Wagenknecht die heilsame Flucht in das Buchstabenreich antreten, um sich vor realexistierenden Nöten zu schützen – die Lust an der Theorie und dem Gedruckten ist sicherlich von Kindesbeinen an implementiert.

Damit verbunden ist ein früh erschlossener Literaturkanon, der stark mit Goethe verknüpft ist – auch diese Liaison hält bis heute an. Schneider, der ein ganzheitliches Porträt vorzulegen gedenkt, verzichtet dann auch nicht auf eine Anekdote, nach der die adoleszente Sahra einen Jungen vor dem Tanz herausfordert: »Wenn du mir ein Gedicht von Goethe rezitieren kannst, dann ja.«

Uneinig ist sich die Forschung über Wagenknechts materielle Realität in den ersten Lebensjahren. Während manchmal geunkt wurde, sie habe die Nöte und Sorgen der normalen Leute Tag für Tag erlebt, wird eine frühere Schulfreundin zitiert, die – trotz großer Sympathie für Sahra – betont, daß Wagenknecht als junge Neu-Berlinerin und unter Obhut ihrer Großmutter, die als Konsum-Leiterin über privilegierten Zugang zu Lebensmitteln und Waren verfügte, die eigentliche Realität gar nicht kannte; sie habe sehr gut gelebt und damit eine andere Wahrnehmung von der DDR bekommen als jene Menschen, die in der »Provinz« – und das war in der DDR alles außerhalb von Ostberlin – aufwuchsen.

Wagenknecht konnte sich daher gewisse Luxusmomente einer Großstädterin leisten: beispielsweise mit 13 in der Punkerszene Eindrücke sammeln. Pubertäre Fluchtpunkte überwand sie jedoch alsbald, und hier spielte Goethe wieder eine Rolle – sie übernahm mit jungen Jahren bereits die Leitung der Berliner Ortsgruppe der Goethe-Gesellschaft. Neben Goethe sind es, nun allmählich erwachsen, Marx und Engels, die von Wagenknecht verschlungen werden; zum 18. Geburtstag erhält sie von ihrer Mutter die 42bändige Marx-Engels-Werkausgabe (MEW).

Die Vielleserin bastelt sich in diesen Jahren den sie prägenden Grundstock der Literatur. Neben Goethe, Marx und Engels stürzt sie sich auch auf Hölderlin, Schelling und Hegel. In ihr wächst der Gedanke heran: Das richtige Denken muß zur Tat leiten, die Bücher müssen lebendig sein; eine gewissermaßen sehr »deutsche« Synthese.

Zugleich wird aber auch deutlich, daß Wagenknechts Faible für das Theoretische und Buchstabenbasierte zu einer gewissen dogmatischen Orientierung an ewiggültigen Weisheiten und einer damit verbundenen Realitätsverleugnung führt. Während die DDR untergeht und das Gros ihrer Mitglieder das Mutterschiff der Regierungspartei SED verlassen, begehrt sie um Einlaß und wird in die Turbulenzen erleidende Partei aufgenommen – zweifelsohne das Ergebnis einer »Mischung von Trotz und Radikalität« (Schneider).

Schneiders Passagen über jene »Wendejahre« zählen zu den stärksten des Buches. Während Hunderttausende Ostdeutsche 1989/90 in den Westen reisen, konsumieren und sich an neuentdeckten Freiheiten berauschen, agitiert Wagenknecht innerhalb der neu benannten PDS auf dem linken Flügel gegen den nahenden Verrat an den Fibeln der Wahrheit, also den klassischen Werken des Marxismus-Leninismus. Ihr Buchstabenglaube verbietet es ihr zu diesem Zeitpunkt noch, sich verändernde Realitäten in ihre Analysen einzubeziehen – was ihren Biographen zur heute dominierenden Problematik ausführen läßt, wonach überall dort, wo »sakrosankte Gewissheit« herrsche, »der Bewegungsraum der Reflexion verloren« gehe.

Ihr Kampf gegen eine »reformistische« und »opportunistische« Wendung der SED-PDS ist so aussichtslos wie stilbildend. Ein Plädoyer Wagenknechts, das damals gegen die Führung ihrer Linkspartei gerichtet war, erhält heutzutage, unter fundamental veränderten Ausgangspunkten, eine neue Gültigkeit:

Der Ausweg aus einer Sackgasse läßt sich gemeinhin nicht dadurch finden, daß man den Lauf in die ausweglose Richtung mit beschleunigtem Tempo fortsetzt.

Doch die ehemalige SED als temporäre PDS und spätere Linkspartei wollte damals wie heute nicht auf Wagenknecht hören; Sturheit und Starrsinn zählen zur DNA der deutschen Linken. Auch aus diesem Grund wendet sich Wagenknecht an den Dichter und Schriftsteller Peter Hacks (1928–2003), um geistiges Manna zu beziehen oder zumindest um Antworten zur desolaten Lage zu erhalten. Hacks und Wagenknecht verbindet primär die gemeinsame Liebe zu Goethe, zur Weimarer Ästhetik und zur Doktrin des Sozialismus – man wird sich geistig rasch nahe stehen.

Nach einem Briefwechsel und persönlichen Treffen wird Hacks, so Schneider, zum »Mentor«, ja geradewegs zur »Lichtgestalt« und zum »Leitbild« Wagenknechts. Von Hacks übernimmt Wagenknecht bereits in ihrer doktrinären marxistischen Phase der 1990er Jahre die Einsicht, daß ein sozialistisches Modell unmöglich realisierbar ist, wenn die Produktionsmittel ausschließlich in staatlicher Hand konzentriert sind; die Praxis beweise, daß Kleinbetriebe in privater Hand effektiver und produktiver wirksam sind. Hacks bezeichnete diese für einen Kommunisten durchaus fortschrittlichen Position als »unreinen Sozialismus«, und beide, Hacks wie Wagenknecht, waren sich einig, daß dies keineswegs pejorativ zu verstehen sei, sondern die Funktionsfähigkeit sozialistischer Ökonomie erst ermögliche.

Aber Hacks und Wagenknecht suchten nach der »Konterrevolution« von 1989/90 (Hacks dixit) keinen Ausweg in den Schriften nichtmarxistischer Sozialisten – von Ota Šik bis Marcel Mauss –, sondern, ihrem habituellen und ideologischen Maß von einst entsprechend, in der Prä-Honecker-Zeit, als Walter Ulbricht sich an Reformen in Richtung eines »Neuen Ökonomischen Systems« versuchte; ein Systemkonzept, das allerdings an Sowjeteinsprüchen noch vor etwaigen Realisierungsversuchen scheiterte.

Frappierend ist an dieser Stelle, daß die damaligen Motive Hacks und Wagenknechts für eine Erneuerung des Sozialismus – Leistungsprinzip stärker berücksichtigen, der Intelligenz höheren Rang zuweisen, Fokussierung auf Zukunftsindustrien und neue (private) Eigentumsformen jenseits der real existierenden Mißwirtschaft, Dezentralisierung – heute wieder aktuell bei Wagenknecht zu finden sind. Freilich: Seit einigen Jahren vertritt sie ebenjene Positionen im Rahmen eines »kreativen Sozialismus« nicht mehr mit Verweis auf Ulbrichts gescheitertes Reformstreben Anfang der 1960er Jahre, sondern, als Ergebnis jahrelanger Denkprozesse, im Anschluß an soziale Züge ordoliberaler Instanzen wie Walter Eucken oder Alexander Rüstow. Und doch sind diese Kontinuitäten für den Leser interessant und regen zum eigenständigen Weiterlesen an.

Das enge geistige Verhältnis von Hacks und Wagenknecht darf indessen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Beziehung durchaus hierarchisch war. Wagenknecht bewunderte ihren Meister, aber dieser verhielt sich nicht ausnahmslos anerkennend, was der Biograph Schneider jedoch zu wenig einfließen läßt. In Hacks' gesammelten politischen Texten, die als Marxistische Hinsichten von den Nachlaßverwaltern veröffentlicht wurden, äußerte sich dieser etwa im Jahr 2000 über ein Buch Wagenknechts (Kapital, Crash, Krise) und befand, daß er »Lenins Sklavensprache« dann doch noch »griffiger« finde als »Wagenknechts Sklavensprache«.

Ansonsten taucht Wagenknecht in den 600 Seiten Hacks nur an zwei weiteren entlegenen Stellen kurz auf. Einmal verteidigt er sie gegen ihr direktes Umfeld in Form ihres durchaus zwielichtigen Ehemanns Ralph Niemeyers und der Akteurin der PDS-immanenten Kommunistischen Plattform (KPF) Ellen Brombacher; ein weiteres Mal wird Wagenknecht am Rande einiger Überlegungen zum Verhältnis von Kapital und Arbeit namentlich genannt. Ansonsten schweigt sich Hacks in seinen politischen Texten zu ihr aus.

Aber auch wenn Schneider diese Beziehung in einem für Wagenknecht deutlich günstigeren Licht erscheinen läßt, so ist doch unstrittig, daß Hacks ihr Kontakt zum Hegelianer und DKP-Idol Hans Heinz Holz vermittelte. Der Bloch-Schüler ermöglichte ihr im niederländischen Groningen ihre Magisterarbeit abzuschließen, was im Deutschland nach 1990 für sie nicht möglich gewesen ist. Ohnehin fremdelte sie mit der um die neuen Bundesländer erweiterte BRD; in Frankfurt am Main oder Hamburg könnte sie nicht leben, schrieb sie noch 1995 – also einige Jahre bevor sie dann ausgerechnet im tiefsten Saarland eine neue Heimat fand.

Den Weg dorthin schildert Schneider kenntnisreich; die merkwürdig anmutende Ehe mit dem strafrechtlich in Erscheinung getretenen Ralph Niemeyer wird ebenso dem Leser verständlich gemacht wie ihre neue Liebe in Person der sozialdemokratischen Reizfigur Oskar Lafontaine, die 2011 offiziell wurde und innerhalb wie außerhalb der Linkspartei, die nach dem Zusammenschluß von gewerkschaftsdominierter WASG und Linkspartei.PDS entstand, für großes Interesse sorgte.

Hervorhebenswerter als diese Abschnitte sind, speziell für den von »rechts« kommenden Leser, die Auseinandersetzung mit Wagenknechts ideenpolitischem Werdegang. Man muß regelrecht von einer Diskurspiraterie von links sprechen, die sie in den letzten Jahren unternahm, um ihre sozialistischen Klassiker mit der modernen Volkswirtschaftslehre und gewissen Strömungen des Ordoliberalismus zu versöhnen. Eigeninitiative, Erfindergeist, Risikoübernahme, neue Eigentumsformen, Gemeinschaftsdenken, Schaffung von Bindungen und Vertrauensräumen, Schutz vor neofeudalen Entwicklungen des Finanzmarktkapitalismus – das sind einige der neuen Eckpfeiler der kreativen Sozialistin, die Stalin und Ulbricht seit 20 Jahren hinter sich gelassen hat.

Davon unbenommen bleibt, wie ich in Blick nach links versuchte klarzustellen, der blinde Fleck – auch Wagenknechts – das Volk. Sie spricht von sozialem und politischem Frieden, von Vertrauensräumen, von solidarischen Beziehungen der Bürger zueinander, von Heimatbezügen und entortetem Kapitalismus – aber wie will sie diese Felder wirkmächtig verknüpfen ohne ein positives Verhältnis zu tradierten Strukturen (Familie, Religion, Volk, Nation usf.) mitzubringen? Wirtschaftlich hat Wagenknecht also ihr Portfolio erweitert und auf kluge Art und Weise sozialistische mit ordoliberalen Standpunkten auf der Höhe der Zeit synthetisiert, aber just in bezug auf Volk und Staat hat diese Weiterentwicklung nicht stattgefunden. Ein solcher Weg müßte sie sonst zweifellos in die Sphären eines »Solidarischen Patriotismus« führen, was ein unvorstellbarer Bruch in ihrer Vita wäre.

In diesem Kontext muß gleichwohl Wagenknechts Promotion an der TU Chemnitz erwähnt werden. Ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften samt Doktorarbeit über The Limits of Choice. Saving Decisions and Basic Needs in Developed Countries resultierte ja explizit aus der von ihr erkannten Notwendigkeit heraus, geistig »voranzukommen« und neue Wege des (politischen und ökonomischen) Denkens zu erschließen.

Marxismus – das ist für die einstige »Neo-Stalinistin« Wagenknecht längst keine Handlungsanweisung oder eine absolute Wahrheit mehr, sondern lediglich ein »Analysemittel«, ja ein »Instrumentarium« für gesellschaftskritische Überlegungen. Wenn Wagenknechts Linkspartei-Genossin Sevim Dagdelen also recht hat, daß es mittlerweile keine andere Person gebe, die »dermaßen am argumentativen Wettstreit interessiert sei« wie Wagenknecht, dann stünde einer Einladung nach Schnellroda zu einem Vortrag samt ergebnisoffenem Streitgespräch nichts mehr im Wege. Alleine, so weit reicht die kolportierte Diskursorientierung dann wohl doch nicht, und der erwähnte blinde Fleck – er bleibt hartnäckig bestehen.

Dessen ungeachtet ist der Weg hervorhebenswert, den die Publizistin und Wissenschaftlerin Wagenknecht in der Politik seit nun 30 Jahren zurücklegt. Europäisches Parlament, Bundestag, Talkshows, Buchlesungen – es gibt viele Orte, die mit Wagenknechts Vita untrennbar verbunden sind, und Schneider stellt Verbindungslinien her, wo es nötig ist, und trennt einzelne Lebensabschnitte dort, wo es für das biographische Verständnis jener Intellektuellen, die so allgemeinverständlich und volksnah argumentiert, hilfreich erscheint.

Auch ihre Bücher – allen voran Freiheit statt Kapitalismus, Reichtum ohne Gier und Couragiert gegen den Strom – werden samt Entstehungsphase untersucht. Deutlich wird, daß die Denkerin Wagenknecht eben keine realpolitische »Rudelführerin« ist – und eben dies ist einer der entscheidenden Faktoren dafür, daß sie es in der Linkspartei seit 1990 nicht versteht, strukturelle bzw. organisatorische Mehrheiten für ihre Ideen zu schaffen.

Intrigen, Aggressivitäten und Ränkeschmiedereien überläßt sie seit jeher den Kippings, Riexingers und Konsorten. Es ist dies ein Umstand, der für Wagenknechts politisches Standing in der Linkspartei erwiesenermaßen schlecht ist, für die politische Rechte aber gar nicht hoch genug zu bewerten ist, weil somit ein wirkungsvoller Linkspopulismus in Deutschland – vergleichbar der Linksfront in Frankreich oder Podemos in Spanien – unmöglich wurde und die AfD entsprechende Felder insbesondere im Osten effektiv besetzen konnte.

Wird Wagenknecht nach dem gescheiterten Aufstehen ihrer Gesinnungsgenossen noch einmal in die große Politik und den Meinungsstreit der notorisch zerrütteten Linkspartei zurückkehren? Man darf skeptisch sein, wenn man im »Proust-Fragebogen« die Antwort auf die Frage liest, was sie sein möchte:

Eine Schriftstellerin, deren Bücher gesellschaftliche Debatten auslösen.

Bücher, man merkt es in jeder Zeile der Biographie, sind Wagenknechts Lebenselixier. Die Politik ist momentan ihr Beruf, aber nicht ihre Berufung; nur die stete Lektüre hat dafür gesorgt, daß sie unverwechselbar, aber nicht unveränderlich wurde. Den Leser bei dem Nachvollzug dieses Lebensprozesses mitzunehmen ist das Verdienst des Biographen Christian Schneider, die Spannung des Buches verdankt man jedoch einzig und allein der Porträtierten selbst. Man sollte es wirklich lesen.



+ Die Biographie Sahra Wagenknechts aus der Feder von Christian Schneider kann man hier bestellen. 

+ Die Reihe Wagenknecht, die »soziale Frage« und wir begann Benedikt Kaiser anläßlich der Ankündigung des Projekts »Aufstehen« durch Wagenknecht und Bernd Stegemann im Juni 2018; es empfiehlt sich, die Beiträge chronologisch zu lesen: 1, 2, 3, 4, 5 und 6.

+ Den kaplaken-Band Blick nach links, in dem Kaiser linke Theoriebausteine, Zerwürfnisse, Strategien und Praxisversuche analysiert und aufspießt, kann man hier bestellen. Der Band beinhaltet zudem die einzige vorliegende neurechte Standortbestimmung im Verhältnis zu Sahra Wagenknecht. 

+ Alle gegenwärtig lieferbaren Titel Wagenknechts zur eigenen kritischen Auseinandersetzung sind bei antaios.de verfügbar


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (60)

Franz Bettinger
1. Oktober 2019 19:00

Sehr schön, dass die Aversionen - die Sarah Wagenknecht, als ich die Frau vor zwei Jahren auf SiN positiv erwähnte - versickern. Diese Frau verdient unsere Aufmerksamkeit. Ja, sie hat ihre unpolierten Seiten, ihre Defizite - ich übrigens auch - aber diese sind möglicherweise der Taktik oder eines puren Überlebens-Instinktes geschuldet, also verzeihlich. Ihre Union mit dem gleichermaßen von mir verehrten Oskar Lafontaine, fand ich märchenhaft. Was für ein Schlag ins Gesiicht ihrer innerparteilichen Neider! Schade, dass die zwei nicht wirklich zu uns gehören. Ihre Reserviertheit mag Vorurteilen (vor Rechten) und Unkenntnis geschuldet sein, denn an Intellekt mangelt es dort nicht. Schade, schon aus optischen Gründen, sie nicht bei mir am Lagerfeuer sitzen zu haben.

