Wir sind alle noch hier. Tagebuch – Donnerstag, 21. Dezember

Letztes Wochenende war ich zu einer kleinen Runde im gemütlichen Jagdpavillon des Grafen von P. nahe der östlichen Grenze eingeladen. Die Stille, Abgeschiedenheit und Menschenleere des Ortes standen in wohltuendem Kontrast zum Getöse der Großstadt, aus der ich mit dem Zug spätabends angereist war.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die rück­wär­ti­ge Wand des Pavil­lons lehn­te sich an den dunk­len Rand eines Tan­nen­wal­des, in dem noch etwas Schnee vom gro­ßen Win­ter­ein­bruch vor zwei Wochen lie­gen­ge­blie­ben war. Die Innen­aus­stat­tung spie­gel­te den zuwei­len exzen­tri­schen Geschmack des Besit­zers wider. An der Wand hin­gen, neben den obli­ga­ten Hirsch­ge­wei­hen und Eber­köp­fen, Gemäl­de von öster­rei­chi­schen phan­tas­ti­schen Rea­lis­ten und pol­ni­schen Sur­rea­lis­ten sowie etli­che ita­lie­ni­sche Art-Deco-Drucke.

Im Bücher­stän­der däm­mer­ten, dem Ambi­en­te gemäß, anti­ke Bän­de in Gold und Braun, aber auch die gesam­mel­ten Wer­ke von Jules Ver­ne in der schö­nen (von mir per­sön­lich favo­ri­sier­ten) gel­ben Taschen­buch­aus­ga­be des Dio­ge­nes-Ver­lags aus den sieb­zi­ger Jah­ren mit den Kup­fer­sti­chen der Originalausgaben.

Auf den Rega­len stan­den neben geschmack­vol­len Skulp­tu­ren aller­lei pit­to­res­ke alchi­mis­ti­sche Appa­ra­tu­ren, Röh­ren, Phio­len, Alem­biks, Brenn­bla­sen, Mör­ser und glä­ser­ne Behäl­ter. Es war dem Gra­fen aller­dings, so teil­te er uns mit Bedau­ern mit, bis­lang noch nicht gelun­gen, “auch nur ein Stäub­chen Gold” her­zu­stel­len. Auf­ge­ge­ben hat­te er aller­dings noch nicht. Kapi­tu­la­ti­on ist nicht Teil sei­nes Charakters.

Nach einem üppi­gen Abend­essen nah­men wir Her­ren am Kamin­feu­er Platz, bedien­ten uns aus einem reich­li­chen Sor­ti­ment von Zigar­ren und Ziga­ril­los und schwenk­ten bau­chi­ge Cognac-Glä­ser. Obwohl sie Nicht­rau­che­rin­nen waren und abge­se­hen von ein, zwei Weiß­wein­sprit­zern abs­ti­nent blie­ben, gesell­ten sich zwei klu­ge, jun­ge Damen zu uns (die Gesamt­run­de war etwa zu glei­chen Tei­len mit Män­nern und Frau­en besetzt, auch ein paar Kin­der waren anwesend).

Eine der bei­den betrieb ein merk­wür­di­ges Kunst­hand­werk: Ihre Spe­zia­li­tät war die Anfer­ti­gung von Schmuck, Lam­pen, Aschen­be­chern, Gar­de­ro­ben­stän­dern und unde­fi­nier­ba­ren deko­ra­ti­ven Gegen­stän­den aus den Kno­chen aller nur erdenk­li­chen Tie­re, ins­be­son­de­re deren Schä­del. Sie hat­te es dar­in zu einer stu­pen­den Meis­ter­schaft gebracht. Man­che fan­den ihren Humor etwas makaber.

Die ande­re war nicht weni­ger eigen­wil­lig. Sie hat­te mir zuvor gestan­den, daß sie davon träu­me, sich das iko­ni­sche Kon­ter­fei eines düs­te­ren Phi­lo­so­phen der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on auf den rech­ten Ober­schen­kel täto­wie­ren zu las­sen, mit einem Schrift­zug in Frak­tur: “Oswald Speng­ler Ultras”.

Wir hat­ten schon den gan­zen Abend mit hei­te­ren und erns­ten Gesprä­chen ver­bracht, die in größ­ter Frei­heit und Offen­heit geführt wur­den, wie es heu­te nur mehr in spe­zi­el­len Refu­gi­en mög­lich ist.

Jeder ein­zel­ne Gast hat­te min­des­tens eine haar­sträu­ben­de Anek­do­te über die “Corona”-Jahre bei­zu­steu­ern, die wir alle­samt im hart­nä­cki­gen Wider­stands­mo­dus ver­bracht hat­ten. Auch ich hat­te aus die­sem Gen­re etli­ches bei­zu­steu­ern, ver­spür­te aber einen inne­ren Wider­wil­len, an die­se gera­de­zu trau­ma­ti­sche Zeit auch nur zu den­ken. Den­noch will und wer­de ich mein Leben lang nicht ver­ges­sen (und auch nicht ver­ge­ben), was damals gesche­hen ist.

Mit dem Fort­schrei­ten des Abends wur­de unse­re Stim­mung aus­ge­las­se­ner, unser Geläch­ter schal­len­der und home­ri­scher. Dann aber gelang­ten wir bei einem The­ma an, das unse­re Mie­nen schlag­ar­tig ver­fins­tern ließ und einen glü­hen­den, extre­mis­ti­schen, radi­ka­len, unver­söhn­li­chen, gren­zen­lo­sen Haß ohne Boden weckte.

Nun war der Spaß zu Ende. Sogar aus dem Ant­litz unse­res stets jovia­len Gast­ge­bers waren Iro­nie und Humor ver­schwun­den. Sei­ne Augen ver­eng­ten sich zu bedroh­li­chen Schlit­zen, Clint East­wood gleich, bevor er sei­ne Magnum zückt.

Denn nun blick­ten wir dem Unter­gang der Welt direkt ins Auge: Die Rede war auf die Ver­bre­chen der zeit­ge­nös­si­schen Archi­tek­tur gekommen.

Auf die Ver­schan­de­lung und Zer­stö­rung von Stadt- und Dorf­bild­ern. Auf den archi­tek­to­ni­schen Ver­nich­tungs­krieg gegen alles Gewach­se­ne, Orga­ni­sche und Über­lie­fer­te. Die Aus­lö­schung der in Räu­men bewahr­ten Spu­ren der Zeit, um die Gefäng­nis­se einer tyran­ni­schen, geschichts­lo­sen All-Gegen­wart zu errich­ten. Die Ver­flüs­si­gung kon­kre­ter Orte in ein unter­schieds­lo­ses Über­all und Nirgendwo.

Die schwach­sin­ni­gen, scheuß­li­chen, defor­mier­ten, stüm­per­haf­ten, teu­ren Skulp­tu­ren im öffent­li­chen Raum. Das Wuchern von bil­li­gen, schmuck­lo­sen, men­schen­un­wür­di­gen Beton­klöt­zen, deren Anblick Sui­zid­wün­sche weckt. Die meta­sta­sen­ar­tig vor­an­schrei­ten­de Boden­ver­sie­ge­lung und das ste­ti­ge Schwin­den von grü­nen und unbe­sie­del­ten Flä­chen. Gebäu­de, die vor ego­zen­tri­scher Wich­tig­tue­rei oder stumpf­sin­ni­ger Aso­zia­li­tät strot­zen, sich wie Rüpel oder stein­ge­wor­de­ner Pöbel auf Orten breit­ma­chen, an denen sie nichts ver­lo­ren haben.

Jeder ein­zel­ne Teil­neh­mer der Kamin­run­de konn­te ein Bei­spiel nen­nen, das sein ästhe­ti­sches und mora­li­sches Emp­fin­den zutiefst belei­digt hat­te. Die meis­ten Bei­spie­le, die genannt wur­den, stamm­ten nicht aus der Groß­stadt (wo der­lei ohne­hin kaum mehr wahr­ge­nom­men wird), son­dern aus der ver­meint­lich hei­len Pro­vinz, wo die archi­tek­to­ni­sche Ver­we­sung, die eine inne­re, geis­ti­ge Ver­we­sung wider­spie­gelt, beson­ders schmerz­lich sicht­bar wird.

Die einst beschau­li­che Haupt­stra­ße eines Dor­fes, in die ein form­lo­ses Ein­kaufs­cen­ter mit einem brei­ten Ein­gang gleich einem gäh­nen­den Maul hin­ein­ge­preßt und die mit vul­gä­ren, ver­schwen­de­ri­schen Beleuch­tungs­exzes­sen ver­un­stal­tet wur­de. Zusätz­lich säu­men den Geh­steig dümm­li­che, sinn­lo­se Stein­ku­geln, die in regel­mä­ßi­gen Abstän­den von­ein­an­der auf­ge­stellt wurden.

Eine Barock­kir­che, die ste­ril­sa­niert und mit Glas­tü­ren und einem schie­fen, wür­de­lo­sen Mar­mor­le­se­pult in idio­ti­scher Zick­zack­form aus­ge­stat­tet wur­de. Der Gast, der die­ses Bei­spiel nann­te, litt dar­un­ter tief: Frü­her hat­te er immer, wenn er in sei­nem Hei­mat­ort weil­te, die Kir­che zu einem stil­len Gebet besucht. Nun bräch­te er es vor Schmerz nicht mehr über sich, das Gebäu­de zu betre­ten, es käme ihm vor, es wäre ein Sakri­leg gesche­hen, das alle guten Geis­ter und mys­ti­schen Kind­heits­er­in­ne­run­gen aus­ge­trie­ben habe, allein durch die Anwe­sen­heit des miß­ra­te­nen Lese­pults, die von unbe­greif­li­cher Dumm­heit sei.

Das ältes­te Haus eines Dor­fes, stam­mend aus dem Hoch­mit­tel­al­ter, ein ein­fa­cher, aber har­mo­ni­scher und anhei­meln­der Bau mit klei­nen Spros­sen­fens­tern, einer uralten Holz­tür und schrä­gen Dächern, ange­leimt an einen eckig-zacki­gen Stahl-Glas-Wohn­haus­kas­ten mit fla­chen Dächern, gleich einem archi­tek­to­ni­schen Ken­taur, in dem das Unver­ein­ba­re gewalt­sam zusam­men­ge­zwun­gen wurde.

Ein Wirts­haus aus dem 19. Jahr­hun­dert, das über vie­le Gene­ra­tio­nen hin­weg unzäh­li­ge Hoch­zei­ten, Tau­fen, Begräb­nis­se und Geburts­tags­fei­ern gese­hen hat­te, auf­grund der Dezen­tra­li­sie­rung und Auf­lö­sung des sozia­len Lebens im Dorf nicht mehr ren­ta­bel, geschlos­sen, abge­ris­sen und ersetzt durch einen wei­te­ren ecki­gen, lieb­los hin­ge­klotz­ten Wohn­bau­kas­ten mit einem mar­kan­ten Vor­bau, der auf dicken, run­den, metal­lisch glän­zen­den Säu­len ruht. Er wur­de gera­de so hoch gebaut, daß den Ein­woh­nern der dahin­ter gele­ge­nen Häu­ser, die zum Teil über zwei­hun­dert Jah­re alt sind, der Blick auf die Kir­che aus dem Spät­ba­rock ver­sperrt wird.

Der Graf von P., ein wider­stän­di­ger Idea­list und Schön­geist am Ran­de der Selbst­schä­di­gung, gestand, daß er im nahe­lie­gen­den Ort bereits ein hal­bes Dut­zend Häu­ser auf­ge­kauft habe, nur um sie vor dem Abriß und der Erset­zung durch moder­nis­ti­sche Scheuß­lich­kei­ten zu retten.

Wel­che Art von Mensch ent­schei­det über die­se Din­ge? Ich wer­de es nie begrei­fen. Was geht in Gehir­nen vor, die es fer­tig brin­gen, sich sab­bernd däm­li­che  Mons­trö­si­tä­ten wie den unlängst in Wien prä­sen­tier­ten “WirWasser”-Brunnen, der 1,8 Mil­lio­nen Euro gekos­tet hat, aus­zu­den­ken und ihnen Bau­ge­neh­mi­gung zu ertei­len? (Wobei ein Blick in das schnit­zel­ar­ti­ge Ant­litz von Bür­ger­meis­ter Lud­wig genügt, um törich­te Fra­gen die­ser Art jäh ver­stum­men zu lassen.)

Ein Bei­spiel aus einer Groß­stadt wur­de auf­ge­bracht, das alle kann­ten und alle glei­cher­ma­ßen lei­den­schaft­lich haß­ten: Das “Kunst­haus Graz”, ein schwarz­glän­zen­des, behä­bi­ges, in “bio­mor­phen” Frei­form­kur­ven wabern­des Exkre­ment in Gebäu­de­form (soge­nann­te “Blob-Archi­tek­tur”) mit saug­na­pf­ar­ti­gen Aus­stül­pun­gen auf dem “Dach” (sie nen­nen es “Licht­ein­lass-Rüs­sel”), das 2003 mit­ten in die Alt­stadt geko­tet wur­de, wo es sich, Zitat Wiki­pe­dia, “bewusst von der baro­cken Dach­land­schaft mit ihren roten Zie­gel­dä­chern” abhe­ben soll.

Mit ande­ren Wor­ten han­delt es sich ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen um einen gezielt bös­wil­li­gen, minus­be­seel­ten, sadis­ti­schen Akt von Van­da­lis­mus, wor­an ein Blick vom Schloß­berg hin­ab in die Alt­stadt nicht den gerings­ten Zwei­fel übrig läßt. Die­se hämi­sche opti­sche Beschmut­zung wur­de also, wie man in Öster­reich sagt, tat­säch­lich “z’Fleiß” gemacht.

Es ist auch kein Zufall, daß es eine Art “Ali­en” dar­stel­len soll. Es hat kei­ne Haf­tung auf und kei­nen Bezug zu dem Boden, auf den es gestellt wur­de; es ist aus dem Nichts des Ort- und Geschichts­lo­sen her­ab­ge­stürzt, um einen kon­kre­ten, geschicht­lich gewach­se­nen Ort zu zer­stö­ren, zu zer­set­zen, zu “dekon­stru­ie­ren”; es ist nicht gleich­gül­tig gegen­über den benach­bar­ten Gebäu­den, son­dern ver­hält sich ihnen gegen­über offen feindselig.

Innen wird natür­lich nur sub­ven­tio­nier­ter Dreck ausgestellt.

Als ich es 2013 zum ers­ten Mal mit eige­nen Augen sah, stie­gen mir Trä­nen in die Augen, wobei es mir schwer fiel, zu ent­schei­den, ob mich die Häß­lich­keit, die Dumm­heit oder die nack­te Bos­haf­tig­keit mehr erzürn­te. Das war aber letz­ten Endes egal, da die­se Din­ge flie­ßend inein­an­der über­ge­hen, und ger­ne ver­eint auf­tau­chen wie eine unhei­li­ge Dreifaltigkeit.

Der wie eine Flam­me jäh auf­glü­hen­de Haß auf das frag­li­che Objekt hat­te einen toni­schen, exal­tie­ren­den Effekt auf die Run­de. So man­ches Auge glänz­te feucht, so man­che Wan­ge röte­te sich heiß bei der freu­di­gen Vor­stel­lung, die­ses wider­wär­ti­ge Ding eines schö­nen Tages nach der meta­po­li­ti­schen Wen­de von Abriß­bir­nen, Bohr­ge­rä­ten, Spreng­stoff und Flam­men drang­sa­liert zu sehen wie den “Brain Bug” aus dem Film Star­ship Tro­o­pers, um die geschän­de­te Alt­stadt ange­mes­sen zu rächen.

Nun wärm­te uns in die­ser kal­ten Win­ter­nacht nicht nur das Feu­er im Kamin, son­dern die Glut in unse­ren Her­zen. Ja, es war genau dort, wo wir unse­ren Haß lodern fühl­ten, gera­de rich­tig und pas­send zum her­an­na­hen­den “Fest der Liebe”.

Was uns gleich zum nächs­ten Gedan­ken führ­te, dem alle ein­hel­lig zustimm­ten: Daß der Haß, mit­samt sei­nen nahen Ver­wand­ten Wut, Zorn und Ent­rüs­tung, eine völ­lig zu Unrecht ver­leum­de­te Emo­ti­on ist.

Besof­fen von unse­rem woh­lig lodern­den Haß und sei­ner mor­phi­um­ar­ti­gen Wir­kung, ver­spür­ten wir kei­ne Lust auf Nuan­cen. Als geis­tig rege und dif­fe­ren­zier­te Men­schen wären wir dazu wohl imstan­de gewesen.

Wir alle ken­nen die Bin­sen­weis­hei­ten, daß Haß “häß­lich macht”, daß Haß “blind macht” (das­sel­be sagt man von der Lie­be), daß es unge­sund ist, aus sei­nem Her­zen eine Mör­der­gru­be zu machen und daß es reich­lich nie­de­ren Haß aus nie­de­ren Moti­ven gibt. “Tief ist der Haß, der in den nie­de­ren Her­zen dem Schö­nen gegen­über brennt”, heißt es in Jün­gers Mar­mor­klip­pen, und die­se Art von Haß ist es wohl auch, der in etli­chen archi­tek­to­ni­schen Schand­ta­ten gewü­tet hat.

Der Haß, den wir nun fühl­ten, erleb­ten wir als vom Herr­gott gege­be­ne und gewoll­te, gesun­de, “thy­mo­ti­sche” Abwehr­re­ak­ti­on ange­sichts des Bösen, Nied­ri­gen und Gemeinen.

“Haß” gilt heu­te als Nied­rig­sta­tus­emo­ti­on. Sie ist das Kenn­zei­chen der Unge­wa­sche­nen, Unge­bil­de­ten und Unauf­ge­klär­ten, der “deplo­rables”, “Abge­häng­te”, “Wut­bür­ger”, Social-Media-Trol­le und Rechts­par­tei­en­wäh­ler, die alle­samt ein­fach so, ohne wirk­li­chen Grund, frei fluk­tu­ie­rend vor sich hin has­sen, weil sie nichts bes­se­res zu tun haben. Wer hin­ge­gen zur geho­be­ne­ren Klas­se der “Welt­of­fe­nen” gehö­ren und Anschluß an die “Eli­ten” haben will, muß so tun, als ob er kei­nen Haß ken­ne und vor dis­kri­mi­nie­rungs­frei­er Men­schen­lie­be aus allen Näh­ten platze.

2017 schrie­ben Licht­mesz & Som­mer­feld:

Alles, was über »Angst« und »Pho­bie« gesagt wur­de, gilt auch für den »Haß«. Auch hier­bei han­delt es sich um ein durch Ent­dif­fe­ren­zie­rung gewon­ne­nes Logo-Toxin, das zur poli­ti­schen Schäd­lings­be­kämp­fung ein­ge­setzt wird. »Haß« gehört in die­sem Zusam­men­hang vor allem in das Gen­re des poli­ti­schen Kitsches.(…)

Wer die Poli­tik der Lin­ken, Glo­ba­lis­ten und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten kri­ti­siert, ist ein »Has­ser« und »Het­zer«, der sich in einem fins­te­ren natio­na­lis­ti­schen Kel­ler­as­sel­loch »abschot­ten« will. »Haß« ist sozu­sa­gen deren Meis­ter-Frame, mit dem sie jede Form der Abgren­zung, Unter­schei­dung und »Dis­kri­mi­nie­rung« brand­mar­ken.(…) »Haß« und »Het­ze« sind Wör­ter, die auch pho­ne­tisch schön zischen und fau­chen. Das Wort »Haß« selbst erweckt nega­ti­ve Emo­tio­nen. Wen man des »Has­ses« beschul­digt, den will man auch »häß­lich, so gräß­lich häß­lich« (frei nach dem alten Hit von DÖF) machen.

Wir leg­ten noch eins drauf, und for­mu­lier­ten eine Ehren­ret­tung des Hasses:

Sei­ne lau­fen­de Ver­leum­dung basiert nicht nur auf einer fal­schen Anthro­po­lo­gie, die ihre Ver­tre­ter zur Lüge und Heu­che­lei zwingt, sie ver­fälscht auch die Ethik und das Wesen der Lie­be. Faßt man mit dem Ver­hal­tens­for­scher Ire­nä­us Eibl-Eibes­feldt den Haß als eine Form des Aggres­si­ons­trie­bes auf, so hat er grund­sätz­lich eine posi­ti­ve, lebens­er­hal­ten­de, nütz­li­che Funktion.

Er hängt eng mit der Lie­be zusam­men. Wir alle sind berech­tigt, zu has­sen, was unser Leben, das unse­rer Fami­li­en und alle Din­ge und Men­schen, die wir lie­ben, schä­di­gen, ver­nich­ten und zer­stö­ren will. (…) Zwei­fel­los emp­fiehlt es sich, ihn im Zaum zu hal­ten, aber ihn pau­schal zu ver­dam­men, ist unsin­nig. Haß ist eine natür­li­che Reak­ti­on auf belas­ten­de, quä­len­de, bedroh­li­che Din­ge, und in den meis­ten Fäl­len ver­geht er rasch wie­der, wenn die Ursa­che besei­tigt ist.