Nemesis
1. Oktober 2019 19:37

1. Sahra Wagenknecht liest hier wohl mit.
2. "nach der die adoleszente Sahra einen Jungen vor dem Tanz herausfordert: »Wenn du mir ein Gedicht von Goethe rezitieren kannst, dann ja.«

Das ist...brutal!
Aber so ist es halt: die Frauen wählen.
Andererseits kann daraus wohl gefolgert werden, daß auch Lafontaine Goethe kennen muß...
:)

Danke für den Lesehinweis.

Eine Frau, die sich das eigenständige Denken nicht nehmen läßt.
Und ihren Preis dafür zu zahlen hat.

RMH
1. Oktober 2019 20:38

Interessante Buchbesprechung.

Ohne hier irgendetwas schmälern oder gar Frau Wagenknecht irgendwie angehen zu wollen, sei doch einmal ein Vergleich im Rahmen des Ist-Zustandes unseres Landes angebracht, was Linke in jungen Jahren alles für Hardliner-Ideologisches niederschwurbeln konnten und dennoch heute gern gesehener und gebuchter Talk-Show Gast sein können und wie fast schon jeder Hotelbeleg von AfD-Politikern umgedreht wird, nur um sie irgendwie für irgendwas aus ihren jungen Jahren im hier und jetzt als Staatsfeind und "Nazi" dastehen zu lassen und sie politisch zu bekämpfen und kalt zu stellen. Konkret genügte es bei Herrn Kalbitz, bspw. einmal im falschen Hotel abgestiegen zu sein und Frau Wagenknecht konnte in ihren jungen Jahren typisch links-gestelzte und den Stalinismus verharmlosende Sätze wie den Folgenden veröffentlichen, ohne dass das heute noch irgendeinen Belang hätte:

"Nicht der "Stalinismus" - der Opportunismus erweist sich als tödlich für die gewesene sozialistische Gesellschaftsordnung; nicht die marxistisch-leninistische Traditionslinie scheiterte, sondern wiederum und zum unzähligen Male die des alten Trade-Unionismus, die Bernsteins und Kautskys, die der reformistischen Sozialdemokratie."

Quelle:
http://www.glasnost.de/pol/wagen.html
(Durchaus Lesenswert - erinnert mich von der Argumentationsfolge entfernt ein bisschen an Tocquevilles Argumentation in "L’Ancien Régime et la Revolution")

Was ich damit sagen möchte ist, dass es "uns" und Herrn Kaiser ehrt, dass "wir" sehr fair mit Frau Wagenknecht umgehen und nicht das "findet irgendwas Belastendes und denunziert"- Spiel der Herrschenden, der Linken (zu denen auch Frau Wagenknecht zählt) und der MSM spielen. Wir sind eben Gentlemen. Würde man doch auch einmal auf der Gegenseite so fair sein.

PS: Eigentlich ist Frau Wagenknecht eine hoch gebildete Populistin und den populistischen Turn hat sie meiner Meinung nach eindeutig von einem der Erzväter des westdeutschen Populismus übernommen, nämlich von ihrem derzeitigen Mann, Oskar Lafontaine.

Der_Juergen
1. Oktober 2019 20:38

Obwohl Sahra Wagenknecht innerhalb der Linken sicherlich eine Ausnahmegestalt ist und es viel Positives über sie zu sagen gibt, frage ich mich, ob diese Frau nicht von vielen Rechten, darunter auch Benedikt Kaiser, überschätzt wird. Ihr Dilemma liegt auf der Hand. Sie wirft zwar allerlei altlinken Ballast über Bord - etwa die Forderung nach restloser Verstaatlichung der Wirtschaft - und lässt in der Kernfrage schlechthin, der Einwanderungsfrage, ein Ausmass an Vernunft erkennen, das praktisch allen anderen Linken abgeht, kann aber dennoch nicht über ihren Schatten springen.

Will sie das deutsche Volk, dessen Kultur sie so gut kennt und aufrichtig schätzt, vor dem Tod durch Auflösung in einem multikulturellen Völkerbrei bewahren - einem Tod, dem ein langer, qualvoller Todeskampf als unerbittlich schrumpfende und von afro-islamischen Invasoren an die Wand gedrückte Minderheit vorausgeht? Hier gibt es kein "Ja-aber", sondern nur ein Ja oder ein Nein. Beantwortet Frau Wagenknecht die Frage mit Ja, muss sie, um glaubhaft zu bleiben, alle Konsequenzen daraus ziehen und u. a. die Abschaffung des Asylrechts, die Schliessung der Grenzen und die Repatriierung von Millionen fordern. Ansonsten ist ihr Bekenntnis zur Erhaltung des deutschen Volkes eine leere Phrase.

Nicht über ihren Schatten springen kann sie auch insofern, als sie niemals eine freie Diskussion über die jüngere deutsche Vergangenheit verlangt hat, die naturgemäss die Abschaffung des "Volksverhetzungsparagraphen" voraussetzt. Dass ihr nach Höckes Dresdener Rede nichts Gescheiteres einfiel, als juristische Schritte gegen ihn zu fordern (ob sie selbst Strafanzeige eingereicht hat, weiss ich nicht mehr), beweist, dass sie das Bleigewicht der Umerziehung und Gehirnwäsche nicht abschütteln kann. Aber sie ist ja erst fünfzig und kann noch umlernen. Hoffen wir, dass ihr dies gelingen wird.

Kaiza
1. Oktober 2019 21:02

Interessant und abstoßend zu gleich.

Sara Wagenknecht hat nie etwas gearbeitet. Sie gehört zu den typischen Profiteuren.
Sie setzt alles daran die Welt so zu erhalten und zu formen, damit sie ihre Privilegien behalten kann. Andere mögen das anders sehen, für mich ist sie ein Schwätzer.

Statt dieser Anbiederei hätte ich mir konkrete Aussagen und Vorschläge gewünscht. Dann dürfte jedem klar sein, wie seicht die Ideen von Wagenknecht sind. Da ist nichts neu. Typisches Rote-Socken-Gewäsch aus der Konserve in Kombination mit unausgegorenen Phantastereien die den Menschen außer Betracht lassen. Neue Eigentumsformen: das hätte mich interessiert. Was hat die Dame da zu sagen, das wäre interessant gewesen Herr Kaiser. Bevor Wagenknechts Ideen umgesetzt werden können, braucht es wohl den neuen Menschen.

Und diese trivialen Aussagen: wer das Gastrecht missbraucht hat das Gastrecht verwirkt... ui ui ui ui Wagenknecht würde gut in die Werteunion passen.

Herr Kaiser, wann machen Sie eine Serie über Horst Seehofer? Der bayerische Wagenknecht.

Imagine
1. Oktober 2019 21:39

Offensichtlich ist der Wagenknecht-Biograph ein Fan von ihr. W. ist sicherlich eine routinierte und gewiefte Parteipolitikerin.

Die SED-Nachfolgeparteifungierte jedoch von Anfang an im Wesentlichen als ein Versorgungsunternehmen für deren BerufspolitikerInnen und FunktionärInnen, auch wenn im Osten durchaus gute "Sozialarbeit" geleistet wurde.

Mir fällt nichts ein, was in der BRD ohne die PDS und spätere Linkspartei politisch anders gelaufen wäre. Denn ernsthafte Oppositionspolitik hat sie nie betrieben.

Auch Wagenknecht ist nicht die Denkerin, als die sie dargestellt wird. Wirkliche Denker zeichnen sich dadurch, dass sie kreativ sind und neue Erkenntnisse und Ideen einbringen. Bei Wagenknecht sehe ich nichts dergleichen. Im Gegenteil, auch Wagenknecht war dafür mitverantwortlich, dass sich die die WASG als echte anti-neoliberale Oppositions- und Fortschrittspartei nicht entwickeln konnte.

Benedikt Kaiser ist eine Ausnahmeerscheinung im rechten Spektrum. Er ist einer der wenigen Rechten, welcher begriffen hat, dass die „soziale Frage“ nach wie vor die entscheidende Gegenwarts- und Zukunftsfrage ist. Und dass es sich um die Systemfrage handelt.

Gesellschaftliche Veränderungen sind nur möglich, wenn sich eine veränderte Machtkonstellation durch neue und wirkkräftige gesellschaftliche Kräfte entwickelt, von Kräften, die sich quer zu den gegenwärtigen politischen Lagern bilden und eine Systemtransformation zum Ziel haben.

Kaisers Engagement geht in diese Richtung. Insofern gehört er zu einer Minorität im Spektrum der deutschen Rechten. Denn nach meiner Erfahrung besteht der Mainstream der Rechten aus Parteigängern von Marktwirtschaft und Kapitalismus mit anti-egalitären, anti-sozialistischen sowie rückwärtsgewandten Einstellungen, welche die wissenschaftliche Gesellschaftskritik ignorieren.

Der typische Rechte befasst sich nicht mit den Theorien von kapitalismuskritischen Intellektuellen, sondern verbleibt selbstreferentiell im seinem rechten Milieu. Er glaubt, dass die Linken und Grünen die heutige Politik bestimmen, begreift aber nicht, dass die links-grünen Ideologen lediglich die Rolle von PR-Agenten und Söldnern der herrschenden Klasse innehaben und die realen Macht-, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse vernebeln. Er glaubt, dass Merkel eine „linke“ Politik , betreibe.

Insofern versteht er nicht, wie der Kapitalismus funktioniert und warum dieser Krisen, Imperialismus, Kriege und Faschismen aufgrund seiner Systemlogik zwangsläufig hervorbringt und wie die arbeitenden Menschen – zu denen der typische Rechte auch selbst gehört – in diesem System versklavt und übervorteilt werden.

Der Kapitalismus funktioniert wie eine Krebserkrankung, er muss ständig wachsen. Stillstand bedeutet seinen Untergang, weil dies zur Entwertung des investierten Kapitals und folglich zu einer de facto-Enteignung der Kapitalisten führen würde.

Die soziale Frage ist immer mit der nationalen Frage verbunden. Zum einen, weil Nationen sich in Form von Nationalstaaten organisieren. Der Sozialstaat setzt den Nationalstaat voraus, es gibt keinen Weltstaat und daher auch keinen Weltsozialstaat.
Zum anderen, weil die Kapitalisten als reale Personen immer zugleich Staatsbürger und damit dem staatlichen Recht unterworfen sind. Solange die Vermögenden ihr Kapital höchst profitabel in und außerhalb ihres Nationalstaates – durch Welthandel, Ausbeutung der Dritten Welt, durch Raub-Kriege etc. – verwerten konnten und auf die loyale Kooperation der nationalen Arbeiterklasse angewiesen waren, solange war die herrschende Klasse bereit, in ihrem Nationalstaat Klassenkompromisse schließen, um die Systemloyalität der arbeitenden Bevölkerung und den sozialen Frieden zu erhalten.

Diese korporativistische aka „sozialpartnerische“ Konstellation wurde als „nationaler Sozialismus“ (Friedrich Naumann), als „demokratischer Sozialismus“ (SPD), als „soziale Marktwirtschaft“ (Alfred Müller-Armack et al.) bezeichnet. Allgemein ist von „Sozialliberalismus“ die Rede.

Das Zeitalter des Sozialliberalismus, welches eine Herrschaftsform auf Basis eines Kompromisses zwischen Liberalismus und Sozialismus darstellt, ist zu Ende und wird nie wiederkommen. So die Analyse der kritischen wissenschaftlichen Intelligenz.

Der Neoliberalismus ist wie der Faschismus eine „Konterrevolution“, im Gegensatz zum Faschismus handelt es sich jedoch um eine schleichende Form der Systemveränderung mittels „Salami-Taktik“ durch die herrschende Klasse.

Der nationale Sozialismus der Nazis war Schwindel und Betrug, trotz seiner sozialistischen Verpackung war er nichts weiter als eine terroristische Form der Aufrechterhaltung der Eigentumsordnung, der plutokratischen Klassenherrschaft sowie der kapitalistischen Ausbeutung.

Der Neoliberalismus beseitigt die historischen Errungenschaften der Arbeiterbewegung und verarmt die arbeitende Bevölkerung.

Da man bekanntlich einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen kann, richtet sich die neoliberale Betrugs- und Raubökonomie nunmehr verstärkt gegen die Mittelschichten. Diese werden zunehmend enteignet und verarmt.

Sie dürfen sich damit trösten, dass sie etwas Gutes für die Ökologie und gegen den imaginierten Klimatod tun. Das ist der Zweck jener links-grünen Bewusstseinsmanipulation, die mit dem „Blueprint for Survival“ 1972 einsetzte und ganz wesentlich von der Eliten-Organisation „Club of Rome“ propagiert wurde. Die gleichen Kräfte finanzieren, organisieren und propagieren heute die Klimareligion.

Der Mainstream-Rechte versteht diese gesellschaftliche Zusammenhänge und insbesondere den „Klassenkampf von oben“ nicht. Daher übt er auch keine grundlegende Systemkritik an Marktwirtschaft und Kapitalismus.

Deshalb kann er auch nicht die globale systemkritische 68-er-Bewegung als ein letztes Aufbäumen eines emanzipatorischen Bürgertums, welches Freiheit statt Kapitalismus wollte, verstehen.

Im Gegenteil, der Mainstream-Rechte hält die Linken für die Ursache allen Übels und insbesondere die 68-er als Auslöser des gesellschaftlichen Niederganges.

Wenn Benedikt Kaiser „Wagenknecht, die »soziale Frage« und wir“ thematisiert, dann stellt sich insbesondere die Frage, wer mit „WIR“ gemeint ist?

Das sog. „rechte Lager“ kann eigentlich damit nicht gemeint sein, auch nicht die neu-rechten Identitären, denn Kaisers Position ist im rechten Spektrum eher eine Außenseiter- denn eine Mehrheitsposition.

Wer ist „wir“?

Gracchus
1. Oktober 2019 23:44

Es ist wie @Franz Bettinger sagt. Dass sie in das schönste Bundesland gezogen, ist nur logisch.

Laurenz
2. Oktober 2019 01:04

Ich habe versucht, den Artikel besonders aufmerksam zu lesen, auch wenn ich mit den akademischen Beschreibungen Frau Wagenknechts nur wenig anfangen kann. In vielen Punkten kann ich Herrn Kaiser in der Beschreibung der Person Wagenknecht folgen, aber meine Schlußfolgerung ist eine ganz andere. Frau Wagenknecht ist nach wie vor eine für uns gefährliche Politikerin, quasi ein Bosbach, nur prädatorisch, diametral, hübscher.
Daß Frau Wagenknecht das Mischlings-Schicksal Ken Jebsens teilen mag, ist offensichtlich. Misch-Ehen-Kinder haben zwangsläufig Identitäts-Probleme, bei einem leichteren Blick über den Tellerrand. Um die eigene Existenz doch definieren zu können, wird der Multi-Kult favorisiert, auch wenn der Spagat mit Persien, als alte seßhafte Hochkultur, leichter fällt als vieles andere.
Der fatale Hang des Germanen, damit meine ich auch den weiblichen Bevölkerungsanteil, zur menschlichen Exotik, tut ein übriges an der unnahbaren intelligenten Zauberkraft Frau Wagenknechts. Was sich in der Jugend wohl als Schutzschild gegen Ausgrenzung bildete, ist beim Erwachsenen das Geheimnisvolle eines modernen Karl Mays oder auch Helmut Schmidts. Nichts anderes nutzte Mozart als Er "Die Entführung aus dem Serail" schrieb. Nicht nur Oskar Lafontaine fiel darauf herein, sondern Mio. anderer männlicher deutscher Phantasie-Abenteurer, wie auch Sie,
Herr Kaiser, auch wenn es den Mio. versagt bleibt, die Entführung zu tätigen.
An der quasi erotischen Intelligenz Frau Wagenknechts gibt es sicherlich nichts zu deuteln, schon gar nicht bei der Linken, wo Ihr keiner das Wasser reichen kann. Aber hier gilt es zu bedenken, daß es die weltweite Intelligenzia war und ist, die nachhaltig auf den Marxismus, bis heute, herein fiel. Arbeiter und Bauern waren da schnell kuriert, und mancher russische Bauer hätte sich den grausamen Feudalismus zurück gewünscht.
Und das russische Bildungsbürgertum war zu tot, um sich noch irgendetwas zu wünschen.

In der klassischen Mythologie kommt es klarer als in der Moderne zum Ausdruck, daß Weiblichkeit das gewaltigere Potential besitzt, allerdings dem chaotischen Universum ausgesetzt ist. Dem männlichen Kosmos hingegen fällt es leichter, sich zu orientieren. Beim Paar Lafontaine/Wagenknecht ist das auch nicht anders. Das, was Frau Wagenknecht die letzten Jahre von sich gab, ist O-Ton Oskar Lafontaine, wenn auch sachlicher verpackt. Oskar Lafontaine machte als Saar-Napoleon arg verspätet deutsche Geschichtserfahrung im 20. Jahrhundert als er kurz ein Bundesamt übernahm, keine grandiose Leistung, aber besser spät als nie. Noch als Kanzler-Kandidat im Jahre 1990 machte er Wahlkampf mit Nutzung der letzten deutschen Kumpels, die Masse der Goldstücke im Bergbau opportun ausblendend. Heute würde er das so nicht mehr machen.
Natürlich hat Oskar Lafontaine seine Erfahrungen, seinem kurzen Clash mit der geo-strategischen Weltmacht Nummer 1 mit Frau Wagenknecht geteilt. Dieses späte Wissen um die geo-politische Wirklichkeit führt das Paar Wagenknecht/Lafontaine näher zu Ernst Röhm als zu Karl Marx, und das weiß auch die Linke.
Es kann natürlich gut sein, oder es ist als fast wahrscheinlich zu betrachten, daß die Partei "Die Linke", korrumpiert, wie sie ist, Frau Wagenknecht in nicht allzu ferner Zukunft an die Spitze katapultieren wird. Lieber ein Mandat unter einer unangenehmen Chefin als kein Mandat.
Natürlich wäre ein Besuch Frau Wagenknechts in Schnellroda spannend bis in die Unendlichkeit, vor allem deswegen, weil die Masse der langweiligen Polit-Darsteller aus der Berliner Ex-Republik diesen Eindruck noch verstärkt. Aber aktuell könnte Sie nur verlieren, und wir auch. Weder kann Frau Wagenknecht propagandistisch Teile Ihrer Partei vor den Kopf stoßen, noch können wir wirklich unsere Neo-Liberalen brüskieren.
Nur wenn wir nicht-vorhersehbare gesellschaftliche Umbrüche zu vergegenwärtigen hätten, wäre das denkbar.
Wobei sich auch Herr Lindner auf Petrol-farbenen neutralen Grund mit Ihr trifft. Schnellroda ist allerdings nicht neutral.

Franz Bettinger
2. Oktober 2019 02:39

Zu Oskar Lafontaine und Sarah Wagenknecht fällt mir ein: Der Vorwurf 'Populist' oder 'Demagoge' wird (seitens der GEZ-Medien) stets erhoben, wenn jemand Sympathisches mit einfachen Worten überzeugend argumentiert.

RMH
2. Oktober 2019 06:38

@Franz Bettinger,

danke dass sie auf die GEZ Medien hingewiesen haben.

Ich jedenfalls kann in einer "Demokratie" (Demos) auf den ersten Blick nichts zwingend Anstößiges daran finden, wenn ein Populist (Populus) bei seinen Äußerungen auf das "Volk" achtet und so hatte ich das auch gemeint.

Und jetzt werde ich angesichts der hiesigen "Wagenkecht-Fanboys" (Achtung, Ironie) deutlich unsachlicher:
S. Wagenknecht scheint ein gutes Stück weit die Sprechpuppe von O. Lafontaine zu sein, der genau das Potential dieser Frau erkannt hat. Es ist das Schicksal von Frau Wagenknecht, sich an diesen Mann gebunden zu haben, der sowohl in der SPD als auch bei der Linken keine Mehrheiten mehr hat, ja stats argwöhnisch als potentieller Usurpator betrachtet wird und es überall geschafft hat, binnen kürzester Zeit gespaltene Haufen zu hinterlassen. Dieser Argwohn gegenüber O. Lafontaine wurde und wird auf Frau Wagenknecht übertragen, so dass sie hier in quasi Sippenhaft ist und deshalb auch in diesen Parteien nichts mehr groß reißen kann. Der sich andeutende Rückzug aus dem Parteiwesen ist eine der Folgen - O. Lafontaine hat seine Frau ein Stück weit für sein ewiges Träumen vom Strippenziehen und graue Eminenz sein verbrannt (Man erinnere sich: O. Lafontaine hat G. Schröder erst ins Kanzleramt gebracht, in dem er ihm die Kanzlerkandidatur überlassen hat. O. Lafontaine hat ein gutes Gespür, wer beim Wähler ankommen kann und hat sich selber zurück genommen, um der SPD den Sieg mit dem massenkompatibleren Schröder als Kanzlerkandidat zu ermöglichen. Womit er aber nicht gerechnet hatte war, dass Schröder eben ein unnachahmliches Ego und Machtverhalten hatte und Lafontaine trotz Su-Mi-Posten kalt ausgebremst hat. Die Folgen kennen wir alle ... in diesen seitdem bestehenden Sog hat sich Frau W. mit ihrer unterstellbaren Suche nach einer Vaterfigur begeben. Zukünftig wird sie dann eben als Publizistin weiter machen und andere werden politisch gestalten).

Gustav Grambauer
2. Oktober 2019 07:17

Nemesis

"Aber so ist es halt: die Frauen wählen."

Dies wollen Sie sich hoffentlich nicht beim Gynokratiamus reklamieren, denn das Motiv ist uralt.

"Und zu Ritter Delorges spottenderweis
Wendet sich Fräulein Kunigund:
'Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiß,
Wie Ihr mirs schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf. ..."

Es handelt sich auch nicht um ein exklusives Geschlechtermotiv. Beim dreißigjährigen Schilling ("Das holde Reich bin ich") waren die Anforderungen für die Aufnahme in seinen männerbündischen Kreis noch höher: es wurde die Abfassung eines Sonetts aus dem Stegreif verlangt (Seite 8 oben:).

https://sezession.de/wp-content/uploads/alte_nummern/sezession_heft45.pdf

Wurde an Oskar die Anforderung auch gestellt?

- G. G.

quarz
2. Oktober 2019 12:08

@Juergen

"Will sie das deutsche Volk, dessen Kultur sie so gut kennt und aufrichtig schätzt, vor dem Tod durch Auflösung in einem multikulturellen Völkerbrei bewahren ... ?"

Das ist das eine Spannungsverhältnis zwischen zwei Seelen in ihrer Brust.

Außerdem aber müsste sie vor kognitiver Dissonanz geradezu platzen, wenn sie mit der ihr zugeschriebenen analytischen Intelligenz ihre sozialistischen Ziele einerseits und den empirisch erwiesenen Zusammenhang zwischen ethnischer Zersplitterung und nachlassender Solidarität andererseits synoptisch in Betracht zöge.

Apostat
2. Oktober 2019 12:43

@Laurenz"... daß es die weltweite Intelligenzia war und ist, die nachhaltig auf den Marxismus, bis heute, herein fiel."
Schlimmer:
Betrachtet man die Geschichte der Arbeiterbewegung, waren es genau jene Geistesmenschen- zu denen ich auch Frau Wagenknecht zähle, die ihre Visionen unter die Arbeiter brachten.
Selbst die proletarische Existenz meidend wie der Teufel das Weihwasser, wurde dem Arbeiter seine "historische Mission" auferlegt.
Und auch heute weiß der Bildungsbürger wieder, was gut für den Arbeiter ist.
Heute versucht er ihn für die Lösung der sozialen Frage zu begeistern- vergessend dass Zustände wie in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" oder Orwels "Erledigt in Paris und London" überwunden sind.
Welcher Arbeiter oder Angestellte steht noch mit dem Gedanken auf " Gleich muss ich wieder 8 Stunden zu meinem Ausbeuter!"? Ich nicht.
Wenn die Arbeitsbedingungen fair sind und der Lohn einen Mehrwert(für Auto, Urlaub, Hobby, Sezession z.B.) abwirft, sind doch die meisten zufrieden.
Er wird weiterhin für Verbesserungen seiner Situation kämpfen. Das werden aber immer Detailfragen sein. Die Systemfrage interessiert ihn nicht.
Natürlich kann man dem widersprechen.
Aber dann muss man den hohen Stimmanteil von Arbeitern und kleinen Angestellten unter den AfD Wählern erklären, obwohl von dieser Partei sozial nicht viel zu erwarten ist.

Den Respekt vor Frau Wagenknecht teile ich.
Aber, Herr Kaiser, auch eine kreative Sozialistin bleibt eine Utopistin.

Niekisch
2. Oktober 2019 14:03

"Abschaffung des "Volksverhetzungsparagraphen"

@ Der_Juergen 1.10. 20:38: Da § 130 StGB in seiner novellierten Fassung neuerdings bei etwas gutem juristischem Willen auch das deutsche Volk vor Verhetzung schützt, sollten wir das zweimal überlegen.

Gast
2. Oktober 2019 14:59

Nemesis

Andererseits kann daraus wohl gefolgert werden, daß auch Lafontaine Goethe kennen muß...

Zumindest kennt er ein Mittel gegen die Versuchungen der Macht(besessenheit)...

Der heutige „Linke“-Politiker Oskar Lafontaine war 1985-1998 noch als SPD-Mitglied Ministerpräsident des Saarlandes, 1990 SPD-Kanzlerkandidat und 1995-1999 SPD-Vorsitzender. 1993 nahm die Polizei einen Saarbrücker „Unterweltkönig“ fest, der Lafontaine mit der Drohung erpressen wollte, er besitze „kompromittierenden Fotos“ des Ministerpräsidenten aus einem Bordell. Der Mann wurde 1997 zu lebenslanger Haft verurteilt und 2009 freigelassen. Das Zitat stammt aus einem Interview der Frauenzeitschrift „Marie Claire“ im Jahr 1990. Damals hatte Lafontaine der Autorin Charlotte Kerr gesagt, gegen Machtversessenheit helfe nur "Saufen, Fressen, Vögeln." Später korrigierte Lafontaine: "Das habe ich so nie gesagt. Die Reihenfolge war ganz anders!“

https://www.nyaryum.de/741-Lafontaines-M%C3%A4del-in-der-Bar

Gast
2. Oktober 2019 15:06

Der Jürgen

Will sie das deutsche Volk, dessen Kultur sie so gut kennt und aufrichtig schätzt, vor dem Tod durch Auflösung in einem multikulturellen Völkerbrei bewahren - einem Tod, dem ein langer, qualvoller Todeskampf als unerbittlich schrumpfende und von afro-islamischen Invasoren an die Wand gedrückte Minderheit vorausgeht? Hier gibt es kein "Ja-aber", sondern nur ein Ja oder ein Nein. Beantwortet Frau Wagenknecht die Frage mit Ja, muss sie, um glaubhaft zu bleiben, alle Konsequenzen daraus ziehen und u. a. die Abschaffung des Asylrechts, die Schliessung der Grenzen und die Repatriierung von Millionen fordern. Ansonsten ist ihr Bekenntnis zur Erhaltung des deutschen Volkes eine leere Phrase.

Die Frage der Erhaltung des deutschen Volkes hängt wohl nicht davon ab, ob Sarah Wagenknecht das deutsche Volk erhalten will ... oder nicht. Sondern wohl eher hauptsächlich davon, ob das deutsche Volk sich als deutsches Volk erhalten will ... oder nicht?

Und nach meiner bewußten Erfahrung der Menschen, die gemeinhin als das 'deutsche Volk' bezeichnet werden über immerhin mittlerweile 50 Jahre, kann ich als eben durch diese Erfahrung geprüftes Urteil sagen: Es will nicht! Es hat nicht mal Spurenelemente eines Interesses an einem - noch dazu 'völkischen' - Selbsterhalt.

Franz Bettinger
2. Oktober 2019 15:27

@Die imagine-Gruppe schreibt neben dem Üblichen:
"Das Zeitalter des Sozial-Liberalismus ... ist zu Ende und wird niemals wiederkommen; so die Analyse der Kritischen Wissenschaftlichen Intelligenz.“ Wo wohnt die? Hat die eine Telefonnummer? Und sind die drei Worte - kr wi Intel - kein Pleonasmus? Wenn es einer ist, bedeutet das nicht, dass man ihm misstrauen muss wie der 'Volks-Demokratie' der DDR? Weil er ein aufgeblasener Popanz ist? Frösteln Sie nicht manchmal vor den Wort-Ungeheuern jener Sprache, die sie irgendwann mal in sich aufgesogen haben und jetzt nicht mehr los werden? - Wissen Sie, mit der politischen Rhetorik verhält es sich wie mit der medizinischen: je weniger man zu bieten hat (w.z.B. bei der Krebs-Therapie) desto mehr flüchtet man in Klassifikationen und Monster-Begriffe. Das soll Eindruck machen und die Ohnmacht verschleiern. Nix für ungut, Leute aus Imagine-Gruppe, gelegentlich haben Sie zwischen den unlesbaren Absätzen auch ein paar gute. Hilft alles nix. Für mich sind sie eine aus dem Jahrhundert gefallende Gurken-Truppe alternder Ex-Bolschewisten.

Tut mir leid, @Redaktion, dass ich in den letzten Tagen ein paarmal persönlich wurde. Ich weiß, es ist schlechter Stil, aber manchmal muss der kleine Teufel an die frische Luft, sonst platzt er. Ich gelobe Besserung.

Der_Juergen
2. Oktober 2019 15:55

@lLaurenz

Ihren heutigen Beitrag finde ich ausnahmsweise sehr gelungen; dass Mischlinge (auch wenn die Perser den Europäern phänotypisch noch relativ nahe stehen und man Sahra Wagenknecht ihre halborientalische Abstammung nicht unbedingt ansieht) zur "Multikultur" neigen und ihre "Exotik" die linken Schwärmer fasziniert (Ihre Hinweise auf Karl May und Mozarts "Entführung aus dem Serail" scheinen mir besonders treffend), liegt auf der Hand.

Wenn Wagenknecht den Weg nach Schnellroda wider alles Erwarten findet, überweise ich gleich 100 Euro an das IFS. Nein, Laurenz, wir brauchen nicht auf irgendwelche "Neoliberalen" in unseren Reihen Rücksicht zu nehmen. Es gibt unter unseren Foristen neben Anhängern der sozialpatriotischen Kaiser-Linie (zu denen auch ich gehöre) unstrittig Wirtschaftsliberale, z.B. den @Waldgänger, @RMH oder @Starhemberg, aber auch die hätten bestimmt nichts gegen eine Zusammenarbeit mit einer Frau Wagenknecht, die den altlinken Ballast und das Bleigewicht der Umerziehung nicht nur teilweise, sondern vollständig abzuschütteln vermöchte.

Nemesis
2. Oktober 2019 18:45

@Gustav Grambauer
"Dies wollen Sie sich hoffentlich nicht beim Gynokratiamus reklamieren, denn das Motiv ist uralt."

Nein, nein.
Denn, wie Sie richtig bemerken: so wars, so ists.. und so wirds wohl auch immer bleiben...

"Wurde an Oskar die Anforderung auch gestellt?"

Tja, da können wir nur spekulieren.
Allerdings wird es wohl wie so oft im Leben sein:
Wenn man älter wird, wird man auch in den Anforderungen realistischer (naja, nicht alle...). Ich selber wäre schon in jungen Jahren bei der Wagenknechtschen Prüfung durchgefallen (von einem Sonett ganz zu schweigen). Schiller wäre kein Problem gewesen (dank Strafarbeiten). Alternativ hätte ich vielleicht auch anbieten können, eine Fast-Fourier- oder eine Wavelettransformation durchzurechnen - zu Fuß!
Das wäre aber nicht ansatzweise so romantisch gewesen.
Muß ich selber zugeben.
:))

Nath
2. Oktober 2019 19:50

Kürzlich hatte man Gelegenheit, die Rede Alice Weidels in Schnellroda auf Youtube anzuhören. Manche hier, zu welchen ich auch meine Wenigkeit zähle, mögen sich während ihrer Ausführungen die Frage gestellt haben, mit wem sie lieber jenen sprichwörtlichen "Kaffee“ trinken würden - mit Weidel oder Wagenknecht, d.h., mit wem hätte man sich mehr zu sagen? Obwohl Frau Weidel nicht nur in Schnellroda einen sympathischen und intelligenten Eindruck hinterließ, so ist meine Antwort doch eindeutig: Mit der Noch-Linkspolitikerin gäbe es einfach eine größere geistige Schnittmenge, weswegen ein Gespräch vermutlich interessanter zu werden verspräche - was Auseinandersetzungen mit einigen ihrer weltanschaulichen Prämissen keineswegs ausschlösse.

Wenn ich besagte geistige Schnittmenge auf den Punkt bringen sollte, so würde ich diese als das "emanzipatorische Apriori" bezeichnen, d.h. die Zielausrichtung des menschlichen Daseins auf Selbstbestimmung hin. Diesen (cum grano salis ausgedrückt) "links-ontologischen" Ansatz findet man keineswegs nur und erst in der größtenteils säkular ausgerichteten europäischen Aufklärung, sondern bereits in Jahrtausende alten spirituellen Systemen, beispielsweise im altindischen Sankhya, Vedanta, aber auch in gewissen europäischen Traditionen ( etwa der Gnosis), also überall da, wo der Akzent auf die Befreiung von Fremdbestimmung gelegt wird. (Nicht zufällig wird im Englischen, wenn von dieser nachhaltigen Art von Befreiung die Rede ist, das Wort "final emancipation" verwendet. ) Es erscheint nicht unplausibel, beide Aspekte von Selbstbestimmtheit - den physisch-leiblichen wie den spirituellen - in unseren Zeiten zusammenzudenken, mehr als dies in vergangenen Epochen geschah. Grundsätzlich gilt: Frühere Zeiten betonen eher die naturalen, moderne eher die gesellschaftlichen Zwänge, von welchen loszukommen als Aufgabe formuliert wird.
Ob und in welcher Intensität die oben genannte nachhaltige und endgültige Befreiung ("emancipation") angestrebt wird, ist Sache des Einzelnen; in der Zwischenzeit aber gibt es keinen Grund, Menschen die sozialökonomischen Voraussetzungen zu verweigern, sich zunächst einmal so weit wie möglich von materieller Knechtschaft zu emanzipieren. Oft hat man den Eindruck, dass manche Rechte immer noch an jenem alttestamentarischen Imperativ des "Brotverdienstes im Schweiße des Angesichts" festhalten - einschließlich des Jammertal-Zubehörs an Sorge, Not und Elend, welches das Leben eines Durchschnitts-Erdenbürgers einst zu begleiten pflegte und dies zum Teil auch heute noch tut. (Sloterdijk sprach einmal von dem tief sitzenden „Bedürfnis nach Härte“ auf Seiten der Weimarer Rechten.) Sofern aber heutzutage die Bedingungen gegeben sind, zumindest die krassesten Erscheinungsformen physischer Not und die damit einhergehende Unterdrückung zahlloser Individuen auszumerzen (vorausgesetzt das Problem der Überbevölkerung wird gelöst), bleibt das 'linke Projekt' und sein vielgescholtener Progressivismus weiter auf der Tagesordnung. Nation, Rechtsstaatlichkeit, weitgehende Homogenität innerhalb eines ethno-kulturellen Gemeinwesens, das Recht auf freie Forschung und Meinungsäußerung, ja selbst die Anerkennung rassischer Diversität stehen diesem Projekt keinesfalls entgegen.