Wir zitier­ten Tho­mas von Aquin:

»Wird also nur das Böse, das Übel, geh­aßt, so folgt, daß jeder Haß Lob ver­dient.« Haß sei »das Wider­stre­ben gegen das als ver­derb­lich und schädigend Auf­ge­faß­te.« (Sum­ma theo­lo­gi­ca, Quaes­tio 29, 1. Hälf­te des 2. Teils) 

Mein Rede­bei­trag zu die­sem The­ma war im Gro­ßen und Gan­zen eine Zusam­men­fas­sung die­ses Abschnitts aus unse­rem Best­sel­ler aus tur­bu­len­te­ren Zeiten. 

“Haß ist mit­hin nicht selbst ‘das Böse’, son­dern er rich­tet sich auf das Böse”, fuhr ich fort. “Er kann aber böse wer­den, wenn etwa dieses Böse kein Böses ist oder wenn er das richtige Maß ver­liert. Ich jeden­falls hal­te es grund­sätz­lich mit Boyd Rice, ‘My hate is like love to me.’ ”

“Es ist doch ganz ein­fach”, sag­te nun die sonst eher schweig­sa­me Speng­le­ria­ne­rin, die das Gra­zer “Fri­end­ly Ali­en”, das sie von innen wie von außen aus eige­ner Anschau­ung kann­te, mit beson­de­rer Ins­brunst haß­te. “Haß auf das Häß­li­che ist Lie­be zum Schönen.”

Sie hat­te voll­kom­men recht, wes­halb ich hof­fe, daß sie nur gescherzt hat, als sie über ihre Täto­wie­rungs­ab­sich­ten sprach.

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Frei­tag, 1. Dezember

Nach zwei Jah­ren ist Gil Ofa­rims Lügen­fas­sa­de end­lich zusam­men­ge­bro­chen. Er hat gestan­den, daß er die “anti­se­mi­ti­schen” Über­grif­fe des Per­so­nals des Grand-Westin-Hotels in Leip­zig frei erfun­den hat.

Ange­sichts sei­ner von Anfang gerin­gen Glaub­wür­dig­keit wun­dert es mich ein wenig, daß er über­haupt so lan­ge durch­ge­hal­ten hat. Oder daß er ernst­haft dach­te, daß er damit auf Dau­er durch­kom­men wird. Das hat wohl mit sei­ner offen­sicht­lich nar­ziß­ti­schen Cha­rak­ter­dis­po­si­ti­on zu tun, die in sei­ner Berufs­spar­te weit ver­brei­tet ist.

Ich selbst habe ihm das thea­tra­li­sche Geheu­le kei­ne Sekun­de abge­kauft. Es war mir von Anfang an klar, daß wir es hier mit einem “Fall” von Opfer­rol­len­spiel zu tun haben, das ich Ende Okto­ber 2021 in einem Arti­kel ana­ly­siert habe. Ofa­rims Ein­trag auf Insta­gram vom 5. Okto­ber (inzwi­schen gelöscht) war gro­ßes Melodrama:

… ANTISEMITISMUS in Deutsch­land 2021 !..
… ges­tern in Leipzig…
… war­um?.. haben wir denn nichts nichts aus der ver­gan­gen­heit gelernt?..bin sprach­los!.. es ist nicht das ers­te mal, aber irgend­wann reicht es …

Nicht nur das Hotel­per­so­nal saß auf der Ankla­ge­bank, son­dern GANZ DEUTSCHLAND, die “Mit­te der Gesell­schaft”!

Man darf die­sen Vor­fall nicht iso­liert betrach­ten. Ofa­rim hat die Trumpf­kar­te der herr­schen­den Opfer­hier­ar­chien aus­ge­spielt, den “Anti­se­mi­tis­mus”. Die­ser ist so etwas wie die Ur-Blau­pau­se aller ande­ren gän­gi­gen ‑pho­bien und ‑ismen, inso­fern er auf einem ange­nom­me­nen abso­lu­ten Opfer­sta­tus per Zuge­hö­rig­keit zu einem Kol­lek­tiv beruht, der Unan­tast­bar­keit garan­tie­ren und Pri­vi­le­gi­en ermög­li­chen soll.

Mit dem “Antisemitismus”-Vorwurf kann man auch noch semi-gerot­pill­te “Kon­ser­va­ti­ve” täu­schen, die zwar durch­schaut haben, was für einen poli­ti­schen Zweck Schlag­wor­te wie “Ras­sis­mus, Homo­pho­bie, Sexis­mus” haben, sich jedoch ängst­lich vor der Erkennt­nis ver­schlie­ßen, daß “Anti­se­mi­tis­mus” in ein- und das­sel­be Gen­re gehört. Die­se Furcht ist vor allem bei der “Boomer”-Generation ein­ge­fleischt und hat wohl vor­ran­gig mit gewis­sen his­to­risch beding­ten Kon­di­tio­nie­run­gen zu tun.

Einer, der damals auf Ofa­rim rein­ge­fal­len ist, war Alex­an­der Wal­l­asch in einem Gast­bei­trag für Boris Reit­schus­ter. Er schrieb damals:

Der Musi­ker Gil Ofa­rim sagt, er sei in einem Hotel in Leip­zig ver­bal anti­se­mi­tisch ange­grif­fen wor­den. Und er sagt es offen und geht damit an die Medi­en – gut so! Wer Ofa­rim hier reflex­ar­tig Wer­bung in eige­ner Sache unter­stellt, des­sen Geschichts­be­wusst­sein ist eben­so nur rudi­men­tär, wie hier jed­we­de Empa­thie beer­digt wur­de: Ja, Jude sein in Deutsch­land ist für Nicht­ju­den schwer vor­stell­bar, aber es gibt genug Berich­te, die sehr anschau­lich machen, was das noch heu­te bedeu­ten kann.

Ich kom­men­tier­te dies so:

Na ja: Vor allem bedeu­tet es, daß man als eine Art höhe­res Lebe­we­sen wahr­ge­nom­men wird, des­sen Kla­gen, Mei­nun­gen und Wün­sche ganz beson­de­re Auf­merk­sam­keit und Hoch­ach­tung ver­dient haben. Da ist es dann auch schon völ­lig wurscht, ob Ofa­rim gelo­gen, Ein­zel­per­so­nen und ein gan­zes Land ver­leum­det oder ein Thea­ter in eige­ner Sache insze­niert hat – von wegen “Geschichts­be­wußt­sein”, “Empa­thie” usw. muß er mit ande­ren Maß­stä­ben gemes­sen wer­den als nor­mal­sterb­li­che Menschen.

Ofa­rims Pas­si­ons­ge­schich­te mach­te aus dem ein­zi­gen Grund Schlag­zei­len, weil er in Deutsch­land als Ange­hö­ri­ger der Alpha-Opfer­grup­pe sicher sein kann, maxi­ma­le Auf­merk­sam­keits­re­fle­xe zu trig­gern. Da er kein Polit-Akti­vist ist und berufs­mä­ßig im Ram­pen­licht steht, kann man hier getrost von eher bana­len Moti­ven ausgehen.

Ofa­rim muß nun 10,000 Euro Buß­geld zah­len – nicht an die Nicht­ju­den, die er vor­sätz­lich ver­leum­det hat, son­dern an die Israe­li­ti­sche Reli­gi­ons­ge­mein­de zu Leip­zig und den Trä­ger­ver­ein des Hau­ses der Wann­see­kon­fe­renz. Damit wur­de das Signal gesetzt, daß er mit sei­nen Lügen vor allem der Sache der Juden gescha­det hat und dafür bestraft wer­den muß.

In die­sem Sin­ne äußer­te sich auch der Zen­tral­rat der Juden:

Zwei Jah­re lang hat #GilO­fa­rim Mit­ar­bei­ter eines Leip­zi­ger Hotels des Anti­se­mi­tis­mus beschul­digt. Nun hat er gestan­den, dass er gelo­gen hat. Damit hat Gil Ofa­rim all denen, die tat­säch­lich von Anti­se­mi­tis­mus betrof­fen sind, gro­ßen Scha­den zuge­fügt. Neben der Öffent­lich­keit hat er auch die jüdi­sche Gemein­schaft belo­gen. Wir haben in unse­rer Gesell­schaft ein Anti­se­mi­tis­mus-Pro­blem, vie­le sind gera­de in der jet­zi­gen auf­ge­heiz­ten gesell­schaft­li­chen Situa­ti­on ver­un­si­chert und erle­ben Juden­hass und Ablehnung.

Auch hier: Kein Wort des Bedau­erns über den Scha­den, der den Nicht­ju­den, den Mit­ar­bei­tern des Hotels zuge­fügt wur­de. Auch dies eine Opfer­hier­ar­chie, auch dies eine Art von nar­ziß­ti­scher Selbstbezogenheit.

Ich bestrei­te natür­lich auch das Mär­chen, “wir” hät­ten “in unse­rer Gesell­schaft ein Anti­se­mi­tis­mus-Pro­blem”. Wenn über­haupt, dann hat “unse­re Gesell­schaft” ein Pro­blem mit dem “impor­tier­ten” Anti­se­mi­tis­mus nah­öst­li­cher Ein­wan­de­rer, der pri­mär von der Gewalt­po­li­tik Isra­els und der USA im Nahen Osten ver­ur­sacht wird (und nicht von Koran-Lek­tü­re, wie man­che “Islam­kri­ti­ker” behaup­ten). Die­sen Import zu för­dern und sei­ne Fol­gen (auch und vor allem für Nicht­ju­den) zu beschwich­ti­gen, hat der ZdJ kräf­tig bei­getra­gen. Er beschwert sich hier also über Pro­ble­me, die er sel­ber mit­ver­ant­wor­tet hat.

Nicht unpas­send zu den Nach­rich­ten über Ofa­rim hat mich Frau Ronai Cha­ker-Sichert, ihrer­seits eine recht unge­nier­te Spie­le­rin inter­sek­tio­na­ler Opfer­kar­ten, (mal wie­der) auf Twit­ter verleumdet:

Licht­mesz ist für mich im übri­gen ein lupen­rei­ner Anti­se­mit, denn er hat sich in einer Dis­kus­si­on mit mir, vor Jah­ren schon hin­ter die Hamas gestellt und deren Vor­ge­hen befürwortet.

Das ist natür­lich eine lupen­rei­ne Lüge ohne jeg­li­chen Beweis (Ofa­rim läßt grü­ßen). Viel­leicht auch eine, die sie sel­ber glaubt, denn in frü­he­ren Twit­ter-Inter­ak­tio­nen mit ihr habe ich die Erfah­rung gemacht, daß sie äußerst talen­tiert ist, ein Argu­ment bös­wil­lig miß­zu­ver­ste­hen oder zu ver­dre­hen. Außer­halb von Schwarz-Weiß-Kate­go­rien zu den­ken, scheint ihr nicht mög­lich zu sein.