Der Grundfehler der alten wie der neuen Linken ist die Ausklammerung, bestenfalls Indiffernz gegenüber der spirituellen – oder vorsichtiger formuliert – ontologischen Dimension des Daseins (Seinsverständnis), das nie, weder unter widrigen, noch unter optimalen wirtschaftlichen Bedingungen „vom Brot allein“ lebt –obwohl eben a u c h von ihm. Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, zu erfahren, wie weit Frau Wagenknechts „Goetheanismus“ geht, ob sie seinen Pantheismus am Ende dem Marxschen Materialismus vorzieht oder nicht. Ich vermute, sie lässt derlei „letzte Fragen“ einstweilen offen und konzentriert sich vor allem deswegen auf das Hiesige, weil sie von der Grundüberlegung ausgeht, man müsse die Menschheit (und damit die konkreten einzelnen Individuen) erst einmal „aus dem Gröbsten“ herausholen, bevor man unter Umständen größere Ziele, worin diese auch immer bestehen mögen, in Angriff nimmt. Auch gibt die Art und Weise, wie besagter spirituelle Raum (der hier nicht als apodiktisches Faktum behauptet sondern vor-läufig nur als eine nicht auszuschließende Möglichkeit eingeräumt wird) über die Jahrtausende durch religiöse Institutionen besetzt gehalten wurde, zu erheblicher Skepsis Anlass.
Trotzdem, der Haupteinwand gegen Frau Wagenknecht wie jeden anderen „Diesseits-Pragmatiker“ besteht darin, dass selbst das Erreichen jenes Minimalziels bislang auch deshalb scheitert, weil das Ich-Selbst das fundamentale Konstitutionsprinzip des Menschseins ausmacht und solche Universalien wie „Menschheit“, „Rasse“ „Volk“. „Familie“ etc. immer nur m i t t e l b a r gegeben sind. Geburt, Freude, Leid, Alter, Tod betreffen immer nur den Einzelnen a l s Einzelnen, so dass der soziokulturelle Fortschritt der Menschheit oder auch nur des eigenen Volkes aufs Ganze gesehen niemals so dringlich für ihn werden können wie sein eigenes Schicksal, was als Egozentrik zu brandmarken m. E. dem Phänomen nicht gerecht wird. Am Ende hat sich das Prinzip des „Jeder muss sehen, wo er bleibt“ immer als stärker erwiesen als alle auf ein „Einstmals“ projizierten Menschheits- oder Volks-Beglückungsprojekte, so berechtigt und wichtig sie auch sein mögen. (Hier hätte eine mögliche liberalistische Replik von Frau Weidel ihren starken Punkt, falls es jemals zu einer Debatte zwischen ihr und Wagenknecht kommen würde.)
Das Ausgehen von „konkreter“ neoliberaler bzw. umgekehrt sozialistischer Politik und die jeweilige perspektivische Kritik an ihnen ist das Eine, das Aufsuchen des Quellpunktes besagter Scheidung zwischen Ich und Wir ist das Andere. Das Ich und sein Eigen-Interesse mit einem pejorativen Attribut zu versehen war bis jetzt der blinde Fleck aller zum Kollektiv-Denken neigenden Politikansätze, aber auch die individualistischen Konzepte gehen fehl. Wenn es hingegen in der Brhadaranyka Upanishad (4.5.6.) heißt: „Nicht umwillen der Gattin lieben wir die Gattin, nicht um der Söhne willen lieben wir die Söhne, nicht umwillen der Gottheiten lieben wir die Gottheiten… - sondern um des Selbst (Atman) willen lieben wir sie“, dann markiert dies gerade nicht eine egoistische Abschnürung des Einzel-Ich von der Natur und den Mitgeschöpfen, sondern weist hin auf jenes Selbst in Allen(m), das es zuerst und zuletzt zu erkennen, zu erfahren gilt. (Anm.: Die verehrte Mitforistin und Christin @Zeitschnur hat hier kürzlich den Glauben in beinahe polemischer Frontstellung gegen die Erfahrung exponiert, welchem ich mir an dieser Stelle zu widersprechen erlaube. In Zukunft wird vielleicht Gelegenheit sein, diesen wichtigen Punkt eingehender zu erörtern.)

Fazit: Gerade umwillen jenes „bescheideneren“ pragmatischen Zieles sozialökonomischer Befriedung der Gesellschaft, welches Frau Wagenknecht sich wie so viele vor ihr als Ideal gesetzt hat, ist ein nicht-pragmatischer Horizont, wo nicht unerlässlich, so zumindest hilfreich. Oder um es in Anschluss an Aldous Huxley und in der modifizierten Umkehrung einer berühmten marxschen These zu sagen: „Die Politiker haben die Welt auf verschiedene Weise verändert – es kommt (zuerst) darauf an, sie in ihrem innersten Kern wahrzunehmen.“

RMH
2. Oktober 2019 21:31

@Laurenz, @Der_Juergen,
Thema Mischlinge und Multikulti:

Ernst Jünger sah es anders, von ihm stammt das folgende Zitat:

"Die Sehnsucht nach der Reinheit des Blutes ist ein Kennzeichen der Mischlings."
Ernst Jünger führt diesen Satz wie folgt fort:
"Auch eine der Maximen, durch die ich mir schadete."
(in "Annäherungen")
Zu Zeiten des NS entsprach so eine Haltung offenbar dem "etiam si omnes ..."
Demzufolge würde heute, wo das Pendel exzessiv in die andere Richtung ausgeschlagen ist, eine andere Haltung für das "etiam si omnes, " angezeigt sein. Ganz im Sinne einer "Harmonie".

Laurenz
3. Oktober 2019 05:26

@Imagine .... nichts gegen Ihre Bewunderung für Herrn Kaiser, aber Ihre Wahrnehmung der AfD und Ihrer Sympathisanten ist unvollständig. Viele dort sind sich der sozialen Frage als wichtigstes Element zukünftiger Politik bewußt. Und wenn Frau Weidel tatsächlich das Volksparteien-Prinzip umsetzen will, wird Sie einige bisherige Überzeugungen über Bord werfen müssen. Die soziale Frage ist historisch durch die deutsche Geschichte für jeden, der sich dieser bewußt ist, permanent vor Augen geführt. Es war in mehr als hundert Jahren die aSPD, welche über diese Frage redete, forderte, aber am Ruder die Sozialpolitik vernichtete und dem eigenen Wähler die Gegenwart und die Zukunft nahm. Solange die aSPD in einem Willy-Brandt-Haus tagt, wird sich das auch nicht ändern. Erst eine Distanzierung von diesem charakterlichen Schließmuskel, kann der aSPD ein Licht aufgehen lassen.

@Apostat ... Ihre Beschreibung der Arbeiterschaft war Jahrzehnte Konsens in der Bonner Republik. Hier ist Volker Pispers' BRD-Billiglohn-Sektor DDR zu erwähnen, und die politische Realität, die nach dem Zusammenbruch des Warschauer Vertrags ihr Verhängnis nahm. Es gab ab 1990 keinen politischen Grund mehr für ein Wohlstandsgefälle von West nach Ost zu sorgen. Und die Erfüllungsgehilfen dieser Denkart sind ausnahmslos links bei den Alt-68ern zu verorten. Für diejenigen, die das in einfache Worte fassen können, besteht hier ein propagandistisches Potential unsere Linke zu diskreditieren.

@Der_Juergen .... ich schreibe selten auf dem SiN-Forum, um Sie zu ärgern. Als Antwort auf Ihren Beitrag fällt mir ein, daß das persische Wort Iran zu deutsch "arisch" bedeutet. Die Perser sind ein Brückenvolk mit nordischen Nasen. Sie haben, wie man bei Frau Wagenknecht gut sehen kann, das dichteste (tiefblau-schwarze) Haar weltweit, und persische Modelle dienen auf Friseur-Weltmeisterschaften. Wie in Japan sind im Norden die Menschen hellhäutiger und das Haar dunkler als im Süden. Natürlich mußten auch die Perser Verluste hinnehmen, der Einfall des Turk-Volkes der Seldschuken, machte den Gen-Pool nicht unbedingt besser. Und die heutige dort herrschende Schia weiß sehr genau, daß sie die Entwicklung der Perser blockiert.
Persien ist aber immer noch exotisch genug, damit Frau Wagenknecht Ihren Zauber ausüben kann.
Man(n) kann sich dagegen immunisieren, indem man einfach mal ein paar Perserinnen flach gelegt hat. Das würde vor allem Herrn Kaiser richtig gut tun.

Was meine Rücksicht gegen unsere Neo-Liberalen angeht, so halte ich nichts davon, diese auszugrenzen. Nur wenn alle oppositionellen Kräfte zusammenhalten, gebündelt werden, kann politische Schlagkraft
entwickelt werden. Natürlich müssen unsere neo-liberalen Parteifreunde einsehen, daß es hier um unsere eigene Mehrheitsfähigkeit geht, und sie daher über ihren minderheitlichen Schatten springen müssen.

@Nath .... Frau Weidel hinterläßt einen weiblicheren, mehr nahbaren Eindruck als die distanzierte Frau Wagenknecht. Desöfteren kann man bei Frau Weidel einen weiblich launischen Gesichtsausdruck wahrnehmen, der mich an meine Mutter erinnert, wenn meine Jugend-Sünden ans Tageslicht kamen. Der Unterschied zwischen beiden Damen kommt nicht von ungefähr. Frau Weidel hat zeitlebens hart in der Wirtschaft gearbeitet, während Frau Wagenknecht, wie so viele Apparatschiks, ewiger Student geblieben ist. Von daher sind Frau Weidels Aussagen von Realität geprägt und weniger visionär.
Ich halte es für günstig, daß Frau Weidel in der AfD keine Hausmacht hat, und weiß, daß wir Patrioten als solche zuverlässiger sind als die ihr wohlbekannten käuflichen Liberalen.

Laurenz
3. Oktober 2019 05:47

@Gracchus ... nichts gegen das Saarland als Bundesland. Es ist schön da. Aber mit einer Einwohnerzahl, die geringer ist als die Kölns, sich ein eigenes Landesparlament zu leisten, wäre dann erträglich, wenn die Saarländer in der Lage wären, dies aus eigener Kraft zu finanzieren. Dem ist aber nicht so. Deutsch wäre es, auf diesen unnützen Luxus eines voll-beruflichen Parlaments zu verzichten.

Waldgaenger aus Schwaben
3. Oktober 2019 07:17

Wenn die Avancen die Sahra Wagenknecht hier gemacht werden, dazu führen sollten, dass sie eine Einladung nach Schnellroda annimmt, soll es mir recht sein. Mitenander reden kann man immer.

Aber eine realpolitische Annährung der AfD an die Linke hätte für mich die Konsequenz, dass ich dieser Partei leise "Servus" sagen würde. Erstens will ich als Wähler zwischen Alternativen wählen können und zweitens ist bei der Verbindung Nationalismus und Sozialismus noch nie was Gutes raus gekommen.

Hätte mich die adoleszente Sahra vor dem Tanz herausfordert: »Wenn du mir ein Gedicht von Goethe rezitieren kannst, dann ja.«, hätte ich kein Gedicht aber vielleicht ein Zitat von Goethe rezitiert.
Aber als Junge aus gutem Hause eher nur darauf hinwiesen, dass mir gerade ein Goethe-Zitat in den Sinn kommt.

Waldgaenger aus Schwaben
3. Oktober 2019 07:51

@Der_Juergen
Wirtschaftsliberale, z.B. den @Waldgänger, @RMH oder @Starhemberg, aber auch die hätten bestimmt nichts gegen eine Zusammenarbeit mit einer Frau Wagenknecht, die den altlinken Ballast und das Bleigewicht der Umerziehung nicht nur teilweise, sondern vollständig abzuschütteln vermöchte.

Das habe ich erst jetzt gelesen.
Na ja. Wenn ein Hund miaut und auf Bäume klettert, ist er dann ein Hund oder eine Katze?

Gustav Grambauer
3. Oktober 2019 09:08

Nath

"... bleibt das 'linke Projekt' und sein vielgescholtener Progressivismus weiter auf der Tagesordnung."

Was Sie hiezu über das vorhandene bzw. fehlende emanzipatorische Apriori herausgearbeitet haben, schreibe ich hier in Varianten seit Jahren, nur bringen Sie es treffender, prägnanter auf den Punkt. Ich beobachte diese Fronmentalität besonders bei katholischen und evangelikalen Sklavenseelen, die ausgiebig das AT ("Brotverdienstes im Schweiße des Angesichts", später ora et labora) zitieren aber das NT ("Brot und des Wein" ergo Brot plus Bewußtseinsdynamik) meiden wie der Teufel das Weihwasser. Habe bei meiner nichts auslassenden spirituellen Orientierung in den frühen 90er Jahren auch evangelikale Kirchen besucht, dort war dies, vom nicht sehr gebildeten Fußvolk völlig unbemerkt, am augenfälligsten zur Geschäftsgrundlage erhoben, hier haben Sie auch die Basis der - metahistorisch völlig fehlgeleiteten - zionistischen Ausrichtung des Bibelgürtels: die geistige Verwurzelung im Alten Bund. Unter all diesen christlich firmierenden Dunstglocken kennt man auch das Essentiale, das Heil des Christentums nicht, das Prinzip der Gnade, es gilt immer noch: Auge um Auge - Zahn um Zahn.

Wenn Sie in einem durchschnittlichen Buchgeschäft mal in der Theologieabteilung stöbern, dann werden Sie vorfinden, wie systematisch die Leute damit eingeseift werden, das NT im Lichte des AT zu interpretieren und gar nicht die Wucht des Bruches, den Christus vollzogen hat, zu bemerken. (Psst: in diesem Bemerken lag, wovon heute niemand mehr spricht, die Brisanz Luthers!) Habe gerade kurz nach ein paar Stichworten hierzu gesucht: auch Google ist insofern inzwischen völlig ummanipuliert.

Aber auch die nicht-christlich disponierten Sklavenseelen werden von mir nicht geschont. Wie viele von ihnen hier würden sich wundern, wenn man ihnen sagte, daß das Prinzip Wer-nicht-abeitet-soll-auch-nicht-essen Kernprinzip der - von ihnen eigentlich ja geschmähten - Ideologie des Liberalismus ist, und daß diese tiefer betrachtet ebenfalls in Jahwe wurzelt. Bedenken wir, in welchem Stall Frau Weidel politisch sozialisiert wurde ...

Das zusätzliche Bedürfnis nach Härte hierbei ist der größte Unattraktivitätsfaktor der Rechten. Psychisch gesunde Leute wie Frau Wagenknecht sehen sofort instinktiv das Selbstquälertum darin, selbstverständlich auch die Neigung, andere damit zu quälen, und wenden sich angewidert ab.

LaRouche hat für diese fehlende Dynamizität / Emanzipativität den Begriff "statischer Reduktionismus" eingeführt (wobei Reduktionismus in diesem Zusammenhang nichts mit seiner Bedeutung in der Erkenntnistheorie zu tun hat) und zugleich immer wieder verdeutlicht, daß es sich um den Kern des verderblichen oligarchischen Prinzips handelt.

So wie ich das sehe sind die beiden ahrimanisch-luziferischen Gegenpole die Folgenden: alttestamentarischer statischer Reduktionismus (retardiv) versus illusionärer Utopismus (akzelerativ). Ich denke, Frau Wagenknecht steht recht selbstbewußt zwischen beiden, auch wenn es für sie im Hinblick auf die Erfüllung ihrer Liebe zu Goethe vom "Denn er war Unser"

https://www.flickr.com/photos/keroleen73/2547080869/

zum Goetheanismus

https://anthrowiki.at/Goetheanismus

noch ein sehr weiter Weg ist.

- G. G.

Gustav Grambauer
3. Oktober 2019 09:14

Laurenz

"Frau Weidel hat zeitlebens hart in der Wirtschaft gearbeitet, während Frau Wagenknecht, wie so viele Apparatschiks, ewiger Student geblieben ist. Von daher sind Frau Weidels Aussagen von Realität geprägt und weniger visionär."

Haben Sie eigentlich überhaupt verstanden, was Nath Ihnen und Ihrer Brotverdienst-im-Schweiße-des-Angesichts-Fraktion sagen wollte? Sehr verwunderlich: angebliche "ewige Studenten" angreifen, aber selber wie ein verschupfter Fünftkläßler beim Klassenaufsatz das Thema um Kilometer verfehlen!

- G. G.

Imagine
3. Oktober 2019 09:27

Für mich ist die oben angesprochene Frage des „WIR“ die entscheidende politische Frage: Mit wem kann ich mich identifizieren, wer ist mein Freund und Bruder, wer mein Feind? Welche politische und gesellschaftliche Praxis ist für mich anschlussfähig?

Der Kapitalismus und seine Anhänger sind es für mich nicht. Denn diese gesellschaftliche Praxis ist vom Grundprinzip sozialdarwinistisch und folglich für einen aufgeklärten Menschen unvernünftig, weil aus diesem System ein unendlicher „bellum omnium contra omnes“ („Krieg/ Kampf/ aller gegen alle“) mit den systemlogischen Folgen von Krisen, Kriegen, Destruktivität und Entmenschlichung resultiert.

Eine solche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung widerspricht der menschlichen Vernunft, weil damit kein dauerhaft gelingendes Gemeinschaftsleben möglich ist.

Vernünftig ist der kategorische Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Kant)

Wenn Du nicht willst, dass man deine Kinder zur Arbeit in Bergwerken zwingt, dann mach dies auch nicht mit den Kindern von anderen Menschen.

Wenn Du nicht willst, dass man gegen dich einen illegalen Angriffskrieg führt, dann sei nicht Parteigänger des US-Imperialismus und der NATO.

Wenn Du nicht willst, dass man Dich zum Billiglöhner oder Hartz IV-Zwangsarbeiter macht, dann sei gegen diese Wirtschaftspolitik.

Wenn du nicht Opfer von Starken werden willst, wenn du arbeitslos, krank oder alt bist, dann unterstütze den Sozialstaat.