Über “Schnell­ro­da” (oder bes­ser gesagt: was sie dafür hält und aus­gibt bzw. in eige­ner Sache aus­ge­ben muß), schrieb sie, eben­falls ver­leum­de­risch und kraß verzerrend:

Der Kon­flikt zwi­schen Schnell­ro­da herrscht schon lan­ge. Ihnen geht es um Bio­lo­gie, Haut­far­ben, eth­ni­sche Rein­heit, Kol­lek­ti­vis­mus, Aus­gren­zung und Ent­rech­tung von nicht Auto­chtho­nen. Was für mich zählt, ist: Die Frei­heit vor tota­li­tä­ren Ideologien!

Hier­zu ver­link­te sie einen Bei­trag, den sie im Juni 2019 auf fischundfleisch.com ver­öf­fent­licht hat, zum The­ma “Licht­mesz wie auch Kubit­schek”. Dar­in hat sie einen Text von mir aus dem Jahr 2010 (!) sinn­ent­stel­lend zitiert, wor­auf ich sie in den Kom­men­tar­spal­ten auf­merk­sam gemacht habe, natür­lich ohne irgend­ei­ne Wir­kung zu erzielen.

Die­ses “Sam­ple” soll­te aus­rei­chen, um zu demons­trie­ren, mit wel­chen Mit­tel Cha­ker vor­zu­ge­hen pflegt. Es ist cha­rak­te­ris­tisch, daß sie auf mei­nen letz­ten Tage­buch­ein­trag, in dem ich die Cho­se Utlu bespro­chen und ihr Ver­hal­ten inner­halb der AfD kri­ti­siert habe, erneut nur mit Lügen, Denun­zia­tio­nen und maxi­ma­len Anschwär­zun­gen reagie­ren kann. Und dies, obwohl ich und ande­re ver­sucht haben, ihr gegen­über gerecht zu blei­ben, dies, obwohl es von “Schnell­ro­da” aus Ange­bo­te zu klä­ren­den Gesprä­chen gab.

Es gibt Men­schen, denen Wahr­heit, Red­lich­keit und Fair Play völ­lig egal sind. Lei­der kom­men sie häu­fig damit durch, wäh­rend Bauch­lan­dun­gen à la Gil Ofa­rim eher die Aus­nah­me sind.

– – – – –

Mon­tag, 27. November

Nun habe ich also auch eine Tage­buch-Kolum­ne. Der Titel ist einem Vers aus der Apos­tel­ge­schich­te ent­nom­men, der mir viel bedeu­tet. Ich habe ihn mei­nem Buch Kann nur ein Gott uns ret­ten? vorangestellt.

Ursprüng­lich auf ihn gesto­ßen bin ich nicht im Zuge einer Bibel­lek­tü­re, son­dern in einer Epi­so­de des acht­tei­li­gen Video-Essays Histoire(s) du ciné­ma von Jean-Luc Godard: “Ne te fais pas de mal, car nous som­mes tous enco­re ici.”

Die Ton­spur ver­bin­det den Vers mit der berühm­ten Pas­sa­ge von Mar­tin Heid­eg­ger über den “Fehl Got­tes” aus den Holz­we­gen, gele­sen in fran­zö­si­scher Über­set­zung von der Schau­spie­le­rin Maria Casarès.

Godard hat ihn frei­lich, eben­so wie ich, ein wenig aus dem Kon­text gerissen.

In der Apos­tel­ge­schich­te wer­den Pau­lus und sein Beglei­ter Silas in Phil­ip­pi gefan­gen­ge­nom­men, nach­dem bei­na­he ein wüten­der Mob über sie her­ge­fal­len wäre. Dann ereig­net sich fol­gen­de merk­wür­di­ge Geschichte:

Gegen Mit­ter­nacht bete­ten Pau­lus und Silas; sie prie­sen Gott mit Lob­lie­dern, und die Mit­ge­fan­ge­nen hör­ten ihnen zu. Plötz­lich beb­te die Erde so hef­tig, daß das Gebäu­de bis in sei­ne Grund­mau­ern erschüt­tert wur­de. Im sel­ben Augen­blick spran­gen sämt­li­che Türen auf, und die Ket­ten aller Gefan­ge­nen fie­len zu Boden. Der Auf­se­her fuhr aus dem Schlaf hoch, und als er die Türen des Gefäng­nis­ses offen ste­hen sah, zog er sein Schwert und woll­te sich töten, denn er dach­te, die Gefan­ge­nen sei­en geflo­hen. Doch Pau­lus rief, so laut er konn­te: »Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier!« 

Die meis­ten älte­ren Über­set­zun­gen las­sen das “noch” aus; ich den­ke, es drängt sich unwei­ger­lich auf und zwi­schen die Wor­te hinein.

Pau­lus ver­hin­dert hier einen Selbst­mord. Zwei Selbst­mör­der aus “spi­ri­tu­el­len Grün­den” spie­len in mei­nem Buch eine gro­ße Rol­le: Domi­ni­que Ven­ner und ein fik­ti­ver jun­ger Mann aus dem Film Le dia­ble pro­ba­blem­ent von Robert Bres­son. Ein drit­ter Prot­ago­nist mei­nes Buches, Leo Tol­stoi, war nahe dar­an, sich den Kopf mit einer Jagd­flin­te weg­zu­schie­ßen, ehe er sei­ne Ret­tung im Glau­ben fand.

Die­ses Zitat hat für mich also ein “mys­ti­sches” Echo. Es legt eine Spur zum Ret­ten­den, oder wenigs­tens zum bloß Tröst­li­chen, den Daseins­schmerz Mil­dern­den, erträg­lich Machen­den. Es kann auf jedes Ding und jedes Lebe­we­sen (ich den­ke auch an Tie­re, Pflan­zen, Bäu­me) auf der Welt ver­wei­sen, das “noch hier” ist und eine Bedeu­tung für uns hat, auch wenn wir wis­sen, daß es eines Tages nicht mehr “hier” sein wird (wie wir selbst auch).

Das gilt eben­so für Men­schen wie auch für Schöp­fun­gen, die die kurz bemes­se­ne mensch­li­che Lebens­zeit über­dau­ern und ihren Schöp­fern eine Art der Unsterb­lich­keit ver­lei­hen sol­len: Auch die Pyra­mi­den von Gizeh, die Kathe­dra­le von Char­tres, die Dich­tun­gen von Dan­te und Shake­speare, die Kom­po­si­tio­nen von Bach und Mozart wer­den eines Tages ver­schwun­den sein. Die Kunst ist sterb­lich und die Küns­te sind sterb­lich, befand Oswald Spengler.

Irgend­et­was, irgend­je­mand ver­schwin­det immer, aber es ist auch immer irgend­et­was, irgend­je­mand “noch” hier. Ich bin noch hier, du bist noch hier, und solan­ge wir hier sind, ist es gut.

– –

Jubel und Scha­den­freu­de herrscht in der AfD-feind­li­chen Pres­se. Hier ein paar aus dem Netz gefisch­te Schlagzeilen:

Ein Ali will in AfD ein­tre­ten – Rech­te ticken prompt aus: „Gehört abge­scho­ben“ (Der Wes­ten)… Ein Mann namens Ali tritt der AfD bei – Par­tei zer­fällt in zwei Lager (Focus)… Quee­rer Deutsch-Tür­ke will in die AfD (Stutt­gar­ter Nachrichten)…

Ein Autor der Welt zeigt sich ein biß­chen schlau­er und spricht gar von einer “all­mäh­li­chen Isla­mi­sie­rung der AfD”:

Tei­le der AfD haben Mus­li­me und Erdo­ga­nis­ten als Wäh­ler ent­deckt. Nun mutie­ren sie zu deutsch­na­tio­na­len „Islam­kusch­lern“, wie kri­ti­sche Par­tei­freun­de kla­gen – und haben Skru­pel, den Islam­kri­ti­ker Ali Utlu aufzunehmen.

Mehr als die­sen “Teaser” habe ich nicht gele­sen, da ich kei­ne Lust habe, die Bezahl­schran­ke zu über­que­ren. Eine auf­rich­ti­ge oder gar “kon­struk­ti­ve” Aus­ein­an­der­set­zung ist ohne­hin in Pos­ch­ardts Tor­wäch­ter-Blatt nicht zu erwarten.

Die Fra­ge, ob “Erdo­gan nicht unser Feind” ist (Maxi­mil­li­an Krah) oder ob das “Feind­bild Islam” eine “Sack­gas­se” ist (Fre­de­ric Höfer) las­se ich an die­ser Stel­le außen vor. Ich wer­de die­ses Faß dem­nächst auf­ma­chen, und einen kri­ti­schen Rück­blick auf die soge­nann­te “Islam­kri­tik” schrei­ben, der schon lan­ge in mir gärt.

Unsinn ist natür­lich, daß Rech­te jetzt “aus­flip­pen”, nur weil einer “Ali” heißt. Utlu ist bei­lei­be nicht der ers­te Mensch mit “Mihi­gru” und ver­gleichs­wei­se “exo­ti­schem” Namen, der in der AfD mit­mischt, und ganz gewiß nicht der ers­te Schwu­le. Es wird hier ein­fach ver­sucht, das Kli­schee­bild vom Rech­ten als xeno­pho­ben Hys­te­ri­ker im Umlauf zu bringen.

Die Pro­ble­me mit Utlu sind viel grund­sätz­li­che­rer Natur. Ich habe sein Trei­ben auf Twit­ter (den bescheu­er­ten Namens­wech­sel “X” igno­rie­re ich) frü­her ver­folgt, beson­ders in der Zeit von 2017–18, in der er mir inso­fern inter­es­sant erschien, als er eine von vie­len “Kipp­fi­gu­ren” war, die Indi­ka­to­ren für einen Wan­del des Zeit­geis­tes zu sein schienen.

Alle Welt ist in die­sen Jah­ren “nach rechts gerückt”, sogar etli­che “Que­e­re” und “Trans­se­xu­el­le”, die die Nase voll hat­ten von “Sprech­ver­bo­ten” und woker Inqui­si­ti­on. Das war natür­lich auch für unse­re Sache hilf­reich: Pro­ble­me, die lager­über­grei­fend kon­sta­tiert wer­den, bekom­men grö­ße­res objek­ti­ves Gewicht.

Utlu hat jedoch nie­mals irgend­et­was pro­du­ziert, was einen ana­ly­ti­schen Wert hat oder in irgend einer Wei­se dazu bei­tra­gen könn­te, posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen anzu­stos­sen. Statt­des­sen hat er sich stän­dig von der AfD “distan­ziert”, das Stück vom “Mann in der libe­ra­len Mit­te”, den “Rech­te und Lin­ke glei­cher­ma­ßen has­sen” gespielt und dabei halb Twit­ter geblockt.

Man begreift rasch, daß man es mit einer ego­zen­tri­schen Per­son zu tun hat, die süch­tig nach Auf­merk­sam­keit, Pro­fi­lie­rung und Pro­vo­ka­ti­on ist, und irgend­wann gemerkt hat, daß es viel mehr Spaß macht, die (eige­ne) lin­ke als die rech­te Kli­en­tel zu ärgern. Sein The­ma war immer nur er selbst, als “Schwu­ler”, “Tür­ke”, “Ex-Mus­lim” und “Ich als schwu­ler Ex-Mus­lim”. Sei­ne Selbst­ge­fäl­lig­keit zeigt sich deut­lich in einem ange­hef­te­ten Tweet aus sei­ner Seite:

Wer hät­te jemals gedacht, dass aus­ge­rech­net ein schwu­ler Tür­ke der größ­te Alp­traum und das Hass­ob­jekt von anti­ras­sis­ti­schen und que­er­freund­li­chen Lin­ken sein würde. 

Hier bin ich.

Sei­ne Ankün­di­gung, der AfD bei­zu­tre­ten (das wäre nun sein fünf­ter oder sechs­ter Par­tei­wech­sel, wenn ich das recht ver­stan­den habe) ist nur ein wei­te­rer Stunt in der end­lo­sen Ali-Utli-Per­sön­lich­keits-Show. Bezeich­nend ist auch die­se Reak­ti­on auf eine nega­ti­ve Rückmeldung:

Und genau des­we­gen bin ich rich­tig in die­ser Par­tei. Um die­je­ni­gen zu trig­gern, die mit die­ser Ein­stel­lung dafür sor­gen, dass wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung die Par­tei für unwähl­bar hal­ten. Gewöh­ne dich dar­an, das A in AfD steht auch für Ali.

Was Bes­se­res als Gegen­wind von rechts konn­te ihm kaum pas­sie­ren, um sich nun wie­der selbst in den Mit­tel­punkt zu stel­len und zum The­ma zu machen. Als “Top 5 Grün­de, war­um man mich nicht der AfD haben will”, nann­te er:

1. Islam­kri­tik 2. Homo­se­xu­ell 3. Tür­ki­sches und nicht deut­sches Blut 4. Nicht rechts(extrem) genug 5. Ich existiere 

Quo vadis AfD?

Momen­tan sieht es danach aus, als ob er gleich die Pha­se der Par­tei­mit­glied­schaft über­sprin­gen und direkt zur Rol­le als “Aus­stei­ger” und Feind­zeu­ge über­ge­hen will:

Ja, ihr könnt nun wochen­lang über mich lachen, das inter­es­siert mich nicht, aber ihr soll­tet aner­ken­nen, dass ich mit mei­ner Akti­on gro­ße Tei­le demas­kiert habe. Das Man­tra, die AfD sei im gro­ßen & gan­zen freund­lich zu Migran­ten, ist nicht halt­bar. Das Glei­che gilt für mei­ne Homo­se­xua­li­tät, die immer wie­der The­ma ist. (…) Ich wer­de hun­der­te Screen­shots sam­meln und die­se auf einer Web­site ver­öf­fent­li­chen, damit sich kei­ner mehr her­aus­re­den kann. Was in 2 Wochen zusam­men­kam, glaubt sonst kei­ner, vor allem die von gro­ßen Accounts, bevor wie­der behaup­tet wird, es wären nur Trol­le, die der AfD scha­den wol­len. Ich weiß, dass es vie­le Mit­glie­der gibt, die weder homo­phob noch ras­sis­tisch sind. Wer­det laut, auf Par­tei­ta­gen und Par­tei­tref­fen, schreibt unter sol­che Kom­men­ta­re eure Mei­nung dazu. Über­lasst die­sen Men­schen nicht eure Par­tei. Und nein, ich spie­le hier kei­ne Opfer­rol­le, ich zei­ge nur den Hass auf. Es ist nichts, was ich nicht schon durch ande­re Grup­pen seit Jah­ren abbekomme.

Sekun­diert wur­de Utlu von der “Deutsch-Jesi­din” (oder nun “Ezi­din”) Ronai Cha­ker, die cha­rak­ter­lich ähn­lich gela­gert ist. Auch ihr Pro­gramm für die Öffent­lich­keit ist in ers­ter Linie sie selbst und ihre eth­ni­sche Iden­ti­tät. Ihre Lieb­lings­rol­le ist die der von gerech­tem Zorn erfüll­ten, uner­schro­cke­nen Kämp­fe­rin mit dem hei­ßen Her­zen, die von Isla­mis­ten und “Extre­mis­ten” geh­aßt wird und sich nie­mals unter­krie­gen läßt.

Trotz ihrer häu­fi­gen, eher tak­tisch anmu­ten­den Beteue­run­gen, daß sie eben­so “deutsch” sei wie alle ande­ren Hän­se und Gre­tels, schlägt ihr Herz offen­sicht­lich vor­ran­gig für ihren eige­nen Stamm, für den sie als eine Art Lob­by­is­tin tätig ist. Auch ihren Ehe­mann Mar­tin Sichert hat sie für die­se pri­mä­re Auf­ga­be mobi­li­siert, die er eben­so artig wie emsig erfüllt, wofür er dann auch von sei­ner Frau öffent­lich mit Herz­chen-Pos­tings belohnt wird (immer­hin hat sie mit einer wich­ti­gen Tra­di­ti­on ihres Vol­kes gebro­chen, dem Gebot der Endo­ga­mie).

Sie behaup­tet, ihr Enga­ge­ment für Ezi­den die­ne auch “deut­schen Inter­es­sen”, weil:

1. Sie sind wirk­lich ver­folgt! 2. Sie arbei­ten mehr­heit­lich und zah­len ihre Steu­ern. Selbst ihre Arbeit­ge­ber set­zen sich ein.

Das ist ziem­lich mager. Grund eins hat nichts mit “deut­schen Inter­es­sen” zu tun, und bei Grund zwei müß­te man bissl tie­fer boh­ren, ob migran­ti­sche Steu­er­zah­ler an und für sich schon “deut­schen Inter­es­sen” dienen.

Man kann ihr aus rech­ter Sicht schlecht vor­wer­fen, sich für die Inter­es­sen ihrer eige­nen Volks­grup­pe ein­zu­set­zen. Ich den­ke, daß dies auch im Rah­men der AfD prin­zi­pi­ell mög­lich und legi­tim wäre. Es wird kon­tra­pro­duk­tiv, wenn dar­über die Prio­ri­tä­ten die­ser Par­tei ver­ges­sen werden.

Und es wird destruk­tiv, wenn man wie Cha­ker unun­ter­bro­chen Leu­te im eige­nen Spek­trum als “völ­ki­sche Ras­sis­ten” beschimpft, wenn die­se sie dar­an erin­nern, daß die AfD vor­ran­gig dem deut­schen Volk die­nen sol­len (auf­ge­faßt als eth­no­kul­tu­rel­le Abstam­mungs­ge­mein­schaft, und kein Sam­mel­su­ri­um von Paßinhabern.)

Ich pflich­te Mar­vin Neu­mann bei:

Man kann und muss als deut­sche Rechts­par­tei in der Gegen­wart frei­lich die eth­no­par­ti­ku­la­ren Inter­es­sen ver­schie­de­ner Völ­ker berück­sich­ti­gen und kann sich (stra­te­gisch) auch in einem bestimm­ten Rah­men für die­se ein­set­zen. Nicht aber, wenn dies mit anti­deut­schen Nar­ra­ti­ven gerahmt wird, die eine gleich­wer­ti­ge Poli­tik im (eth­no­kul­tu­rel­len) Inter­es­se der Deut­schen delegitimiert. 

Frau Cha­kers Ein­satz für ihr Volk ist ehr­wür­dig. Dass sie dies aber aus­ge­rech­net in der letz­ten deut­schen Rechts­par­tei von Hoff­nung betrei­ben und den Deut­schen dabei mit den typi­schen Angrif­fen (Ras­sis­mus­keu­le, eth­nisch-deut­sche Inter­es­sen sei­en unmo­ra­lisch und aus­gren­zend etc.) das­sel­be ver­weh­ren möch­te, ist nicht akzep­ta­bel. Daher der Gegenwind.

Das ist eine fai­re Hal­tung, die die Bereit­schaft zeigt, auch den Inter­es­sen von Men­schen wie Cha­ker entgegenzukommen.

Cha­kers Pro­blem ist wie bei Utlu vor allem cha­rak­ter­li­cher Natur: Sie wirft stän­dig mit blind­wü­ti­gen Anfein­dun­gen um sich, ist nicht imstan­de, auch kon­struk­ti­ve Gesprächs­an­ge­bo­te anzu­neh­men, und “fischt” aktiv nach Wut­pos­tings, um sich anschlie­ßend als unschul­di­ges Opfer von Anfein­dun­gen zu prä­sen­tie­ren, denen sie dann “mutig” trotzt wie eine ori­en­ta­li­sche Jean­ne d’Arc. Sie kommt dabei nie aus dem pole­mi­schen Modus her­aus, der alle Din­ge schwarz-weiß malt (weiß sich selbst, schwarz die ande­ren), und ent­spre­chen­den Zorn zieht sie  auch auf sich (was wie­der­um ihre Müh­len wässert).

Gewiß ist hier auch eine tie­fe­re Pro­ble­ma­tik im Spiel, die über per­sön­li­che Cha­rak­ter­schwä­chen hinausgeht.

Cha­kers Ide­al ist ein Poli­ti­ker wie Geert Wil­ders:

Jüdi­sche Frau, Mut­ter aus Indo­ne­si­en, bes­te Freun­din Ex Mus­li­ma Ayan Hir­si, die Opfer von Zwangs­be­schnei­dung wur­de. Ein Mann der für Frei­heit, Wer­te, Kul­tur und gegen Faschis­mus steht. Davon kön­nen sich vie­le angeb­li­chen “Patrio­ten” in Deutsch­land eine Schei­be abschneiden.

Es ist eben so: Men­schen, die selbst eine hybri­de eth­no­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät haben, füh­len sich in der Regel woh­ler in einer Gesell­schaft, die eben­falls eth­no­kul­tu­rell mög­lichst hybri­de ist. Das ist psy­cho­lo­gisch und mensch­lich nach­voll­zieh­bar, eben­so, daß sie sich auch Poli­ti­ker wün­schen, die die­ses Hybri­de (also sie selbst) reprä­sen­tie­ren. Aber was ist mit den Inter­es­sen jener, deren Iden­ti­tät weni­ger “divers” zusam­men­ge­setzt ist?