Usw.

Grundsätzlich fordert der bürgerliche Humanismus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschen, wobei alle drei Ziele in dialektischer Beziehung stehen. Eine Freiheit ohne Gleichheit ist keine Freiheit. Ohne Brüderlichkeit kann es in einer arbeitsteiligen Gesellschaft keine wirkliche Freiheit geben, weil dann jeder seine egoistischen Interessen gegen die anderen Menschen durchzusetzen versucht.
Freiheit setzt persönliches Eigentum voraus. Ein Mensch ohne Geld ist in dieser arbeitsteiligen Geldwirtschaft nicht frei, sondern ist gezwungen, fremdbestimmte Arbeit zu machen, sich zu prostituieren oder zu einem Kriminellen zu werden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ist folglich eine elementare Voraussetzung für menschliche Freiheit in einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft. Wer über ein BGE verfügt, kann sich entscheiden, ob er als freier Mensch unter ärmlichen Verhältnissen leben will oder ob er mit Arbeit seinen Lebensstandard erhöhen will.

Zur Freiheit gehört, dass jeder Mensch ein Recht auf Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozess besitzt und somit Zugang zu einem Arbeitseinkommen hat.

Wir alle wissen, dass in der kapitalistischen Gesellschaft nur die Vermögenden über wirkliche Freiheit verfügen, während ca. 99% der Menschen sich dem Wirtschaftssystem als Lohnarbeiter oder selbständig Arbeitende unterwerfen müssen. Dennoch erleben sie diese Unfreiheit als normal, weil sie nichts anderes kennen und sich vorstellen können. Eben weil sie in die Klasse der arbeitenden Menschen hineingeboren wurden und sich wie jener „Uncle Tom“ diesen Verhältnissen angepasst haben.

Ich stimme Alain de Benoist zu, wenn er sagt, dass „die Spaltung Links-Rechts heute keinen Sinn mehr ergibt“.(https://sezession.de/47402/der-hauptfeind-heisst-liberalismus-alain-de-benoist-im-gespraech-ueber-sein-lebenswerk).

Denn die grundlegende Unterscheidung zwischen den heutigen(!) Menschen ist folglich jene zwischen einem aufgeklärten Humanisten und einem kulturell rückständigen Sozialdarwinisten, der nicht begriffen hat, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt durch Roboterisierung und Automatisierung die Bedingungen für eine weitgehende Befreiung vom Zwang zur fremdbestimmten Arbeit geschaffen hat.

Oswald von Nell-Breuning (1880 – 1991) war ein katholischer Theologe, Jesuit, Nationalökonom und Sozialphilosoph. Er gilt als der „Nestor der katholischen Soziallehre“.

Dazu schrieb der Ökonom Prof. Heinz-J. Bontrup:
„Der herausragende deutsche Ökonom Oswald von Nell Breuning forderte schon in den 1960er Jahren die 10-Stunden-Woche als er schrieb: ‚Auch die heutigen Schritte sind nicht kampflos vor sich gegangen. Aber ich denke nicht an die 35-Stunden-Woche, auch nicht an die 24-Stunden-Woche. Ich denke an eine viel weiter gehende Arbeitszeitverkürzung. Ich stelle mir vor, daß wir dahin kommen werden, daß zur Deckung des gesamten Bedarfs an produzierten Konsumgütern ein Tag in der Woche mehr als ausreicht.‘“

Die heutige gesellschaftliche Kampflinie verläuft zwischen den Reaktionären, den Verhinderern von gesellschaftlichen Fortschritt, und andererseits den humanistisch-emanzipatorischen Kräften.

Insofern gibt es eine Art Lackmus-Test, der unterscheidet, ob man zu den Progressiven oder zu den Reaktionären gehört. Progressiv sind jene, die für ein BGE, für einen angemessenen, weitaus höheren Mindestlohn sind, für drastische Arbeitszeitsenkung, für das Recht auf Arbeit oder auf Arbeitslosengeld in Höhe des Mindestlohns und – last not least – für Eigentum für alle sind. Man muss das gesellschaftliche Gesamtvermögen zum konkreten Eigentum für alle machen. Nicht zu abstraktem Staatseigentum, auf das das konkrete Individuum keinen Rechtsanspruch hat.
Die VEB in der DDR befanden sich nicht wirklich im Volkseigentum und der sogenannte „Reale Sozialismus“ war kein wirklicher Sozialismus, sondern sein Gegenteil, weil er die Menschen nicht befreite, sondern in einer Art staatlicher Leibeigenschaft und Gefangenschaft hielt.

Alain de Benoist sieht im Liberalismus den Hauptfeind. Dem würde ich insoweit zustimmen, dass der herrschende Liberalismus eine Perversion jenes Liberalismus darstellt, der eine Gesellschaft freier Menschen anstrebte.

Die Differenzierung zwischen rechts und links sind macht heute keinen Sinn mehr, weil diese Begriffe inhaltsleer geworden sind.

Denn sowohl im rechten wie auch im linken Spektrum finden sich reaktionäre und fortschrittliche Menschen.

Selbstverständlich steht Benedikt Kaiser inhaltlich einer Sahra Wagenknecht näher einer Alice Weidel.

Überhaupt lässt sich für mich nicht rational erfassen, was als das Verbindende im „rechten Lager“ angesehen wird. Da gibt es keinen rationalen Minimalkonsens.

Interessant ist, wie das „rechte Lager“ mit einer Person wie Alice Weidel umgeht. Sie ist eine typische Vertreterin des Neoliberalismus, eine Hayek-Anhängerin. Sie hat sich Oberender als Doktorvater ausgesucht, welcher den Organhandel liberalisieren wollte.
Politisch und ökonomisch kann Weidel einem wirtschaftlichen Sozialdarwinismus zugeordnet werden, der mit der Vorstellung eines Volkes als Solidargemeinschaft aka Volksgemeinschaft nichts im Sinn hat, sondern im Gegenteil die totale Vermarktwirtschaftlichung intendiert. Die vermögenslosen Massenindividuen sollen nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihren Körper und dessen Organe zur Ware machen. Weidel ist als Reaktionärin gegen Mindestlohn und BGE.

Werden Weidels und Kubitscheks Biographien und Alltagskulturen verglichen, so ist Weidel eine typische „Anywhere“. Sie lebt in zwei Ländern. Ihr Lebensentwurf ist genderistisch und multikulti. Das gelebte Familienmodell ist das Gegenteil von dem, was als „natürliche Familie“ verstanden wird. (https://www.bild.de/politik/inland/alice-weidel/zahlt-die-afd-frontfrau-steuern-51524440.bild.html)

Welche negativen Folgen homosexuell-genderistische Familienkonstellationen auf die psychosoziale Entwicklung der Kinder hat, wird tabuisiert. Eben weil hier sehr ungünstige Voraussetzungen für eine gesunde Identitätsentwicklung vorliegen. Für mich ist es eine Horrorvorstellung, unter homosexuellen Eltern aufwachsen zu müssen.

Der Gedanke ist nicht fern, dass W. ein „INSM-Produkt“ ist. Sie würde gut in alle neoliberalen (marktradikal-wirtschaftsliberalen) Parteien passen, wobei die Lucke-AfD wohl die radikalste sowie reaktionärste der derzeitigen Parteien war und die Petry-AfD sich etwas moderater und populistischer gab und insbesondere durch ihre Opposition zur Migrationspolitik Anhänger und Wähler fand.

In der AfD vertritt Gauland national-konservative Positionen, der Flügel um Höcke völkische und Weidel ist wirtschaftlich nach wie vor radikal neoliberal, aber will den völkischen Flügel in der Partei halten, weil dieser wichtige Stimmen bringt. Denn man braucht diesen völkischen Flügel solange, bis die Partei sich parlamentarisch etabliert hat. Da kann schon der Gedanke aufkommen, dass von Seiten der Neoliberalen die völkischen Rechten mit cooler Berechnung als „useful idiots“ instrumentalisiert werden.

Inzwischen scheinen die nationalen Rechten so sehr zu Fans von AfD und Weidel geworden zu sein, dass ihnen bei Weidels Rede in Schnellroda die Widersprüche zu ihren eigenen völkischen Wunschphantasien und Zielen gar nicht aufgefallen sind. So spricht Weidel davon, dass Ziel der AfD-Politik sei, „Migration zu begrenzen“ sowie „Neuregelung, Begrenzung und Steuerung der Einwanderung nach Deutschland“. Wo ist da die Differenz zur heutigen(!) Merkel-Politik?

Lotta Vorbeck
3. Oktober 2019 09:47

@RMH - 2. Oktober 2019 - 09:31 AM

Thema Mischlinge und Multikulti:

I.) Russinnen vereinigen in sich sowohl europäische als auch asiatische Komponenten. Exakt dieser Umstand macht die Anmut und die Attraktivität russischer Frauen aus.

II.) Welche Aura umgibt jene Frauen, die dem Ideal des "neuen europäischen Menschen" gemäß Thomas Barnett bereits weitgehend entsprechen?

Lotta Vorbeck
3. Oktober 2019 10:02

@Laurenz - 3. Oktober 2019 - 05:26 AM
an @Imagine "... Die soziale Frage ist historisch durch die deutsche Geschichte für jeden, der sich dieser bewußt ist, permanent vor Augen geführt. Es war in mehr als hundert Jahren die aSPD, welche über diese Frage redete, forderte, aber am Ruder die Sozialpolitik vernichtete und dem eigenen Wähler die Gegenwart und die Zukunft nahm. Solange die aSPD in einem Willy-Brandt-Haus tagt, wird sich das auch nicht ändern. Erst eine Distanzierung von diesem charakterlichen Schließmuskel, kann der aSPD ein Licht aufgehen lassen."

+++ Die Linke benötigt Arme und Prekäre die sich mit ihren leeren, immer in die Ferne Zukunft projizierten Versprechungen ködern lassen. Deshalb sorgt die Linke schon aus purem Eigeninteresse dafür, daß dem mit Mühseligen und Beladenen gefüllten Reservoir der Nachschub niemals ausgehen wird.

*********************************************

@Laurenz - 3. Oktober 2019 - 05:26 AM
an @Der_Juergen "... Persien ist aber immer noch exotisch genug, damit Frau Wagenknecht Ihren Zauber ausüben kann.
Man(n) kann sich dagegen immunisieren, indem man einfach mal ein paar Perserinnen flach gelegt hat. Das würde vor allem Herrn Kaiser richtig gut tun."

+++ Ohne hier ungefragt aus dem Nähkästchen plaudern zu wollen: Herrn Kaisers Bedarf bezüglich "ein paar Perserinnen flachzulegen", dürfte weit unterhalb der Nulllinie zu verorten sein.

Der_Juergen
3. Oktober 2019 10:54

@lLotta Vorbeck

Ich war ein paar Monate im Iran, habe dort aber keine einzige Perserin flachgelegt, obgleich es wirklich sehr hübsche darunter gibt, erstens, weil ich damals bereits verlobt war (mit einer Weissrussin, meiner jetzigen Frau), und zweitens, weil ich genau beobachtet wurde und amoureuse Abenteuer meinerseits von meinen Gastgebern schwerlich goutiert worden wären.

Imagine
3. Oktober 2019 12:02

@Lotta Vorbeck 3. Oktober 2019 10:02
„Die Linke benötigt Arme und Prekäre die sich mit ihren leeren, immer in die Ferne Zukunft projizierten Versprechungen ködern lassen. Deshalb sorgt die Linke schon aus purem Eigeninteresse dafür, daß dem mit Mühseligen und Beladenen gefüllten Reservoir der Nachschub niemals ausgehen wird.“

Völlig richtig. Allerdings muss man hier zwischen den systemerhaltenden Linken und den systemüberwindenden Linken unterscheiden.

Die systemkonformen Linken – organisiert in linken Parteien, wie Sozialdemokratie, Grüne sowie Linkspartei, sowie Gewerkschaften - brauchen Arme und Prekäre, um selbst im System nach oben aufsteigen zu können. Als BerufspolitikerInnen und Funktionärinnen verraten sie ihre Klientel und werden mit Aufstieg belohnt. Das zeigen dietypischen Parvenü-Karrieren, z.B. von Ebert, Brandt, Schröder, Fischer etc.

Die systemkonformen Linken handeln anti-revolutionär. Von Ebert ist überliefert, dass er die Revolution hasse wie die Sünde. Brandt machte mit den Berufsverboten die „Systemüberwinder“ zu politisch Verfolgten und Schröder machte sich zur Abrissbirne der historisch erkämpften Erfolge und Rechte der Arbeiterbewegung.

Die sozialistische Bewegung spaltete sich nach der russischen Revolution in Systemerhalter (II. Internationale) und Systemüberwinder (III. Internationale). Die systemkonformen Sozialdemokraten sahen in den Kommunisten ihre Todfeinde.

Dass und warum aus der sozialistischen Revolution in Russland ein stalinistisches Terrorsystem entstand und der angebliche „reale Sozialismus“ als nachholende diktatorische Modernisierung im Wesentlichen die kapitalistischen Strukturen in pseudo-sozialistischer Verpackung wiederholte, ist jenen nicht unbekannt, die sich z.B. mit Rosa Luxemburg, Otto Rühle, Robert Kurz et al. befasst haben. Das waren Schriften, die in der DDR unterdrückt waren.

Der pseudo-sozialistische Ostblock ist an seinen Widersprüchen kollabiert, die kommunistischen Parteien sind aus der kapitalistischen Welt verschwunden oder existieren nur noch als politisch irrelevante Sekten, die sozialdemokratischen Parteien befinden sich im Niedergang als Quittung für ihre volksfeindliche Politik und ihre Volksverarschung. Nur dort, wo es einen Kurswechsel – insbesondere in der Sozial- und Migrationspolitik - gibt, wie in dänischen Sozialdemokratie unter Führung von Mette Frederiksen, kommt es zu sozialdemokratischen Erfolgen. https://www.nzz.ch/international/die-erstaunliche-wandlung-der-mette-frederiksen-ld.1487361

Franz Bettinger
3. Oktober 2019 14:39

@imagine:
Nehmen wir mal an, nur Sie und ich lebten auf der Welt (oder auf einer Insel). Sie möchten ein Bedingungsloses Grundeinkommen, und - der Clou - ich auch. Merken Sie was? Aber selbst wenn ich keins wollte, so zwängen Sie mich qua physischer oder moralischer Gewalt, für Sie mit zu arbeiten. Wer ist dabei der Ausbeuter? Träumen Sie weiter!

Lotta Vorbeck
3. Oktober 2019 15:18

@Der_Juergen - 3. Oktober 2019 - 10:54 AM

"... und amoureuse Abenteuer meinerseits von meinen Gastgebern schwerlich goutiert worden wären."

****************************************************

Werter @Der_Juergen,

verstehe Ihre Reaktion nicht, sollte ich mich mißverständlich ausgedrückt haben?

RMH
3. Oktober 2019 17:13

"Man(n) kann sich dagegen immunisieren, indem man einfach mal ein paar Perserinnen flach gelegt hat."

Im nach unten offenen Niveau-Limbo war das jetzt die Sonderkategorie Altherren-Stammtisch. Da ruft man ja förmlich fast nach dem Bademeister …

Nemesis
3. Oktober 2019 18:13

@Imagine
„Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ist folglich eine elementare Voraussetzung für menschliche Freiheit in einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft. Wer über ein BGE verfügt, kann sich entscheiden, ob er als freier Mensch unter ärmlichen Verhältnissen leben will oder ob er mit Arbeit seinen Lebensstandard erhöhen will...“

Befreit denn das BGE wirklich?
Verhält es sich wirklich so?

Bei Beiden sind die Leistungsbezieher nach wie vor abhängig:
Bei dem von Ihnen als kapitalistisch bezeichneten – offensichtlich - vom Arbeitgeber. Jedoch ändert sich beim BGE daran grundsätzlich erstmal gar nichts: Auch hier besteht Abhängigkeit. Dort von Arbeitgebern und hier eben von staatlicher Seite, sprich von Funktionären.

Das aber führt doch zu der Frage, was der wesentliche Unterschied ist?
Während Sie beim kapitalistischen (ich spreche hier nicht von crony-capitalism) wenigstens prinzipiell noch über Möglichkeiten verfügen, gegebenenfalls den/die Arbeitgeber zu wechseln, ist das beim BGE vollkommen ausgeschlossen:
Sie sind auf Gedeih und Verderb der Sie finanzierenden Institution – und damit deren Funktionären – ausgeliefert. Um das Ergebnis prognostizieren zu können, muß man keine 20 Semester Logik studiert haben: Ende jeder politisch eigenständigen (i.S. abweichender) Meinung.
Ansonsten wird kein Geld mehr fließen.
Und wenn ein Großteil der Menschen aus dem Arbeitsprozeß ausgekoppelt wird (Industrie 4.0 etc.), ist doch vollkommen klar, wohin das führen wird.

BGE kann aus meiner Sicht keine Lösung sein.
Da müssen andere Lösungsansätze her.

„… über wirkliche Freiheit verfügen, während ca. 99% der Menschen sich dem Wirtschaftssystem als Lohnarbeiter oder selbständig Arbeitende unterwerfen müssen. Dennoch erleben sie diese Unfreiheit als normal, weil sie nichts anderes kennen und sich vorstellen können. Eben weil sie in die Klasse der arbeitenden Menschen hineingeboren wurden und sich wie jener „Uncle Tom“ diesen Verhältnissen angepasst haben.“

Ja und nein.
Auf der einen Seite geben ich Ihnen Recht, wenn dieses System zu so etwas mutiert, wie wir es haben. Auf der anderen Seite kann so eine Sicht meiner Meinung nur von jemanden kommen, der – ohne Ihnen nahetreten zu wollen – überhaupt nicht begriffen hat, das Arbeit – auch die eines Lohnabhängigen – noch ganz andere Aspekte als die der „Versklavung“ mit einschließt.