Ende 2020 habe ich mich mit die­ser Fra­ge in einem zwei­tei­li­gen Bei­trag aus­ein­an­der­ge­setzt: “Soll die AfD eine mul­ti­eth­ni­sche Par­tei wer­den?” (eins, zwei). Ich habe lei­der auch kei­ne ein­fa­che Ant­wort drauf.

Aber ich den­ke nicht, daß man sich an die­sen Punk­ten vor­bei­schum­meln kann, ohne Wesent­li­ches preiszugeben:

Es spricht nichts dage­gen, wenn die AfD unter bestimm­ten Migran­ten­grup­pen Ver­bün­de­te und Sym­pa­thi­san­ten sucht. Dabei soll­te es aber weder um die blo­ße “Optik” gehen, um Ras­sis­mus­vor­wür­fe abzu­schmet­tern, was erfah­rungs­ge­mäß ein aus­sichts­lo­ses Unter­fan­gen ist, noch soll­te ver­sucht wer­den, aus der AfD eine wei­te­re Mul­ti­kul­ti- oder Viel­völ­ker­par­tei zu machen, die den Bevöl­ke­rungs­aus­tausch als unver­meid­lich hin­nimmt und ihn ledig­lich ver­lang­sa­men und ein wenig erträg­li­cher regu­lie­ren will. Das lie­fe auf nichts ande­res hin­aus, als Yascha Mounk aktiv dabei zu unter­stüt­zen, daß sein berüch­tig­tes “Expe­ri­ment” doch noch funk­tio­nie­ren kann. (…)

… es soll­te klar blei­ben, daß die AfD vor­ran­gig dazu da ist, den Inter­es­sen einer bestimm­ten eth­ni­schen Grup­pe, näm­lich den Deut­schen eine Stim­me zu geben. (…) Und ich mei­ne hier natür­lich jene Deut­sche, die Deut­sche sein und blei­ben wol­len. Also jene, die sich nicht natio­nal­ma­so­chis­tisch-pseu­do­welt­bür­ger­lich auf­lö­sen, die noch Volk statt Bevöl­ke­rung sein wol­len, und die mutig genug sind, per­sön­lich dafür ein­zu­ste­hen oder die­se Hal­tung zumin­dest durch AfD-Wahl zu bekräftigen.

Wenn die AfD eine wirk­li­che Alter­na­ti­ve sein und ernst­haft das Natio­nal­staats­mo­dell ver­tei­di­gen will, dann muß sie hier ein­ha­ken und die Fra­ge nach dem Volk stel­len und den eth­ni­schen Volks­be­griff ver­tei­di­gen, der von der herr­schen­den poli­ti­schen Klas­se ver­femt wird, um das eth­nisch deut­sche Volk selbst abzuschaffen.

 

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (28)

ofeliaa

21. Dezember 2023 18:52

Ich LIEBE, VERGOETTERE moderne Architektur. Ich liebe Chrom, helles Holz & Glas und verabscheue alles Dunkle, Verworrene, das noch in alter Architektur zu finden ist. Ich liebe den Brutalismus ebenso, ich liebe Bauhaus. Ich zog bewusst in ein modernes, frisch erbautes Haus, statt in ein modriges. Ja, Art Deco ist schön - aber nur in einem modernen, sauberen, dem Leben dienlichen Ambiente, in dem ich nicht das Gefühl habe, bereits in einem Sarg zu liegen. Der Tod kommt früh genug. Lasst uns endlich leben, statt immer den Tod anzuhimmeln - seien wir uns dem Tod bewusst - leugnen wir ihn nicht - aber dennoch: leben im Hier und Jetzt, mit allem, was die Moderne uns zu bieten hat. Die NS-Zeit war ein Totenkult - und obgleich ich mich in jüngeren Jahren von einem dunklen Kult angezogen fühlte, so habe ich begriffen, dass Eros jetzt viel Besseres gebiert als Thanatos. Es gibt nämlich eine Zeit für alles. Eine Zeit für den Tod und eine Zeit für das Leben und letztere ist JETZT. 

ML: Naja, jedem das Seine, aber den Thanatos sehe ich eher in der modernen Architektur, jedenfalls keine Spur von einem Eros. Damit will ich nicht sagen, daß man auch heute noch menschenwürdig und schön bauen kann.

Volksdeutscher

21. Dezember 2023 20:33

"Wer hingegen zur gehobeneren Klasse der “Weltoffenen” gehören und Anschluß an die “Eliten” haben will, muß so tun, als ob er keinen Haß kenne und vor diskriminierungsfreier Menschenliebe aus allen Nähten platze."
Diese einlullende Erwartung wird seit jeher an die Künstler herangetragen, sie sollen offen und vorurteilsfrei gegenüber allen Kunstformen und -auffasungen sein. Diese heuchlerische, erzwungene Offenheit ist leider bereits Teil der Betrachtungsweise vieler Künstler geworden. Als hätten sie keine Abneigung gegen diese oder jene, ihrer eigenen Kunstauffassung widersprechenden oder in Frage stellenden Kunstformen. Die Zerstörung der Reste der künstlerischen Traditionen Europas ist jedoch immernoch Teil der Agenda der den Kunst- und Kulturbereich besetzenden Linke.

dojon86

21. Dezember 2023 20:41

@ofeliaa Ich hoffe Sie wohnen auch in einem entsprechenden Gebäude. Meine linksliberalen Bekannten ziehen zumeist düstere Gründerzeitbauten (die es in meiner Heimatstadt noch reichlich gibt) den von der sozialdemokratischen Stadtgemeinde in großer Zahl errichteten modernen Wohnblocks vor. Das ist natürlich ausgesprochen bedauerlich.

dojon86

21. Dezember 2023 20:48

@ofeliaa Nachtrag Ich vermag, meinen persönlichen subjektiven Eindruck durch die lokalen Wahlergebnisse zu untermauern. Die besten Wahlergebnisse erzielte die Grüne Partei seit je her in meiner Heimatstadt Wien in von gründerzeitlichen Bauten dominierten Altstadtbezirken. Es muss sich da wohl um irgendeine verdrängte Naziaffinität handeln. (zur Sicherheit "Achtung, Ironie aus")

Carsten Lucke

21. Dezember 2023 20:53

"Verschandelung und Zerstörung von Stadt- und Dorfbildern"
Herr Lichtmesz, daß Sie mir mal dermaßen aus der Seele sprechen würden, hätte ich gar nicht vermutet - umso mehr Dank sei Ihnen gesagt !
Diesen Haß kenne ich nur zu gut - als Begriff reicht er mir oft gar nicht aus zur Beschreibung meiner Reaktion auf die von Ihnen geschilderten ästhetischen Unerträglichkeiten. Die sich ja nun längst auch in Wald und Flur fortsetzen.
Sie haben es doch hoffentlich kein bißchen ironisch gemeint, als Sie vom "Untergang der Welt" sprachen ?! Das ist er nämlich !
 

ML: Nein, kein bißchen!

H. M. Richter

21. Dezember 2023 21:05

@feliaa
Lieben Sie, „vergöttern“ Sie, wen oder was Sie wollen, aber verwechseln Sie zukünftig hier an dieser Stelle bitte nicht den obligatorischen Dativ mit etwas anderem, wenn ML zuvor eine derart köstliche Begebenheit aus einer anderen Welt erzählt, denn dann, es läßt sich nicht vermeiden, stimmt am Ende gar nichts mehr.
PS: In den Geschichten, welche man Kindern in der DDR erzählte, @Grambauer wird es wie andere bestätigen können, waren die „dekorativen Gegenstände“ noch aus durchaus ähnlichem Material verfertigt worden …

Gracchus

21. Dezember 2023 21:25

Ehrlich gesagt hatte ich kurz den Eindruck, der Bericht - ein alchemistischer Graf, die Schilderung von Pavillon und  Umgebung - sei fiktiv. 

ML: Wer weiß? :)

Natürlich finde ich moderne Architektur meistenteils scheußlich, meistens stoße ich damit aber auf taube Ohren, das ist ein echtes Rätsel. Barockkirchen mag ich in der Regel aber auch nicht. 
"Haß" - aus genau den Gründen, die Lichtmesz nennt, habe ich neulich auch für die Beibehaltung der sog. Fluchpsalmen plädiert. 

Ein Fremder aus Elea

21. Dezember 2023 22:45

Ich hab' in Uetersen vor 26 Jahren den Spruch "Wann brennt diese Stadt endlich ab?" auf eine halbhohe Betonwand auf einem Parkplatz gesprüht gesehen und mußte lachen, weil ich mir dachte: "Beton brennt nicht."

Das beste Beispiel für den architektonischen Wandel ist New York City selbst. Um 1910 sah New York noch wie Berlin aus. 1930 hatte sich die südliche Spitze in einen quasi rokokofeudalen Hochhauspalast verwandelt. Und 1950 wollte jeder so hoch hinaus, wie er konnte. Eine beredte Metapher der amerikanischen Freiheit: Der völlige Zusammenbruch jeder gemeinschaftlichen Vorstellung.

In meiner Heimatstadt haben sie offenbar Fünfjährige als Architekten angestellt. Es ist mehr als nur ein bißchen peinlich. Andererseits gibt es offen über die lokalen Befindlichkeiten Auskunft. Vergewaltigt wirkt es nicht, konzeptlos wirkt es, mancherorts, in Uetersen etwa, schwingt auch der kalte Pragmatismus politischer Macht mit, aber auch der ist ja nicht vom Himmel gefallen.

Fonce

21. Dezember 2023 23:46

Die Leute, die von der Kirche verfolgt worden sind, haben sicher das gigantistische Auftreten z.B. der Strassburger Kathedrale (142 m) und ihren ständigen Anblick von allen Winkeln der Stadt in ähnlicher Weise gehasst, wie ML das Kunsthaus Graz hasst.
Der Anblick dieser Türme ist zudem schon aus der Ferne beklemmend, wenn man sich vorstellt, dass man dort 90 m die enge Wendeltreppe hochgestiegen ist. Und nun ist dort im Turm ein fetter Mönch, der versucht hat hochzusteigen, zusammengebrochen. Man kann weder vor noch zurück, weil von hinten bereits Leute angetrabt kommen. … Es gibt auch Leute, die den Anblick der Strassburger Kathedrale drum hassen, weil sich dort Freunde zu Tode gestürzt haben.
Oder betrachtet man die Kathedrale Notre-Dame, kann man sich fragen, was ekliger ist, der Anblick des Grazer Kunsthauses oder die Tatsache, dass in der Notre-Dame fast 500 Tonnen Blei drin versteckt sind (das ist schlimmer als Seveso, wenn es brennt).  

ML: Das Blei sieht man wenigstens nicht.