Die werden von Ihnen aber niemals angesprochen. In keinem Ihrer Beiträge ist je davon etwas zu finden. Das läßt für mich eigentlich nur den Schluß zu, daß Sie –Ja und nein. auch hier wiederum ohne Ihnen nahe treten zu wollen – offensichtlich niemals Teil eines wirklich produktiv arbeitenden Prozeß gewesen sein können (außer wie ich bei Ihnen vermutJa und nein.e eines rein akademischen). Wären Sie es, dann wüßten Sie aufgrund eigener Erfahrung, was es bedutet, neben der Lohnabhängigkeit, etwas zu schaffen, Teil eines Prozesses zu sein, an dessen Ende z.B. ein Produkt steht: sprich: Teil der "Klasse der arbeitenden Menschen" zu sein.
M.a.W.: Selbstwertgefühl, Interaktion mit anderen Menschen, Kreativität, Freude und Stolz etwas geschaffen zu haben, Probleme und Rückschläge bei einer Entwicklung zu meistern...
Daß es immer mehr völlig sinnentleerte Bullshitjobs gibt – keine Frage (Und das hat eben auch mit dem von Ihnen so präferierten chinesischen System zu tun). Das von mir oben ausgeführte bedeutet auch nicht, daß ich die Problematiken unterschlagen möchte, auf die Sie, zum Teil durchaus richtig, hinweisen.
Intellektuelle Integrität müßte meiner Meinung nach aber in der Diskussion eben auch die von mir aufgeführten Aspekte (und noch andere) mit berücksichtigen.
Um es ehrlich zu sagen: Ich finde sie nicht in Ihren Betrachtungen.

Apostat
3. Oktober 2019 18:43

@ Imagine "Ein bedingungsloses Grundeinkommen..."
Für die Option, sich für oder gegen eine Erwerbsarbeit entscheiden zu können, wollen Sie Ihre ökonomische Existenz vom Wohlwollen des Staates abhängig machen? Das ist Ihre Vorstellung von Freiheit?
Ich beschränke mein Fremdbestimmts-Sein auf 40 Wochenstunden und halte mich an Albert Camus "Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen."

Franz Bettinger
3. Oktober 2019 20:23

@Nemesis schreibt plastisch und schön: „Eine Sicht wie die @imagine's kann nur von jemanden kommen, der gar nicht begriffen hat, dass Arbeit, auch die eines Lohnabhängigen, noch andere Aspekte hat als die der 'Versklavung'.“ Dazu das Sprichwort des ersten indischen Nobelpreisträgers für Literatur (1913) Rabindranath Tagore: „Ich träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und sah, die Pflicht ist Freude.“ Diese Sinn stiftende Dimension kommt bei Marx nicht vor.

Achterndiek
3. Oktober 2019 22:02

@ RMH

"Im nach unten offenen Niveau-Limbo war das jetzt die Sonderkategorie Altherren-Stammtisch. Da ruft man ja förmlich fast nach dem Bademeister …"

In der Tat, das war mal wieder typisch, so sind sie halt, die alten weißen Männer.

Wahrheitssucher
3. Oktober 2019 22:54

@RMH

Empfinde Ihre letzte „super-korrekte“, selbst-anklägerische
Einlassung als weitaus peinlicher als die Ursache eben dafür...

Gracchus
3. Oktober 2019 23:25

@Nath: Ich nominiere Ihren Kommentar zum Kommentar des Monats! Der spricht mir aus der Seele. Also der Teil zum Thema Härte und Emanzipation.

Imagine
4. Oktober 2019 10:45

@Nemesis 3. Oktober 2019 18:13
„Befreit denn das BGE wirklich?
Verhält es sich wirklich so?
Bei Beiden sind die Leistungsbezieher nach wie vor abhängig:
Bei dem von Ihnen als kapitalistisch bezeichneten – offensichtlich - vom Arbeitgeber. Jedoch ändert sich beim BGE daran grundsätzlich erstmal gar nichts: Auch hier besteht Abhängigkeit. Dort von Arbeitgebern und hier eben von staatlicher Seite, sprich von Funktionären.
Das aber führt doch zu der Frage, was der wesentliche Unterschied ist?
Während Sie beim kapitalistischen (ich spreche hier nicht von crony-capitalism) wenigstens prinzipiell noch über Möglichkeiten verfügen, gegebenenfalls den/die Arbeitgeber zu wechseln, ist das beim BGE vollkommen ausgeschlossen:
Sie sind auf Gedeih und Verderb der Sie finanzierenden Institution – und damit deren Funktionären – ausgeliefert. Um das Ergebnis prognostizieren zu können, muß man keine 20 Semester Logik studiert haben: Ende jeder politisch eigenständigen (i.S. abweichender) Meinung.
Ansonsten wird kein Geld mehr fließen.“

Machen wir den Faktencheck für Ihre These:

Ich bin Rentner mit guter Altersversorgung. So frei wie heute, war ich letztmalig in meiner Studienzeit. Damals ausgestattet mit einem guten Stipendium.
Selbstverständlich ist man als Rentner oder Pensionär (aka Ruhestandbeamter) „ von staatlicher Seite, sprich von Funktionären“ abhängig.

Machen die das Wirtschaftssystem kaputt, betrifft dies auch meine Altersversorgung. So wie in der Weimarer Republik, als Renten und Pensionen um 50% gekürzt wurden.

Aber auch derjenige, der seine Altersversorgung auf privatem Vermögen aufgebaut hat, ist „ von staatlicher Seite, sprich von Funktionären“ abhängig. Denn kommt es zur Geldentwertung, wie jetzt bei Inflation und Nullzins, dies zur Enteignung. Und vertieft sich die Krise des Staats, dann greift er direkt auf das Privatvermögen zu, einschließlich Immobilien und Edelmetalle. Das hat es schon alles gegeben.

Der ökonomisch Gebildete weiß daher, daher dass jegliche(!) Altersversorgung eine funktionierende Ökonomie voraussetzt. Er kennt das Mackenroth-Theorem.

Der clevere Milliardär verteilt sein Vermögen daher auf mehrere Staaten und sollte sein Staat zu einem „failed state“ werden, dann führt dies nur zur Vernichtung eines Teils seines Vermögens.

Seine Existenz dermaßen absicher, kann aber der Otto Normalo nicht. Auch nicht der Kleinbürger mit seinem kleinen Vermögen und der bodenständige „Somewhere“ sowieso nicht. So wie meine Familie, die ihr ganzes Vermögen, einschließlich Immobilien, Edelmetall etc., beim Einmarsch der Roten Armee verloren hat und bei ihrer Flucht nur die nackte Haut retten konnte. Und danach einige Jahre in Armut leben musste.

Mir ist schon lange klar, dass Deutschland ökonomisch und kulturell ein „untergehendes Schiff“ ist. Deshalb habe ich schon vor längerer Zeit die Konsequenzen gezogen und lebe in einem anderen Land.

Allerdings beziehe ich aus Deutschland meine Altersversorgung. Insofern bin auch ich von diesem Staat und seiner Wirtschaft abhängig.

Unter den gegenwärtigen rechtlichen Bedingungen kann man - in Gegensatz zu einem Lohnabhängigen - einem Rentner bei unerwünschter Meinungsäußerung nicht dessen Existenzgrundlage entziehen. Selbst bei einem Ruhestandsbeamten nicht.

Deshalb gibt es so viele Professoren, die sich nach ihrer Pensionierung kritisch-oppositionell äußern, was sie während ihrer Dienstzeit nicht getan haben, um nicht gemobbt oder zum Paria gemacht zu werden.

Fazit:
Ihre Argumentation gegen das BGE fällt völlig in sich zusammen. Das BGE ermöglicht jedem Menschen eine Grundfreiheit, über die heute nur jene Vermögende verfügen, die nicht zur Lohnarbeit gezwungen sind.

@Nemesis:
„Auf der anderen Seite kann so eine Sicht meiner Meinung nur von jemanden kommen, der – ohne Ihnen nahetreten zu wollen – überhaupt nicht begriffen hat, das Arbeit – auch die eines Lohnabhängigen – noch ganz andere Aspekte als die der „Versklavung“ mit einschließt.“

Diese Aussage ist trivial, fast zum Fremdschämen. Denn jeder Mensch weiß, dass es auch „anziehende Arbeit/Tätigkeit“ gibt (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Hobby).

Fourier (*1768- †1830) sprach von „travail attractif“, was zeigt, dass sich intelligente und fortschrittliche Menschen mit dieser Thematik schon seit langer Zeit auseinandergesetzt haben.

Dazu gibt es auch aktuelle Diskussionsbeiträge. Z.B.
https://williammorristexte.com/2016/06/16/die-anziehende-arbeit/
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/04/03/%E2%80%9Etravail-attractif-anziehende-arbeit/

Es kennzeichnet die Reaktionäre, dass sie Feinde von allgemeiner Freiheit sind. Als Sozialdarwinisten wollen sie nur Freiheit für sich und ihresgleichen. Daher sind sie auch Feinde der Gleichheit und Verweigerer von sozialer Solidarität, auch wenn sie gern von „Volksgemeinschaft“ schwätzen.

Gracchus
4. Oktober 2019 10:52

@Laurenz: "Persien ist aber immer noch exotisch genug, damit Frau Wagenknecht Ihren Zauber ausüben kann ..." wobei der_Juergen ja meint: "man Sahra Wagenknecht ihre halborientalische Abstammung nicht unbedingt ansieht)" was denn jetzt?

RMH
4. Oktober 2019 11:17

"Empfinde Ihre letzte „super-korrekte“, selbst-anklägerische …"

@Wahrheitssucher,
1. habe ich mich nicht selbst oder gar "uns" oder die hier schreibenden Debattenteilnehmer in Gänze angeklagt
2. Bei allem Verständnis dafür, dass man in Zeiten des polit-korrekten Tugendterrors und des politischen Hygienewahns mal ne Scheibe dicker aufträgt, schlicht auch mal den Punk von rechts gibt, war meine Einlassung eher ein kleiner Wink an @Laurenz, sein sonst gehaltenes Niveau nicht ohne Not durch Zoten der Altherren-Art zu unterbieten.

3. Gegen Sex hat niemand etwas, nur gilt in konservativen Kreisen der Spruch, der Gentleman genießt und schweigt …

Cugel
4. Oktober 2019 11:42

@Franz Bettinger
Nemesis hat das tatsächlich sehr gut beschrieben.

Aber:
"Diese Sinn stiftende Dimension kommt bei Marx nicht vor."

Habe ich früher auch so gesehen, aber ist das wirklich so?
War für Marx nicht gerade (auch) die Entfremdung von der Arbeit unter den arbeitsteiligen, ausbeuterischen Produktionsbedingungen Ansporn seiner theoretischen Überlegungen (so sehr diese auch fehlgingen)? Marx war kein Marxist.

heinrichbrueck
4. Oktober 2019 12:49

@ Franz Bettinger
Das BGE gibt es schon. Das verzinste Geldsystem; wie Geld entsteht und in Umlauf gebracht wird; der Finanzstrom von Fleißig nach Reich etc. Vor zwanzig Jahren wurde weniger produziert, was aber an den Wochenarbeitsstunden nichts geändert hat. Für wen arbeitet Deutschland? Rico Albrecht hat dazu einiges gesagt, andere auch. Wagenknecht und Marx sind für die Bankenkapitalisten und deren Zinssystem keine allzu große Gefahr, und als Politikerin ohnehin Zeitverschwendung bzw. ein leichtes Ökonomiehobby.

Andreas Walter
4. Oktober 2019 18:30

Für einen kurzen Moment dachte ich bei mir, fast schon ein wenig sauer, "Herr Gott , was hat denn Sahra Wagenknecht bitte mit der, mit unserer sozialen Frage zu tun?" Doch dann viel es mir wieder ein. Der Sozialstaat als Vaterfigur, Ersatzvater. Stalin als Supermann, Übervater.

https://www.tantra.de/664/papatoechter/

Vater, warum hast du mich verlassen? Erinnert mich darum auch ein wenig an Petra Kelly und ihren Beschützer. Auch unsere Kanzlerin hat mit dem Thema darum etwas zu tun, allerdings negativer. Ein wichtiger, weiterer Begriff in diesem Zusammenhang ist die Puella Aeterna, das Ewige Mädchen (manchmal auch gepanzerte Amazone). Sie ist das weibliche Gegenstück auch zu Peter Pan, also dem Muttersohn im Allgemeinen. Auch da gibt es allerdings, wie bei der Vatertochter, unterschiedliche Typen (Kompensationsstrategien). Auf dem Auge war Freud darum leider auch Blind, wie auch viele andere berühmte (und auch berüchtigte) Frauen und Männer. Gerade auch bei Sozialisten und Kommunisten, die an den Vater im Himmel darum schon lange nicht mehr glauben (zerstörtes oder gestörtes Urvertrauen).

Wie bei meiner Oma und Opa mütterlicherseits, beide darum Nationalsozialisten, auch auf der Suche nach Schutz (protection):

https://youtu.be/Epgo8ixX6Wo

Wobei nicht nur abwesender oder unaufmerksamer Vater (Mutter) oder sogar liebloser Vater (Mutter) zählen, sondern auch schwacher Vater oder dominante Mutter. Auch ich war darum Jahrzehnte lang ein Suchender, bis ich (in grosser emotionaler Not) dann auf die tantrischen Lehren gestossen bin. Eureka.

Nemesis
4. Oktober 2019 19:48

@Imagine
Meine Betrachtung bezog sich nicht auf Rentner, sondern auf Menschen, die noch im Arbeitsprozeß stehen. Und dort macht es einen gewaltigen Unterschied, ob sie von Funktionären oder , wie von mir angeführt, von einem Arbeitgeber, den sie wechseln können, abhängig sind.

„Der ökonomisch Gebildete weiß daher, daher dass jegliche(!) Altersversorgung eine funktionierende Ökonomie voraussetzt“

1. Das weiß sogar der ökonomisch ungebildete – auch ganz ohne Mackenroth-Theorem.
2. Wenn Sie es denn mit Ihren ganzen Ausführungen zur Ausbeutung wirklich ernst meinten, dann wäre eigentlich das Allererste was Sie tun müßten, gemäß Ihren eigenen Anschauungen, komplett auf Ihren Beamtenrentenbezug zu verzichten. Schließlich bin ich es der dafür ausgebeutet wird, ihre Beamtenrentenbezüge zu finanzieren.
Und irgendwann müßte ja dann mal der Kreis unterbrochen werden.
Aber soweit geht dann der Kampf gegen die Ausbeutung dann wohl doch nicht. In der Theorie schon – nur in der praktischen Umsetzung haperts dann i.d.R..
Aber wen interessiert schon die Praxis.

Ihre gesamte Argumentationen sind stets auf diesem Niveau:
DER Kapitalist, der Ausbeuter, der Verskalver…

Ich habe keine Ahnung in welchen Kreisen Sie verkehren.
Ich kenne jedoch genügend KMUs (Klein- und Mittelständler) bei denen Ihre haltlosen Verallgemeinerungen noch nicht mal ansatzweise zutreffen. Das sind verantwortungsvolle Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, die sehr wohl wissen, daß der Erfolg ihrer Unternehmung mit Ihren Angestellten steht und fällt. Und die sich dieser Verantwortung auch stellen. Tagtäglich.

„Diese Aussage ist trivial, fast zum Fremdschämen. Denn jeder Mensch weiß, dass es auch „anziehende Arbeit/Tätigkeit“ gibt (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Hobby).“

Ich wäre mal gespannt gewesen, wie der Hörsaal in dem Sie offenbar unterrichteten und die zugehörige Infrastruktur ausgesehen hätte, wenn jeder nur seinem „Hobby“ nachgeht. Das gleiche gilt für Ihr Haus…
Jeder Ungebildete weiß – auch ganz ohne „Mackenroth- oder irgend einem anderen Theorem“ - daß das nicht funktionieren kann. Bei dem ein oder anderen „Gebildeten“ bin ich mir da aber nicht ganz so sicher.
Apropos fremdschämen: Das müssen Sie keineswegs – es reicht vollkommen für sich selber die Verantwortung zu übernehmen.

„Es kennzeichnet die Reaktionäre, dass sie Feinde von allgemeiner Freiheit sind. Als Sozialdarwinisten wollen sie nur Freiheit für sich und ihresgleichen. Daher sind sie auch Feinde der Gleichheit und Verweigerer von sozialer Solidarität, auch wenn sie gern von „Volksgemeinschaft“ schwätzen.

Ich erlaube mir mal, Sie selber zu zitieren:
„...Ich bin Rentner mit guter Altersversorgung... Damals ausgestattet mit einem guten Stipendium...Deshalb habe ich schon vor längerer Zeit die Konsequenzen gezogen und lebe in einem anderen Land. Allerdings beziehe ich aus Deutschland meine Altersversorgung.“

Gleichheit und soziale Solidarität?
LOL.

Franz Bettinger
4. Oktober 2019 21:10

@Heinrich Brueck: Irrtum. Die Bedingung beim Zins-geld-System ist: Geld. Es handelt sich mtnichten um ein BGE = Bedingungsloeses Grundeinkommen, welches lediglich an die leibliche Existenz gebunden ist. Geld müssen Sie erst mal schaffen, d.h. erarbeiten. Sie können es auch erben. Sie können auch Intelligenz und Schönheit erben. Ist das alles ungerecht? Soll das alles eingeebnet werden? Die LInken sagen Ja. Ich sage Nein.

Ratwolf
4. Oktober 2019 23:02

Wenn über Frau Wagenknecht diskutiert wird, dann über sie als Frau, und weniger über die Inhalte ihrer Bücher oder ihrer Aussagen. Wenn ihr Name fällt, dann steht sie im Raum und es bleibt eine Lücke in der alle hineinspringen. Da sie wahrscheinlich diese Kommentare lesen wird, spare ich mir aus Respekt vor ihrer Privatisiere weitere Ausführungen.