Adler und Drache

22. Dezember 2023 00:23

“Haß auf das Häßliche ist Liebe zum Schönen."
Hass ist Liebe - ja, durchaus: enttäuschte, verleugnete, entwertete Liebe. Aber Liebe ist ja doch produktiv. Hass ist dagegen nur das, was übrig bleibt, wenn man aufgehört hat, sich selbst einzubringen. Verbrannte Erde.
Beides liegt durchaus nicht auf derselben Ebene, man weiß doch im Grunde ganz genau, dass der Hass etwas ist, das man zu überwinden hat. Es wäre falsch, sich den Hass mit berechtigten Gründen schönzureden oder zu rechtfertigen. 
Das wird umso schwerer, je mehr hassenswertes uns umgibt und bedrängt. Deshalb schreibt Paulus: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!" 
@Gracchus
sei fiktiv ...
... scheint ein Romanfragment zu sein. 
 

RMH

22. Dezember 2023 07:25

Bei der Liebe kann man sich in etwa vorstellen, was dabei heraus kommen kann, wenn sie ausgelebt und befriedigt wird. Der Hass ist aber auch auf Ausleben und Befriedigung gerichtet, da er ansonsten nicht starke Impulse beinhalten würde. Wie lebt man seinen Hass aus? In den wöchentlichen 2 Minuten Hass als Katharsis, beim Kaminfeuer mit dem Brandy Schwenker in der Hand? Wer wedelt mit dem Schwanz, der Hund oder Schwanz mit dem Hund? Aufregung über bewusste Provokationen ist immer auch auf den Leim gehen.

ML: Grazer Kunsthalle ist eine Machtdemonstration, ob ich mich nun darüber aufrege oder nicht, bewegt (erstmal) gar nichts. Immerhin spüre ich, das mein Immunsystem noch funktioniert. Diejenigen, die das Ding durchließen, haben keine Abwehrkräfte mehr bzw. waren aktive Agenten der Zersetzung.

Impluskontrolle ist im Bereich des Politischen das A und O. Im privaten Raum sollte das Ausleben der Gefühle der Diskretion unterliegen, so wie niemand den x-ten Bericht über eine Liebesnacht braucht.

RMH

22. Dezember 2023 07:40

Der Gegenstand der Aufregung ist nicht die moderne Architektur an und für sich, sondern der Vorgang des Aufpropfens, des darüber setzens und im - besten Fall! - misslungenen Kontrapunktes. Das Gebäude in Graz würde in anderer Umgebung anders wirken und sogar gefallen können. Das schlimme an westdeutschen Städten, die unter dem Bombenkrieg litten, ist, dass man scheinbar Modernes, in den 50- bis 80er Jahren dann auch gerne "Zweckmäßiges" (aka "billig"), auf alte, oft enge Straßenzüge und Grundrisse pfropfte. Dadurch entstand etwas auffallend unharmonisches und damit häßliches. Den Mumm, eine Prager Straße frei zu räumen und etwas konsequent "Neues" zu bauen, hatte man in der DDR, aber nur selten im Westen und auch in der DDR gelang das "Neue" am besten auf dem freien Feld unter Nichtantastung der alten Ensembles (um die heute viele Städte in Mitteldtl. beneidet werden). Kritik an der modernen Archtiktur bleibt aber an der Oberfläche, wenn man nur ihre Highlight-Bauten betrachtet, das tiefergehende sind die Alltags- und Zweckbauten. Und hier macht sich seit 20 Jahren der CAD-Einheitsentwurf in seiner rechtwinkligen, fassadengedämmen, eierschal-farbenen Einheits-Spießigkeit breit und zerstört mehr, als mancher Bombenangriff.

Monika

22. Dezember 2023 08:32

Das ist ein sehr amüsanter und unterhaltsamer Text von Martin Lichtmesz und natürlich @ Gracchus ist das  ein fiktiver Text. :)Das dachte ich zuerst auch und fühlte mich in den Roman  "Gegen den Strich" von Joris-Karl Hysmans, diese Bibel der Dekadenz , hineingezogen. Graf von P. erinnert an Jean Floressas Des Esseintes, der vor der Grobheit und Banalität seiner Zeit- und deren Genossen in ein dekadentes Leben in seinen Jagdpavillon flieht und sich eine künstliche Welt gestaltet. Die eine Dame verarbeitet künstlerisch Knochen, so wie Damien Hirst seinen Totenkopf mit Diamanten verziert.  Des Esseintes ließ eine große Schildkröte mit Edelsteinen verzieren, bis sie unter der Last verendete. Wirklichkeit und Fiktion sind in diesem anregenden Text von ML nicht zu unterscheiden. Ästhetik oder Ästhetizismus, das ist hier die Frage. Die Ausstattung  erinnert in ihrer Morbidität an die Villa des Exzentrikers Gabriele D` Annunzio a, Gardasee. Dort findet man die dunklen Räume mit Unmengen an Nippes und Sächelchen und Kleidung und seltsamen modernen  Gerätschaften  überhäuft. Rolf Peter Sieferle nennt das in "Finis Germania " Altfränkische Moderne . Technikfixierte Kunst unterliegt der raschen Selbstüberholung (hier: die Gerätschaften der Chemie) , von Interesse für den nostalgischen Sammler. (Seite 58)

Laurenz

22. Dezember 2023 09:05

@ML ... ich gönne Ihnen diesen schönen Abend von ganzem Herzen. Auch wenn @Franz Bettinger kein Alchemie-Labor betreibt, so ist Er in der Lage, solche Abende zu kreieren. Das ist eine besondere Gabe. Wir NeuRechten haben bei genauerem Hinsehen weniger mit dem II. Reich am Hut als manchem royalistischen BUNTE-Leser lieb sein wird. Aber neben den üblich genannten Errungenschaften dieser Zeit ist die Baukunst des II. Reichs meine liebste Besonderheit dieser Epoche. Das Schöne in der eigenen Umwelt zu gestalten, macht uns Deutsche aus. Meine Mutter ist eine einfache Frau vom Lande, aber Ihr Ziergarten wird von vielen bewundert, das Grab meines Vaters ist das am liebevollsten arrangierte auf dem Friedhof. Da mir das abgeht, bewundere ich diese gestalertische Talent.

Olmo

22. Dezember 2023 09:12

Man reiße in Florenz alle Gebäude ab, die vor 1945 gebaut worden sind. Was bliebe übrig?  Der Charme von Wuppertal— ohne Schwebebahn. Ähnliches gilt für alle übrigen italienischen Städte.

Laurenz

22. Dezember 2023 09:22

@Ofeliaa ... Sie haben den epochalen Hintergrund eines Gebäudes, wie seine expliziten Erbauer nicht verstanden. Gotische Kathedralen dienen der Lichtflutung um das himmlische Jerusalem zu beleuchten. Das war nur möglich, weil sich während der Gotik Kirchen & Bürgerschaften das teure Heizen dieser Gebäude leisten konnten. Wenn Sie Selbst das Holz hacken müssen, um Ihren Baushaus-Stil-Glasbunker zu heizen, werden Sie sofort ausziehen oder Ihre Fenster zumauern. Die jeweils ökonomische Situation der Bauherren läßt sich auch bei vielen Schlössern nachvollziehen. Wieder empfehle ich Weilburg. Das Weilburger Schloß zeigt mehrere unterschiedliche Baustile aus unterschiedlichen Epochen. Der übliche & relativ neue Klein-Nachbau des Spiegelsaals von Versailles ist lichtdurchflutet, um zu zeigen, daß man sich das leisten kann. https://www.schloesser-hessen.de/de/schloss-weilburg oder https://www.weilburg.de/kultur-tourismus/sehenswuerdigkeiten-ausflugsziele/schloss-schlossgarten-weilburg

Monika

22. Dezember 2023 10:11

1/1"Haß auf das Häßliche ist Liebe zum Schönen". Das ist eine unzutreffende Aussage.  Die "Verschandelung und Zerstörung von Stadt- und Dorfbildern" ist kein Vernichtungskrieg von Architekten, sondern hat viel tiefergehende Ursachen. Zum ersten mal beschrieben fand ich das Leiden an dieser Verschandelung bei Romano Gurardini in dessen Buch "Briefe vom Comer See" ( 1923-1925). Guardini beschreibt, wie er während einer Zugfahrt durch Italien einen häßlichen Fabrikkasten neben einem hohen Campanile sieht, der die Landschaft zerreißt. Er leidet zutiefst unter dieser Zerstörung eine natürlichen Welt und Menschlichkeit und schreibt: "Was für eine Trauer das ist, kann ich Dir nicht sagen. Als hätte man etwas gefunden, von dem man weiß, es ist köstliches Leben - und nun sieht man, wie es dem Untergang zuneigt. Hier habe ich Hölderlin verstanden!"Guardini leidet an der Entzauberung des Geheimnisses der Welt durch die moderne technische Zivilisation, in der der Horizont des Absoluten verschwunden  ist. Das ist von eine wesentlich anderen Qualität als Haß auf das Häßliche. Durch Haß  ist die Gefahr eines ebenso seelenlosen Ästhetizismus nicht gebannt.

Fonce

22. Dezember 2023 10:50

Gracchus, Adler & Drache und Monika lassen sich nicht so leicht etwas vorspielen. Sie sind Beispiele dafür, wie die politische Elite dank ihrem besonderen Unterscheidungstalent Themen (z.B. den Plot dieses Artikels) strategisch durchschaut, und sich auch traut Paroli zu bieten. 

Monika

22. Dezember 2023 11:00

1/2 Der tschechische Dissident und spätere Staatspräsident Vaclav Havel beschreibt interessanterweise sein Leiden an der Zerstörung eines Dorfbildes mit gleicher Diktion wie Romano Guardini rund 60 Jahre später. In seinem Essay "Politik und Gewissen"(1984)  erzählt er, wie er als kleiner Junge über einen Feldweg zur Schule geht und dabei einen Schornstein sieht, aus dem dicker Rauch quillt und den blauen Himmel besudelt. Er hat das intensive Gefühl, daß es etwas "höchst Ungehöriges sei, daß die Menschen den Himmel so beschmutzen". Dadurch wird zuallerst sein ästhetisches Empfinden beleidigt, von schädlichen Abgasen hat er damals noch keine Ahnung. Er sieht dadurch eine Lebenswelt zerstört, die von ihrem Wesen her die Annahme des Absoluten birgt, was zu respektieren sei. Dies ist ein tiefergehendes Empfinden als etwa  der Haß auf Umweltzerstörer. Zum Thema Haß gibt es eine wunderbare Rede von Havel vom August 1990 in Oslo " Anatomie des Hasses" : "Hass hat viel mit Liebe gemein, vor allem jenes sich selbst transzendierende Element, dieses Verbundensein mit dem Anderen, die Abhängigkeit von ihm, das Delegieren eines Stückes eigener Identität an den anderen."Hass macht unfrei und unglücklich. 

Olmo

22. Dezember 2023 11:07

Der Haß auf die moderne Häßlichkeit ist sogar ein Anknüpfungspunkt zu  Grünwählern.
Ein schöner Film zum Thema, ohne Haß (ist ja Weihnachtszeit) dafür mit Melancholie, zumindest löste er diese bei mir aus: 
Mon oncle, von Jacques Tati 
 

Maiordomus

22. Dezember 2023 11:56

Zunächst eine sachte Kritik. Dieses Zusammensitzen in vermeintlich völliger elitärer Übereinstimmung hat etwas Snobistisches, bin mir nicht sicher, weit jeder dieser mehrbesser Gebildeten, zu denen ich zwar auch gehören würde, sich nicht Inkonsequenzen leistet, z.B. als Autofahrer, vielleicht auch bei Anbauten oder in Zweitwohnungen usw. Es bleibt der Eindruck der Abgeschlossenheit einer Klassengesellschaft.

ML: Wo ist jetzt der Front?

@Noch bedeutender, stärker kulturkämpferisch als Guardini ist Alexander von Senger, der grösste Gegner von le Corbusier, dessen chartre d'Athènes ja die Vernichtung des Alten forderte zugunsten von z.B. Glaspalästen, hat dies im Buch "Mord an Apollo" (Zürich ca. 1960) exemplarisch ausgeführt, den Kampf gegen die Moderne aber verloren. Dabei schuf le Corbusier im Einzelfall im Gegensatz zu Nachahmern wundervolle Bauten, von der Villa seiner Eltern in Neuenburg bis zum Mysterium Ronchamps, wo wie aber doch anders als in einer Kathedrale mit dem Licht geniale Architektur betrieben wird. Der Hass auf die Kathedralen ist und bleibt indes im Nietscheschen Sinn das Ressentiment der zu kurz Gekommenen und Minderbegabten, das kann man mit dem Abscheu auf heutige Durchschnittsplattenbauten usw. nicht vergleichen. "Schlecht und modern" ist eine Goethesche Formel, bei der aber, siehe le Corbusier im Einzelfall dann doch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.  

Caroline Sommerfeld

22. Dezember 2023 12:35

Was den Haß anbelangt: Da würd ich meine herbeizitierte Unterschrift zurückziehen, denn inzwischen hab ich mich näher mit ThvA befaßt. Und ganz klar ist der Haß bei ihm keine thymosgesteuerte Triebaufwallung gegen subjektiv für böse Gehaltenes, das der Hasser als Teilmenge "des" Bösen interpretiert, sondern es handelt sich um geläuterten Haß gegen das Böse als solches, im menschlichen Bereich: gegen die Sünde.  Der Zornmut (vis irascibilis) kann unter der Leitung der Vernunft (hier: vis cogitativa) stehen, welche sehr schön vom Übersetzer "die Verrechnerin der Einzelsinntrachten" genannt wird. Oder der Haß kann tierisch sein und eben ohne Leitung ausgelebt werden. Der Haß gegen den Nächsten ist zwar "natürlich", insofern nichts vom Naturhaften Sünde ist, aber er ist laut 1 Joh 2, 9 sehr wohl Sünde, es kann den Haß gegen den Nächsten (und seine Werke, auch das Bauwerk in Graz) nicht ohne Sünde geben, "die Natur selber und die Gnade im Bruder kann keiner ohne Sünde hassen" (ST, III/35. Untersuchung). Das ist die berühmte Stelle, an der ThvA auch sagt, man hasse die Sünde aber nicht den Sünder. 

Monika

22. Dezember 2023 12:35

"Wer den Zorn beherrscht, der beherrscht die Dämonen"(Evagrios Pontikos)
Wut, Zorn, Hass, Aggressionen etc. sind Themen, die nicht nur psychologisch im heutigen Sinne zu verstehen sind. Der Wüstenvater Evagrios Pontikos ( 345-399) , Schüler Basileios des Großen und Gregors von Nazianz sieht den Menschen im Kraftfeld von Tugenden und Lastern. Im Katalog der Acht-Laster Gedanken (Fresslust, Unzucht, Habsucht, Kummer, Wut, Überdruss, Ruhmsucht, Hochmut) nimmt der Zorn bei Evagrios eine herausragende Stellung ein. Das größte Hindernis auf dem Gott zur Gotteserkenntnis ist der Zorn, da er den Intellekt blendet. Zornlosigkeit ist die beste "Wegbereiterin zur Erkenntnis" Es gibt einen gerechten Zorn ( Abwehrreaktion angesichts des Bösen) gegen das Böse, den die Dämonen in den Zorn gegen den Sünder verkehren. Nur die sanftmütige Liebe kann bewirken, was der widernatürliche Zorn verhindert. Nachzulesen in: Drachenwein und Engelsbrot , Die Lehre des Evagrios Pontikos von Zorn und Sanftmut von Gabriel Bunge  Vielleicht mal ein Thema fürs den Jagdpavillon.))
Schöne Feiertage an die Runde !

Dr Stoermer

22. Dezember 2023 17:00

Es gibt nichts Schönes, Liebevolles oder Liebenswertes ohne Ehre, was wiederum die Anerkennung der Schönheit desjenigen ist, dem Ehre zuteil wird. Etwas, das, wie die funktionsreduzierte globalisierte Würfelarchitektur, ostentativ Unschönheit ausdrücken WILL, somit Ehrlosigkeit als Maßstab mittels Aufdringlichkeit und Herrschaftsanspruch in seine Umgebung pressen, ist formgewordener Zwang zur Häßlichkeit. Damit Ausdruck des Hasses gegenüber Schönheit und Ehre.
Ob man dem mit Haß entgegnen sollte? Nachvollziehbar ist es. Jedoch wäre dies das Spiel derjenigen, die diesen Maßstab aufdrängen. Tiefste Verachtung und kühle, geduldige Vernunft, um die Verursacher zur rechten Zeit an ihrer Wurzel zu packen, wäre die klügere Haltung. Bei ML bin ich mir aber sicher, diese als gegeben ansehen zu können. Insofern darf es auch mal ein bißchen Haß sein.

Laurenz

22. Dezember 2023 18:17

@Maiordomus ... Jeder an Geschichte Interressierte weiß um die sozialen Divergenzen, Interferenzen im historischen Bauwesen. Sie  Selbst können uns sicher sehr genau reportieren, was in einer jeweiligen Epoche an sozial unterschiedlicher Wohn & Lebenskultur möglich war. Aber Sie wissen auch, daß wir Patrioten die letzten sind, die keine soziale Verantwortung empfinden würden & hier nicht behaupten, daß früher alles besser war. Aber so, wie hunderte Karnevals- & Faschingsvereine Klein-Kultur erzeugen, kann man öffentliche Bauten anders gestalten, als es momentan üblich ist. Auch in der Moderne kann man Unterschiede zwischen der Oper von Sydney & der Elbphilharmonie festhalten. Ich kann jetzt nicht behaupten, daß ich ein Bewunderer der Sagrada Família in Barcelona bin, aber sie ist durchaus ein episches Bauwerk. Es ist also möglich, sowas zu bauen. Auch in unserer Geschichte gibt es bauliche Unterschiede. Der Mainzer Dom ist pottenhäßlich, während der Limburger Dom wunderschön geraten ist. Ich weiß die Kunst der Baumeister & Handwerker sehr wohl auch bei Kirchen zu schätzen, auch wenn mir Schulen lieber gewesen wären. Man darf hier durchaus über ein paar hundert Jahre hinaus denken. Wir will sich in 300 Jahren schon das jetzige  Kanzleramt anschauen? Der Reichstag & Neuschwanstein finden da gewiß noch ihr Publikum.

Ein Fremder aus Elea

22. Dezember 2023 20:51

Sie haben zwar grundsätzlich Recht, Monika, was die Natur angeht, aber wenn Sie auf dem Fahrrad von wiederangesiedelten Wölfen gejagt werden, oder wenn Termiten Ihr Haus zum Einsturz bringen, werden Sie wenigstens temporär zu einem "O wie schön ist die Natur!" nicht in der Lage sein. Es stimmt aber, daß derartige Entfremdungen seelisch belastend sind. Ob man sie deshalb gleich Sünden nennen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Wenigstens partiell dürften sie das eigene Gebet vereiteln, möglicherweise aber nicht vollständig. Insofern, wenn Gott die Sünder nicht hört, mag es sich dabei doch nicht um ausgewachsene Sünden handeln.

Gracchus

22. Dezember 2023 21:19

@Monika I: An "Gegen den Strich" musste ich sogar denken, ohne es gelesen zu haben. Die Warnung vor einem "seelenlosen Ästhetizismus" finde ich sehr berechtigt. 
@Monika II: "Evagrius Ponticus" - ob da nicht zu sehr ein eher aus der Stoa kommendes Ideal der Apatheia angepriesen wird? Auch der Jesus gerät in (Hl.?) Zorn ob der Tempelhändler, ohnehin wird Gott in der Bibel pathisch und affektgeladen beschrieben. 
Womit ich natürlich nicht dafür plädiere, seinen Hass (besinnungslos) auszuleben. Nur (an)erkennen, dass er (nunmal - A. Merkel) da ist. 
@Caroline Sommerfeld: Die Formel des Thomas ist genial. Ist dieses Grazer-Dings sind eine Tat, die, weil Sünde,  man daher ruhig hassen darf?
 

Monika

23. Dezember 2023 14:33

@Gracchus zu II: ganz kurz, da ich ungerne Fragen unbeantwortet lasse: Evagrios Pontikos ist kein Stoiker. Sein auf ihn zurückgehender 8 Lasten Katalog (vergleichbar mit dem System der 7 Todsünden) berücksichtigt die "Natur" des Menschen. Durch die geistliche Methode der Praktike wird ein Weg aufgezeigt, mit diesen Lastern umzugehen, bzw. diese auszumerzen. Das ist ein ganz praktischer Leitfaden, keine Philosophie über die Apatheia. Es ist interessant, diesen Lasterkatalog auf die heutige Zeit hin auszulegen. Diese sog. Tugendethiken (die vom Vermögen des Menschen ausgehen),sind brauchbarer als sog. Sollensethiken ( 10 Gebote, Kantsche Ethik), die ja nichts darüber aussagen, wie der Mensch das tun kann, was er tun soll. Vor allem sind es keine Gesinnungsethiken, sondern ganz an der Praxis orientiert. Für unsere heutige Zeit wären Tugendethiken wichtig. Aber darüber müßte man mal genauer reden können. Allen hier ein frohes und friedvolles Weihnachstsfest. 

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