Marx und Goethe waren Menschen, welche schöne Worte geschrieben haben, aber in der Praxis gescheitert sind und den Menschen viel zusätzliche Arbeit und Leid hinzugefügt haben.
Das sind für mich keine Vorbilder.

Ist die AfD nach den Grünen und den Linken als nächstes dran um zu scheitern und zur Systempartei zu werden? Ich hoffe nicht.

Eine Schwächung durch wirtschaftliche Linksverschiebung ("Maduroisierung") wäre genau das, was sich die Konkurrenten wünschen.

Oder wie Sloterdijk am Ende zu den Gesprächen zu "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" antwortete: Man muss auch sehen, dass man Stark und Fit bleibt, um zu bestehen.

heinrichbrueck
5. Oktober 2019 11:56

@ Franz Bettinger
Geld als Tauschmittel hat mit Rechtslinksverteilung nichts zu tun. Solange ich keine satte Million auf dem Konto habe, muß ich Zinsen zahlen. Jedermann wird in die Verschuldung hineingeboren, sofern ihm keine Million (Minimum eine halbe) in die Wiege gelegt wird. Steuern, Target, Handelsüberschüsse, alles verschenktes Geld. Fleiß gegen das Eigene, wird die Rechnung volkswirtschaftlich betrachtet. Nicht nur Leistungsbereitschaft und Erfindungsreichtum wird gestohlen, auch weniger Waren stehen zur Verfügung, das Eigene kann dezimiert werden. Wenn alle Geld erarbeiten, über Verschuldung aus dem Nichts geschaffen, dafür Zinsen zahlen (dagegen ist die kreative Buchführung der Mafia ein Witz), muß es immer Wachstum geben. Was linear wachsen und nachhaltig verwertet werden kann, wird exponentiell vom Zinssystem gefressen. Das BGE wird verschenkt, das Eigene geht leer aus. Wir drehen uns in einem gefährlichen Hamsterrad, dessen Kreisung antideutsch (global: antiweiß) verläuft.

Lotta Vorbeck
5. Oktober 2019 13:23

@Franz Bettinger - 4. Oktober 2019 - 09:10 PM

"... Die Bedingung beim Zins-Geld-System ist: Geld. Es handelt sich mtnichten um ein BGE = Bedingungsloses Grundeinkommen, welches lediglich an die leibliche Existenz gebunden ist. Geld müssen Sie erst mal schaffen, d.h. erarbeiten. Sie können es auch erben. Sie können auch Intelligenz und Schönheit erben. Ist das alles ungerecht? Soll das alles eingeebnet werden? Die Linken sagen Ja. Ich sage Nein."

****************************************************

Zustimmung, solange man sich in einem wertgedeckten Geldsystem bewegt.

In einem auf Betrug basierenden FIAT-Money-System in dem die Einen frisches Geld buchstäblich aus dem NICHTS generieren, ergo im Rechenzentrum der FED oder der EZB oder in einer Wertpapierdruckerei produzieren und in beliebiger Menge in Umlauf bringen dürfen, während es die Anderen wertschöpfend erarbeiten sollen, ist es Zweiteren nicht mehr möglich auf einen grünen Zweig zu kommen.

Imagine
5. Oktober 2019 14:49

@Nemesis 4. Oktober 2019 19:48
„Meine Betrachtung bezog sich nicht auf Rentner, sondern auf Menschen, die noch im Arbeitsprozeß stehen. Und dort macht es einen gewaltigen Unterschied, ob sie von Funktionären oder , wie von mir angeführt, von einem Arbeitgeber, den sie wechseln können, abhängig sind.“

Mein Ausgangspunkt ist im Gegensatz zu dem Ihrigen das Volk. Die Nation ist ein realer Lebens- und Wirtschaftszusammenhang. Nationalökonomie ist Volksökonomie. Sie gehört dem ganzen Volk und man kann nun überlegen, wie diese am sinnvollsten organisiert werden kann. Also wie man die Menschen motivieren kann, im Interesse des ganzen Volkes ökonomisch tätig zu sein.

Das Grundprinzip muss sein, dass Menschen, die sich pro-sozial und pro-national verhalten, belohnt werden, und diejenigen, die sich anti-sozial und anti-national verhalten, negativ sanktioniert werden. Denn nur so kann eine Nationalökonomie optimal funktionieren. Diese Ökonomie ist gewissermaßen ein volkseigener Betrieb, der die gesamte Volkswirtschaft umfasst und die Staatsbürger sind Anteilseigner.

Dazu muss man begreifen, dass das Soziale und das Nationale in Nationalstaaten immer zusammengehören. Das ist eine Erkenntnis, die weder bei den Linken noch den Rechten weit verbreitet ist.

Auch Sie, Herr Nemesis, argumentieren wie ein Liberaler, der die individuelle Freiheit immer gegen das gesellschaftliche Ganze setzt. Für den Liberalen sind der Staat und seine Funktionäre/Beamten immer etwas, dass die individuelle Freiheit bedroht. Das ist ein zentrales Dogma von Rechtsliberalen wie Ihnen.

Nun stellen sich bei einer Nationalökonomie zwei zentrale Fragen:

1. Wie kann das System der nationalen Reichtumsproduktion – also der Arbeitsprozess – am Sinnvollsten organisiert werden? Diese Frage habe ich bereits beantwortet, nämlich durch Belohnung, also mit Geld, mit sozialer Anerkennung etc.

2. Wie wird der Output des ökonomischen Systems verteilt?
Immer muss man diejenigen, welche gesellschaftlich nützliche – als pro-soziale und pro-nationale – Arbeit leisten dadurch motivieren, indem man sie belohnt. Das nennt sich Leistungsprinzip.
Selbstverständlich muss man jene, die als Unternehmer, Forscher, Erfinder, Wissenschaftler, Verwaltungs- und Infrastrukturexperten (= Beamte) etc. tätig sind, besser belohnen, denn sie sind diejenigen, welche das volkswirtschaftliche System durch wissenschaftlich-technischen, unternehmerischen und organisatorischen Fortschritt immer mehr voranbringen und optimieren. Zudem müssen sie mehr und schwerere Lernarbeit leisten und dazu Leistungs- und Leidensbereitschaft aufbringen.

Ist die gesamtökonomische Optimierung so weit vorangeschritten, dass das Stadium einer Überflussökonomie erreicht ist, so kann man den überflüssigen Output an das Volk verteilen. So wie die Aktionäre als Shareholder aus einem Privatunternehmungen Ausschüttungen erhalten. Nur dass es sich hier um eine Volkswirtschaft handelt, die dem Volk gehört.

Genau das ist das BGE, eine Ausschüttung an das Volk aus einer Überflussökonomie.

Dass die Mehrzahl der Rechten dies nicht kapiert, zeigt, wie sehr diese noch im liberalen Denken gefangen sind und nicht begriffen haben, dass wir uns im Stadium einer Überflussökonomie befinden.

Es gibt auch in Deutschland Intellektuelle, die das Soziale und Nationale systemisch zusammenbringen. Interessanterweise stammen sie, wie die französische „Neue Rechte“, aus der marxistisch gebildeten Linken. Aber man kennt in der Öffentlichkeit weder diese Personen noch deren Werke.

In Deutschland und Österreich ist die Bezeichnung „Neue Rechte“ nur ein ideologische Verpackung, während es sich inhaltlich in Wirklichkeit um eine Fortsetzung der alten Rechten handelt.

Mit einer fortschrittlichen nationalen Sammlungsbewegung, die das Soziale und Nationale zusammenbringt, müsste folglich etwas Neues entstehen, was über die gegenwärtigen verfeindeten rechten und linken Lagerbildungen hinausgeht.

So wie damals in der APO, wo fortschrittliche Menschen eine Bewegung bildeten, die sowohl auf den Freiheitsideen des Liberalismus wie auf den Gemeinschaftsideen des Sozialismus aufbaute und die sich quer zum Kapitalismus des Westens und zum (Pseudo)Sozialismus des Ostens bildete. Das gemeinsame Ziel der Neugestaltung der Gesellschaft machte die neue Qualität der Bewegung aus.

Alain de Benoist im Gespräch mit Benedikt Kaiser:
„Die Wahrheit ist, daß es immer mehrere Linken und mehrere Rechten gegeben hat, und daß einige von diesen Linken und einige von diesen Rechten mehr Affinitäten zueinander als zu jenen ihres Lagers hatten. Sich heute „links“ oder „rechts“ zu verorten, ist eine bequeme Art und Weise, die Dinge zu betrachten. Wenn jemand zu mir sagt, er sei „links“ oder „rechts“, erzählt mir das nichts über seine Vorstellungen. Es gibt eine liberale Rechte und eine antiliberale Rechte, eine revolutionäre Rechte und eine gegenrevolutionäre Rechte, eine Rechte, die für die Europäische Union optiert, und eine Rechte, die ihr feindselig gesonnen ist, eine pro-amerikanische Rechte und eine anti-amerikanische Rechte usw. Und selbstverständlich verhält es sich auf der linken Seite genauso.
Was die soziologischen Spaltungen betrifft, so sind auch sie selbst aufgebrochen (in Frankreich ist die erste Partei der Arbeiter nun der Front National). Der heutige Klassenkampf setzt der Neuen (transnationalen und globalisierten) Klasse die Gesamtheit der Mittelschichten und der Volksklassen entgegen.“

Die „Rassemblement National“ (RN), früher „Front National“, steht von Inhalten und Zielen links von der SPD und der Linkspartei. Sie integriert das Nationale und das Soziale. RN ist also eine echte Volkspartei und Volksbewegung. So etwas gibt es in Deutschland nicht. Zudem gibt es hier keine einzige politisch-oppositionelle Persönlichkeit, die über eine Anhänger- und Wählerbasis auch nur annähernd groß und breit verfügt, wie Marine Le Pen sie besitzt.

Es sieht nicht so aus, als könnte in Deutschland eine derartige „Nationale Sammlungsbewegung“ entstehen. Weil es an einer entsprechenden politischen Bewusstseinsentwicklung in der Bevölkerung mangelt und es auch keine Führungspersönlichkeit gibt, die eine derartige Entwicklung initiieren und voranzutreiben vermag. In Deutschland haben die gegenwärtigen politischen Führungsfiguren nicht das Zeug dazu.

@Nemesis:
„Wenn Sie es denn mit Ihren ganzen Ausführungen zur Ausbeutung wirklich ernst meinten, dann wäre eigentlich das Allererste was Sie tun müßten, gemäß Ihren eigenen Anschauungen, komplett auf Ihren Beamtenrentenbezug zu verzichten. Schließlich bin ich es der dafür ausgebeutet wird, ihre Beamtenrentenbezüge zu finanzieren.“

Sorry, dies ist eine idiotische Argumentation, typisch für Liberale. Denn ohne Verwaltungs-, Justiz-, Polizei-, Wissenschaftsbeamte etc. würde das hocharbeitsteilige und hochkomplexe gesellschaftliche System überhaupt nicht funktionieren. Ich selbst habe immer prosoziale und volkswirtschaftlich nützliche Arbeit geleistet und folglich steht mir auch eine Altersversorgung zu, die mich vor Armut und Abstieg schützt. Zudem war ich einen Großteil meiner Lebensarbeitszeit als Selbständiger und Arbeitgeber tätig.

Zur individuellen Freiheit gehört die Freiheit, dorthin zu gehen, wo man leben und arbeiten möchte und sich wohl fühlt. Jeder Fisch schwimmt dorthin, wo er sich am Wohlsten fühlt.

Es gab eine Zeit, in der ich mich in Deutschland wohlgefühlt habe und auch nicht weggegangen wäre. Aber diese neoliberale – also anti-soziale, anti-nationale und reaktionäre – Politik, die zur Zeit der sog. Lambsdorff-Papier einsetzte und in der jene Bürger, die sich für das Allgemeinwohl einsetzten, bekämpft und benachteiligt wurden, hat mich aus Deutschland vertrieben. Insofern bin ich Heimatvertriebener.

zeitschnur
6. Oktober 2019 12:14

@ RMH

Das "etiam si omnes" - wissen Sie, von wem der Satz stammt?
Vom heiligen Petrus!
Und wer war der, der dann doch der war, der dem Druck aller nachgab und Jesus verleugnete?
Der heilige Petrus!
Sie wissen schon: der Hahn krähte dreimal.
Und wer von uns allem wird von sich sagen können, dass er aber ganz gewiss nicht doch auch zu den omnes überwechselt, wenn es brenzlig wird, oder wenn die Lage so verwirrt sein wird, dass wir womöglich die omnes mit den pauci verwechseln, denn genau das wird uns ja bereits auch massenmedial total verdreht.

Imagine
6. Oktober 2019 13:31

Die deutsche Nation befindet sich seit 1918 im Bürgerkrieg, als Deutsche auf Deutsche schossen. Die Reaktionäre haben zuerst geschossen. Sie waren die ersten, welche den Klassengegner mit Mord bekämpften, beginnend mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Reaktionäre haben eine Blutschnur durch Putsche und Fememorde durch die deutsche Nation gezogen. Und nachdem sie Hitler an die Macht gebracht hatten, begann das große Foltern und Morden. Danach haben die Reaktionäre im Bündnis mit den Hitler-Nazis das deutsche Volk in einem Raub- und Versklavungskrieg verheizt. Sie sind daran schuld, dass Deutschland nach dem Krieg in Schutt und Asche lag, Millionen von Toten zu beklagen hatte und geteilt worden war.

So wie sie heute für den Niedergang Deutschlands und die Zerstörung des deutschen Volkes und seiner Kultur verantwortlich sind.

Die Nazi-Führer kamen von unten und aus der Mitte und wollten nach ganz oben. Sie sahen sich als neuer Adel. Und ihren Hass gegen die alte Herrenklasse haben sie nach dem gescheiterten Putsch von 1944 ausgelebt, als sie Adlige an Fleischerhaken in Plötzensee aufhängten.

Nach langer Zeit eines befriedeten Klassenkampfes brach dieser 1967 erneut blutig auf, als ein Polizist einen friedlichen Demonstranten ermordete und anschließend freigesprochen wurde. So wie die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht juristisch nie zur Verantwortung gezogen wurden.

Der Klassenkampf der „Neuen Linken“ – gebildet aus Angehörigen der Intelligenzschichten - hatte jedoch mit jenem der Arbeiterbewegung wenig gemein und gewann auch keine Massenbasis bei den körperlich Arbeitenden.

Dieser neue politische Kampf der Progressiven gegen die Reaktionäre wurde durch repressive Maßnahmen, wie z.B. die Berufsverbote, unterdrückt. Die revolutionären Linken erkannten, dass sie eine Totalniederlage erlitten hatten und es nunmehr darum ging, als Individuum nicht im Prekariat zu landen.

Ein Teil der politisch aktiven ehemaligen Linken wurden zu einer neoliberalen, neuen Rechten, zu „Realos“, die im System in die höchsten politischen Positionen aufstiegen. Anders als die französische „Neue Rechte“ tarnte sich – soziologisch betrachtet - deren politisches Pendant in Deutschland als „links“ und „grün“ und betrieb in praxi zunächst eine pseudo-emanzipatorische Symbolpolitik (Pseudo-Frauenemanzipation aka Feminismus, Pseudo-Friedensbewegung, Pseudo-Ökopolitik).

Später, als „68-er-Konvertiten“ (Scholl-Latour) in der Regierung Schröder-Fischer oben angekommen waren, betrieben sie eine offen neoliberale Politik, die Schröder der verratenen SPD-Klientel als „New Labour“ verkaufte, während die Grünen die Rolle einer Antreiberin für neoliberale Gegen-Reformen einnahmen.

Die „Neue Rechte“ in Deutschland und Österreich steht mehrheitlich auf Seiten der alten Reaktionäre. Am besten kann man dies in Österreich beobachten, wo der Führer der Identitären sich zum Fanboy von Strache machte. Außer politisch-pubertären, auf Provokation angelegten symbolischen Aktionen gegen die Migrationspolitik haben die Identitären bislang nichts zustande gebracht. In Deutschland ist „Neue Rechte“ Parteigänger der neoliberalen AfD. Aber nicht alle politisch Aktiven im Spektrum der „Neuen Rechten“ sind Anhänger einer reaktionären, rechtsliberalen (neoliberalen) Politik. Doch diese "Nationalsozialen" sind bislang eine Minderheit, genauso wie Wagenknecht zu einer Minderheit in der parteipolitisch organisierten Linken gehört.

Sahra Wagenknecht ist keine Mette Frederiksen und wird es vermutlich auch nicht werden. „Aufstehen“ war nicht als oppositionelle soziale und(!) nationale Sammlungsbewegung konzipiert.

Befinden wir uns noch im Stadium des Vorbürgerkriegs oder im Beginn eines blutigen Bürgerkriegs? Es gibt immer mehr politische Gewalt, auch gegen Personen. Mordbereitschaft gibt es bei linken und rechten Extremisten, wobei die bisherigen Morde fast ausschließlich durch Rechtsextremisten ausgeführt wurden bzw. diesen zugeschrieben wurden.

Aber gegenwärtig kämpfen nicht Progressive gegen Reaktionäre gegeneinander, sondern pseudo-linke, neoliberale Reaktionäre gegen „konservative“ Reaktionäre. Soziologisch betrachtet, ist dieser Bürgerkrieg in Deutschland und Österreich – in Frankreich ist dies anders – nicht Ausdruck der antagonistischen Klassenstruktur zwischen Kapital und Lohnarbeit, sondern ein Kulturkampf von völkischen Retros gegen neoliberale und globalistische Pseudo-Modernisierer.

links ist wo der daumen rechts ist
6. Oktober 2019 16:49

@ Imagine

Sind S' mir nicht bös, aber ein bißchen muß ich bei Ihren Schilderungen Ihres wohlverdienten Rentnerdasein im Ausland an Benns berüchtigten Brief an die Emigranten denken (damals überzogen und von Benn später bedauert, heute mehr als berechtigt).

Hier die neoliberale Hölle, dort die sonnige Riviera.

Und genußvoll schildern Sie Ihre Dystopien in den grellsten Farben.
Zynismus? Ästhetische Lust am Untergang aus wohliger Distanz?
Trifft eh nur die Blöden, die geblieben sind?

Zumindest weiß ich jetzt, warum Sie auf etwaige Alternativszenarien (auch von mir formuliert) nie antworten. Wozu auch?

Nemesis
6. Oktober 2019 17:41

@Imagine
vielen Dank für Ihre ausführliche Rückantwort.
Ebenfalls ausführlich meine. Ich hoffe, daß es durchgeht; ich habs aber nicht kürzer hinbekommen.

Mir ist bewußt – und es war durchaus auch von mir so intendiert -, daß meine Gegenrede polemischer Art ist.
Sie ist, gewissermaßen verengend auf das persönliche,
eine provozierende Gegenreaktion gegen Ihre verallgemeinernde Polemik. Beide Ansätze aber, so denke ich, können einer sehr komplexen Wirklichkeit letztlich nicht gerecht werden.

Das zugrunde liegende Problem ist für mich Folgendes:
Unsere persönlichen Sicht-und Denkweisen werden offensichtlich von unseren Ausbildungen und Professionen
in Form eines kreiskausalen Prozesses geprägt.

I Konkret:
Für Sie z.B. als ausgebildeten Nationalökonomen (so vermute ich) ist die Gesamtheit, das Umfassende, das „Große und Ganze“ Gegenstand Ihrer Betrachtungsweise. Ohne Ihnen diesbezüglich Ausschließlichkeit zu unterstellen, zeigen Ihre Betrachtungen das ja auch. Damit verbunden sind natürlich entsprechend allgemeine, d.h. abstrahierte Lösungsansätze und Aussagen. Ich halte das für legitim und auch für wichtig. Für mich hingegen sind allgemeine und abstrahierende Lösungsansätze jedoch nur die halbe Miete. (Bezahlt z.B. werde ich nur für konkrete Lösungen. Leider... :))

II Konkretisierung der Konkretheit :
Die positiv aufgeführten Eigenschaften Ihres Modells kann ich ohne Probleme unterschreiben. Allein: Mein praktischer Instinkt (wenn man so will) sagt mir, daß Ihre Überlegungen sehr wahrscheinlich an einem Punkt scheitern. Nämlich an der konkreten Steuerung (nicht Umsetzung) Ihres Modells.

Was ich nicht erkennen kann, ist, was verhindern könnte, daß sich die gleichen Mechanismen durchsetzen, wie wir sie in der augenblicklich gegebenen Situation haben: vollständige Abkopplung. Eine Argumentation, daß dies durch - einerseits staatliche Auflagen – andererseits durch verantwortliche Führung (Funktionäre) sichergestellt wird, kann ich aufgrund der Empirie nicht gelten lassen. Es mag -temporär – funktionieren. Die Vergangenheit zeigt, daß dies i.d.R. nach katastrophalen Umständen (Krieg etc.) für eine gewisse Zeit zu funktionieren scheint. Aber eben nur temporär. Ich denke, an was es tatsächlich scheitert, ist an der Natur des Menschen.

Wenn dies aber so ist, so ist die entscheidende Frage:
Welches Gesellschaftsmodell bietet die besten Korrektur und Widerstandsmechanismen? Und können diese realistischerweise umgesetzt werden?

„Auch Sie, Herr Nemesis, argumentieren wie ein Liberaler, der die individuelle Freiheit immer gegen das gesellschaftliche Ganze setzt. Für den Liberalen sind der Staat und seine Funktionäre/Beamten immer etwas, dass die individuelle Freiheit bedroht. Das ist ein zentrales Dogma von Rechtsliberalen wie Ihnen.“

Nein, ich setze die individuelle Freiheit nicht immer gegen das gesellschaftliche Ganze. Ich lehne den Staat und seine Funktionäre/Beamten nicht grundsätzlich ab. Auf der anderen Seite, und das ergibt sich für mich aus dem oben angeführten, kann man aber die Bedrohung der individuellen Freiheit nicht einfach wegdefinieren. Sie ist - und die Geschichte zeigt es - durchaus real. Und diese Gefahr zu negieren, ist, wenn Sie so möchten, aus meiner Sicht das gegenläufig zentrale Dogma.

Auch bin ich keineswegs grundsätzlich der Ansicht, daß Arbeit ausschließlich aufgrund von Pflicht zu erfolgen hätte. Dennoch halte ich das Zitat das @Franz Bettinger beigesteuert hat (danke an der Stelle) für tiefgründig. Ausschließliche Pflicht führt aber, nach meiner Sicht, genauso zur Knechtschaft, wie ausschließliche Freiheit.

Solange wir leben, bleibt es wohl dabei:
Es ist ein stetes Ringen um diese Gegensätzlichkeiten:
Individualismus vs Kollektiv, Freiheit vs Pflicht, Abstraktheit vs Konkretheit, Offenheit vs Abgrenzung… und in der Natur scheint dies ja auch ein grundlegendes Prinzip zu sein:
Welle-Teilchen Dualismus, Impuls-Ortsauflösung, Frequenz-Zeitdomänenbetrachtung, dissipative vs konservative Systeme… Weshalb sollten dann unsere gesellschaftlich- und individuelle Wirklichkeiten – als Teil dieser Natur - davon ausgenommen sein? Mir ist auch klar, daß man sich mit dieser Sichtweise dem Vorwurfs aussetzt, einer Beliebigkeit das Wort zu reden, einem anything goes – und das gerade in Zeiten einer zunehmenden Polarisierung. Dies halte ich jedoch nicht für zwingend: Man kann dennoch durchaus versuchen, seine Randparameter präzise zu setzen.
Komplizierte Welt...

„Schließlich bin ich es der dafür ausgebeutet wird, ihre Beamtenrentenbezüge zu finanzieren.“
„Sorry, dies ist eine idiotische Argumentation...,“

Ja natürlich ist sie das.
Vielleicht nicht komplett idiotisch – ist die zugrunde liegende Kernaussage ja nicht falsch – aber natürlich extrem polemisch. Was man schon an der Tatsache ableiten kann, daß, selbst wenn Sie auf Ihre Bezüge verzichteten, sich an den Auswirkungen rein gar nichts verändern würde.
Was man aber eben auf der anderen Seite auch sehen muß:
Es geht ein Zyklus zu Ende. Ich (d.h. meine Generation) steht in diesem Riß. Wir sind dazu verdonnert, die Rente Ihrer Generation zu erwirtschaften (nachdem das Plus abgeschöpft wurde) und wir wissen beide, was das am Ende heißt.
Das wird aber nicht dadurch besser, daß man – generalisierend – die Kapitalisten über einen Kamm schert. Mein Hinweis auf die mir bekannten KMUs, die ja allesamt „Kapitalisten“ sind, bei denen sich jedoch viele (selbstverständlich nicht alle) Ihrer Verantwortung sehr bewußt sind , sollte das verdeutlichen. Insofern plädiere ich lediglich für eine differenziertere Sicht, denn: Wären diese „Kapitalisten“ nicht: Sie wissen, wie hoch Ihre Rentenbezüge dann jetzt wären.

Und sie können sich diesbezüglich auch sicher sein:
Ich neide Ihnen weder Ihre Alters- und Ruhebezüge noch Ihren Ruhesitz. Täte ich das, dann wäre das Ziel einer weiteren Fragmentierung erreicht.

Was aber nicht in einer Harmoniesauße enden muß.
Eine gepfefferte sachlich logische Gegenrede tut immer not
-manchmal vielleicht auch eine Emotionale.
Sie wissen schon: die Gegensätze...

Grüße in die Schweiz (vermute ich mal) – oder wo auch immer Sie hingeschwommen sind.

Waldkind
6. Oktober 2019 22:51

@Imagine
Wie es scheint, sind Sie - Stipendium, Studium, Lehrtätigkeit, Pension IM AUSLAND - ein Leben lang alimentiert worden. Und dann legen Sie "der Gesellschaft" ein paar halbgare Gedanken zum BGE vor?
Sie sind ein Profiteur durch und durch und wedeln dann noch frech mit dem Schild des "Heimatvertriebenen"?

In meiner Heimat nennt man Leute wie Sie ganz einfach einen Schnacker.

Man kann an Marx vieles scharf kritisieren, aber den Aspekt der entfremdeten, ergo auch sinnentleerten Arbeit hat er sehr gut herausgearbeitet. Das BGE ist an Entfremdung nicht mehr zu überbieten: Es stellt keinerlei Bezug zum eigenen Beitrag am Gemeinwesen her; stellt keine Fragen nach der "solidarischen" Entlastung von Produzenten; thematisiert keine Vorstellung davon, was zu produzieren einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft sinnstiftend und förderlich wäre. Für Marx, den ich keineswegs verehre, wären Propagandisten des BGE Lumpenproletarier mit Kreativphasen gewesen.
Das BGE ist einzig dazu geeignet, den auf Konsum und Wachstum basierenden kapitalistischen Wirtschaftskreislauf zu schmieren, weshalb gerade gerade auch Vertreter aus diesen Kreisen zu seinen größten Befürwortern zählen.

Ich kann mich eines gewissen hämischen Lachens ob dieser totalverblödeten heutigen Linken nicht erwehren.

Nur der Vollständigkeit halber: Generell scheint mir der gesamte Linksrechtskindergarten dazu geeignet, dem Nachspüren geistreicher Gedanken egal woher aus dem Weg zu gehen. Das ergründet gar nichts.

Imagine
8. Oktober 2019 22:02

Zum Thema, ob und wie in Deutschland eine „sozialpatriotische“ Kraft entstehen kann, gibt es einen interessanten Beitrag von Florian Sander in der Netzpublikation „konservative revolution.“

Sander schreibt dort, dass er „vielfach und an mehreren Stellen bereits für einen sozialpatriotischen Wandel der AfD Stellung bezogen [hat] (was gewiss, in der einen oder der anderen Form, auch künftig wieder der Fall sein wird). Der Politikwissenschaftler, Verlagslektor und Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser kann im rechtsintellektuell-publizistischen Milieu als einer der profiliertesten und engagiertesten Vorkämpfer eines solchen Wandels nicht nur der AfD, sondern der gesamten deutschen Neuen Rechten gelten.“
http://konservative-revolution.blogspot.com/2019/10/die-linke-marktlucke.html?m=1

Bei „ARCADI“ findet sich folgendes Autorenprofil:
„Florian Sander ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Außerdem ist er Mitglied der Landesprogrammkommission sowie des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW. Er schrieb u. a. für Le Bohémien und Rubikon und betreibt auf http://konservative-revolution.blogspot.com seinen eigenen Blog.“
https://arcadi-online.de/author/florian/

Wenn ich mich recht erinnere, war er früher in der FDP. Er ist einer der Wenigen, der sowohl in rechten wie linken Netzpublikationen Artikel veröffentlich.

Sander:
„Doch warum fällt es Konservativen so schwer, sich in bestimmten Politikfeldern für klassisch-linke Positionen zu öffnen? An diesem Punkt wäre es spannend, von Kaiser einmal eine politisch-psychologische Analyse zu lesen. Denn die Antwort auf diese Grundfrage müsste notgedrungen wohl nicht lediglich auf rational-programmatische, sondern auch auf sehr irrational-habituelle Ursachen abstellen. Wer einmal, ganz abseits politikwissenschaftlicher Analysen, das politische Zusammenwirken sowohl linker als eben auch rechter Akteure jeweils untereinander erlebt hat, der wird hier gewichtige Unterschiede feststellen.“

Ohne Frage gibt es einen Linkspatriotismus. Wer sich als Linker dafür engagiert, dass die historischen Fortschritte hinsichtlich der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung – also für die 90+ Prozent des Volkes – bewahrt und verbessert werden, ist ein Patriot. Wer den sozialen Frieden bewahren will und Krieg vom eigenen Volk fernhalten will, ebenso.

Insofern sind die meisten Linken patriotischer als die meisten Rechten, auch wenn sie deren Deutschtümelei ablehnen gegenüberstehen.

Die Linkspatrioten pflegen eine andere Kultur als die Rechtspatrioten. Die Kulturen passen nicht zu einander. Deshalb gibt es diese Frontbildungen und Feindschaften und keine Sammlungsbewegung, die das Soziale mit dem Nationalen verbindet.

Selbstverständlich spielt in Deutschland noch der oben angesprochene Bürgerkrieg
nach 1918, der Nazi-Terror und die Dominanz der Ex-Nazis in den BRD-Institutionen eine Rolle.

Hier hat die sog. 68-er Bewegung und die SPD der 70-er Jahre zu einem kulturellen Bruch geführt.

Aber nach wie vor gibt es faschismus-affine Familien, Aber dies ist heute nur noch eine Minderheit. Die Mehrheit ist sozialdemokratisch orientiert und verbindet mit „rechts“: reaktionär, arbeiterfeindlich und sozialdarwinistisch.

Deshalb setzen Leute wie Florian Sander, die sich einen sozialpatriotischen Wandel der AfD erhoffen, aufs falsche Pferd.

Denn die AfD ist zur einen Seite offen für traditionelle rechtsfaschistische Tendenzen, zur anderen Seite für rechtsliberale aka neoliberale. Beide Hauptflügel zeigen eine kulturelle Verbundenheit hinsichtlich ihres sozialdarwinistischen Menschen- und Gesellschaftsbildes.

Die AfD hat – so meine These – vermutlich ihren parteipolitischen Zenit erreicht. Größer als jetzt wird ihr Wählerpotential nicht werden.

Im heutigen „Bürgerkrieg“ haben sich die Fronten völlig verändert.

Sander ist zuzustimmen, wenn er meint, dass die Frontlinien und der feindselige Hass nicht lediglich auf rational-programmatischen, sondern auch auf irrational-habituellen Ursachen basieren.

Nath
9. Oktober 2019 19:18

@Imagine

Ich glaube, wir stimmen in den wesentlichen Punkten überein, was die sozialökonomischen Grundlagen und die daraus abzuleitenden Möglichkeiten und Erfordernisse anbetrifft. Dass das bedingungslose Grundeinkommen für viele, auch sozialpatriotisch gesinnte Rechte, ein rotes Tuch bleibt, markiert gleichzeitig den wesentlichen Dissens zwischen denen, die an dem oben von mir skizzierten "emanzipatorischen Apriori" festhalten, und denen, welche der Meinung sind, dass die individuelle Selbstbestimmtheit als Zielvorgabe eine illusorische Wunschvorstellung bleiben muss, weil sie den "harten Fakten", die die "Natur der Dinge" uns anzuerkennen zwinge, nicht gerecht werde. Der Materialismus der Linken, der seine historische und systematische Wurzel in der Frontstellung gegen den Deutschen Idealismus hat, ist ein Problem für sich, aber meines Erachtens kann man davon insofern vorläufig abstrahieren, dass die marxsche Gleichung "wahrer Humanismus = wahrer Naturalismus" den Totalitätsbegriff Hegels (nicht etwa "Totalitarismus") zwar modifiziert, prinzipiell jedoch anerkennt. Das heißt in Bezug auf jene Gleichung, dass die im Menschen erreichte Stufe der Individuation ein Moment eben dieser Natur selbst ist und ihr keinesfalls antagonistisch gegenüber steht. Dies bedeutet dann aber, auch dass das Phänomen der menschlichen Bedürfnisstruktur und der in ihr sich bekundende Freiheitshorizont nicht als etwas "Widernatürliches" gebrandmarkt werden können.
Was in früheren Zeiten unmöglich war, ist es heute nicht mehr. Erwerbsarbeit ist kein "Zweck an sich" sondern war in vergangenen Epochen eine durchaus pejorativ verstandene Notwendigkeit, der sich aber nur die n i e d e r e n Klassen zu unterwerfen hatten (siehe das "neg-otium" als Privation und Gegenbegriff zur Muße (schole), die das wahre Menschsein in sich schließt. Besser wäre es, wenn überhaupt nicht gearbeitet werden müsste, da dies aber nicht so sei, bedürfe es der Sklaven, um die Muße derer, welche sich dem eigentlichen Telos des Menschseins zuwenden (paideia, techne, episteme, theoria) sicherzustellen - so argumentiert etwa Aristoteles).

Nun, inzwischen hat eben nicht nur "der Mensch", sondern in ihm und mit ihm auch "die Natur" selbst einige Fortschritte gemacht, so dass im Zusammenwirken von früher undenkbaren Produktivitätssteigerungen und wissenschaftlich-technischen Innovationen es weder der antiken noch der modernen (Lohn-)Sklaverei bedarf. Das BGE wäre keineswegs die finale Verwirklichung des "höchsten Menschheitstraums", sondern lediglich eine Etappe auf dem Weg zur Selbstbestimmtheit, die prinzipiell niemandem vorzuenthalten ist.

Ein Problem ist natürlich die Begrenzung des bedingungslosen Grundeinkommens z u n ä c h s t auf die Bürger der zivilsierten Gesellschaften, in welcher die Überflussproduktion sichergestellt ist. Richard Spencer zum Beispiel, der - sicherlich zur Überraschung vieler deutscher Rechter - ebenfalls ein BGE für Bürger der USA fordert und übrigens einen Bernie Sanders dem "tax-cutter" Donald Trump als Präsidenten vorziehen würde, betont emphatisch, die Voraussetzung dafür seien restriktive Maßnahmen gegen die Masseneinwanderung.

Wäre letzteres eine sozial-ökonomische Ungerechtigkeit gegenüber dem Rest der Welt? Hierzu habe ich zwar eine Meinung, will diese Frage aber vorläufig im Raum stehen lassen.